Pseud.: P.W., geb. 4.2. 1874 in Wien, gest. 19.3.1937 in Wien. Schriftsteller, Feuilletonist, Literaturkritiker, Rechtsanwalt.

Der aus einer jüd. Kaufmannsfamilie gebürtige P.W. besuchte mit H. v. Hofmannsthal gemeins. das Wiener Akademische Gymnasium und studierte nach abgelegter Matura Rechtswissenschaft an den Universitäten Wien und Zürich, das er 1898 mit der Promotion abschloss. Schriftstellerisch gesehen begann er als Lyriker 1894 mit ersten Gedichten in der Zs. An der Schönen Blauen Donau sowie mit gemeins. Lesungen mit J.J. David, H.v. Hofmannsthal, Rudolf Lothar u. Bertha v. Suttner im März 1895 (NFP, 15.3.1895,7). 1896 erschien im Verlag Meyer in Leipzig sein erster Band Gedichte, der freundlich aufgenommen wurde. Im selben Jahr setzt auch seine feuilletonist. Arbeit für die NFP und das NWJ ein; auch in der Zs. Die Zeit (hg. von H. Bahr) erschien ein Essay über F. v. Saar als Lyriker (Nr.43/1896), in Ver sacrum 1899 einer über C.F. Meyer. Das Prager Tbl. brachte seit 1899 wiederholt Gedichte und führt ihn auch unter den Mitwirkenden einer Goethe-Festschrift der deutschen Prager Studenten an. Am 16.3.1900 kommt das Gedicht Empfängnis in der Vertonung durch A. v. Zemlinsky im Großen Musikvereinssaal zur Aufführung. 1901 stellte er sein erstes Theaterstück, den Einakter Edith fertig, in den Folgejahren widmete er sich v.a. der Lyrik und dem Aphorismus, u.a. in den Zss. Die Wage und ab 1906 in der Zs. Die Muskete. 1907 folgte sein in Indien angesiedeltes Drama Die Frau des Raja; 1908 die Komödie Wenn zwei dasselbe tun, die auch im Theater in der Josefstadt aufgeführt wurde.

Ab 1910 war W. auch in der Ztg. Der Morgen mit feuilletonist. Texten vertreten und auf die Residenzbühne kam sein Prolog als Vorspiel zu Dymows Schauspiel Treue im Okt.-Nov. zur Aufführung. 1911 erschien seine literaturkrit. Aufsatzsammlung Kritische Miniaturen; 1913 war auf der Residenzbühne sein Einakter Schwert und Spindel zu sehen. Für O. Straus‘ Singspiel Die himmelblaue Zeit (1914) verfasste er das Libretto. Während des Ersten Weltkrieges hielt sich Wertheimer vorwiegend in Wien auf, nahm an Benefizveranstaltungen oder Lesungen teil, ist aber auch gelegentlich als Korrespondent für die Frankfurter Ztg. tätig, für die er, in österr. Ztg. nachgedruckt, u.a. den militär. Durchbruch bei Stryi im Juni 1915 schilderte. 1919 wurde Wertheimer, gemeinsam mit Julius Bittner, Rudolf Holzer u. R. v. Schaukal der Bauernfeldpreis für das jeweilige Gesamtwerk zuerkannt; ab demselben Jahr erschienen auch regelm. Beiträge von ihm in der Zs. Moderne Welt. Im März 1920 kam seine nicht unumstrittene aber das Publikum anziehende Goethe-Komödie Die Frau Rat zur Aufführung, die im Okt. auch in Linz gegeben wurde sowie im Mai 1921 am Salzbg. Stadttheater und im Feber. 1925 am Grazer Schauspielhaus sowie im Lauf der 1920er mehrmals an weiteren Wiener Bühnen. 1921-22 widmete sich W. auch wieder verstärkt der Literaturkritik in der NFP, u.a. Texten von Felix Braun, Selma Lagerlöf oder dem Roman Gespenster im Sumpf von K.H. Strobl. Auch 1923 kann mit den beiden Lustspielen Das blaue Wunder (UA im März 1923, auch als Radiospiel in der Regie H. Nüchtern 24.8.1928) sowie Menschen von heute (ED in 20 Fortsetzungen in der NFP Sept.-Okt., UA im Feb. 1924 im Dt. Volkstheater) als ertragreiches Jahr angesehen werden. Als Kritiker hob er v.a. E. Lothar u. dessen Roman Bekenntnis eines Herzsklaven (NFP, 11.11.1923,32f.) hervor sowie 1925 Max Brod, dessen Schauspiel Prozeß Bunterbart (Renaissancetheater) W. als gelungene Verbindung aus Kriminalstück und psychologischer Studie würdigte (NFP, 21.1.1925, 9-10). Tief beeindruckt zeigte sich W. auch von der Auff. von Paul Raynals Das Grabmal des Unbekannten Soldaten in der Renaissancebühne im Aug. 1926.

Ab 1925 betätigte sich W. gelegentlich auch als Filmkritiker für die NFP (z.B. Don Carlos-Verfilmungen betr., zum Schinderhannes-Film, 15.6.1928,13 oder zum Danton-Film, 17.2.1931, 31 sowie zum Tannenberg-Film, 3.9.1932, 8). Unter den zahlr. Bespr. 1926-27 in der NFP sind weiters von Beachtung jene zu Schnitzlers Gang zum Weiher (21.3.1926), die J.J. David-Würdigung (21.11.1926, 34-35), R. Dehmels Bekenntnisse (24.10.1926, 31-32) oder das Rilke-Porträt (4.1.1927,9-10) sowie die Bespr. der Galsworthy-Auff. Flucht/Escape im Dt. Volkstheater (15.2.1927, 10-11) und wohl auch die UA von Hofmannsthals Der weiße Fächer im Akademietheater (8.5.1927, 14). Seit Februar 1926 trat W. darüber hinaus regelmäßig als Verf. von Kurzbeitr. für Radio Wien in Erscheinung, meist im Zsgh. mit Lyrik-Themen oder Lyrik-Lesungen. Dagegen fand die Sammlung erotischer Ged. unter dem Titel Triumphzug des Eros (1926) kein nennenswertes Echo in der zeitgenöss. Kritik. Als eines der „stärksten jüngeren […] Talente Rußlands“ begrüßte W. 1928 die von O. Halpern übertragene dt. Ausgabe des Romans Zement von F. Gladkow, die anzeigt, dass Wertheimer auch Texten, die sich der Russ. Revolution u. deren Folgen stellten, gerecht zu werden verstand. Auch die medial innovativen Elemente (z.B. Filmmontagen) des US-Schauspiels Ist Robert Parker schuldig? von E. Rice (dt. von A. Friedmann) stießen im Zuge der Auff. im Carltheater auf W.s. Interesse (NFP, 2.12.1928,20); ebenso die Komödie Grand Hotel Nevada von F. Langer (NFP, 10.4.1929, 8-9). 1930 kam sein Schauspiel Stadtpark zur Aufführung, das vom Kritiker der NFP freundlich aufgenommen, von O.M. Fontana im Tag hingegen als „Irreführung der Schauspieler und des Publikums“ vernichtet wurde. Neben Aufführungsbesprechungen, z.B. zu Hofmannsthals Frau ohne Schatten oder Lernet-Holenias „amoralische“ Komödie Lauter Achter und Neuner (24.12.1931,8) und Felix Brauns Tantalos-Drama (1.5.1932,15) widmete sich W. 1931-32 auch englischen u. französischen Werken wie z.B. A. Maurois‘ Roman Berhard Quesnay (1.2.1931,30)  sowie Goethe- und Nietzsche-Ausgaben und Würdigungen (z.B. G. Hauptmanns, 1.7.1932,10 bzw. 12.10.1932,8) in seinen Kritiken für die NFP bzw. in seinen Beiträgen für Radio Wien (z.B. über M. Brod im Jänner 1932). Ab 1933 verfasst W. deutlich weniger Kritiken für die NFP, z.B. 1934 eine zu K. Hamsuns Segen der Erde (9.8.1934), zu R. Michels Roman Burg der Frauen (9.9.1934) sowie eine M. Brod-Würdigung (7.6.1934) oder zu G. Hermanns im Exil ersch. späten Roman Rosenmil (29.9.1935, 29). In der Bühne (H.411, 2-5) erscheint 1935 schließlich noch eine ausgreifende Tolstoi-Würdigung.


