Ehrenstein, Albert

geb. am 23.12.1886 in Wien – gest. am 8.4.1950 in New York; Lyriker, Erzähler, Kritiker

Das Porträtmodul von Veronika Hofeneder finden Sie hier.

Früh mit Armut und Elend konfrontiert, wuchs E. als sozialer, jüd. Außenseiter im Wiener Arbeiterbezirk Ottakring auf. Schon während seines Studiums in Wien (Philologie, Geschichte) der Literatur zugewandt, wurde E. der Weg in den Literaturbetrieb durch Kraus’sche Förderung im Jahr seiner Promotion 1910 mit ersten Veröffentlichungen (Wanderers Lied) in der Fackel eröffnet. Die assoziative, ahasverisch-expressionist. Prosa des Tubutsch (1911), illustriert vom langjährigen Freund Kokoschka, der über H. Walden Anschluss an den Sturm-Kreis ermöglichte, fand große Resonanz. Es folgten wechselnde Aufenthalte in Wien, Heidelberg, Prag oder Berlin, wo E. für den Rundfunk und zahlreiche Zeitungen/Zeitschriften, u.a. Saturn, Anbruch, Der neue Daimon, Berliner Tageblatt, Vossische, Pester Lloyd und Frankfurter Zeitung, als Schriftsteller und Kritiker arbeitete.

E. nahm Ende 1914 an einem Treffen in Weimar, u.a. mit M. Buber, W. Hasenclever und K. Pinthus, teil – junge, kriegsverurteilende Literaten, vereint durch ihre Tätigkeit im Verlag Kurt Wolff, deren frühexpressionist. Bewegung durch den Krieg zerschlagen wurde. Ein Bezug auf diese Geschehnisse fehlt jedoch in dem im selben Jahr erschienenen Band Gedichte Die weiße Zeit; diese ist geprägt von der massiven Präsenz eines einsamen und z.T. dekadenten Ich, das angeekelt und müde von der Trostlosigkeit des Daseins auf dessen Vergänglichkeit mit Ohnmacht blickt. –Erst in der Sammlung Die rote Zeit (1917) öffnet u. spaltet sich, wie der Dichter selbst, jener Blick auf bzw. in eine Ich- und zeitbezogene Lyrik, die vermehrt die soziale Welt, den „Menschenameisen“, einkreist. Engagement zeigte E. auch zunehmend in politischer Hinsicht, was u.a. in der Annäherung an den Aktivisten Ludwig Rubiner sowie an der Veröffentlichung des von ihm mitverfassten Manifests der Antinationalen Sozialisten-Partei in der Aktion (1918) zum Ausdruck kommt. Aber auch gegenüber Benn, dessen Gehirne er an die Reihe Der jüngste Tag vermittelte, Ernst Weiß, dessen Roman Die Galeere er bereits 1913 als sehr „modernes Buch“ erkannt hat, oder K. Kraus, dem er sich zu nähern versuchte, verhielt sich E. ungemein offen. Seinen Kontakten, auch durch den Anschluss an die „Gruppe 1925“, zu Werfel, St. Zweig, Lasker-Schüler, Schnitzler, Blei, Döblin, Hesse, u.a. verdankt er zeitlebens Unterstützung – darunter durch Elisabeth Bergner, seiner später mit Paul Czinner verheirateten und unerwidert gebliebenen großen Liebe. Seit 1923-24 widmete sich E. auch Nachdichtungen chines. Literatur und Philosophie, die fortan einen wichtigen Stellenwert in seinem Werk einnehmen werden, daneben war er seit den frühen 1920er Jahren für die linksliberale Ztg. Der Tag tätig.

E.’s Enttäuschung über den Zusammenbruch der Revolution von 1918/19 sorgte nach gemeinsamer Herausgabe mit Fritz Lampl der Schriftenreihe Die Gefährten für eine verstärkte Konzentration auf die Übertragung und Herausgabe antiker Literatur, wie seine vom Prager Publikum, insbes. Kafka, geschätzten Arbeiten zu Lukian (Sammelband, Berlin 1925) zeigen.

