Der Kulturbund wurde im Mai 1922 in Wien auf Initiative v. Karl Anton Rohan mit Unterstützung der Schriftsteller Friedrich Schreyvogl (als Leiter des K.-Sekretariats und laut M. Hall eigentlicher Proponent d. K.s), Robert Müller u. Kurt Frieberger, des Bildhauers Victor Frisch, des Anwalts Friedrich Hardtmuth, des Komponisten E.W. Korngold u. des Jesuitenpaters Friedrich Kronseder gegründet. Zweck des Vereins war gemäß der ersten Statuten „1. Das geistige Leben zusammenzufassen, schöpferische und strebende Menschen zur Anregung eines jeden zusammenzuführen. 2. Seinen Mitgliedern ein passender Rahmen zu sein, um zur Öffentlichkeit zu sprechen. 3. Das geistige Zusammenleben zwischen den Völkern zu fördern.“ (zit. bei: Hall)

Das Ringen um die „Vereinigten Staaten von Europa“ und die endgültige Liquidation der „faule[n] alte[n] Welt“ definierte Rohan in seiner 1922 im Wiener Ballhausaal gehaltenen Rede Das geistige Problem des Europa von heute als Agenden des K.s (im Gegensatz zu dem nach Rohans Dafürhalten (rein) angelsächs. Konzeptionierten und damit unwirksamen Völkerbund). Die Dringlichkeit dieser Anliegen wurde durch Hinweis auf (behauptete) globale (Islam, China) und innereurop. Bedrohungen hervorgekehrt: Rohan warnte vor einem heraufziehenden „antikulturelle[n] Zeitalter“ der Industrieführer und Arbeiter, dem er die Rückbesinnung auf den Katholizismus als „Wurzel aller Kultur“ sowie ein Bekenntnis zum ital. Faschismus entgegensetzte: Den Faschismus in seinem Bemühen um den Erhalt der „wenigen noch lebensfähigen Werte“ und Opponent „einer Welt des Rationalismus“ sowie dessen dt. ‚Sonderform‘, die Konservative Revolution, empfahl Rohan als insbs. für die europ. Jugend „gemäße politische Form“ nach dem endgültigen Fallissement des aristokrat. Systems und dem Scheitern „demokratische[r] und sozialistische[r] Versuche“ (zit. bei: Müller).

Müller schätzt Rohans Rede, die 1923 u.d.T. Europa im Leipziger „Neue Geist“-Verlag publ. Wurde (2. Aufl. 1924), als zentralen „Gründungstext der ‚konservativen Revolution‘ im europäischen und im katholischen Kontext“ ein. Zudem firmiert die Europa-Broschüre als „Manifest“ des Europäischen Kulturbunds, jener über Österreich hinausgreifenden Plattform einer neuen „Geistesaristokratie“, um deren Etablierung Rohan sich ab 1923/24 bemühte. Ein erstes internat. K.-Treffen hatte bereits im August 1923 auf Schloss Albrechtsberg, dem nö. Familiensitz R.s, u.a. unter Beteiligung des franz. Verlegers Charles Hayet, v. Kasimir Edschmid, Frieberger u. Oscar H. Schmitz stattgefunden.

