Die erste Erwähnung des Begriffs Proletkult (PK) im österreichischen Raum erfolgte vermutlich in einem Bericht des Pester Lloyd noch vor Ende des Ersten Weltkriegs, als am 13.9. 1918 mit Bezug auf einen Bericht aus der Baltischen Zeitung in einer Notiz zu lesen stand: „‘Proletkult‘ lautet das schöne Wort, daß Herr Lunatscharksi für den kommunistischen Musentempel erfunden hat.“ (PL, 13.9.1918,16). Seit Februar, insbesondere aber seit Dezember 1919 berichtete die Wiener Rote Fahne (RF) regelmäßig über die PK-Entwicklung in der Sowjetunion. Auch das im Herbst 1919 ersch. Buch von Alfons Paquet Im kommunistischen Rußland wurde hierzu rezipiert und zwar auch von bürgerlichen Organen wie den Innsbrucker Nachrichten, die ihm am 3.7. 1919 das Feuilleton Die Kunst im kommunistischen Rußland widmeten. In der aktivistischen Zs. Neue Erde veröffentl. Georg Kulka 1919 einen Beitrag zu Proletkult und Wohnstadt, der anzeigt, dass das PK-Konzept auch als alltagskulturelles im Gespräch war (H.27/28/1919, 423-425).

Im Dez. 1919 erschienen in der RF zwei Beiträge („von einem russischen Genossen), welche die Grundsätze, Organisationsform, Aufgaben und Ziele des PK erläuterten und somit als erste programmatische Positionierung der RF/KPÖ zur sowjetischen, proletarischen Kulturarbeit angesehen werden können. Seit Dez. 1919 und das ganze Jahr 1920 hindurch werden in versch. KPÖ-Ortsgruppen Wiens Vorträge über PK angeboten; Referent ist meist Gen. Zucker; am 7. Februar 1920 wird auch die Gründung eines ›Klubs für Proletkult‹ im Rahmen der kommunistischen Proletarierjugend in der RF angekündigt. Die offenkundige Resonanz der PK-Debatte, auch vor dem Hintergrund der Räterevolution in Ungarn, bewog auch die konservative Presse zu scharfen u. polemischen Abgrenzungen, z.B. die Reichspost in einem Leitartikel vom 4.5.1920 unter dem Titel Das Gesicht der Wirklichkeit, in dem der Proletkult u.a. als jüdische Klassenkampforganisation denunziert wurde. Die Resonanz innerhalb der sozialdemokrat. Kulturdebatte blieb dagegen sehr verhalten; eher regionale Organe wie die Vorarlberger Wacht berichtete 1920 über Bemühungen, auch in der Schweiz eine PK-Bewegung aufzubauen. 1921 folgte die Salzburger Wacht mit dem Abdruck eines zuvor im Tagebuch von St. Großmann ersch. Beitrags von Leo Mathias, der bei Rowohlt den krit. Bericht Genie und Wahnsinn in Rußland vorgelegt hatte sowie die Bildungsarbeit (BA, H. 11/12/1921, 94) mit einer Besprechung von A. Holitschers Drei Monate in Sowjetrußland, insgesamt „für sozialistische Gegner des Bolschewismus die wertvollste“ [!] Darstellung, obwohl zugestanden wird, dass der PK neben dem Projekt der Arbeitsschule von A. Gastjev immerhin zu den „erfolgreichen“ zu zählen sei.

Mit deutlich mehr Sympathie bespricht hingegen H. Menkes im NWJ das Buch von K. Umanski über die Neue Kunst in Rußland 1914-1919 und erwähnt dabei auch die Aufbruchsbewegung, die vom PK ausgehe. Seit H.3/1921 widmet sich auch die avantgard. ungar. Zs. MA wiederholt der PK-Debatte, u.a. 1923, als die Zweite präsentistische Deklaration gezeichnet von Eggeling und Hausmann, die eine Grenzziehung zwischen PK und (russ.) Konstruktivismus vornimmt. Dagegen wurde die Schrift von Platon M. Kerschenzev [Keržencev] Das schöpfende Theater (dt. Übers. 1922), die ab Ende der 1920er Jahre im österr. Agitprop-Umfeld bzw. des Politischen Kabaretts eine Rolle spielen wird, vorerst kaum wahrgenommen. 1924 zeichnet sich dennoch ein stärker sichtbares Interesse am PK quer durch die Presselandschaft ab: Im Juni 1924 suchte die RF „talentierte Musiker und Schauspieler“ per Inserat zum Aufbau einer PK-Gruppe; im Juli behandelte R. Fülöp-Miller in einem NFP-Feuilleton über Das bolschewistische Theater auch den sowjet. PK,  und im August 1924 erschien im NWJ ein erläuternder Text von Lunatscharski über den PK in deutscher Übersetzung. Bereits 1925 formierte sich dagegen im Zuge des Gastspiels von A. Tairov Widerstand gegen die tendenziell positive Wahrnehmung der PK-Idee. Dies belegt ein Vortrag, zugleich ein Rundumschlag gegen das neuere russisch-sowjetische Theater (Mejerch’old, Stanislawski, Tairov), des Exilrussen F. Stepun, über den die Wiener Ztg. (26.5.1925, 6) berichtete. Die RF zeigte hingegen am 6.5. 1925 die Gründung ihrer PK-Gruppe im Arbeiterheim Blumauergasse (2.Bez.) an und bewarb diese den ganzen Sommer des Jahres hindurch; die vermutl. erste Aufführung im Rahmen eines Kunstabends fand Anfang Okt. 1925 statt. Die Arbeiter-Zeitung (AZ) kommentierte die PK-Idee erst (und sehr zurückhaltend) in einem Beitrag über die Vorführung von Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin im Juni 1926 (AZ, 3.6.1926,7). Auch in anderen Organen (z.B. Kino-Journal, Morgenzeitung) wird die Mitwirkung von Schauspielern des Moskauer Proletkult-Theaters eigens angeführt; der Tag druckte z.B. einen Aufsatz von Eisenstein, der zuerst in der Vossischen Zeitung. erschienen war, nach; die AZ folgte 1927 mit dem Nachdruck des Eisenstein-Aufsatzes Massenkino (zuvor in der Zs. Weltbühne veröffentlicht), in dem dieser seine Arbeitsmethoden und die Bedeutung des PK-Konzepts nochmals darlegte.

