Billinger, Richard

geb. am 20.7.1890 in Marienkirchen/Schärding – gest. am 7.6.1965 in Linz; Lyriker, Dramatiker, Drehbuchautor

B. wurde in eine Kaufmannsfamilie geboren, die auch eine Landwirtschaft betrieb und sollte, wie aus seinem autobiogr. Text Die Asche des Fegefeuers hervorgeht, kathol. Priester werden. 1902-6 besuchte er daher das Coll. Petrinum in Linz, verließ es jedoch und legte 1910 die Matura im Gymnasium in Ried i.I. ab. 1912 kam B. nach Aufenthalten in Kiel u. Berlin nach Wien, wo seine ersten Ged. in der Zs. der Volksbühne, Der Strom, erschienen. 1919 wurde durch die Wiener Komödienspiele B.s. Schausp. Nikolaus Tränkl erworben u. seine Auff. mit Grete Wiesenthal angekündigt. Die Bekanntschaft mit ihr führte B. in wichtige literar. Kreise ein, u. a. bei H. v. Hofmannsthal u. M. Mell; 1923 erschien sein erster Ged.bd. Über die Äcker, 1924 war er bereits in der Rowohlt-Anthologie Vers und Prosa, gem. mit F. Blei, O. Flake, R. Musil, E. Weiß, F. Werfel u.a. vertreten u. sein Spiel vom Knecht Teil des Wiener Festwochen-Programms. 1924 erhält B. auch den Preis der Stadt Wien, seit 1926 verbindet ihn eine Freundschaft mit C. Zuckmayer. Bis zu seinem Durchbruch mit dem Perchtenspiel anlässl. der Salzburger Festspiele im Juli 1928 konnte B. nur vereinzelt Beitr. in Anthologien wie z.B. Orplid (H.6/1926) oder in einem Widmungsbd. zum 50. Geburtstag von A. Kubin (1927) zum Abdruck bringen. 1929 folgte das Schauspiel Die Rosse (UA zunächst als Radiospiel bzw. im Residenztheater München 1931, Bühnenbild von Kubin), der Band Gedichte bei Insel und 1930 die Annahme von Rauhnacht durch das Burgtheater, dessen Aufführung jedoch nicht gewagt und erst nach der UA in München und dem Erfolg in Berlin im März 1932 gespielt wurde. Im selben Jahr erhielt B. gem. mit E. Lasker-Schüler den Kleist-Preis. Aufgrund akzentuierter triebhafter Körperlichkeit u. archaisch-dämonischer Züge sorgte auch der 1932 vorgelegte Dorfkindheitstext Die Asche des Fegefeuers für Irritation. Diese u. die bäuerliche Blut- und Boden-Welt bildeten einerseits Brücken zum Nationalsoz., andererseits erregten sie mit ihrer ambivalenten Bildsprache trotz großen Erfolgs beim Publikum Misstrauen, das zudem von B.s. Homosexualität, die 1935 zu einer Anklage und kurzen Haft führte, beständig genährt wurde. So wurde z.B. die Komödie Stille Gäste (1933) zunächst verboten, u. erst 1938 uraufgeführt, worauf der sich inzwischen in München u. ab 1935 in Berlin lebende Autor nach umstrittenen Schausp. wie z.B. Die Hexe von Passau (1935) verstärkt u. sehr erfolgreich dem Film zuwandte, Drehbücher (mit)verfasste, u.a. für Louis Trenker, oder mit Veit Harlan u. Werner Eplinius zusammenarbeitete. Als erfolgreichster Film gilt der aufwändige Farbfilm Die goldene Stadt (1942), der auf B.s. Drama Der Gigant (1937)  basierte, auf den jedoch auch Goebbels direkt Einfluss nahm u. der bis Ende 1944 über 12 Mio RM einspielen konnte. B.s. Rolle für die NS-Literatur-Politik schlug sich auch in mehreren Auszeichnungen nieder, u.a. 1942 im Gaukulturpreis u. 1943 im Raimund-Preis der Stadt Wien. Dem Film blieb B., auch aus finanz. Gründen, nach 1945 weiter verbunden, ohne freilich an die früheren Erfolge anknüpfen zu können. B., der 1938 im sog. Bekenntnisbuch vertreten war u. eine weitere  Grußadresse an Hitler veröffentlichte, beste Kontakte in der NS-Kulturpolitik hatte u. von ihr profitierte, aber der NSDAP nicht beigetreten war, konnte nach 1945 als Minderbelasteter gem. Entnazifizierungsgesetz von 1946 weitgehend unbehelligt in DL wie in Österreich weiterarbeiten. Seine erste öffentl. Lesung nach dem Krieg hielt er 1953 in Passau, die Auff. von Stücken verzeichnete dagegen nur mehr geringes Echo. 1961 wurde B. Mitglied der Bayrischen Akademie der Schönen Künste.    


Weitere Werke

Zwei Spiele. Spiel vom Knecht. Reise nach Ursprung (1932); Das Verlöbnis (1933); Das Schutzengelhaus. Roman (1934); Lehen aus Gottes Hand. Roman (1935); Nachtwache. Lieder u. Ged. (1935); Das verschenkte Leben (1937); Triumph des Gottes (1940); Das Spiel vom Erasmus Grasser. Eine Münchener Legende (1943); Paracelsus. Ein Salzburger Festspiel (1945); Das nackte Leben (1953); Würfelspiel (1960) Palast der Jugend. Aus dem Leben des Albin Leutgeb (1960).

Dokumente und Quellen

Hans v. Hammerstein: Ein Bauerndichter. In: Reichspost, 11.7.1926, S. 1f., Rudolf Holzer: Das Perchtenspiel. In: Wiener Zeitung, 31.7.1928, S. 2f.,: Wilhelm Wolf: Richard Billinger [mit Zeichnungen von L. Unger]. In: Radio-Woche, 5.4.1929, S. 6f., D. J. Bach: Ein Dichter hat gesiegt [Rez. zu Rauhnacht). In: Arbeiter-Zeitung, 19.3.1932, S. 6.

R. Billinger: Wir Bauern. Radiovortrag 1934, abrufbar unter mediathek.at.

Literatur

W. Bortenschlager: R. Billinger. Leben und Werk (1981); Ders.: Der unbekannte Billinger. (1985); M. Chobot: ja, ja, i schreib scho! Richard Billinger, der Radikal-Plagiator. In: Ders.(Hg.): Genie und Arschloch (2009), 177-193; K. Kastberger, D. Strigl (Hgg.): Heimat. Körper. Kunst. Richard Billinger Symposium (2014, mit Beitr. der Hgg. sowie von Th. Ballhausen, P.M. Dallinger, G. Hofer, M. Illetschko, B. Judex, St. Krammer, P.H. Kucher, E. Rabenstein, G. Scheit, J. Winkler) A. Klaffenböck: „Wie ein solcher Gesinnungswandel beurteilt werden müsse, geht aus dem Gesagten deutlich genug hervor.“ Überlegungen zum Dossier Zuckmayers über Richard Billinger. In: Zuckmayer-Jahrbuch 5(2002), 339-384; K. Müller: Probleme männlicher Identität bei R. Billinger. Homosexualität und Literatur während der NS-Zeit. In: U. Baur, K. Gradwohl-Schlacher, S. Fuchs (Hgg.): Macht Literatur Krieg. Österr. Literatur im NS (1998), 246-273; E. Rabenstein: Dichtung zwischen Tradition und Moderne. Richard Billinger (1988)

Arnold Klaffenböck: R. Billinger. Eintrag im Virtuellen Museum Oberösterreich.

(PHK)