Weitere Werke (Auswahl)

Neue Gedichte (1904); Im Lande der Torheit (Ged. 1910); Die Musterkinder (Schwank, 1911); Der Brand der Leidenschaften (Novellen, 1914), Der Sensationsprozeß (Komödie 1916, UA 1918); Das war mein Wien (1920); Alt-Wiener Theater (Hg., 1921); Plakate (1929); Respektlose Geschichten (Novellen 1930), Erinnerungen an Hofmannsthal (1930), Welt- und Weiberspiegel (1931)

Quellen und Dokumente

Die Kunst zu leben. In: Der Morgen, 20.2.1911, S. 1-3, Der Durchbruch bei Stryi. In: Grazer Volksblatt, 25.6.1915, S. 1, Die Frau Rat. In: Der neue Tag, 1.4.1920, S. 5, K.H.Strobl: Gespenster im Sumpf. In: NFP, 17.4.1921, S. 32-33, E. Lothar: Menschen von heute. In: NFP, 12.2.1924, S.1-3, Don Carlos im Film. In: NFP, 6.1.1925, S.14, A. Schnitzlers neues Drama: Der Gang zum Weiher. In: NFP, 21.3.1926, S. 27-28, Der Triumphzug des Eros. (Ankündigung) In: Moderne Welt. H.22, 1926, S. 29, Zement. Roman von F. Gladkow. In: NFP, 10.6.1928, S. 28, [Holze]r: Zur Uraufführung von P. Wertheimers „Der Stadtpark“. In: NFP, 25.2.1930, S. 14, o.m.f(ontana): Stadtpark. In: Der Tag, 25.2.1930, S. 7, Erinnerungen an Hofmannsthal. (Rez. R. Holzer) In: NFP, 24.12.1930, S. 7-8.

Literatur

J. Sonnleitner: Wertheimer, Paul. In: Killy Literaturlexikon. 2. Aufl. Bd. 12. Berlin-Boston 2011, 355.

(PHK)

geb. 21.3.1886 in Deutsch-Brod/Havlíčkúv Brod (Böhmen) – gest. am 11.5.1975 in Hall i. Tirol; Dr. phil. Mittelschullehrerin, Autorin, Journalistin, Redakteurin

„Wenn man Josefine Widmar an ihrer Arbeitsstätte aufsucht – einer sehr großen und sehr mühereichen Arbeitsstätte, in der Redaktion einer der ersten Zeitungen Wiens – dann hat man augenblicklich den unverkennbaren Eindruck einer Persönlichkeit“, ist 1936 in einer der raren biografischen Notizen zu J.W. in der ZS Radio-Wien gelegentlich einer ihrer zahlreichen Radio-Auftritte zu lesen: „Zuerst das Studium, Erlangung des Doktorgrades, dann Tätigkeit als Mittelschullehrerin“ werden als die ersten Lebensstationen „dieser Sudetendeutschen“ in Wien genannt, denen die Mitarbeit als Redakteurin bei der Tageszeitung Reichspost nachfolgt (Radio-Wien 20.3.1936, S. 8f.). Beiträge v. W. erschienen erstmals 1919 in dieser maßgebenden kath. Tageszeitung, für deren Feuilleton-Teil sie gemeinsam mit Hans Brecka verantwortlich zeichnete: In einem weiteren Radio-Wien-Beitrag wird 1933 auf ihre bereits dreizehn Jahre andauernde Tätigkeit als Reichspost-„Feuilleton-Redaktrice“ hingewiesen. W., die auch in der Zeitschrift Schönere Zukunft (vgl. Kogler) bzw. Der Kunstgarten, dem Organ der kath. Kunststelle, Beiträge zur Veröffentlichung brachte, war im konservativ-katholischen (Presse-)Spektrum behaust. In ihren journalistischen Arbeiten widmete sie sich schwerpunktmäßig dem Themenfeld („Neue“) Frau, v.a. den (politischen) Aufgaben der Frauen und deren (spezifischen) Rechten u. Pflichten, Frauenberufstätigkeit, Mädchenerziehung u.ä.; so polemisierte sie etwa u.d.T. Falsche Wege der Mädchenerziehung (Reichspost 17.5.1919) gegen den sogenannten Glöckel-Erlaß, gegen Koedukation an Gymnasien – und damit gegen die Agenden des Roten Wien. Laut Castle, der W. in seiner kompendiösen Deutsch-Österreichischen Literaturgeschichte von 1937 jener durch „das christliche Lebensgefühl“ geeinten „Gruppe von Schriftstellern“ zuschlug, die „in einem betont katholischen, übervölkisch gerichteten, selbständigen Staat Österreich die Erfüllung ihres Lebensideals [erkennt]“, widmete sich W. auch als Romanautorin vorzüglich der „Frauenfrage“, namentlich der „Problematik der Kameradschaftsehe (‚Die Kameradin‘ 1930 und ‚Eheprobe‘ 1932)“ (S. 1496 bzw. 2261f.). Seitens der Reichspost wurde man nicht müde auf W.s Verdienste bzw. Erfolge als Schriftstellerin hinzuweisen: R. Henz äußerte sich nachgerade hymnisch zum „Frauenroman“ Die Kameradin und R. List würdigte Eheprobe als Weiterführung der von W. „gewissermaßen“ begründeten „neuen Form des katholischen Zeitromans“ („Synthese journalistischen Scharfblicks und erzählerischer Tiefe“). Einer 1932 veröffentlichten „Umfrage bei Wiener Buchhandlungen“ zufolge rangierte W. unter den maßgebenden, gerne gelesenen katholischen und österreichische AutorInnen (als Alternative zu „gesinnungsfremde[n] Autoren“; Reichspost 18.12.1932), insbesondere mit dem als eine Art kath. (Frauenlit.-)Kassenschlager gehandelten Roman Die Kameradin, der, da „acht Wochen nach seinem [ersten] Erscheinen vergriffen[en]“, bereits im Oktober 1930 in zweiter Aufl. bei Tyrolia (Innsbruck) veröffentlicht wurde (Reichspost 17.10.1930) und für den Anfang 1931 die Übersetzungsrechte vom holländischen Verlag Het Nederlandsche Boekhuis erworben wurden: „ein schöner Erfolg eines katholischen Zeitromanes“ (Reichspost 1.2.1931). V.a. als Beitrag zur „Frauenfrage“ wurde zeitgenössisch auch Drei gehen aus dem Parlament (1931) gehandelt: als „Mahnung […], daß es zwar das gute Recht der Frauen ist, sich wie Männer politisch zu betätigen, daß aber das wahre Glück der Frau, ihr eigentlicher Lebensberuf die Familie, die Häuslichkeit bildet“. Schließlich handle es sich bei der „Hauptperson“ um „die geschiedene Gattin eines Salzburger Hofrates, die nun als Frauenrechtlerin und Abgeordnete in Wien wirkt“, um sich nach mannigfachen „Enttäuschungen“ wieder mit ihrem Gatten zu versöhnen (Volksfreund 8.8.1931). Der „Zeitroman“ wurde aber auch als Fortführung der „von Edith Salburg […] gepflegte[n] Gattung des österreichischen politischen Romans“ rezipiert (Castle, S. 1496 bzw. 2262), etwa von R. Hohlbaum, demzufolge W. v.a. „ein[en] tiefe[n] Pessimismus, die Erkenntnis, daß unser ganzes politisches Leben einer Reform bedarf, daß oft die Besten, wenn schon nicht ‚aus dem Parlament gehen‘, so doch nur mit verbissenem Pflichtbewußtsein, ohne Hoffnung und Freude auf ihrem Platz bleiben, keiner Zukunft gewiß“, gestaltet habe. Als „one of the literary precursors of fascism“ rief Jo Catling 2000 W.s ‚Zeitroman‘ jedenfalls in Erinnerung (vgl. S. 140) – ein Befund, der sich unschwer auf die Autorinnen-persona ausdehnen lässt: 1933 war W. in dem DICHTERBUCH. Deutscher Glaube, deutsches Sehnen und deutsches Fühlen in Österreich, einer im Nahverhältnis zum Nationalsozialismus bzw. zur (illegalen) NS-Bewegung in Österreich stehenden Adolf Luser Verlag verantworteten Anthologie, neben R.H. Bartsch, F.K. Ginzkey, R. Greinz, P. Grogger, E.v. Handel-Mazzetti, R. Hohlbaum, R.v. Kralik, M. Mell, A. Müller-Guttenbrunn, H.H. Ortner, J.F. Perkonig, A. Petzold, K. Schönherr, E. Spann-Rheinsch, H. Stiftegger (d.i. Hans Brecka), D. Stockert-Meynert, K.H. Strobl, A.v. Trentini, K.H. Waggerl, J. Weinheber, A. Wildgans, G. Zernatto u.a. vertreten: ein „‚arisches‘ Großwerk […] mit Beiträgen (Prosa und Lyrik) von 65 Autoren, alle der ‚deutschen Rasse‘ zugehörig“ (Hall). Fabris/Hausjell führen W. als eine jener kath. AutorInnen, die 1938 „mit fliegenden Fahnen ins Lager der Nationalsozialisten über[gelaufen sind]“ (Fabris/Hausjell). Die „fromme Frau Widmar“, deren „Enunziationen“ seitens der soz.dem. Presse als pars pro toto für „den sonstigen Konjunkturkram der Reaktion“ (O[tto] K[önig]: Gesprochener Funk. Arbeiter-Zeitung 4.12.1933, S. 5) gehandelt wurden, hatte im ersten Hj. 1933 einen – so der Titel eines ihrer Reichspost-Beiträge – „Kehraus auf dem deutschen Parnaß“ (Reichspost 12.4.1933) und damit auch die Bücherverbrennungen (vgl. Reichspost 17.5.1933) begrüßt.


