geb. am 5.12.1892 in Wien – gest. am 22.4.1919 in Debrecen/Ungarn; kommunistischer Revolutionär

L. R. wurde in einer jüdischen Arbeiterfamilie in Wien geboren und erlernte nach dem Besuch der Volks- und Bürgerschule in Wien den Beruf des Schriftsetzers. Mit 17 Jahren schloss sich R. kurzzeitig der jüdischen Arbeiterpartei Poale Zion („Arbeiter von Zion“, 1903-1934) an und engagierte sich in der Folge für den Anarchosyndikalismus, der vor dem Ersten Weltkrieg in Österreich rund 2000 Anhänger fand. R., seit 1910 polizeibekannt, dürfte maßgeblich am Wiener Druckerstreik 1913 mitgewirkt haben und wurde danach erstmals unter Arrest gestellt. Im Weltkrieg zunächst pazifistischer Aktivist und Wehrdienstverweigerer, wurde R. im Feld rasch schwer verwundet und diente frontuntauglich bis zur Desertion im Dezember 1917 in der Hilfsdienstkompanie des Infanterieregiments 49. In Wien trat er bei Treffen des Vereins Karl Marx um Friedrich AdlerMax Adler, Robert Danneberg und Therese Schlesinger auf und knüpfte enge Kontakte zu den Linksradikalen um Franz Koritschoner und Anna Ströhmer. Zugleich engagierte er sich im Verband Jugendlicher Arbeiter.

Am 30. Dezember 1917 wurde durch die Linksradikalen und Anhänger R.s der Arbeiterrat gegründet, dem später auch Johannes Wertheim und Egon Erwin Kisch beitraten. Im Rahmen des Jännerstreiks 1918 trat R. durch mehrere, teilweise mit Koritschoner verfasste Flugblätter in Erscheinung und entzog sich anders als Koritschoner, Wertheim, Friedrich Hexmann, Michael Kohn-Eber und andere zunächst der Verhaftung. R. wurde erst Mitte April 1918 in Ungarn gefasst und ausgeliefert. Am 30. Oktober 1918 aus der Wiener Haft entlassen, veröffentlichte er tags darauf ein Flugblatt, das zur Gründung der Roten Garde aufrief. In Verhandlungen mit Unterstaatssekretär Julius Deutsch erwirkte R. ihre Integration in die Volkswehr. Nach der Spaltung des auf politischen Druck hin sozialistisch dominierten Volkswehrbataillons (VB) übernahm R. als Soldatenrat das VB 41 und ließ seine Mitglieder auf die III. Kommunistische Internationale vereidigen. Die Gründung der KPDÖ im November 1918, die er bereits in Flugblättern im Jänner gefordert hatte, lehnte er wie Koritschoner wegen ideologischer Streitpunkte als verfrüht ab. Sie beide verbanden sich mit Wertheim, Kohn-Eber, Julius Dickmann und anderen zur Föderation revolutionärer Sozialisten „Internationale“ (FRSI), in deren Organ Der Freie Arbeiter R. publizierte. Die FRSI-Mitglieder traten ab Anfang 1919 sukzessive der KPDÖ bei, R., am ersten Parteitag im Februar noch Gastdelegierter, folgte ihnen im März. Bei den Wiener Trauerfeiern für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Jänner 1919 trat R. als Redner in Erscheinung.

Nach der Ausrufung der Räterepublik in Ungarn am 21. März 1919 mobilisierte R. 1.200 Freiwillige, die unter seiner Führung für Bela Kuns Räteungarn in den Krieg zogen. In einer Schlacht mit rumänischen Truppen nahe Debrecen wurde am 22. April von einer Kugel getroffen und tödlich verletzt. In Ungarn als revolutionärer Märtyrer verehrt und in Vámospércs begraben, kritisierte die Arbeiter-Zeitung die unklare Haltung des in den Krieg ziehenden Pazifisten.


Quellen und Dokumente

Leo Rothziegel: Der Syndikalismus in Deutschösterreich. In: Der freie Arbeiter 2 (1919), H. 10, S. 79, Egon Erwin Kisch: Der Kommunist Rothziegel gefallen. In: Der Neue Tag, 25. April 1919, S. 3. Wieder in: E. E. K.: Mein Leben für die Zeitung. 1906-1925. Journalistische Texte 1. Berlin, Weimar: Aufbau 1983, S. 306, N.N.: Für die Räterepublik. Die Kundgebung der Wiener Kommunisten. In: Die soziale Revolution, 26.3.1919, S. 3, N.N.: Der Heldentod Rothziegels. In: Arbeiter-Zeitung, 27.4.1919, S. 6, N.N.: Leo Rothziegel [Nachruf]. In: Die soziale Revolution, 30.4.1919, S. 3, Josef Silbernagel: Erlebnisse und Leiden der Wiener Rotgardisten in Ungarn. Rothziegels Ende. – Das Schicksal seines Bataillons. In: Arbeiter-Zeitung, 18.6.1919, S. 5f., Johannes Wertheim: Die Föderation revolutionärer Sozialisten „Internationale“. Eine Episode aus der österreichischen Arbeiterbewegung 1918/19. In: Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung 12 (1926), S. 297-309, Franz Koritschoner: Aus der Zeit der ungarischen Rätemacht. In: Die Rote Fahne, 23.3.1928, S. 5.

Literatur

Hans Hautmann: Leo Rothziegel (1892-1919). Das Leben eines österreichischen Revolutionärs. In: Weg und Ziel 36 (1978), H. 7-8, S. 287-290, H. 9, S. 333-336, H. 10, S. 377-379; H. H.: Die Anfänge der linksradikalen Bewegung und der Kommunistischen Partei Deutschösterreichs 1916-1919. Wien: Europa-Verlag 1970 (= Veröffentlichungen der Arbeitsgemeinschaft für Geschichte der Arbeiterbewegung in Österreich, Bd. 7); H. H.: Die Revolutionäre. Der Formierungsprozess der Linksradikalen. (Österreich im Epochenjahr 1917, Teil 4). In: Mitteilungen der Alfred-Klahr-Gesellschaft 14 (2007), H. 4, S. 1-6; Peter Broucek, Hannes Steiner: Rothziegel, Leo. In: ÖBL 1815-1950.

(ME)