geb. am 3.7.1899 in Komotau/Böhmen – gest. am 31.7.1972 in Deutschfeistritz; Schriftsteller, Politiker (KPÖ)

Ps.: F. Ernst, W. Peter, Pierre Vidal, Peter Wieden

Als Sohn eines Offiziers, der als Lehrer an die Kadettenschule Liebenau berufen wurde, um 1900 nach Graz gekommen, wuchs F. mit drei Geschwistern in bescheidenen Verhältnissen auf. Nach einem pubertären Konflikt mit dem Vater, der sich durch dessen Versetzung nach Enns entspannte, nahm F. in den Kriegsjahren mit seiner Mutter am kulturellen Leben in Graz teil und beschäftigte sich mit den Schriften Friedrich Nietzsches, fiel am Realgymnasium aber auch mit der Schülerzeitschrift Der Monatsbote und vom Expressionismus beeinflussten und als „pornographisch“ eingestuften Gedichten auf. Auf die Kriegsmatura als Externist folgte 1917/18 der Kriegsdient an der italienischen Front sowie die Wahl zum Soldatenrat. 1919 schrieb sich F. für die Fächer Germanistik, Geschichte und Philosophie an der Universität Graz ein, im selben Jahr brachte der Tod des Vaters die Familie in finanzielle Bedrängnis.

Hatte F. im Februar 1919 noch an einer Rathausbesetzung durch deutschnationale Studenten mitgewirkt, schloss er, zu Hilfsarbeiterdiensten in einer Brikettfabrik gezwungen, sich 1920 der SDAP an und besuchte die erste Parteischule sowie wenig später ein Marx-Seminar. F. übernahm eine Stelle als Redakteur der in Graz erscheinenden Parteizeitung Arbeiterwille und veröffentlichte noch im selben Jahr den Gedichtband Vogel Sehnsucht. In dieser Zeit entstand eine vorübergehende Brieffreundschaft zu Stefan Zweig, der 1924 gemeinsam mit David Josef Bach die Aufführung von F.s Stück Das Schwert des Attila im Wiener Burgtheater ermöglichen sollte. In Diensten des Arbeiterwille setzte sich F. bereits ab seiner ersten Ausstellungskritik mit kunsttheoretischen Fragestellungen auseinander, publizierte aber auch eigene Gedichte, Sonette und Erzählungen.

Ab 1925 fungierte F. als künstlerischer Leiter des Vereins Arbeiterbühne in Graz, sein zur Republikfeier uraufgeführtes Sprechchorwerk Der ewige Rebell begleitete er mit dem breiter rezipierten programmatischen Essay Sprechchor und Drama (Arbeiterwille, 18.11.1925, S. 5f.), in dem er den Sprechchor zur dem bürgerlichen Schauspiel adäquaten proletarischen Kunstform erhob. 1927 übersiedelte er nach Wien, wo er nach Fürsprache Ernst Tollers bei Otto Bauer Feuilletonredakteur der Arbeiter-Zeitung wurde, den Nachruf auf die Gefallenen des 15. Juli verfasste und die Rubrik Zwischenrufe links redigierte, für die u.a. Jura Soyfer schrieb. In seinen Essays und Kritiken propagierte F. – häufig in Auseinandersetzung mit der russischen Literatur – nach der Abwendung vom Expressionismus einen operativen Literaturbegriff. 1928 wurde sein Stück Lenin uraufgeführt, 1931 stellte er mit Robert Ehrenzweig Die neue Büchse der Pandora fertig, weitere dramatische Versuche dieser Jahre blieben fragmentarisch. Ebenfalls 1931 erschien F.s Buch Krise der Jugend, das seine erste umfassende Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus darstellte.

Ab diesem Zeitpunkt positionierte sich F. als publizistischer Führer der Linksopposition und geriet zusehends mit der Parteispitze in Konflikt. 1932 erschien seine Erzählung Rund um den blutigen 15. Juli 1927 in Wieland Herzfeldes im Malik-Verlag publizierter Anthologie Dreißig neue Erzähler aus dem neuen Deutschland. Die Februarkämpfe 1934 verbrachte er bei Veza und Elias Canetti und flüchtete im Anschluss mit seiner Frau Ruth von Mayenburg über Prag nach Moskau. Seit April 1934 Mitglied der illegalen KPÖ, engagierte sich F. dort u.a. als österreichischer Vertreter bei der Komintern, als Redakteur der Zs. Kommunistische Internationale sowie als Mitarbeiter bei Radio Moskau.