Quellen und Dokumente

Rudolf Henz: „Die Kameradin“. Vorwort zu einem Frauenroman. In: Reichspost (23.5.1930), S. 2f.; N.N.: Neuerscheinungen auf die Gebiete der katholischen Literatur. In: Reichspost (17.10.1930), S. 7; N.N.: Holländische Uebersetzung eines Wiener Romans. In: Reichspost (1.2.1931), S. 7; Robert Hohlbaum: „Drei gehen aus dem Parlament.“ In: Neues Wiener Tagblatt (4.7.1931), S. 25; N.N.: Die Frau im öffentlichen Leben. In: Volksfreund (8.8.1931), S. 5; Rudolf List: „Eheprobe.“ Zu einem neuen Roman von Josefine Widmar. In: Reichspost (13.5.1932), S. 6; N.N.: Man schenkt wieder Bücher. Aus einer Umfrage bei Wiener Buchhandlungen. In: Reichspost (18.12.1932), S. 12; Josefine Widmar. Eigenvorlesung am Sonntag, 26. November, 18.35 Uhr. In: Radio-Wien (24.11.1933), S. 6f.: O[tto] K[oenig]: Gesprochener Funk. In: Arbeiter-Zeitung (4.12.1933), S. 5.

Literatur

Eduard Castle (Hg.): Deutsch-Österreichische Literaturgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Dichtung in Österreich-Ungarn. Unter Mitwirkung hervorragender Facahgenossen nach dem Tode v. Johann Willibald Nagl u. Jakob Zeidler hg. v. E. Castle. Vierter Bd. Von 1890 bis 1918. Wien: Carl Fromme 1937. – Jo Catling: A History of Women’s Writing in Germany, Austria and Switzerland. Cambridge University Press 2000. – Hans Heinz Fabris/Fritz Hausjell: Die Vierte Macht. Zu Geschichte und Kultur des Journalismus in Österreich seit 1945. Verlag für Gesellschaftskritik 1991. – Murray G. Hall: Adolf Luser Verlag (Eckardt-Verlag Adolf Luser, Wiener Verlagsges.m.b.H.) (Wien-Leipzig). (Online unter). Nina Kogler: GeschlechterGeschichte der Katholischen Aktion im Austrofaschismus. Wien: LitVerlag 2014. – Deutsches Literatur-Lexikon. Biographisch-bibliographisches Handbuch. Begründet von Wilhelm Kosch. Dritte, völlig neu bearb. Auflage. 31. Bd.: Werenberg-Wiedling. Berlin-Bosten: de Gruyter 2012.

(RU)

eigentl.: Alexandrine Martina Weisl, geb. am 10.2.1882 in Wien als Alexandrine Martina Schnabl – gest. am 25.1.1957 in Wien; Schriftstellerin, Exilantin, Remigrantin.

Die einzige Tochter der schriftstellerisch tätigen Mutter Jenny und des Richters Joseph Schnabl fing bereits während ihrer Schulzeit an, Lyrik zu schreiben u. veröffentlichte ab 1898 unter dem Ps. M. Wied Texte in Zs. wie Die Gesellschaft, Simplizissimus u.a.m. Nach abgelegter Matura absolvierte sie eine Ausbildung zur Lehrerin für Bürgerschulen. Danach immatrikulierte sie an der Univ. Wien und studierte dort Philosophie u. Kunstgeschichte. Dabei lernte sie Felix Braun u. F. Th. Csokor kennen, denen sie lebenslang freundschaftl. verbunden blieb. 1910 konvertierte sie zum Katholizismus u. heiratete den Textilchemiker Sigmund Weisl (gest. 1930). Ebf. 1910 wurden erstmals Gedichte von ihr öffentl. im Zug eines Rezitationsabends des Hofschauspielers Ferdinand Gregori im Volksbildungshaus Stöbergasse (Wien) vorgetragen (NWTBl., 14.2.1910, 10). Seit 1912 war sie Mitarbeiterin der Zs. Der Brenner u. kam mit L. v. Ficker, Karl Dallago, Ferdinand Ebner u.a. in Kontakt. So veröffentlichte sie Gedichte in H. 17/1913 neben P. Altenberg, K. Dallago u. G. Trakl. 1919 erschien im Strache Verlag ihr erster Gedichtband Bewegung und 1921 wurde sie mit drei Gedichten in die Anthologie Die Botschaft als einzige Frau neben E. Janstein aufgenommen. 1922 las sie, wieder im Volksbildungshaus, Szenen aus einem unvollendet gebliebenen Revolutionsdrama Heliodor und die Gefangenen (AZ, 2.2.1922,8) und  bot ab April einen Vorlesungskurs zum europäischen Roman des 19. Jahrhunderts, ab Okt. einen über Balzac, an. 1924 wurde ihr, neben R. Billinger, W. Eidlitz, M. Mell, R. Musil und O. Stoessl der Preis der Stadt Wien zuerkannt, wobei insbes. das im Manuskript eingereichte Bühnenwerk Der Spielberg dafür maßgeblich war, das im Rahmen des Musik- und Theaterfestes der Stadt Wien im Sept. 1924 im Raimundtheater zur Aufführung in der Inszenierung durch R. Beer vorgesehen war.

1927 druckte die AZ die Novelle Ein Störenfried ab; im selben Jahr trat sie Reisen an, die sie bis 1928 nach Lodz und danach nach Frankreich, Italien und England führten. 1929 las sie in der Volkshochschule Ottakring und die AZ druckte die mehrteilige Novelle Das unruhige Herz im Mai dess. Jahres in 10 Folgen ab. 1930 reichte sie das Romanmanuskript Das Asyl zum obdachlosen Geist beim Preisausschreiben des E. Diederich-Verlags ein und kam dabei, neben H. Broch, in die engere Auswahl (Tages-Post, 5.7.1930, 7). Im Mai 1932 hatte sie ihre erste, von O. Stoessl eingeleitete, Eigenlesung von eigenen Werken; 1933 folgte eine von ihr mitgestaltete Gedenksendung für Paul Ernst. Im Linzer Tagblatt erschien die ›russische‹ Legende Aller Geschöpf – aller Herrin. 1934 rezensierte sie den Stoessl-Band Arkadien in der NFP (1.2.1934, 24), im Sept. 1934 P. Ernsts Tagebuch eines Dichters. 1935 schrieb sie an ihrem Roman Rauch über Sanct Florian oder die Welt der Mißverständnisse, der 1936 dann erschien. Ende August 1937 präsentierte L. Liegler die Autorin nochmals (nach 1932) in Radio Wien. Am 10.3.1939 emigrierte sie nach London und arbeitete dort an verschiedenen Institutionen des österreichischen (Free Austrian Movement) und deutschen Exils (Freier Deutscher Kulturbund) sowie ab 1940 als Lehrerin an verschiedenen koedukativen Mädchenschulen, u.a. auch in Schottland. Ab 1946 knüpfte sie wieder, in Form von Beiträgen über engl. Literatur für österr. Zeitungen (Wiener Ztg.), Kontakt mit Wien/Österreich und kehrte 1947 nach Wien zurück. Wied erhielt 1952 als erste Schriftstellerin den Großen österr. Staatspreis.


Weitere Werke

Spuk (1920); Das Einhorn. Aus dem Tagebuch eines schottischen Malers in Italien (1948); Kelingrath. Roman (1950); Das Krähennnest. Begegnungen auf verschiedenen Ebenen. Roman (1951); Die Geschichte des reichen Jünglings. Roman (1952); Brücken ins Sichtbare. Ausgewählte Gedichte 1912-1952 (1952).

Quellen und Dokumente

Unser guter Kaiser. In: Salzburger Wacht, 12.1.1924, S. 9, Otto Stoessl. (Zu seinem fünfzigsten Geburtstag.). In: Arbeiter-Zeitung, 4.5.1925, S. 4, Ein Störenfried. In: Arbeiter-Zeitung, 14.8.1927, S. 18f., Das unruhige Herz. In: Arbeiter-Zeitung, 11.5.1929, S. 20, Aller Geschöpf – aller Herrin. In: Tagblatt, 23.4.1933, S. 21f., Tramp. In: Die Bühne (1936), H. 424, S. 1f., Die Mitzi. In: Die Bühne (1936), H. 437, S. 21f., Die beiden letzten Romane Aldous Huxleys. In: Wiener Zeitung, 17.9.1946, S. 4.

Verlangsanzeige zu Bewegung. In: Buchhändler-Correspondenz, 12.11.1919, S. 689, Die Kunstpreise der Stadt Wien für das Jahr 1924. In: Wiener Zeitung, 2.5.1924, S. 6, Das Theaterfest. In: Der Tag, 3.8.1924, S. 11, Ankündigung einer Radiolesung. In: Radio Wien, 27.5.1932, S. 42, Leopold Liegler: Martina Wied. In: Radio Wien, 27.8.1937, S. 5.

