auch: Freie Jüdische Volksbühne, Jüdische Künstlerbühne

Gegründet im Frühsommer 1919 (Krivanec, 338) als Verein Freie Jüdische Volksbühne (JVB), um den seit Kriegsende und dann ab Februar 1920 vorwiegend im Wiener Bürgertheater gespielten jüdischen (und nichtjüdischen) Stücken wie O. Dymows Sch’ma Isroel eine feste Bühne zu geben, die nach einem Gastspiel im Josefstädter Theater (Juli 1921) zunächst in der Wiener Taborstraße gefunden wurde. Ab Okt. 1921 wird die Untere Augartengasse als Spielort geführt. Das jüdische Repertoire umfasste mehrere jiddische Stücke z.B. Gott der Rache von Schalom Asch, Der Fremde von Jacob Gordin oder Jekel der Schmied und Eisik Scheftel von David Pinski, dessen Besuch am 10.1.1922 auch A. Schnitzler in seinem Tagebuch vermerkt. In der Reichspost vermerkte B[recka] wohl das Talent der Schauspieler, darunter v.a. jenes von Ben-Zwi, der zuvor bei Stanislawski gespielt hatte, an, kritisierte aber auch den jiddischen Jargon, der „arischen“ Besuchern das Theatererlebnis verunmögliche.

Gesellschafter des Theaters waren gemäß Amtsblatt der Wiener Zeitung vom 23.10.1921 nach erfolgter Eintragung in das Handelsregister der Schauspieler Isaak Deutsch, der auch als Geschäftsführer fungierte, und der Kaufmann Abraham Weinstein. Das Stammkapital betrug 400.000 Kronen. Im Juli 1922 hatte der Verein immerhin rund 2000 Mitglieder. Zum Ensemble gehörten neben Ben Zwi (eigentl. Paul Baratow) u.a. Jona Reißmann, Lea Weintraub-Graf und Simon Natan. Im Zuge von Gastspielen, u.a. im Lustspieltheater, das bis April 1922 Spielstätte wurde, traten auch die Brodyer Sänger auf. Große Resonanz hatte auch Dymow mit seinem Stück Der Singer fin sein Trauer im Februar; im März richtete die JVB eine Alejchem-Feier aus. Danach war eine Übersiedelung an die Rolandbühne in der Praterstraße vorgesehen sowie ein attraktives Programm mit jidd. Stücken von H. Leiwik/Leivick, u.a. das Amerika-Einwanderungsstück Schmates/Abfall, L. Perez‘ Wus im Fidele steckt u.a. Nach der Rückkehr von einem Gastspiel in Rumänien im Sommer 1922 zerfiel jedoch das Ensemble 1923 weitgehend. Allerdings fanden sich im Juni 1923 wieder Ben Zwi und einige Schauspieler zusammen und spielten im Renaissancetheater in Form von Gastspielen Gordins Der Fremde sowie im Juli die Groteske Ajkele Mazik von Ben Schumer. Auch 1924 sind Aufführungen der JVB belegt, so im Dez. 1924, diesmal in den Künstlerspielen Riemergasse, die Gildene Pawe in der Regie von Leo Halpern, die großen Erfolg (NWJ, 10.12.1924, 11) erzielt habe und bis 4.1.1925 verlängert werden musste. Unmittelbar danach folgte die Wiener Erstauff. von Pinskis Einakter Bath-Schewa, wieder in der Regie von Halpern und ausgestattet von Tibor Gergely.

Ab 1926 gerieten die JVB und ihr Trägerverein in größere Schwierigkeiten, gespielt wurde nur mehr unregelmäßig; im Juni 1929 führte die Wiener Ztg. die Jüdische Volksbühne als „in Liquidation“ an (WZ, 19.6.1929, 16), ein Verfahren, das sich in das Jahr 1930 hinein erstreckte. Anfang 1932 konnten die Jüdischen Künstlerspiele in einem Saal in der Praterstraße kurz reaktiviert werden und hatten im Jänner-Februar wiederum Gordin mit Der Fremde, Leiwik mit Schmates/Shmattes und Toller mit Hinkemann im Programm (NFP, 30.1.1932).


Quellen und Dokumente

Hans Liebstoeckl: Theater. In: Wiener Sonn- und Montagszeitung, 13.6.1921, S. 2, Freie Jüdische Volksbühne. In: Reichspost, 16.6.1921, S. 6, Otto Abeles: Freie jüdische Volksbühne. (Zum ersten Male: „Der Sing fin sein Trauer.“ Spiel in drei Akten mit einem Vor- und einem Nachspiel von Ossip Dymow.) In: Wiener Morgenzeitung, 19.2.1922, S. 8, Otto Abeles: Schalom-Alejchem-Feier. (Freie jüdische Volksbühne.) In: Wiener Zeitung, 28.3.1922, S. 5, Bühne und Kunst. In: Wiener Morgenzeitung, 2.4.1922, S. 8, Alfred Markowitz: Freie Jüdische Volksbühne. In: Arbeiter-Zeitung, 21.4.1922, S. 8, Y.: Renaissance-Bühne. In: Der Tag, 1.7.1923, S. 9, Otto Abeles: Das jiddische Theater in Wien. Aufklärendes über die „Freie Jüdische Bühne“. In: Die Bühne (1924), H. 2, S. 28, Kleinkunstspiele der Jüdischen Volksbühne. „Die gildene Pawe“. In: Die Bühne (1924), H. 7, S. 28, Otto Abeles: „Schmates.“ Roland-Bühne. In: Wiener Morgenzeitung, 20.8.1925, S. 8.

Literatur

Brigitte Dallinger: Quellenedition zur Geschichte des jüdischen Theaters in Wien. Tübingen 2003, = Conditio Judaica 42; Eva Krivanec: Kriegsbühnen. Theater im Ersten Weltkrieg. Berlin, Lissabon, Paris, Wien. Bielefeld 2012.

(PHK)