1928 begleitete E. Kokoschka nach Nordafrika und Kleinasien, um  nach der Machtergreifung durch die Nazis 1933 in die Schweiz zu emigrieren. Von dort unternahm er bis 1936 noch div. Reisen, u.a. in die Sowjetunion, arbeitete an Reiseberichten und Filmprojekten, die aber nicht fertig gestellt wurden. Seit 1936 bemühte sich E. um Einreise in die USA, u.a. mit Unterstützung durch Sinclair Lewis, was aber erst 1941 über Portugal möglich wurde. Die Mitarbeit am Aufbau oder an der Austro-American Tribune erlaubte ihm nicht, in New York ausreichend Fuß zu fassen. Die meisten seiner Projekte scheitern, darunter auch die Neuausg. seiner Werke als Existenzgrundlage für eine evtl. Rückkehr nach 1945; E. ist zunehmend auf Unterstützungen angewiesen. Ebenso verlaufen die Verhandlungen mit österr. und schweizer Verlagen ergebnislos, sodass E. verurteilt war, mittellos im New Yorker Exil zu verbleiben, das auch seine produktive literarische Arbeit hat abreißen lassen.


Weitere Werke (Auswahl)

Gedichte und Prosa: Nicht da, nicht dort (1916); Der Mensch schreit (1916); Den ermordeten Brüdern (1919); Bericht aus einem Tollhaus (=Der Selbstmord eines Katers, 1919); Karl Kraus (Pamphlet, 1920); Wien (1921); Dem ewigen Olymp (1921); Briefe an Gott (1922); Menschen und Affen. Aufsätze 1910-1925 (1925); Ritter des Todes. Gesammelte Erzählungen (1926); Mein Lied. Gedichte 1900-1931 (1931)

Nachdichtungen: China klagt (1924); Räuber und Soldaten (1924); Mörder aus Gerechtigkeit (1931); Das gelbe Lied (1931)

Herausgeberschaft: Hölderlin, Trauerspiele des Sophokles (1918)

Quellen und Dokumente (Auswahl)

Berthold Viertel: Tubutsch. (Rez.). In: Die Neue Rundschau, Jg. 23/1912, S.741/742. Max Brod: Unsere Literaten und die Gemeinschaft. In: Der Jude (1916), H. 7, 454-467; Otto Pick: Die Gedichte A. E.’s. (Rez.). In: Die Neue Rundschau, Jg.27/1916, S. 575-576; Alfred Döblin: ‚Tubutsch’. In: Der Sturm 2/94, Jan.1912, S.751; Ehrenstein. In: ‚Zeit-Echo’ 3/1.-2. Juniheft 1916, S.14-19; A.E. über österreichische Prosa. In: Pester Lloyd, 10.8.1913; R. Freschl: Tubutsch. Von A. E. In: Czernowitzer Allgemeine Zeitung, 18.06.1914; Stefan J. Klein: Ein junger Wiener Dichter. In: Pester Lloyd, 19.07.1914; Kurt Pinthus: Bemerkungen über A. E. In: Die Aktion, Jg.7/1917, Sp. 412/13; Oskar Loerke: Neue Lyrik. In: Die Neue Rundschau, Jg.29/1918, S. 267-274; Ludwig Ullmann: Junge Dichtung. In: Wiener Allgemeine Zeitung, 20.03.1918; Otto Flake: Den ermordeten Brüdern (Rez.). In: Die neue Rundschau, Jg. 30/1919, S.1022-1024; Dr. A.W.: Von Neuer ?. In: Reichspost, 15.05.1921; A.E.: Gerhard Hauptmann. In: Der Tag, 11.7.1924, S. 4; O[tto] K[oenig].: A. E.’s Lukian. In: Arbeiter Zeitung, 26.10.1925; Max Brod: Bücher von Abenteuern und Reisen. In: Prager Tagblatt, 17.04.1926; Freiberg: „Menschen und Affen“. Aufsätze. „Ritter der Todes“. Die Erzählungen. In: Wiener Zeitung, 13.06.1928; Dr. Oskar Bendiener: A. E. In: Radio Wien, 28.06.1929; M.Y. Ben-gavriêl: A. E.’s Umweg zu Gott. Anlässlich seines 50. Geburtstages. In: Die Stimme, 9.2.1937; Karl Kraus: „Die Gefährten“. In: Fackel, 22. Jg., 552-53, S.5ff; Jacob Picard: Abschied von A. E. In: Das goldene Tor, Jg. 5/1950, Sp. 314-316; Oskar Maurus Fontana: „Stimme über Barbaropa“. Zu A. E.’s sechzigstem Geburtstag. In: Plan 2, H.1, 1947, S.55-57; Paul Hatvani: Tubutsch im Gestrüpp. Zum 80. Geburtstag A. E.’s. In: Neues Forum, H.155/156, Nov./Dez. 1966; Ernst Weiß: Albert Ehrenstein. In: Juden in der deutschen Literatur. Essays über zeitgenössische Schriftsteller. Hg. von  Gustav Krojanker.  Berlin 1922, 63-70.