Literatur

Hanns Winter: Martina Wied. In: Wort in der Zeit 3(1957), 257-262; Karl-Markus Gauß: Versuch über Martina Wied. In: iwk-Mitteilungen 2(1987): Österreichische Exilliteratur, 41-45; Audrey Milne: A Hard Life: Martina Wied in Exile. In: German Life and Letters 3(1992), 239-243; Siglinde Bolbecher, Konstantin Kaiser: Martina Wied. In: Diess. (Hgg.): Lexikon der österreichischen Exilliteratur (2000), 696-697; Evelyne Polt-Heinzl: Am Rand der Peripherie. In: Wiener Zeitung 2002 (Online verfügbar).

(PHK)

geb. am 9.1.1870 in Tarnok bei Budapest – gest. am 10.7.1937 in Hollywood; Journalist, Schriftsteller

Wegen schlechter Leistungen nach dem dritten Gymnasium in Wien ausgeschult, absolvierte W. eine Lehre zum Kaufmann und besuchte später Vorlesungen zu Nationalökonomie, Geschichte und Philosophie (ohne Abschluss). Seine Laufbahn als Journalist begann er beim 1893 gegründeten Neuen Wiener Journal; früh schloss er sich der Sozialdemokratischen Partei an und trat bereits mit 1.1.1895 in die Redaktion der nun täglich erscheinenden Arbeiter-Zeitung(AZ) um Victor Adler ein. W., bald Leiter der Lokalredaktion, sorgte mit v.a. Reportagen aus dem Alltagsleben von Proletariern und Obdachlosen für Aufsehen, die auch in Buchform (u.a. Im dunkelsten Wien 1904, Das goldene Wiener Herz 1908) erschienen. In der Chemnitzer Volksstimme formulierte W. 1914 unter dem Titel Die Lokalredaktion seine journalistische Programmatik, die auch auf Egon Erwin Kisch prägend wirkte.

Nach der ersten Kandidatur für den Gemeinderat 1908 zog W. 1911 für die SDAP in den Reichsrat ein und gehörte der Provisorischen Nationalversammlung 1918/19 an. 1919 wurde er zum Wiener Vizebürgermeister gewählt und wirkte 1919/20 als Vorgänger des das „Rote Wien“ prägende Julius Tandler als Stadtrat für Wohlfahrtswesen. 1923 aus dem Gemeinderat ausgeschieden, war W. 1925-33 Mitglied des Bundesrates. Er gehörte dem Verein Freie Schule ebenso wie den 1908 von Anton Afritsch in Graz begründeten Kinderfreunden an, deren Reichsobmann W. 1917 wurde. Als Stadtrat richtete er in einem Trakt des in den Besitz der Republik übergegangenen Schloss Schönbrunn ein Kinderheim ein und betätigte sich u.a. bei der Gründung des Verlags Jungbrunnen und des Wiener Jugendhilfswerks. 1925 wurde er Obmann der Kinder-Internationale.

Im Wahlkampf 1923 fungierte W. als maßgeblicher Impulsgeber für die Gründung der Frauenzeitschrift Die Unzufriedene, deren Redaktion er führte. Neben W. publizierten dort u.a. auch Rudolf Brunngraber, Adelheid Popp und Marianne Pollak. Im gleichnamigen Verlag erschien die Reihe Wiener Groschenbüchel, in der wie in Die Unzufriedene ausgewählte Reportagen W.s neu abgedruckt wurden. W. verfasste aber auch Essays (u.a. zur Abtreibungsdebatte), Reiseberichte sowie neue Sozialreportagen. 1925/26 reagierte er auf einen Hirtenbrief des Wiener Erzbischofs Friedrich Gustav Piffl, der den Kinderfreunden „einen Mühlstein an den Hals“ wünschte, mit einer Spendenaktion, die in die Gründung von Kinderbibliotheken („Mühlstein-Büchereien“) mündete. Ein Filmprojekt, für das W. 1927 unter dem Titel Spaziergänge oder in der Unterwelt oder die Rose von der Treustraße. Ein Wiener Film ein Drehbuch verfasst hatte, wurde nicht realisiert.

Ab 1930 trat W. sukzessive von seinen Funktionen zurück. Drei Tage nach dem Februarkämpfen 1934 nutzte Winter die Einladung zu einer Vortragsreise in die USA zur Ausreise. Ende 1934 wurde er aus Österreich ausgebürgert. In Amerika schrieb er für die Neue Volks-Zeitung New YorkNew LeaderWorld Tommorow und Jewish Daily Forward, hielt Vorträge, verfasste Drehbücher und gründete mit der Californischen Korrespondenz und der Cosmopolitischen Korrespondenz Nachrichtenagenturen, konnte sich aber finanziell nur schwer über Wasser halten. Nach seinem Tod 1937 wurde er trotz fehlender Ankündigung unter großer Anteilnahme am Evangelischen Friedhof in Wien-Matzleinsdorf begraben.


Werke (Auswahl)

Eine g’sunde Person (Drama, mit Stefan Großmann, 1905), Bettelleut (1906), Soziales Wandern (1911/1925), Was wollen die Schul- und Kinderfreunde? (1923), Das Kind und der Sozialismus (1924), Die Religion der Liebe. Das Tagebuch einer Mutter (1926), Höhlenbewohner in Wien. Sittenbilder aus der Luegerzeit (1927), Die lebende Mumie – Ein Blick in das Jahr 2025 (utopischer Roman, 1929) [Online verfügbar]

Quellen und Dokumente

Ausgewählte Beiträge M. W.s nach 1918: Was wollen die Kinderfreunde? Eine Vortragsdisposition. In: Bildungsarbeit IX (1922), H. 5, S. 34f., Zwei Frauenschicksale. In: Arbeiter-Zeitung, 24.10.1922, S. 6f., Arbeitslose an der Arbeit. Ein Rundgang durch die Arbeitslosenschulen. In: Arbeiter-Zeitung, 29.1.1924, S. 6, Sarg oder Kerker. In Not und Tod hineingebären. – Die sozialdemokratischen Ärzte gegen den § 144. In: Die Unzufriedene, 7.6.1924, S. 2, Erinnerungstage aus dem Leben der Arbeiter-Zeitung. Und Geschichten, die sich daran knüpfen. In: Arbeiter-Zeitung, 1.1.1925, S. 19f., Zum Tode Hugo Bettauers. In: Die Unzufriedene, 11.4.1925, S. 2f., Ein sozialistischer Kulturbund. In: Die Unzufriedene, 27.2.1926, S. 1f., Unsere Adelheid [Zum 60. Geburtstag Adelheid Popps]. In: Die Unzufriedene: 9.2.1929, S. 1f., Zehn Jahre „Unzufriedene“. In: Die Unzufriedene, 12.11.1933, S. 2f.

N.N.: „Der verdiente, daß man einen Mühlstein an seinen Hals hängte“. In: Die Unzufriedene, 16.1.1926, S. 1f., Adelheid Popp: M. W. 60 Jahre. In: Die Unzufriedene, 4.1.1930, S. 3, Wilhelm Reimer: Kinderbibliotheken. In: Die Unzufriedene, 17.10.1931, S. 3f., N.N.: Genosse M. W. gestorben. In: Arbeiter-Zeitung, 7.8.1937, S. 8.

Verzeichnis aller Beiträge in Die Unzufriedene bei Ariadne.

Teilnachlass in der Wienbibliothek im Rathaus.

Literatur (Auswahl)

Ulrike Oedl: Winter, Max. In: Siglinde Bolbecher, Konstantin Kaiser (Hg.): Lexikon der Österreichischen Exilliteratur. Wien: Deuticke 2000, S. 701-703 [Online verfügbar], Stefan Riesenfellner: Der Sozialreporter. Max Winter im alten Österreich. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik 1987, Helmut Strutzmann: Wer war Max Winter? In: Max Winter: Das schwarze Wienerherz. Sozialreportagen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Wien: Jungbrunnen 1982, S. 9-26, Anton Tesarek: Max Winter. In: Norbert Leser (Hg.): Werk und Widerhall. Große Gestalten des österreichischen Sozialismus. Wien: Verlag der Wiener Volksbuchhandlung 1964, S. 447-452 [Online verfügbar].

(ME)

geb. am 16.10.1839 in Ulm – gest. am 6.2.1923 in Wien; Schriftsteller, Journalist, Librettist

In Ulm und Stuttgart aufgewachsen, besuchte W. das Evangelisch-Theologische Seminar in Blaubeuren, ehe er in Tübingen Philosophie inskribierte. 1860 zog er nach Paris, brach eine Banklehre dort jedoch rasch ab und widmete sich fortan dem Journalismus. W. verfasste bald Kritiken für verschiedene Pariser Blätter und wurde 1869 Korrespondent der Wiener Neuen Freien Presse(NFP). Nach dem deutsch-französischen Krieg zur Ausreise gezwungen, nahm W. 1872 eine Stelle als Redakteur der NFP in Wien an und konnte sich zusehends als bedeutender bürgerlicher Feuilletonist etablieren. Als Korrespondent wirkte W. u.a. für das Journal de St. Petersbourg, den Figaro und die Breslauer Morgenzeitung. Anfang Februar 1906 trat er nach intensiver Zusammenarbeit, die etwa in der Veröffentlichung eines Buches zu Friedrich Schiller führte, die Nachfolge Ludwig Speidels als Burgtheaterreferent der NFP an.