Auch nach der Etablierung d. Europäischen Kulturbunds blieb die österr. K.-Sektion, die 1924 z.B. 376 (228 „ordentliche“ und 148 „arbeitende“) Mitglieder zählte, die rührigste. Für die erste Wiener Vortragssaison im Winter 1923/24 konnten u.a. Graf Hermann Keyserling, Leo Frobenius, Paul Géraldy, Robert Trentini u. Georges Duhamel als Referenten gewonnen werden; in den kommenden Jahren folgten L. Jessner, B. Bartók, H. Mann, Th. Däubler, A. Adler, C.G. Jung, M. Brod, W.v. Molo, P. Valéry, J.R. Bloch u.a.m. dem Ruf nach Wien. Für die offizielle K.-Zeitschrift Der Zeitgeist (1922/23) zeichneten als Hgg. Frieberger, Müller u. Schreyvogl, die gem. mit Frisch, Hardtmuth, Korngold, Kronseder S.J. u. dem Vorstand des Bundesdenkmalamtes Fortunat Schubert-Soldern zudem das erste K.-Präsidium stellten, verantwortlich. Dieser polit., ideolog. pluralistische „Gründerkreis“ erfuhr Unterstützung v. dem Staatsrechtslehrer Joseph Redlich, v. Ignaz Seipel u. H.v. Hofmannsthal, der sich u.a. als Redner auf dem Wiener Kulturbundkongress 1926 bzw. mit dem Eröffnungsbeitrag in der 1925 gegr. ZS Europäische Revue öffentlich für den K. (im Dienste der von Rohan in der Broschüre Europa von 1923 bereits geforderten Konservativen Revolution) exponierte. Auch das österr. Außenministerium und die Presseabteilung des Bundeskanzleramtes unterstützten die K.-Initiative: Das trad. (Selbst-)Verständnis Ö.s als „Mittler“ zwischen den Kulturen sowie das Ringen um eine neue „europäische Aufgabe“, um polit., wirt. u. kult. Anschluss an Westeuropa für den neuen „Rumpfstaat“ (mit Wien neben/statt Genf als einer Art neuen Hauptstadt für die europ. Bewegung) erklären dieses Interesse an dem K. (vgl. Müller; Schulz), der 1931, unter der Präsidentschaft Albert v. Trentinis (1928-33), umbenannt wurde in: „Kulturbund. Österreichische Gruppe des Verbandes für kulturelle Zusammenarbeit“.

Die Rolle des in der 2. Hälfte der 1930er Jahre an kulturpolit. Gewicht gewinnenden K.s bei der „schleichende[n] kulturelle[n] Nazifizierung Österreichs“ (Hall) darf nicht unterschätzt werden: Nicht umsonst war dem dt. Gesandten Franz v. Papen daran gelegen, auf den K. als einer Art „geistigem Mittelpunkt“ in Österreich Einfluss zu nehmen, was 1937 u.a. auch durch die Rekrutierung des Bundeskommissärs für Kulturpropaganda als K.-Präsidenten gelang: Hans August Freiherr v. Hammerstein-Equord sollte „die hier noch vorhandenen jüdischen Tendenzen in Zukunft aus[zu]schalten“ (F.v. Papen, zit. bei: Hall). Im März 1938 demissionierte Hammerstein-Equord; die Agenden des K. wurden bis zu dessen Auflösung noch im selben Jahr v. Pg. Paul Koniger weitergeführt.


Quellen und Dokumente

Hugo v. Hofmannsthal: Europäische Revue. (Eine Monatsschrift, herausgegeben von Karl Anton Rohan.) In: Neue Freie Presse (25.9.1926), S. 1-3.

J[osefine] W[idmar]: Trentinifeier des Österreichischen Kulturbundes. In: Reichspost (11.10.1928), S. 5.

N.N.: Paul Valéry über die Gegenwartsprobleme. Der Vortrag des Dichters im Kulturbund. In: Neue Freie Presse (21.5.1932), S. 5.

Literatur

Guido Müller: Europäische Gesellschaftsbeziehungen nach dem Ersten Weltkrieg. Das Deutsch-Französische Studienkomitee und der Europäische Kulturbund (= Studien zur Internationalen Geschichte). München: Oldenbourg 2005. – Matthias Schulz: Der Europäische Kulturbund (2010-12-03), i.d.R. EGO | Europäische Geschichte Online, hg. v. Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) in Mainz. (Online verfügbar) (Stand: Okt. 2015). – Armin Wallas: Der Zeitgeist. In: Ders.: Zeitschriften und Anthologien des Expressionismus in Österreich. Analytische Bibliographie und Register. Bd. 1: Analytische Bibliographie. München-New Providence-London-Paris: K.G. Saur 1995, S. 75-77. – Murray Hall: Wiener Literarische Anstalt. (Online verfügbar) (Stand: Nov. 2015).

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