geb. am 9.5.1881 in Wien – gest. am 2.12.1955 in Wien; Schriftsteller

Nach dem frühen Tod seines Vaters, einem jüdischen Hof- und Gerichtsadvokaten, kommt S. in ein Internat. Seine Mutter heiratet wieder, und zwar den Arzt Jakob Ehrenstein, einen Onkel von Albert und Carl Ehrenstein. Nach der Matura studiert S. Maschinenbau an der Technischen Hochschule in Wien, beschäftigt sich mit Medizin und Philosophie und ist journalistisch-schriftstellerisch aktiv. Bereits 14-jährig hatte S. ein Feuilleton im Ischler Wochenblatt publiziert, das von Karl Kraus mit großem Interesse aufgenommen wurde. Nun lädt Kraus S. zur Mitarbeit an der Fackel und an seinen Stammtisch im Café Pucher am Kohlmarkt ein. 1909 wird diese Zusammenarbeit und Freundschaft durch ein Zerwürfnis jäh beendet. S.s Interessen liegen im sozialkritischen und sexualtheoretischen Bereich, er setzt sich mit Freud und Weininger auseinander und tritt in seinem moralkritischen Essay Jenseits der Sittlichkeitsgrenze (1906) für eine neue Sexualethik ein. Auch in seinen späteren Texten sind sexuelle und moralische Perversionen bestimmende Grundthemen, was S. den Ruf eines streitbaren Sadisten einbringt.

Neben Publikationen in zahlreichen österreichischen und deutschen Zeitungen und Zeitschriften, wie z. B. der Neuen Freien Presse, dem Neuen Wiener Tagblatt, dem Berliner Tagblatt, der Vossischen Zeitung, dem Sturm, dem Simplicissimus, dem Merker oder der Wage, versucht sich S. auch als Verfasser von Komödien (Revanche 1911, Geldzauber 1913), denen allerdings kein großer Erfolg beschieden ist. Dafür reüssiert S. beim zeitgenössischen (auch internationalen) Lesepublikum und der Kritik mit phantastisch-abenteuerlichen Kriminalromanen. Seine 1911 erschienenen Science-Fiction-Detektivromane Die Söhne der Macht und Das Herbarium der Ehre (NA 1922 als Käufer der Ehre), in dem neue technische Errungenschaften und Spekulationen über die Möglichkeiten des ‚neuen Menschenʻ des 20. Jhdts. das Setting für die Kriminalgeschichte bilden, wirken auch auf zahlreiche österreichische SchriftstellerInnen nach 1918 stilbildend. Zunehmend von Expressionismus und Aktivismus beeinflusst, versteht es S., in seinen Romanen Zeitphänomene prägnant zu fassen und faszinierend zu beschreiben. Sein größter Erfolg ist Die Traumpeitsche (1921): Mit der Horrorvision einer Welt, in der die Träume der Menschen von einer „Traumverwertungsgesellschaft“ synthetisch produziert und industriell ausgebeutet werden sollen, reagiert S. auf aktuelle Diskussionen um die Erkenntnisse der Psychoanalyse. S. ist der erste in der Science-Fiction-Literatur, der sich mit synthetischen Massenbeeinflussungsmitteln beschäftigt, von A. Ehrenstein wird er mit dem Titel „Psychosoph“ bedacht. Seine späteren Romane (z. B. Bob Kreit sieht alles voraus (1931), NA 1936 als Der Edelsteinsucher) stehen in der Nachfolge des modernen Kriminalromans und rücken die Mechanik der Enthüllung des Verbrechens in den Vordergrund.

Nach einem Scheidungskrieg mit seiner Frau Dora Angel (die 1914 in seiner privaten Verfilmung von Die Söhne der Macht die weibliche Hauptrolle gespielt hatte) gerät S. in eine prekäre finanzielle Situation. 1933 werden seine Bücher in Deutschland verboten, 1939 flüchtet er völlig mittellos über Italien nach Frankreich. Seit jeher begnadeter Schachspieler, rettet S. seine Passion für das Schachspiel Mitte 1940 das Leben: Ein französischer Kommandant und sein Schachpartner streicht S. von der Deportationsliste. S. schlägt sich nach Paris durch, wo er von der Gestapo verhaftet und interniert wird. Bemühungen A. Ehrensteins, ein Affidavit für S. zu erwirken, scheitern. Anfang 1949 kehrt S. nach Wien zurück. Für die Niederschrift seiner Fluchterlebnisse unter dem Titel Einer floh vor Hitler findet er keine Publikationsmöglichkeit, seine Fortsetzungsromane für die New Yorker Staats-Zeitung und die Salzburger Nachrichten können wegen Devisenmangels nicht honoriert werden. Seine letzten Lebensjahre sind von Mittellosigkeit und Krankheit geprägt, oftmals spielt er im Kaffeehaus noch um ein paar Schillinge Schach. Am 2.12.1955 erleidet S. in der Straßenbahn auf der Wiener Ringstraße einen Herzinfarkt, an dessen Folgen er verstirbt.