In seiner journalistischen Tätigkeit positionierte sich W. in seine Kritiken und Feuilletons als Vermittler zwischen deutschsprachiger und französischer Literatur. Ab 1883 mit der Sängerin und Schauspielerin Helene Weinberger verheiratet, engagierte sich W. zunehmend am Theater und verfasste drei Bühnenstücke sowie zahlreiche Opernlibretti, mit Oskar Blumenthal, Gustav Davis, Theodor Herzl und Alois Wohlmuth und vor allem mit Julius Bauer.

In Kriegstagen fungierte W. neben Herausgeber Moriz Benedikt als Sprachrohr der NFP anlässlich ihres fünfzigjährigen Bestehens (siehe NFP, 1.9.1914, S. 8) und konnte seine Bedeutung in der bürgerlichen Öffentlichkeit auch im hohen Alter behaupten. Neuerlich gemeinsam mit Bauer trat W. auch nach dem Ersten Weltkrieg mit zeitkritischen Libretti in Erscheinung, so bei der von der Roten Garde gestörten Aufführung von Der Kongreß tanzt (1918) wie auch bei Der Hofnarr (1920), Die sieben Schwaben und Das Sonntagskind (beide 1922).

W.s Geltung veranschaulichen die ausführlichen Reaktionen auf sein Ableben im Februar 1923. Die NFP veröffentlichte neben umfänglichen Nachrufen ein Schreiben Bundeskanzler Ignaz Seipels, die Wiener Zeitung würdigte W. als prägenden Vertreter des Wiener Feuilletons sowie eine der „besten, erlesensten und verehrtesten Persönlichkeiten des Wiener Schrifttums“ (Wiener Zeitung, 7.2.1923, S. 5). Rudolf Holzer prägte 1926 im Neuen Wiener Journalanlässlich einer von Hermine Cloeter besorgten Auswahlausgabe das Bild W.s als Lehrmeister der bürgerlichen Feuilletonisten zwischen den Kriegen, in einem programmatischen Beitrag in der Vossischen Zeitung adelte Hermann Bahr ähnlich wie Edmund Wengraf als Präsident des Schriftstellerclubs Concordia W. als „letzte[n] Klassiker des Wiener Feuilletons“.


Werke

Musikalische Momente. Geschichten und Erinnerungen (1879), gem. mit Ludwig Speidel (Hg.): Bilder aus der Schillerzeit. Mit ungedruckten Briefen an Schiller (1884).

Quellen und Dokumente

Beiträge H. W.s: Wenn sie einmal sich vergaß … In: Neue Freie Presse, 7.4.1912, S. 1-5, Im fünften Jahr der Ehe. In: Neue Freie Presse, 25.12.1913, S. 1-5, Der junge Heine. In: Neue Freie Presse, 16.6.1914, S. 1-4, Wiener Festtage. In: Neue Freie Presse, 23.5.1920, S. 1-4, Die Flucht vor dem Kinde. In: Neue Freie Presse, 25.12.1921, S. 1-3,

g.f.: H. W. In: Neues Wiener Tagblatt, 7.2.1923, S. 6, H-r: H. W. In: Wiener Zeitung, 7.2.1923, S. 5Raoul Auernheimer: H. W. In: Neue Freie Presse, 8.2.1923, S. 1-3, N.N.: Das Ehrengrab für H. W. Enthüllung des Grabdenkmals von Edmund Hellmer. In: Neue Freie Presse, 31.10.1924, S. 6f., Hermann Bahr: Das Feuilleton. In: Das Unterhaltungsblatt der Vossischen Zeitung, 15.1.1926, Rudolf Holzer: H. W. als Erzieher. In: Neues Wiener Journal, 31.3.1926, S. 3f.

Literatur

Ruth Esterhammer: Kraus über Heine. Mechanismen des literaturkritischen Diskurses im 19. und 20. Jahrhhundert, S. 343 (2005), Peter Leisching: Hugo Wittmann. Prosopographie eines eingewienerten Schwaben pariserischer Prägung. In: Sigurd Paul Scheichl, Wolfgang Duchkowitsch (Hg.): Zeitungen im Fin de siècle, S, 197ff. (1997), Constantin von Wurzbach: Wittmann, Hugo. In: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. 57. Theil. Kaiserlich-königliche Hof- und Staatsdruckerei, Wien 1889, S. 167 [Digitalisat]

Christian Fastl: W., H. Eintrag im Musiklexikon der ÖAW (2001).

(ME)

Geb. 18.4.1881 in Wien, gest. 16.8.1963 in New York; Architekt, Designer, Exilant

Biographie siehe: Architekturzentrum Wien – Architektenlexikon: Wlach.

(in Vorbereitung)

Geb. 27.1. 1862 in Eger/Cheb, Böhmen, k.k. Österreich-Ungarn, gest. 11.6.1941 in Wien. Burschenschafter, Journalist, Redakteur, Abgeordneter zum Reichsrat, Mitglied der deutschösterreichischen Nationalversammlung 1918-1919, Antisemit.

Wolf, der bereits in seiner Studienzeit in Prag als Gründer mehrerer burschenschaftl. Verbindungen mit deutschnationaler Ausrichtung hervorgetreten war, entwickelte sich, zunächst unter Förderung durch Georg v. Schönerer, zu einem rhetorisch forschen Exponenten der deutschnationalen Politik im Kontext der deutsch-tschechischen Sprachen- und Nationalitätenkonflikte der späten 1890er Jahre. Dabei trat er offensiv gegen die Sprachenverordnung des Min.Präs. Badeni (1897) auf, forderte diesen auch zum Duell, in dem er ihn verletzte. Ebf. in den 1890er Jahren trat er in die Redaktion deutschnationaler Ztg. Wie z.B. das Deutsche Volksblatt sowie Ostdeutsche Rundschau ein, deren Mitbegründer (mit finanzieller Unterstützund durch Schönerer) er war. Aus letzterer wurde er, nachdem er sich von Schönerer schon vor 1907 abgespaltet hatte, später wegen Korruptionsverdacht von Schönerer fallengelassen, 1920 auch definitiv entlassen, d.h. ‚abgefunden‘ (WMZ, 1.6.1920). Anfang 1918 firmierte Wolf als Mitunterzeichner eines Aufruf an die Deutschen Österreichs, in dem harsche Durchhalteparolen verbreitet sowie sämtliche Befürworter eines Separatfriedens verunglimpft wurden. Die Arbeiter-Zeitung veröffentlichte dazu den Kommentar Darbendes Volk, denk‘ daran!, gegen den Wolf u.a. Mitunterzeichner Klage wegen übler Nachrede einbrachten, die zu einer Verurteilung des AZ-Chefredakteurs Friedrich Austerlitz im Mai 1918 führte (NFP, 23.5.1918,10). Noch vor Ende des Weltkrieges vollzog Wolf eine weitere Wende hin zur rabiaten Form eines rhetorischen Deutschnationalismus, der selbst unter ehemaligen Weggefährten wegen ihrer antisemitischen Ausfälle, die u.a. auch die „stramm deutsche“ Ausrichtung zahlreicher böhmischer jüd. Intellektuelle (I. Kuranda z.B.) einschloss, Kritik nach sich zog (vgl. anonymer Beitrag im NWJ, 14.7.1918, 2). In der Provisorischen Nationalversammlung trat Wolf (fast erwartungsgemäß) als antisemitischer Redner und als Befürworter der konsequenten Ausgrenzung der ostjüdischen insbes. nach 1915 nach Wien geflüchteten bzw. zugezogenen Bevölkerung in Erscheinung (Jüdische Korrespondenz, 14.11.1918,1). Nach seinem Ausscheiden als Abgeordneter, versuchte es Wolf im Mai 1919 mit einer Kandidatur zum niederösterreich. Landtag, mit der er scheiterte, weshalb er sich verbittert aus dem politischen Leben (vorübergehend) zurückzog, – um „30 Jahre zu spät“, wie ein Kommentar im Neuen Wiener Journal (NWJ, 23.5.1919,S. 8) anmerkte. Auch die Idee einer Kandidatur zum czechoslowak. Parlament scheiterte rasch (Linzer Tagespost, 14.1.1920, S. 5). Daraufhin versuchte er wieder verstärkt publizistisch tätig zu werden und übte, mangels schwindender Einkünfte, auch die Tätigkeit eines Versicherungsagenten in Nordböhmen aus. In den Folgejahren führten diese Umstände, verschärft durch eine Gehör-Erkrankung, zur Annäherung an die nationalsozialist. Bewegung, für die er ab 1923 auch als Agitator u. Redner auftrat, z.B. bei Radau-Kundgebungen (AZ, 23.10. 1924; WMZ, 24.10.1924, 3) oder in der Kampagne gegen die „Entartung des Kunstwesens“ (WMZ, 21.12.1924, 5). Karl Tschuppik erwähnte ihn in seinem Feuilleton Der heroische Trottel (im Zshg. mit einem Wiener Mordprozess) im Prager Tagblatt als Modell für einen in Worthülsen lebenden, kranken Menschen. In den weiteren 1920er Jahren betätigte sich Wolf auf verschiedensten deutschnationalen und ‚deutscharischen‘ Treffen und diente sich als „Stiefelputzer“ auch Starhemberg und der Heimwehr an (Tagblatt, 12.9.1929, S. 1). 1932 erschienen, meist kritisch-distanziert, noch einige Erinnerungsartikel anlässlich seines 70. Geburtstages zahlreichen Zeitungen; 1933 trat er überraschenderweise wieder als Herausgeber einer – von den Nazis – finanzierten Zeitung, in Erscheinung (AZ, 23.6.1933, S.4; WAZ, 24.6.1933, S. 3). 1937 war er als ‚Ehrengast‘ bei Adolf Hitler, 1938 ‚kandidierte‘ er, so der Völkische Beobachter vom 8.4.1938, auf der „Liste des Führers“.

