als Schriftsteller häufig als Josef Luitpold, geb. am 16.4.1886 in Wien – gest. am 13.9.1966 in Wien; Schriftsteller, Funktionär der Arbeiterbildung

J. L. S. entstammte einer jüdischen Handwerkerfamilie. Sein Vater Moriz ermöglichte ihm als Administrator der Arbeiter-Zeitung den Gymnasialbesuch. Nach dem frühen Tod des Vaters 15-jährig als Hauslehrer tätig, engagierte sich S. im Verband Jugendlicher Arbeiter und trat früh publizistisch in Erscheinung. Seit dem Studium der Rechtswissenschaften in Wien und Heidelberg (1904-1909) durch Kontakte zu Victor Adler, Robert Danneberg, Ludo Hartmann, Emil Reich und Max Winter rascher Aufstieg in der Sozialdemokratie, zunächst Tätigkeit als Bibliothekar und Vortragender im Ottakringer Volksheim, ab 1911 zahlreiche literarische wie publizistische Veröffentlichungen in der Arbeiter-Zeitung und in Der Kampf, maßgebliche Mitwirkung an der Wiener Freien Volksbühne, 1913/14 Redakteur von deren Publikationsorgan Der Strom. 1912 wurde S. Leiter der Abteilung Büchereien der Arbeiterbildungszentrale, 1914/15 gab er die pazifistische Satirezeitschrift Glühlichter heraus. Im Ersten Weltkrieg ab 1915 als Soldat an der Isonzofront sowie als Antikriegsdichter aktiv (Gedichtsammlung Herz im Eisen 1917, illustriert von Alfred Kubin), übernahm S. 1918/19, eingesetzt von Julius Deutsch, neben der Leitung der Bildungszentrale die Position des Bildungsoffiziers der Deutsch-Österreichischen Volkswehr. 1919 gründete er die Sozialdemokratische Kunststelle mit David J. Bach, als dessen ideologischer Gegenspieler er sich bereits vor 1914 positioniert, strebte S. wie Richard Wagner und Otto Felix Kanitz (doch) die Überwindung der Überreste liberaler Programmatik in der sozialistischen Kulturpolitik sowie die deutliche Abgrenzung von einer bürgerlichen Kultur an. S. forcierte in- und ausländische Arbeiterliteratur, etwa von Franz Michael Felder, Alfons Petzold, Johan Falkenberget und Martin Andersen Nexø. Der Bruch mit Mitstreitern führte 1922 zur Übersiedlung in die Tschechoslowakei, wo er die Leitung der Zentralstelle für Bildungswesen der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei übernahm. 1923 hielt er am Aussiger Parteitag die programmatische Rede Klassenkampf und Massenschulung.

1926 kehrte S. als Rektor der neugegründeten Arbeiterhochschule nach Wien zurück, an der u.a. Karl Seitz, Otto Bauer, Karl Renner, Max Adler und Otto Neurath lehrten. Neben der Mitbegründung der Büchergilde Gutenberg in Österreich, der Herausgabe des Arbeiter-Kalenders und mehreren von O. R. Schatz illustrierten literarischen Arbeiten rege Publikationstätigkeit in Der Kampf und Bildungsarbeit, dabei Dispute mit Karl Kraus, Theodor Kramer und Rudolf Brunngraber. 1932 wurde er erneut Leiter der Bildungszentrale, 1933 Mitbegründer und Vorsitzender der Vereinigung Sozialistischer Schriftsteller. 1934 floh er nach Brünn/Brno, später in die USA. 1948 Rückkehr nach Österreich. Nach 1945 zahlreiche Auszeichnungen, u.a. 1958 der Staatspreis für Volksbildung und Ernennung zum Professor.


Werke (Auswahl)

Das Wiener Volksbildungswesen (1910), Soziale Balladen (1911), Klassenkampf und Massenschulung (1924), Der entwurzelte Baum. In Holz geschnitten von Otto-R. Schatz. (1926), Die neue Stadt. Mit einem Holzschnitt von O. R. Schatz (1927), Die Rückkehr des Prometheus (1927), Das Josef-Luitpold-Buch. Lyrik und Prosa aus vier Jahrzehnten. Herausgegeben von Alfred Zohner (1948)

Quellen und Dokumente

Arbeiter und Dichter. In: Der Kampf IV, 4. Jänner 1912, S. 182-188, Auf dem Weg zur Kultur. In: Der Kampf XIX, 5. Mai 1926, S. 193-195, Der Arbeiter und die Kultur. In: Bildungsarbeit XVII, 5. Mai 1930, S. 1-4, Morast der Gleichgültigkeit. In: Der Kampf XXIV, 9. September 1931, S. 417f [= Rezension zu Theodor Kramers Wir lagen in Wolhynien im Morast], Rudolf Brunngraber: Karl und das 20. Jahrhundert. In: BA, XIX, 12. Dezember 1932, S. 255.

Literatur

Jürgen Doll: Proletarische Gegenkultur? Zu J. L. S.s Versuch, das Konzept einer proletarischen Klassenkultur auf sozialdemokratischer Basis zu begründen. In: Konstantin Kaiser et al. (Hg.): Rote Tränen. Die Zerstörung der Arbeiterkultur durch Faschismus und Nationalsozialismus, 28-43 (2017), Ernst K. Herlitzka: Josef Luitpold Stern (1886-196). Versuch einer Würdigung. In: Gerhard Botz et al. (Hg.): Bewegung und Klasse. Studien zur österreichischen Arbeitergeschichte (1978), 119-157, Norbert Leser: Josef Luitpold Stern. 1886-1966. In: N. L.: Grenzgänger. Österreichische Geistesgeschichte in Totenbeschwörungen. Band II (1982), 209-224, Sabine Lichtenberger: „Der unermüdliche Trommler“ – Josef Luitpold Stern (1886-1966). In: Zwischenwelt 28 (2011), H. 1/2, 15-22, Hugo Pepper: Josef Luitpold Stern. Versuch einer Bibliographie. In: Mit der Ziehharmonika. Zeitschrift der Theodor-Kramer-Gesellschaft 9 (1992), H. 3, 21-23, Alfred Pfoser: Literatur und Austromarxismus (1980), Daniela Strigl: Stern gegen Kramer, Kraus gegen Stern. Widersprüche zur sozialdemokratischen Lyrik der Ersten Republik. In: Wendelin Schmidt-Dengler (Hg.): Konflikte – Skandale – Dichterfehden in der österreichischen Literatur (1995) 151-162, Marcus Strohmeier: Lernen um zu kämpfen. Kämpfen um zu siegen. Josef Luitpold Stern (1886-1966) (2011) [Online verfügbar].

(ME)