Mit einem Nachruf auf das Fremden-Blatt und unter programmatischem Titel, jedoch ohne deklaratorischen Einstieg erschien am 23. März 1919 in Wien erstmals die Tageszeitung Der Neue Tag. Geleitet wurde sie von Benno Karpeles (1868-1938), der zuvor bereits Anfang 1918 die pazifistische Wochenschrift Der Friede ins Leben gerufen hatte. Karpeles gab als Devise aus, „im Dienste der Republik, der Demokratie, der sozialen Reform, der Erneuerung unseres öffentlichen Lebens den Kampf [zu] führen“ (zit. n. Amann 1992, S. 17). Karpeles setzte dabei vorwiegend auf jene Autoren, die bereits für den bis August 1919 erscheinenden Frieden schrieben: Karl Tschuppik wurde Chef vom Dienst und politischer Redakteur, das Feuilleton leitete Alfred Polgar. Schon die erste Ausgabe umfasste Texte von Arnold Höllriegel, Anton Kuh (Klein-Wien und Groß-Stockerau), Robert Musil (Die Affeninsel) und Alfred Polgar, u.a. auch Stefan Großmann, Hugo von Hofmannsthal, Egon Erwin Kisch, der, persönlich in finanzieller Bedrängnis, für sein Engagement für Karpeles‘ Blatt die Rote Garde verlassen hatte, Rudolf Olden, Hans Tietze, Walter Tschuppik, Fritz von Unruh und Egon Wellesz traten als Beiträger in Erscheinung. So kennzeichnete das republikanisch ausgerichtete Blatt ein umfängliches Feuilleton, das Theaterkritiken ebenso umfasste wie die Rubrik Wiener Symptome, für die v.a. Höllriegel und der junge Joseph Roth, der als Feuilletonist und Reporter von Polgar gefördert wurde, schrieben. Als Fortsetzungsromane wurden Die Erleuchtung von Henri Barbusse und Der Marqués de Bolibar von Leo Perutz abgedruckt.

Deutlich positionierte sich das Blatt gegen den Krieg, etwa im Leitartikel anlässlich des fünften Jahrestags der Kriegserklärung an Serbien. Im ungezeichneten Nachruf auf Moriz Benedikt, Chefredakteur der Neuen Freien Presse (NFP), kam es ebenso zur deutlichen Abrechnung; die fehlgeleitete Saat der NFP sei demnach im Weltkrieg und dem Zusammenbruch der Monarchie aufgegangen. War der früher bedeutende sozialdemokratische Genossenschaftsfunktionär Karpeles nach dem Tod Victor Adlers aus der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei ausgetreten, lieferte er sich auch mit der Arbeiter-Zeitung (AZ) mediale Auseinandersetzungen (z.B. Was die „Arbeiter-Zeitung“ erzählt, Der Neue Tag, 10.9.1919, S. 1), die im Neuen Tag pointiert als „Verleumdungshysterie“ seitens der AZ apostrophiert (Der Neue Tag, 28.11.1919, S. 2) und von der konservativen Presse mit antisemitischem Unterton kommentiert wurde.

Am 17. April 1920 legte Karpeles die Funktion des Chefredakteurs zurück, an seine Stelle trat interimistisch Julius Szeps, der zuvor bereits das Fremden-Blatt geleitet hatte. Bereits Ende April erfolgte die Einstellung des Blattes, da, so die redaktionelle Mitteilung, „weder die Anerkennung, die unser Blatt gefunden hat, noch auch die warme Sympathie unseres zahlreichen Leserpublikums“ (Der Neue Tag, 30.4.1920, S. 1) ausreiche, um in wirtschaftlich schwierigen Zeiten weiter zu bestehen. Aus der angekündigten Unterbrechung des Erscheinens, das mit den gestiegenen Betriebskosten und Papiermangel zu erklären ist, sollte die endgültige Einstellung werden. Karpeles zog sich in der Folge aus der Zeitungsbranche zurück und engagierte sich fortan im Transportunternehmen seines Vaters in Wien und Berlin.


Quellen und Dokumente

Stefan Großmann: Aus einem Viktor Adler-Roman. In: Der Neue Tag, 10.8.1919, S. 4f., Arnold Höllriegel: Die Uhr. In: Der Neue Tag, 30.3.1919, S. 5, Hugo von Hofmannsthal: Deutsche Festspiele zu Salzburg. In: Der Neue Tag, 21.9.1919, S. 5f., Arnold Höllriegel: Pariser Erlebnis. In: Der Neue Tag, 14.12.1919, S. 5, Rudolf Kayser: Die neuen Dichter in die neue Schule. In: Der Neue Tag, 23.3.1919, S. 4, Anton Kuh: Klein-Wien und Groß-Stockerau. In: Der Neue Tag, 23.3.1919, S. 4, Hanns Margulies: Fahrt in den Frühling. In: Der Neue Tag, 11.4.1920, S. 7, Robert Musil: Die Affeninsel. In: Der Neue Tag, 23.3.1919, S. 8, N.N.: Moriz Benedikt. In: Der Neue Tag, 19.3.1920, S. 3f., Leo Perutz: Der Marqués de Bolibar [Fortsetzungsroman]. In: Der Neue Tag, 12.10.1919, S. 11, Alfred Polgar: Grabrede auf einen Humor. In: Der Neue Tag, 30.3.1919, S. 8, Alfred Polgar: Der Künstler braucht das. In: Der Neue Tag, 6.7.1919, S. 6, Alfred Polgar: Der Hase. In: Der Neue Tag, 1.1.1920, S. 3, Joseph Roth: Kaffeehausfrühling. In: Der Neue Tag, 25.5.1919, S. 4f., Joseph Roth: Papier. In: Der Neue Tag, 19.10.1919, S. 6, Joseph Roth: Das Antlitz der Zeit. In: Der Neue Tag, 1.1.1920, S. 4f., Hans Tietze: Die Demokratie und die Künstler. In: Der Neue Tag, 28.3.1919, S. 5, Walter Tschuppik: Diplomat und Tippmamsell. In: Der Neue Tag, 29.3.1919, S. 2.

Des Herrn Karpeles neue Pläne. In: Arbeiter-Zeitung, 10.9.1919, S. 3, Zwischen Austerlitz und Karpeles. In: Reichspost, 11.9.1919, S. 3, Ein Juden-Duell. In: Freiheit!, 20.9.1919, S. 5, Herr Karpeles auf der Geldsuche. In: Arbeiter-Zeitung, 23.9.1919, S. 4, Kola und Karpeles. In: Arbeiter-Zeitung, 19.10.1919, S. 4.

Literatur

Klaus Amann: Staatsfiktionen. Bilder eines künftigen Österreich in der Wiener Wochenschrift Der Friede (1918/1919). In: K. A.: Die Dichter und die Politik. Essays zur österreichischen Literatur nach 1918, S. 15-30 (1992), Gabriella Pelloni: Spazieren in Nachkriegswirren. Joseph Roth als Chronist des Wiener Lebens 1919/20 (in vergleichender Perspektive zu Francis Wolf-Cirian). In: Primus-Heinz Kucher, Julia Bertschik (Hg.): „baustelle kultur“. Diskurslagen in der österreichischen Literatur 1918-1933/38, S.103-122 (2011).

(ME)