Materialien und Quellen:

Eintrag bei Metapedia (inkl. ‚Würdigung‘ seines Andenkens): hier.

N.N.: Darbendes Volk, denk‘ daran! In: AZ, 11.3.1918, S. 3; Die Ost-Deutsche Rundschau erscheint wieder. In: Wiener Morgenzeitung, 1.6.1920, S. 3; N.N.: Hakenkreuzlerkrawalle auf dem Alsergrund. In: AZ, 23.10.1924, S. 5; K.M. Wolf und G. Tschan. Der Apostel der Sittlichkeit. In: Wiener Morgenzeitung, 21.12.1924, S.5; N.N.: Wiedersehensfest der deutscharischen Gurken. In: Arbeiterwille, 8.7.1928, S. 3-4; K.H. Wolf. In: Wiener Allgemeine Zeitung, 24.6.1933, S. 3; K.H. Strobl: K.H. Wolf zu seinem Geburtstag. In: Völkischer Beobachter, 27.1.1940, S. 4.

(PHK)

geb. am 14.10.1871 in Wien – gest. am 15.3.1942 in Larchmond/N.Y. (USA); Komponist

Der Sohn eines zum sephard. Judentums übergetretenen vormals kathol. Angestellten, Schriftstellers u. Journalisten kam bereits im frühen Kindesalter mit der (Haus)Musik in Berührung. Seine Schulausbildung absolvierte er in der sephardischen Schule Midrasch Eliahu in der Novaragasse (2. Bez.) u. wechselte nach zwei Jahren in die öffentl. Volksschule. Als knapp 13jähriger wurde er in das Konservatorium d. Gesellschaft für Musikfreunde aufgenommen u. studierte dort Klavier u. Theorie, letzteres u.a. bei Robert Fuchs. 1887 erhielt er ein Rubinstein-Stipendium u. schloss seine Studien erfolgr. ab, um in den Folgejahren als Solist in Ersch. zu treten u. 1891 die erste Komposition im Musikverlag Breitkopf & Härtel (Leipzig) zu veröffentlichen. Seine symphon. Abschlussarbeit wurde im Konservatorium aufgeführt.

Wegen seiner geringen Körpergröße vom Militärdienst freigestellt konnte sich Z. voll dem Wiener Musikleben widmen. 1894 trat er in den Wiener Tonkünstlerverein ein, 1895 begr. er den Musikalischen Verein Polyhymnia, wo er Arnold Schönberg kennenlernte, dem er Privatunterricht erteilte. Zu dieser Zeit stellte er seine erste Oper, Sarema, fertig, die 1897/98 an der Münchner Hofoper mit Erfolg aufgeführt wurde. Im selben Jahr folgte eine weitere Symphonie (B-Dur, für die Z. den Beethovenpreis erhielt), 1899 die spätromantische Oper Es war einmal…, die von G. Mahler 1900 auf der Hofoper uraufgeführt wurde. Ebf. 1899 trat Z. aus der jüd. Kultusgemeinde aus; seine Schwester Mathilde folgte dem 1901 u. heiratete A. Schönberg. Um 1900 begann sich Z. vom trad. Harmonie- u. Tonart-Konzepten zu lösen u. entwickelte eine eigenständige Tonalität mit an die Grenzen gehenden Motivstrukturen, meist in d-Moll. Im Jahr 1900 lernte Z. die begabte wie attraktive Alma Schindler kennen u. lieben, die bei ihm Klavierunterricht nahm, eigene Kompositionen anfertigte sowie eine sehr präsente Salonniere war. Zur Ehe kam es nicht, weil Z. einen Rückzug Almas aus der Öffentlichkeit verlangte u. jene zugl. auch Gustav Mahler kennenlernte, den sie 1902 heiratete. Nach dem Tod seines Vaters musste Z. auch die Familie versorgen und nahm dazu die Stelle des Chefdirigenten am Carltheater an, wechselte dann aber bald an das Theater an der Wien und 1904 in die spätere Volksoper. 1905 verh. er sich mit Ida Guttmann. 1907 bot ihm Mahler nach mehreren gescheiterten Bewerbungen an größeren deutschen Opernhäuser eine Stelle an der Wiener Hofoper an, die er jedoch nur ein Jahr innehatte, weil danach Mahler von F. Weingartner abgelöst wurde und Z. wieder für einige Jahre an die Volksoper zurückkehrte. 1911 nahm er das Angebot an, Dir. des ›Neuen Deutschen Theaters‹ in Prag zu werden, dem er bis Mitte der 1920er Jahre verbunden blieb, obwohl er nach 1918 versuchte, nach Wien zurückzukehren. In Prag wandte er sich der Form von Operneinaktern und lyrischen Dramen  (nach Textvorlage von O. Wilde oder Rabindranath Tagore) zu u. arbeitete Ballettvorlagen von H. v. Hofmannsthal um. In den 1920er Jahren trat er auch internat. als Dirigent in Erscheinung, z.B. in Rom oder Barcelona, aber auch in Wien u.a. als Dirigent von G. Mahlers Lied der Erde 1919. 1920 wirkte Z. auch am Wiener Musikfest in Form von Dirigaten mit u. wurde zum artist. Leiter der Deutschen Akademie für Musik u. Darstellende Kunst in Prag berufen. Mitte 1927 wechselte er als Erster Kapellmeister (unter dem jüngeren Otto Klemperer) an die sog. Krolloper nach Berlin, einem experimentell ausgerichteten Musiktheater, an dem Z. wieder stärker zur Kompositionstätigkeit finden konnte. So überarb. er dort die Wiener Fassung der Oper Kleider machen Leute (nach G. Keller, die bereits in Wien David J. Bach als Oper, die „neue Wege“ einschlage, gewürdigt hat; 1910/1922) stellte die Oper Der Zwerg, seine Aufarb. der Bez. zu Alma 1921 fertig u. zugleich ein Versuch, Oper zeitgemäß zu fassen, was 1923 anlässl. der Wiener Staatsopernauff. zu kontroversen Reaktionen führte, nicht zuletzt aufgr. der umstrittenen Nachdichtung der Wildschen Vorlage durch G. C. Klaren. Für die Spielsaison 1929-30 war Z. als Leiter der Leningrader Staatsoper nominiert (Der Tag, 21.8.1929, 6), trat aber diese Stelle nicht an. Nach der Schließung der Krolloper (1931) infolge der Wirtschaftskrise nahm Z. wieder seine Dirigentenarbeit auf (häufig in Wien u.a. von Beethoven-, Mahler- oder Smetana-Werken), vollendete 1932-33 Der Kreidekreis (nach Klabund) u. begann 1933 mit K. Weill die Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny einzustudieren, als der Machtantritt des Nationalsozialismus sein Verbleiben in Berlin bzw. Deutschland verunmöglichte. Noch im Frühjahr kehrte Z. nach Wien zurück, inzwischen, nach dem Tod seiner Frau Ida (1929) mit Louise Sachs, die in der Prager Zeit bei ihm Gesangunterr. genommen hatte u. bald seine Geliebte wurde, verheiratet. In Wien pflegte Z. freundschaftl. Bez. zu Alban Berg u. schuf eine Reihe von symphon. u.a. Werken, darunter 1935-36 auch die Oper Der König Kandaules (nach einer Vorlage von A. Gide). Kaum hatte sich die Lage des neuen Ehepaares Z. stabilisiert (u.a. war es ihnen möglich, ein Haus zu erbauen), zerstörte der Anschluss von 1938 die weiteren Lebenspläne, die auch zu schweren gesundheitl. und psychischen Krisen führte. Im Sept. 1938, nach Entrichtung von über 27.000 RM sog. Reichsfluchtsteuer, konnte das Ehepaar Z. mit US-Visen ins Exil abreisen u. erreichte am 23.12.1938 New York. Im Exil auch zu Gelegenheitskompositionen gezwungen erlitt er 1939 einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr wirklich erholen konnte, und verstarb bald nach der Übersiedelung in ein Landhaus bei New Rochelle.


