Künstlername: Lina Vetter

geb. 9.10.1882 in Wien – gest. 6.6.1950 in Wien; Schriftstellerin, Dichterin, Feuilletonistin, Schauspielerin

Lina Loos wurde 1882 als Karoline Katharina Obertimpfler geboren. Ihr Vater Carl Obertimpfler, ehemaliger Delikatessenhändler, war bekannter Pächter des beliebten Kaffeehauses „Casa Piccola“ in der Mariahilfer Straße, in dem seit der Jahrhundertwende Intellektuelle, Schauspieler und Literaten verkehrten und das der Familie erlaubte, in relativem Wohlstand zu leben. Ihrer Mutter Karoline stand sie, anders als dem Vater, zeitlebens sehr nah.

Nach Abschluss des Gymnasiums besuchte Lina, seit ihrer Jugend eng mit Egon Friedell befreundet und früh umschwärmter weiblicher Mittelpunkt der Gesellschaft, gegen den Willen ihrer Eltern das Konservatorium und bekam Schauspielunterricht an der Musikakademie. 

Durch ihre Schwester, die erfolgreiche Schriftstellerin Helene Dürberg, in den Freundeskreis von Peter Altenberg eingeführt, lernte sie in dessen Stammwirtshaus Löwenbräu den um zwölf Jahre älteren Architekten Adolf Loos kennen, den sie 1902 heiratete. Die drei Jahre später erfolgte Scheidung geriet zum gesellschaftlichen Skandal, hatte sich doch Linas Affäre, der 18-jährige Sohn der Frauenrechtlerin Marie Lang, nach Beendigung der Liaison aus unglücklicher Liebe erschossen.

Lina Loos, die zeitlebens einen emanzipierten Frauenbegriff vertrat, ging in der Folge in die USA, wo sie unter dem Pseudonym „Carry Lind“ in Heinrich Conrieds Theatertruppe im Irving Place Theatre in New Haven die Luise in „Kabale und Liebe“ spielte. Sie kehrte allerdings nach wenigen Monaten nach Europa zurück, wo es ihr in den folgenden Jahren gelang, sich als Kabarettkünstlerin und Chansonette zu etablieren. Sie arbeitete zunächst in Leipzig und St. Petersburg, dann in München, wo sie im maßgeblich von Otto Falckenberg und Franz Wedekind mitgeprägten Kabarett „Die Elf Scharfrichter“ spielte. In Berlin, wo auch ihr Bruder, der spätere Burgschauspieler Karl Forest als Schauspieler wirkte, machte sich als Altenberg- und Volksliedinterpretin in einem der ersten literarischen Kabaretts Deutschlands, dem „Überbrettl“, einen Namen.  

Zurück in Wien verschlimmerte sich ein chronisches Lungenleiden, das sie 1907 zu einem mehrmonatigen Kuraufenthalt im Schwarzwald zwang, der zum Großteil durch ihre Eltern finanziet wurde. Danach spielte sie – zunächst unter ihrem Künstlernamen Lina Vetter – ab 1909 an der Neuen Wiener Bühne und absolvierte zudem Auftritte in Wiener Künstlerkabaretts wie „Nachtlicht“ und der berühmten Jugendstil-Kleinkunstbühne „Fledermaus“, die u.a. in der Tradition des Pariser „Chat Noir“ stand und für die das Duo Alfred Polgar und Egon Friedell die Textvorlagen – u.a. den höchst erfolgreichen sog. Goethe-Sketch – lieferte.

