Anknüpfend an die Traditionen des Pariser „Chat Noir“ und des in München ansässigen Kabaretts „Die Elf Scharfrichter“ sowie mit Unterstützung durch den Mäzen und Mitbegründer der Wiener Werkstätte Fritz Waerndorfer eröffnete am 19. Oktober 1907 in der Kärntner Straße das Cabarett Fledermaus. Die programmatische Eröffnungsschrift, die an alle geladenen Gäste ergangen war, kündigte das Etablissement als „[e]ine Stätte, die der Kultur der Unterhaltung dient“ an, in der „eine organische Verflechtung aller künstlerischen und ästhetischen Bereiche“ angestrebt werde (zit. n. Forcht, Wedekind, S. 216). Der Prolog am Eröffnungsabend stammte aus der Feder Peter Altenbergs und wurde von Lina Loos vorgetragen, die unter ihrem Künstlernamen Lina Vetter auftrat: „Ein zart bewegter Hintergrund, den ein freifallender Vorhang herstellt; ein hoher Lehnstuhl, auf einem Tischchen weiße Rosen, und daneben sitzt eine zarte Mädchengestalt, von schwarzem Stoff umflossen, mit großen sinnenden Augen in dem feinen Gesichtchen, Lina Vetter, die, wie träumend, wie unter einer Suggestion, Worte von Peter Altenberg spricht […]“. (Fremden-Blatt, 22.10.1907). Die Pressestimmen zeigten sich von der optischen Ausgestaltung beeindruckt, bemängelten aber die künstlerische Umsetzung des Vorhabens: „ … alles, was dieser wunderschöne Raum verspricht, konnten die anderen Künstler, die Sängerinnen, Dichter, Dillettanten auf den ersten Wurf noch nicht halten.“ (AZ, 20.10.1907, S. 8).

Unter der Leitung von Marc Henry und dessen Frau Marya Delvard, die bereits im Jahr zuvor am selben Ort mit dem „Nachtlicht“ das erste Cabarett Wiens gegründet hatten, entwickelte sich die avantgardistische „Fledermaus“ dennoch sehr schnell zu einem Zentrum des Wiener Gesellschaftslebens. Das war auch der spektakulären Inneneinrichtung im Wiener Jugendstil geschuldet: Die Einrichtung des Innenraums mit insgesamt 300 Sitzplätzen und einer American Bar war von der Wiener Werkstätte gestaltet worden, der Theaterraum nach den Entwürfen von Josef Hoffmann, einem Mitbegründer der Secession. Zudem hatten sich u.a. Oskar Kokoschka, Koloman Moser und Gustav Klimt an der dekorativen Ausgestaltung beteiligt. Die Wiener Werkstätte entwarf neben den Kostümen und Textilien auch Werbematerialien wie z. B. Postkarten, Plakate, Programmhefte und Anstecknadeln. 

Vorraum des Cabarett Fledermaus, 1907.

Der inhaltliche Schwerpunkt lag auf der szenisch-musikalischen Darbietung literarischer Werke, musste sich aber oftmals dem Primat der ästhetischen Umsetzung durch die Wiener Werkstätte und deren Gesamtkunstwerkgedanken unterordnen. 

Seit 1908 wurde das Haus von Egon Friedell geführt, die musikalische Leitung lag seit 1909 bei Leo Ascher und Béla Laszky, der gemeinsam mit seiner Ehefrau Mella Mars dem Wiener Publikum die Gattung Chanson näherbrachte. Ein besonderer Publikumsliebling wurde die Diseuse Marya Delvard, die in München bereits große Erfolge bei den „Elf Scharfrichtern“ hatte feiern hatte können. Aber auch die Chansons von Trude Voigt und die satiritschen Beiträge von Else Sanden wurden von Publikum und Kritik gleichermaßen gut aufgenommen. Für großes Aufsehen, zumal in der Tagespresse, sorgte ein Gastspiel der Schwestern Wiesenthal, die mit ihrem selbst kreierten modernen Tanzstil „mimische Illustrationen zur Musik von Chopin, Johann Strauß, Schumann, Beethoven und Massenet“ lieferten (NWT, 15.1.1908, S. 14).

Wie in der Wiener Kabarettszene üblich besaß die „Fledermaus“ ein eigenes Hausorchester; ungewöhnlich war jedoch dessen Unterbringung in einem „winzigen Orchestergraben unterhalb der Bühne, der gerade so groß war, dass ein Harmonium, ein Klavier und ein Salonorchester Platz fanden.“ (Forcht, Wedekind, S. 218). Alfred Polgar verfasste – teilweise gemeinsam mit Friedell (was ihnen den Spitznamen „Polfried AG“ einbrachte) – die Programmtexte, wobei vor allem ihr sog. „Goethe-Sketch“ zu einem großen Erfolg geriet. Auch Peter Altenberg, Gustav Meyrink, Roda Roda, Leo Greiner, Hermann Bahr und Fritz Löhner-Beda, genannt Beda und späterer Verfasser des Textes für das Buchenwaldlied, zählten zu den Autoren, die regelmäßig Beiträge für die „Fledermaus“ verfassten.

1913 übernahmen die Brüder Schwarz das Etablissement und eröffneten in den Räumen das Revuetheater Femina.


Literatur

Michael Buhrs/Barbara Lesák/Thomas Trabitsch (Hg.), Kabarett Fledermaus, 1907-1913. Gesamtkunstwerk der Wiener Werkstätte. Literatur, Musik, Tanz, Wien 2007; Georg W. Forcht, Frank Wedekind und die Anfänge des deutschsprachigen Kabaretts, Freiburg 2009; Gertrud Pott, Die Spiegelung des Sezessionismus im österreichischen Theater (Wiener Forschungen zur Theater- und Medienwissenschaft, Bd. 3), Wien/Stuttgart 1975; Hans Veigl, Lachen im Keller. Kabarett und Kleinkunst in Wien 1900 bis 1945 (Kulturgeschichte des österreichischen Kabaretts, Bd. 1), Graz 2013; Hans Veigl (Hg.), Nachtlichter. Sezessionistisches Kabarett. Couplets, Grotesken, Kritiken, Wien 1993; „Fledermaus“. In: Historisches Lexikon Wien, Bd. 2, Wien 1993, S. 223f.

Quellen und Dokumente

Das Cabaret-Theater “Fledermaus”. In: Neues Wiener Tagblatt, 18.10.1907, S. 9; Das Cabaret Fledermaus. In: AZ, 20.10.1907, S. 8; Cabarett Fledermaus. In: AZ, 3.1.1909, S. 10; Cabaret Fledermaus. In: AZ, 3.2.1910, S. 4; Moderne Tänze. In: Neues Wiener Tagblatt, 15. Januar 1908, S. 14; Fledermaus. In: Das interessante Blatt, 19.12.1912, S. 26.

 (MK)