Quellen und Dokumente

Theaterzettel zu Es war einmal … vom 22.1.1900David Josef Bach: Volksoper [Rez. zu Kleider machen Leute]. In: Arbeiter-Zeitung, 3.12.1910, S. 8Elsa Bienenfeld: Volksoper [Rez. zu Kleider machen Leute]. In: Neues Wiener Journal, 3.12.1910, S. 1f., Richard Batka: Kleider machen Leute. Komische Oper nach Gottfried Keller von Leo Feld. Musik von Alexander Zemlinsky. In: Prager Tagblatt, 7.12.1910, S. 1f., Elsa Bienenfeld: Konzert des Musikfestes. Schönberg – Zemlinsky – Hausegger. In: Neues Wiener Journal, 7.6.1920, S. 3, David Josef Bach: Der Künstler und die Welt. (“Der Zwerg” von Alexander Zemlinsky. Zur Aufführung der Staatsoper.) In: Arbeiter-Zeitung, 2.12.1923, S. 8f., “Der Kreidekreis”. Oper von Alexander Zemlinsky. Zur Übertragung aus Graz. In: Radio Wien (1934), H. 19, S. 13.

Literatur

Biographie auf zemlinsky.at.

(PHK)

geb. am 21.6.1903 in Treffen (Kärnten) – gest. am 8.2.1943 in New York; Schriftsteller, Politiker, Exilant

Der Sohn eines Kaufmanns und Landwirts besuchte zunächst das Stiftsgymnasium St. Paul im Lavanttal um danach einige Semester Jus in Wien zu studieren. Ab 1926 arbeitete Z. auch als Journalist, so z.B. wurde er im April 1927 zum „Schriftleiter“ der ›Kärntner Monatshefte‹ bestellt (Freie Stimmen, 4.4.1927). 1928 trat er der paramilitärischen Formation Steirischer Heimatschutz (unter dem Kommando von W. Pfrimer) bei und begann sich politisch zu exponieren; bereits 1929 wurde er Sekretär der Bundesführung der Heimwehren und ab 1930 im sog. Heimatblock, der von Mussolini mitfinanzierten politischen Wahlbewegung der Heimwehren, tätig, der bei den Wahlen im Nov. 1930 etwa 6% der Stimmen erzielen konnte.

Literarisch trat Zernatto erstmals 1930 mit einer Novelle in einem Sammelbd. junger österr. Schriftsteller in Gesellschaft mit F. Schreyvogl und K. H. Waggerl im Staackmann Verlag an die Öffentlichkeit. Kurz darauf wurde ihm der Lyrik-Preis der Zs. ›Die Kolonne‹ (Dresden) für Gedichte zugesprochen, die noch im selben Jahr in einem Bd. erschienen, der Z. endgültig als eigenständige Stimme etablierte, in Gelobt sei alle Kreatur. Z.s. politische Ausrichtung stand offenbar Kontakten mit den sozialdemokrat. Bildungsinstitutionen nicht im Wege: im Okt. 1930 las er z.B. in der VHS Ottakring aus eigenen Werken und wurde dabei von Th. Kramer vorgestellt. In der Zs. des Österr. Alpenvereins erschien zwischen Jänner 1931 und Februar 1932 der Roman Der Weg über den Berg als Fortsetzungsroman, und Radio Wien nahm Zernatto-Ged. fortan regelmäßig in sein literar. Sendeprogramm auf. Diese Resonanz führte wohl dazu, dass Z. 1932 in den Reclam- Deutscher Almanach für das Jahr 1933 mit zwei Ged. aufgenommen wurde. Im Febr. 1933 trat er gem. mit F. BrügelF. Th. Csokor, O.M. Fontana, Josef Luitpolt u.a. im Zuge einer Urania-Lesung an die Öffentlichkeit, im Nov. desselben Jahres mit dem Vortrag Mensch und Zeit in Radio Wien, auf den O. Koenig in der AZ verhalten kritisch reagierte. Im Okt. 1933 erschien schließl. der zweite bed. Gedichtband Die Sonnenuhr, diesmal im Staackmann-Verlag. 1934 wurde Z. wieder (kultur)politisch stärker tätig, u.a. durch die Ernennung zum Mitglied des ›Bundeskulturrates‹ in der autoritär-ständestaatlichen Regierung. Im Juli 1934 übernahm Z. die Leitung des Magazins ›Die moderne Welt‹, in der er auch selbst Beiträge veröffentlichte, vorwiegend Texte zum Verhältnis Mensch und Landschaft aber auch über die hochbegabte Roswitha Bitterlich (1920-2015). Auch in der Anthologie Österreichische Lyrik der Gegenwart (Saturn Verlag) war er vertreten; er wurde ferner in den Vorstand des ›Kulturbund‹ (NWJ, 6.10.1934) berufen, las wiederholt bei Veranstaltungen des ›Deutsch-österreichischen Schriftstellerverbandes‹ sowie des ›Volksbund der Katholiken Österreichs‹. Im Okt. 1934 wurde das Erscheinen seines Romans Sinnlose Stadt angezeigt, der auch in Form von Lesungen in Radio Wien vorgestellt wurde. 1935 vervollständigte sich die Integration Z.s. in den austrofaschist. Kulturbetrieb; er wurde u.a. Beirat der Kommission für Filmwissenschaft (neben R. Henz u. J. Nadler), war im Vorstand des ›Katholisch-deutschen Schriftstellerverband Österreichs‹, ferner in allen Almanachen u. Kalendern vertreten. Radio Wien räumte ihm breiten Raum für Vorträge u. Eigenlesungen ein, in deren Rahmen er von Erwin Rieger hymnisch vorgestellt wurde als einer, der „das herbe männliche Kärnten“ würdig vertrete: seine Gedichte wären zugleich „vom Besten […], was österreichische Lyrik in den letzten Jahren“ hervorgebracht habe. In einer Darstellung im NWJ unter dem Titel Ein österreichischer Bauerndichter präsentierte sich Z. weltgewandt, wies auf den „romanisch-slawischen Einschlag meines Wesens“ hin, nicht ohne das Deutsche als den zentralen zu bestimmen. Als Problemfelder seiner Dichtung nannte er das Grenzlandproblem, das Verhältnis Mensch und Landschaft sowie das Zeitproblem. Einflüsse wies er von sich, an anregenden Lektüren erwähnt er neben der Bibel Th. Haecker, K.-H. Waggerl, K. Hamsun u. A. Wildgans sowie die Klassiker Goethe u. Kleist, während er die Repräsentanten der (Wiener) Moderne, einschl. Hofmannsthal u. Rilke als artistisch und für seine Generation wenig bedeutend, kleinredete.

Im Juni 1936 wurde Z. nicht nur Generalsekr. der ›Vaterländischen Front‹ (VF), in der er sich für eine offensive Österreich-Ideologie und die Initiative ›Neues Leben‹ stark machte, sichtbar etwa in der Einrichtung der ›Österreichischen Länderbühne‹, die im Schönbrunner Schloßtheater mit einem (unbedeutenden) Volksstück ihre Tätigkeit aufnahm, sondern war bereits auch schon Staatssekretär der Reg. Schuschnigg und somit in vielen Feldern der Tages- wie der Kulturpolitik präsent. In diesen Funktionen führte er Verhandlungen mit dem nationalen und z.T. schon nationalsozialistischen Lager und versuchte publizistisch Vereinbarkeiten wie Grenzen zwischen der austrofaschistischen Österreich-Ideologie und dem NS auszuloten bzw. festzuschreiben. 1937 war Z. vor allem auf der propagandistischen Front der zunehmenden Infragestellung Österreichs gefordert; mehrere Reden gegen den Defaitismus sowie gegen Saboteure des Dollfuß-Kurses (!) vor VF-Funktionären, die zugleich die Schwäche der ständestaatl. Organisationsarbeit und des austrofaschist. Kurses anzeigen, zeugen davon. Dabei griff Z. ausgiebig auf das Medium Radio zurück, etwa in Form von sonntäglichen ‚Bundesappellen‘ der VF. Im Zuge der letzten Regierungsumbildung am 16.2.1938 avancierte Z. vom Staatssekr. zum Minister für die VF, womit Schuschnigg, wie die Zeitungskommentatoren festhielten, die enge Verbundenheit zwischen der Regierung und der VF auch nach außen hin signalisieren wollte. Z. war dabei keineswegs ein parteifreier Minister. Seine letzte Radioansprache datiert vom 9.3. 1938, gem. mit K. Schuschnigg; unmittelbar nach dem ›Anschluss‹ flüchtete Z. aus Österreich und traf über Ungarn, Jugoslawien und Italien im Frühherbst in Paris ein. Dort versuchte er in kathol. Exilkreisen Fuß zu fassen, veröffentlichte Die Wahrheit über Österreich(1938, frz. Typoskr. 1939) und anlässl. des Jahrestages des Anschlusses im konservat. Le Figaro auch einen Beitrag über das Ausbleiben des Widerstands und bekannte sich dabei nachdrücklich zu Dollfuß. 1940 gelang ihm die Flucht in die USA, wo er ab 1941 an der Fordham University Politikwissenschaft unterrichtete und umstrittene Beziehungen zu O. v. Habsburg und seinen Exilaktivitäten unterhielt. 1943 verstarb er infolge eines Herzinfarkts.