Im Zuge der Zehnjahresfeiern der Oktoberrevolution trat der KPÖ-PK mehrmals auf, auch außerhalb Wiens wie z.B. in Graz, und die RF legte die wichtigsten Anliegen, insbes. die Opposition zum ‚bürgerlichen‘ Theater und die Unterstützung der revolutionären Agitation, aber auch den Kampf gegen den §144 (RF, 8.3.1927), mehrmals dar (RF, 16.8.1927). Ab 1928 veranstaltete der KPÖ-Proletkult Gedenkveranstaltungen zum Juli 1927, 1929 unterstützte auch die Rote Hilfe PK-Aufführungen, u.a. vom Moskauer Gewerkschaftstheater übernommener Stücke wie Die Schienen dröhnen. Während 1930 eine Reorganisation des PK innerhalb der KPÖ angestrebt wurde, weil sich daran trotz Einsicht in die propagandistische Wirkung zu wenige beteiligten, blieb die PK-Idee innerhalb der Sozialdemokratie umstritten und auf eine marginale Position zurückgedrängt. Nur die junge Parteilinke, die sich in der Sprechchorbewegung und im Politischen Kabarett formierte, d.h. die Gruppe um Robert Ehrenzweig und Ludwig Wagner, später dann auch Jura Soyfer, interessierte sich für das sowjetische Modell, das sie wesentlich über die (in der AZ oder in der BA nie besprochene) Programmschrift von Keržencev Das schöpferische Theater sowie über R. Fülöp-Millers Geist und Gesicht des Bolschewismus (1928) rezipierte (Doll, 2019, 222f.).

Ähnlich den Aufführungen des Politischen Kabaretts versuchte auch der KPÖ-PK um 1930 den Revuecharakter in die Agitprop-Arbeit zu integrieren, wie einzelne als erfolgreich bezeichnete Auftritte des PK, z.B. mit einer Presse-Revue im Zusammenhang mit dem Roten Pressetag oder eine Wahlrevue im November nahelegen. Ab 1931 ging die Bedeutung des PK für die KPÖ offenkundig zurück; nur mehr vereinzelte Berichte, meist über Veranstaltungen in Graz, druckte nun die RF ab, die noch 1930 fast täglich über Proben u. Versammlungen unter PK-Mitwirkung berichtet hatte. Die letzten Hinweise finden sich schließlich zu den Maifeiern 1932 in Graz und Wien (RF, 30.4. 1932, 8).


Quellen und Dokumente

Sergej Eisenstein: Massenkino. In: Arbeiter-Zeitung, 22.12.1927, S. 6,

Literatur

J. Doll: Zur Rezeption des sowjetrussischen Theaters in der österreichischen Sozialdemokratie. In: P.H. Kucher/R. Unterberger (Hgg.): Der lange Schatten des ‚Roten Oktober‘. Frankfurt/M. u.a. 2019, 221-238; P. Janke: Politische Massenfestspiele in Österreich zwischen1918 und 1938. Wien u.a. 2010;  R. Lorenz (Hg.): Proletarische Kulturrevolution in Sowjetrußland 1917-21. Dokumente des Proletkults. München 1969; L . Mally: Culture of the Future. The Proletkult Movement in Revolutionary Russia. Univ. California Press 1990.

Le «Proletkult», ou la culture des masses. In: Campus N°130 (2007) (Online verfügbar), James D. White: Proletkult. In: Red Hamlet: The Life and Ideas of Alexander Bogdanov (Online verfügbar).

(PHK)