Aufbauend auf kulturell-künstlerische Vorfelderfahrungen, z.B. mit den Arbeitersymphoniekonzerten (seit 1905) und dem Verein Freie Volksbühne wurde auf Initiative von David J. Bach im Nov. 1919 vom Parteivorstand der SDAP die Kunststelle auf Vereinsbasis eingerichtet und Bach mit ihrer Leitung betraut. Durch eine im Juni 1919 beschlossene zehnprozentige Abgabe auf Theater- und Musikaufführungen durch die Stadt Wien sollte der Besuch von Kulturveranstaltungen durch Arbeiter, Angestellte, Lehrlinge und Schüler gefördert werden und die Kunststellen der Parteien übernahmen dabei eine zentrale Vermittlungs- und Organisationsfunktion durch Ankauf größerer Kartenkontingente. Die sozialdemokr. K. als die mit Abstand größte (im Vergleich zur christlichsozialen K. oder zur Deutschen Kunst- und Bildungsstelle) hatte bereits 1922 rund 40.000 Mitglieder und konnte 1924 auf den Verkauf von rund zwei Millionen Karten verweisen, davon 1,4 Mio für Aufführungen der Sprechtheater, 200.000 für Konzerte u. der Rest für Opern- u. Operettenauff., aber auch Lesungen, wie z.B. jene von Karl Kraus im Jahr 1923. Bach setzte sich u.a. auch für die Stärkung von Wanderbühnen ein, die im Rahmen der K. Volkstheater-Stücke aber auch revolutionäre Kulturarbeit an die Arbeiterschaft in den traditionell proletarischen Bezirken (Simmering, Favoriten z.B.), die nicht über etablierte Häuser  u. Spielorte verfügten, heranbringen sollten, wie aus seinem Bericht in der AZ 1921 hervorgeht. Mitte der 1920er Jahre konzentrierte sich die K. auf Aufführungen im Raimundtheater sowie im Deutschen Volkstheater (stellte aber auch Karten für Auff. im Burgtheater oder in der Staatsoper bereit); 1928 scheiterte der Plan, über das Carltheater eine sozialistische Bühne zu etablieren. Die programmatisch-kultur- und kunstpolitische Begleitdebatte fand in den einschlägigen Zeitschriften wie Bildungsarbeit, Der Kampf und Kunst und Volk statt; insbes. in letzterer wurden die dramat. Werke der von der K. ausgewählten „Arbeitervorstellungen“ vorbesprochen. Da die Debatte wesentlich von trad. Positionen aus der Arbeitsbildungsbewegung vor 1914 und deren Protagonisten wie Engelbert Pernerstorfer, aber auch D. J. Bach bestimmt war, öffnete sie sich nur zögerlich, z.B. mit Blick auf Piscator oder das russ. Theater, sowie unter dem Eindruck neuer medialen Herausforderungen wie dem Kino/Film modernen Entwicklungen. Innovative Aspekte entwickelten sich Ende der 1920er Jahre immerhin rund um die Revue-Debatte und das von Robert Ehrenzweig mitbegr. Politische Kabarett. Noch 1929 beklagte Oskar Pollak das Fehlen einer systematischen sozialdemokr. Kunstpolitik anlässlich der Theaterkrise, die über die Arbeitersymphoniekonzerte hinausreiche.


Quellen und Dokumente

In der Mediathek: D. J. Bach: Die Kunststelle der Arbeiterschaft.

D. J. Bach: Kunst und Volk. Eine Festgabe der Kunststelle (1923); Vorlesungsplakate Kraus-Lesungen 1923 (Online verfügbar), Alfred Markowitz: Die soziale Bedeutung der Kunst. In: Der Kampf 1927, 96-97; Oskar Pollak: Warum haben wir keine sozialdemokratische Kunstpolitik? In: Der Kampf, 1929, 83-86.

Literatur

Eva Cescutti: Tagungsbericht zur Londoner Tagung (Online verfügbar), D. J. Bach and the Austrian Culture between the Wars (2003); Ernst Glaser: Im Umfeld des Austromarxismus. Ein Beitrag zur Geistesgeschichte des österr. Sozialismus. (Wien u.a. 1981); Harald Toch (Hg.): Wissen ist Macht! Zur Geschichte sozialdemokr. Bildungsarbeit (Wien 1997); Robert Pyrah: The “enemy within”?: The Sozialdemokratische Kunststelle and the state theatres in Red Vienna. In: Judith Beniston, Robert Villain (Hg.): Culture and Politics in Red Vienna, = Austrian Studies, 14, 2006, 143-164.

Eintrag bei musiklexikon.ac.at.

(PHK)