Nachlass: Handschriftensammlung der Jewish national university library Jerusalem (ARC. Ms. Var. 365 4 63).

Literatur (Auswahl)

Otto Basil: Ritter Johann des Todes oder Das österreichische Apokalypserl. In: Petra Nachbaur: Literatur über Literatur (1995), 106-113; Gabriel Beck: Die erzählende Prosa A. E.’s (1886-1950). Interpretation und Versuch einer literarhistorischen Einordnung (1969); M.Y. Ben-gâvriel: u.a. Aus dem Literaturbetrieb der Weimarer Republik. Briefe an A. E.. In: Frankfurter Hefte, H.3 (1964), 187-19; Jörg Drews: u.a. Die Lyrik A. E.’s. Wandlungen in Thematik und Sprachstil von 1910 bis 1931 (1969), Günther Erken: A. E. In: Hermann Kunisch (Hg.): Handbuch der deutschen Gegenwartsliteratur (1969), 191/192; Karl-Markus Gauß: Karl Kraus und seine „kosmischen Schlieferln“. In: Zeitgeschichte, H.2 (1982); P.-H. Kucher: Araber, Juden und Europa. A. Ehrensteins transkulturelle Europareflexionen in den 1920er Jahren. In: Akten XII. Internat. Germanistenkongress (Warschau 2010), 2012, 103-110; Uwe Laugwitz: Albert Ehrenstein. Studien zu Leben, Werk und Wirkung eines deutsch-jüdischen Schriftstellers (1987); Hanni Mittelmann: Jüdische Autobiographien und ihre Subtexte. Am Beispiel von Stefan Zweig und A. E. In: Jüdische Identitäten in Mitteleuropa (= Cond. Jud. 38, 2002; 101-110; Kurt Pinthus: Gedenkrede auf A. E. In: Alfred Beigel: Erlebnis und Flucht im Werk A. E.’s (1972); Hannelore Rodlauer: „Ansichten eines Exterritorialen”. A. E. und Franz Kafka. In: Expressionismus in Österreich: Die Literatur und die Künste (1994), 225-252; Theodor Sapper: Anklage wider hereinbrechende Entmenschung. In ders.: Alle Glocken der Erde (1974); 31-44, Klaus Schuhmann: A. E. Dichter und Lektor. In: Aus dem Antiquariat, H.5 (2000), 303-306; Jürgen Serke: Ein Liebe, die nicht in Erfüllung ging, Serie ‚Die verbrannten Dichter‘. In: Der Stern, 46/4.11.1976, 190-200; Margherita Versari: Prä-existenzialist ohne Existenz. ‚Tubutsch’ (1911) – Erzählfigur des Nihilismus. In: Jutta Kolkenbrock-Netz (Hg): Wege der Literaturwissenschaft (1985), 269-283; Armin A. Wallas: u.a. Aufzeichnungen aus der Welt der Exterritorialen, Lebensflüchtlinge und Vorstadt-Ahasvers. In: Armin A. Wallas, Andrea Lauritsch (Hg): Deutschsprachige jüdische Literatur im 20. Jhd. / Zwei “Seelenaufschlitzer” oder: A. E.’s und Oskar Kokoschkas Reisen durch imaginäre und reale Wüsten. In: Österr. Literaturforum, Jg.2, Nr.2 (1988), 17-22; A.A. Wallas: Albert Ehrenstein. Mythenzerstörer und Mythenschöpfer. (1994);

Fritz Martini: Ehrenstein, Albert. In: Neue Deutsche Biographie 4 (1959), S. 355 [Onlinefassung]

(SK)