Quellen und Dokumente

Ein Kind ein Wunder. In: Moderne Welt 16 (1934), H. 3, S. 12f., Das große VF-Werk “Neues Leben”. In: Neues Wiener Journal, 2.7.1936, S. 3, Mondnachtlegende. In: Die Bühne (1936), H. 424, S. 47, Gegen alle Saboteure des Dollfuß-Kurses! Aktuelle Fragen der österreichischen Politik. In: Neues Wiener Journal, 9.4.1937, S. 3.

Anzeige zu: Die 7 Jungen aus Österreich. In: Anzeiger für den Buch-, Kunst- und Musikalienhandel (1930), H. 22, S. 136, Ankündigung einer Lesung in der Volkshochschule Ottakring. In: Arbeiter-Zeitung, 31.10.1930, S. 11, Felix Braun: “Gelobt sei alle Kreatur.” In: Arbeiter-Zeitung, 14.6.1931, S. 30, Emil Arnold-Holm: Moderne österreichische Lyrik. Guido Zernatto: “Gelobt sei alle Kreatur”. Erika Mitterer: “Dank des Lebens”. In: Neues Wiener Journal, 5.9.1931, S. 6, Ein österreichischer Dichter. Gespräch mit Guido Zernatto. In: Neues Wiener Journal, 9.10.1934, S. 4, Erwin Rieger: Guido Zernatto. Eigenvorlesung am Sonntag, 12. Mai. In: Radio Wien (1935), H. 33, S. 5, Karikatur der Woche. In: Der Morgen, 6.7.1936, S. 7, Der Aufgabenkreis der neuen Minister. In: Neues Wiener Tagblatt, 17.2.1938, S. 1, Zwei bedeutende Reden. In: Gerechtigkeit, 10.3.1938, S. 5, Die Habsburgerumtriebe in Amerika. In: London Information of the Austrian Socialists in Great Britain (1943), H. 1, S. 2f.

Literatur

Otmar Drekonja: Erinnerungen an Guido Zernatto. Unbekanntes aus der Schreibtischlade eines Österreichers aus Kärnten. Klagenfurt 1981; Ders.: Guido Zernatto. In: J.M. Spalek, J. Strelka (Hgg.): Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Bd.2: New York. Bern 1989, 997-1009; Karlheinz Rossbacher: Dichtung und Politik bei Guido Zernatto. In: F. Kadrnoska (Hg.): Aufbruch und Untergang. Österreichische Kultur zwischen 1918 und 1938. Wien-München-Zürich 1981, 539-559; Ingeborg Zimmer: Guido Zernatto, Leben und dichterisches Werk. Diss. Univ. Graz 1966, Klagenfurt 1970, erw. Neuaufl. 1993; Daniela Strigl: ‚Fremdheiten‘. Österreichische Lyrik der Zwischenkriegszeit: Jakob Haringer, Theodor Kramer, Wilhelm Szabo, Guido Zernatto. In: P.-H. Kucher: Literatur und Kultur der Zwischenkriegszeit. Bielefeld 2007, 179-193, bes. 189f.; Dies.: Anspruchsvolle Armut? Zur Lyrik von Theodor Kramer und Guido Zernatto. In: Elke Brüns (Hg.): Ökonomien der Armut Soziale Verhältnisse in der Literatur. München u. a. 2008, 173-188; Johannes Sachslehner: Guido Zernatto. In: Killy Literaturlexikon Bd. 12, Berlin-Boston 2011, 649-651.

(PHK)

geb. am 27.1.1902 in Wien – gest. am 3.11.1987 in Pressbaum; Schriftsteller, Verleger, Volksbildner

Z. studierte an der Universität Wien Germanistik und Anglistik und promovierte 1927. Bereits ab 1922 wirkte er im Volksbildungswesen des Roten Wien, bis 1942 als Sekretär des Vereins Wiener Volksheim; Z. leitete die Simmeringer Zweigstelle und trat vor allem ab 1930 u.a. zu literaturgeschichtlichen Fragestellungen als Vortragender in Erscheinung. Parallel dazu versuchte sich Z. selbst als Autor. Nach ersten Beiträgen in der Zs. Bildungsarbeit im Jahr 1923 erschien mit Ein Gedicht der Jugend 1927 ein Sprechchorwerk, 1928 zählte Z. neben David Josef BachElse FeldmannOskar Maurus Fontana, Paul A. Pisk und Otto Stoeßl zu den Beiträgern des von Luitpold Stern herausgegebenen Arbeiter-Jahrbuch. 1930/31 veröffentlichte Z. im Fiba-Verlag das Buch Wien. Heldenroman einer Stadt, das die Entwicklung Wiens nach 1918 nachzeichnet und das „neue rote Wien verherrlicht“ (Bildungsarbeit XVIII (1931), S. 89). Vereinzelt verfasste Z. auch Beiträge für das Feuilleton der Arbeiter-Zeitungsowie des Kleinen Blattes. Im Juni 1933 gestaltete er anlässlich der Bücherverbrennungen im nationalsozialistischen Deutschland eine Lesung mit dem Titel Bücher auf dem Scheiterhaufen.

Neben Z.s Engagement für die Wiener Sozialdemokratie trat er ab 1923 mit zahlreichen Arbeiten für den Alpinismus ein. Davon zeugen auch Texte in der Allgemeinen Bergsteiger-Zeitung, einschlägige Vorträge im Radio, an Volkshochschulen sowie für die Naturfreunde und eine Reihe von Buchpublikationen. 1936 erschien das mehrfach aufgelegte Werk Der Mensch und die Berge, dem Balmat oder Paccard. Ein Montblancromanvorangegangen war; dieser wurde auch von der Reichspostwohlwollend rezensiert.

Trotz des Verbots der Sozialdemokratie fand Z. in den Dreißigerjahren Publikationsmöglichkeiten, u.a. im Wiener Magazin, in dem  Vorarbeiten zum im Zeitalter des Biedermeier angesiedelten Wien-Romans Kyselak, 1940 veröffentlicht, abgedruckt wurden. Nach der Arbeit als Dolmetscher in Frankreich während des Zweiten Weltkriegs engagierte sich Z. ab 1945 wieder im Bereich des Wiener Volksbildungswesens. Er übernahm die Aufgabe des Cheflektors des Europa-Verlags und wurde Direktor der Büchergilde Gutenberg, deren Ausbau er vorantrieb; als Autor publizierte er zahlreiche stadtgeschichtliche Werke und trat für das Werk Rudolf Brunngrabers ein. Für sein Wirken wurde Z. u.a. mit dem Preis der Stadt Wien für Volksbildung (1963) und dem Luitpold-Stern-Preis des Österreichischen Gewerkschaftsbunds (1976) gewürdigt.


Weitere Werke

Unvergängliches Wien. Lebenskurve einer leidgeprüften Stadt (1947), Bilder und Beichten (1977), Ich war kein Held, aber ich hatte Glück (1977).

Quellen und Dokumente

Verständnis anstatt Kritik. In: Bildungsarbeit X (1923), H. 2/3, S. 15, Bilden im Wandern. In: Bildungsarbeit X (1923), H. 6, S. 48, Ohnmächtige. In: AZ, 5.7.1925, S. 19, Bau. In: AZ, 30.3.1927, S. 3f., Immerschnee. In: AZ, 23.12.1928, S. 17f., Licht in der Nacht. Die Volkshochschule. In: AZ, 26.2.1931, S. 6, Helden. In: AZ, 10.8.1931, S. 13, Kyselak vor dem Kaiser. In: Wiener Magazin 9 (1935), H. 5, S. 71-76, Der unbekannte Brunngraber. In: Die Zukunft 1971, H. 15/16, 52-56.

N.N.: Das Arbeiter-Jahrbuch 1928. In: Die Unzufriedene, 26.11.1927, S. 6f., Hans Maurer: K. Z.: Balmat oder Paccard. Ein Montblancroman. In: Reichspost, 12.1.1931, S. 7, hlk.: Karl Ziak. Wien. Heldenroman einer Stadt. In: Bücherschau. Beilage zur Bildungsarbeit XVIII (1931), S. 89, Wien. Heldenroman einer Stadt. In: Tagblatt, 28.8.1931, S. 10, smk.: Der Roman einer Stadt. In: Das Kleine Blatt, 13.4.1932, S. 14, Alfred Zohner: „Kyselak“. In: Das interessante Blatt, 12.3.1941, S. 22.

Literatur

Eintrag bei wien.gv.at, Eintrag im Nachlassverzeichnis der ONB.

(ME)