Nach dem Ersten Weltkrieg musste das gutgehende elterliche Café, das ihr finanzielle Sorgen bisher erspart hatte, verkauft werden. Loos wirkte nun, zumeist in kleinen Rollen, am Raimundtheater in Stücken von Molnar, Ibsen, Anzengruber u. a., trat aber auch mit leichterer Kost bei den Künstlerspielen Pan auf. 1921 wurde sie Mitglied des Deutschen Volkstheaters und brachte dort im selben Jahr ihren vermutlich von ihrem Freund Franz Theodor Csokor inspirierten, vielbeachteten Einakter „Mutter“ zur Uraufführung, über den die Arbeiterzeitung wohlwollend festhielt: „Wenn Expressionismus in der Kunst Formung eines erhöhten Daseins aus dem Innern des Künstlers heraus bedeutet, hier ist es geschehen.“ (AZ, 11.3.1921, S. 6). Die Reichspost konstatierte: „Ihr Theater hat vom Kino gelernt.“ (RP, 9.3.1921, S. 9). Ludwig Hirschfeld beurteilte „das kleine Drama als starke Talentprobe“ (Moderne Welt 2/12, 1921, S. 31). Obwohl Loos noch weitere Dramen verfasste, blieb dies ihre einzige Bühnenaufführung.

Zudem sie an der Wiener Scala engagiert, die ab 1933 – wie zuvor schon das Deutsche Volkstheater – unter der Leitung von Rudolf Beer stand und besonders zeitgenössiche Autoren spielte.

Ab 1927 veröffentlichte Loos, die bereits seit 1904 unregelmäßig für Zeitungen und Zeitschriften (z. B. Neues Wiener JournalDie DameDer Querschnitt) geschrieben hatte, im Neuen Wiener Tagblatt nunmehr wöchentlich witzig-ironische Geschichten und Feuilleton-Beiträge, die 1947 gesammelt unter dem Titel „Das Buch ohne Namen“ publiziert wurden. Die Illustrationen dazu lieferte ihre Freundin Leopoldine Rüther, die auch zu ihrer Nachlassverwalterin werden sollte.

Loos, die nach dem „Anschluss“ an NS-Deutschland enge Freunde und Bekannte durch Emigration und Selbstmord verloren hatte, zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Erst nach dem Krieg publizierte sie wieder und begann sich politisch zu engagieren: Sie übernahm die Funktion der Vizepräsidentin des Bundes demokratischer Frauen, war Mitglied des Österreichischen Friedensrates und trat auf Anregung Csokors dem österreichischen PEN-Club bei. Sie starb verarmt 1950 in Wien.

Ihr zu Beginn der 1920er Jahre entstandenes und lebenslang unter Verschluss gehaltenes Theaterstück „Wie man wird, was man ist“, das die unglückliche Ehe mit Adolf Loos verarbeitet, wurde 1994 im Rahmen der Wiener Festwochen im Loos-Haus am Michaelerplatz uraufgeführt.


Literatur

Lisa Fischer, Lina Loos oder wenn die Muse sich selbst küsst, Wien u.a. 1994; Adolf Opel (Hg.), Lina Loos. Wie man wird, was man ist. Lebens-Geschichten, Wien 1994; Lina Loos, Gesammelte Schriften, hg. v. Adolf Opel, Wien, Klosterneuburg 2003; Adolf Opel (Hg.), Lina Loos. Du silberne Dame Du. Briefe von und an Lina Loos, Wien 2016; Edith Futter, „Lina Loos“. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815-1950, Bd. 5, Wien 1972, S. 311 [Geburtsjahr inkorrekt!] [Online verfügbar]; Eintrag bei fembio.org; „Wie man wird, was man ist.“ Lesung beim P.E.N.-Club Abend am 26.01.1995 [Online verfügbar].

Quellen und Dokumente

Frauen der Kunst. Bei Lina Loos. In: Wiener Montags-Journal, 4.4.1921, S. 5; Kunst und Wissen. Lina Loos: “Mutter”. In: AZ, 11.3.1921, S. 6; Theater und Kunst. “Mutter”. In: Neues Wiener Journal, 9.3.1921, S. 8; Ludwig Hirschfeld, Wiener Premieren. In: Moderne Welt, Jg. 2, Heft 12 (1921), 30f; Theater, Kunst und Musik. In: Reichspost, 9.3.1921, S. 9; Lina Loos, Einige billige Weisheiten, die mich viel gekostet haben. In: Neues Wiener Journal, 3.7.1919, S. 3; Der alte Obertimpfler. In: AZ, 26.2.1927, S. 4.

 (MK)