Weitere Werke (Auswahl)

Herr im Spiel (1910); Der Fremdling (1910); Das Glück der Edith Hilge (1913); Die Liebesfalle und andere Novellen (1916); Der entfesselte Mensch (1919); Im Joch der Zeit (1919); Der Seelenschmied (1921); Eva Morsini, die Frau, die war … (1923); Der Geldfeind (1923); Das heißere Leben (1924); Das Experiment (1924); Im Bann der Welle (1924); Der Mann in der Kulisse (1926); Die Erfolge Philipp Sonlos [Detektiv-Grotesken] (1926); Überwinder [Novellen] (1926); Der Tribun [Drama] (1928); Die Sensationellen (1929); Der Schachspieler Jörre (1930); (gemeinsam mit Oskar Franz Scheuer) Das Gefühl. Eine sexualpsychologische und physiologische Darstellung der Rolle und Bedeutung des Tastsinnes für das Triebleben des Menschen (1930); Fünf Gramm Liebeszauber (1931); Der Menschenfilm (1931); Hans Zellorin ist dagegen (1932); Das Geheimnis der Akte K. (1934); Der Detektiv des Königs (1935); Der Edelsteinsucher (1936).

Quellen und Dokumente

Die Sensationellen. Ein Zeitroman. In: Neue Freie Presse 9.4.-6.7.1929, Du sollst nicht vergessen. Novelle. In: Allgemeine Radio-Zeitung 12.12.1924– 30.1.1925, Der Herr der Welle. In: Neue Freie Presse 24.5.–15.7.1925.

Ohrfeigen-Affäre Perutz – Soyka Oktober 1925. In: Illustrierte Kronen-Zeitung 19.10.1925, S. 9, Der Tag 20.10.1925, S. 3.

(Teil)Nachlass an der National Library of Israel (Archiv Albert Ehrenstein, Archiv Carl Ehrenstein), Bestand O.S. im Tagblattarchiv der Wienbibliothek.

Porträt O.S. im Herbert-Exenberger-Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft.

Literatur

Werner Garstenauer: „Der andere, das war ich.“ Magnetiseur- und innovative Heldenfiguren in Otto Soykas Romanen Das Glück der Edith Hilge und Der Mann in der Kulisse. Nebst Rezeptionsübersicht und tabellarischer Biographie des Autors. Dipl. Univ. Wien 2001; ders.: Otto Soyka (1881–1955). In: Literatur und Kritik 371/372, 2003, S. 103–110; ders.: Detektivische Befragung einer Generation – Otto Soykas Literarisierung der Massenpsychologie. In: Estudios filológicos Alemanes 15, 2008, S. 573–583; Ansgar Hillach: Traum-Mobilmachung im Nachkrieg. Otto Soykas phantastische Fiktion einer Rechtsoffensive 1921. In: Jacob Joachim (Hg.): Palimpseste. Zur Erinnerung an Norbert Altenhofer. Heidelberg 2004, S. 173–187; Primus-Heinz Kucher: Deklassierte und Glücksritter. Zur Konjunktur sozialer (Spieler-)Typen in Romanen der 1920er Jahren von Hugo Bettauer, Otto Soyka und Joe Lederer. In: Louis Gerrekens und Achim Küpper (Hgg.): Hasard. Der Spieler in der deutschsprachigen Literaturgeschichte. Würzburg 2012, S. 187–202; Joachim Linder: Die Polizei als Reflexionsinstanz. Ermittlung in Kriminalromanen von Otto Soyka, Heimito von Doderer und Ernst Jünger. In: ders.: Wissen über Kriminalität. Würzburg 2013, S. 429–446; Clemens Ruthner: Droge Macht. Zu Otto Soykas Traumarbeit. In: Otto Soyka: Die Traumpeitsche. Ein phantastischer Roman. Frankfurt/Main 1995, S. 195–212; ders.: Am Rande. Kanon, Kulturökonomie und die Intertextualität des Marginalen am Beispiel der (österreichischen) Phantastik im 20. Jahrhundert. Tübingen u. a. 2004.

(VH)