Nach Kriegsende kehrte F. nach Wien zurück und fungierte bis Ende 1945 als Staatssekretär für Volksaufklärung, Unterricht, Erziehung und Kulturangelegenheiten. Bis 1947 gab F. die Tageszeitung Neues Österreich heraus, in der Folge gestaltete er mit Bruno Frei und Viktor Matejka das Österreichische Tagebuch und engagierte sich im PEN-Club; aus diesem wurde er aufgrund politischer Auseinandersetzungen 1956 wie dreizehn Jahre später aus der KPÖ ausgeschlossen.


Weitere Werke (Auswahl)

Die faschistische Rassentheorie (1941), Freiheit und Persönlichkeit. Drei Vorlesungen über die Probleme der materialistischen Philosophie (1947), Dichtung und Deutung. Beiträge zur Literaturbetrachtung (1953), Erinnerungen und Reflexionen (1969), Neue Kunst und neue Menschen. Literarische und essayistische Texte aus seinen Grazer Jahren (1918-1927) (2016)

Quellen und Dokumente (Auswahl)

Freiland-Ausstellung 1920. In: Beilage zum Arbeiterwille, 26.4.1920, S. 3f., Die neue Kunst. In: Arbeiterwille, 9.11.1920, S. 9, Die Stimme. In: Arbeiter-Zeitung, 27.3.1921, S. 9-11, Der Tod in der Stadt. In: Beilage zum Arbeiterwille, 5.7.1921, S. 1f., Maifeier. In: Arbeiterwille, 1.5.1923, S. 5, Das Vermächtnis der Toten. In: Arbeiter-Zeitung, 20.7.1927, S. 1, Wandlung des russischen Geistes. In: Der Kampf 20 (1927) H. 11, S. 499-507, Der Geist des Amerikanertums. „Manhattan Transfer“ von Dos Pas[s]os. In: Arbeiter-Zeitung, 15.1.1928, S. 17, Theater und Technik. In: Kunst und Volk 4 (1929) S. 293-295, Das Grauen der Provinz. Aus einem unveröffentlichten Roman von E. F. In: Arbeiter-Zeitung, 9.2.1930, S. 15f., Der Grund des Selbstmordes ist unbekannt… In: Arbeiter-Zeitung, 8.3.1931, S. 11, Hitlerplakat und Weltanschauung. In: Arbeiter-Zeitung, 5.5.1932, S. 3.

Otto Koenig: Das Schwert des Attila. In: Arbeiter-Zeitung, 2.10.1924, S. 8, Einheitsfront – wofür und mit wem? – Die Diskussionsversammlung mit dem SP-Genossen Fischer. In: Die Rote Fahne, 8.9.1932, S. 4.

Literatur (Auswahl)

Jürgen Egyptien: Ernst Fischer (1899-1972): Schriftsteller, Kunst- und Literaturtheoretiker, Essayist, Politiker (2018).

Sebastian Baryli: Zwischen Stalin und Kafka. Ernst Fischer von 1945 bis 1972 (2008), Jürgen Egyptien: Vom Burgtheater auf die Ringstraße. Zur Politisierung von Ernst Fischers literarischem und kritischem Schaffen in der Ersten Republik. In: Joanna Jabłkowska, Małgorzata Półrola (Hg.): Engagement. Debatten. Skandale. Deutschsprachige Autoren als Zeitgenossen, S. 177-189 (2002), J. E.: Ernst Fischers theoretische und literarische Stellung zum Expressionismus in Österreich. In: Literatur in der Moderne 6 (2008/09), S. 213-231, J. E.: Von der brennenden Sachlichkeit zum kalten Fanatismus. Ernst Fischers Positionen im ästhetischen, politischen und kulturphilosophischen Diskurs in der Spätzeit der Ersten Republik. In: Primus-Heinz Kucher, Julia Bertschik (Hg.): „baustelle kultur“. Diskurslagen in der österreichischen Literatur 1918-1933/38, S. 377-396 (2011), Bernhard Fetz (Hg.): Ernst Fischer. Texte und Materialien (2000).

Barbara Coudenhove-Kalergi: „Was, das soll ein Kommunist sein?” Erinnerungen an Ernst Fischer. In: Wiener Zeitung, 28.1.2000.

Eintrag bei dasrotewien.at, bei theodorkramer.at, Eintrag im Literaturarchiv der ONB.

(ME)