ursprünglich Julius Hirschfeld, geb. am 8.5.1886 in Somogyszil – gest. am 21.8.1873 in Budapest; Jurist, Politiker, Schriftsteller

Der Sohn eines jüdischen Händlers studierte in Fünfkirchen/Pécs und Budapest Rechtswissenschaften und arbeitete in dieser Zeit u.a. für die Ztg. Pécsi Naplóba als Redakteur. H. betätigte sich bei den Freidenkern und trat 1907 der Ungarischen Sozialdemokratischen Partei bei. Nach dem Studienabschluss als Anwalt in Pécs tätig, wurde er Ende 1915 in die Armee eingezogen und diente im Winter 1916/17 an der Ostfront. Während der sogenannten ungarischen Asternrevolution Ende Oktober 1918 war H. als Sekretär des Nationalrats tätig. 1919 schloss er sich der ungarischen Räterepublik um Béla Kun an und emigrierte nach ihrem Zusammenbruch nach Italien, wo H. in Mailand, Turin Avanti und später in Rom als Journalist tätig war. Er kehrte jedoch bereits im Herbst 1920 als Aktivist nach Pécs zurück und organisierte einen Bergarbeiterstreik. Von der reaktionären Bewegung Miklós Horthys wegen seiner Bemühungen um radikale sozialistische Organisationen im Frühjahr 1921 aus Ungarn ausgewiesen, übersiedelte er nach Aufenthalten in Italien und Frankreich und einer Teilnahme am III. Weltkongress der Kommunistischen Internationale im Sommer 1921 nach Wien. Der KPÖ beigetreten, bemühte sich H. u.a. mit Ernst Fabri, Hans Maier, Peter Schnur und Hilde Wertheim um die Etablierung einer revolutionären Publizistik in Wien und gehörte 1930 zu den Gründungsmitgliedern des Bundes der proletarisch-revolutionären Schriftsteller Österreichs.

1928 veröffentlichte er den utopischen, von der Erfindung eines Sonnnemotors handelnden Roman der Sonne im Phaidon-Verlag, mit dessen Inhaber, dem gebürtigen Ungarn Béla Horovitz, H. 1929 den Strom-Verlag ins Leben rief. Dieser publizierte die Zs. Roman-Rundschau, die vollständige Erzählungen und Romane (u.a. von Upton Sinclair, H. G. Wells, Frank Heller, aber auch von Arthur Schnitzler, Stefan Zweig und Jakob Wassermann) sowie Rezensionen und Essays umfasste. Als verantwortlicher Redakteur fungierten erst Ludwig Goldscheider und später Oskar Maurus Fontana. Die von der Konkurrenz beargwöhnte Kolportage auf der Straße widerstrebte den Pressegesetzen, was letztlich zur Auflösung der Verlagsgesellschaft führte. H. selbst veröffentlichte weiterhin in Horovitz‘ Phaidon-Verlag. 1930 erschien der von Rezesent Edwin Rollett in der Wiener Zeitung als „großer Griff“ eingestufte, im vorchristlichen Ägypten angesiedelte Roman Jehovas Geburt, 1931 folgte der kapitalismuskritische Essay Ins Chaos? Tragödie der Bauern, der Arbeiter, des Kapitals. Das aus der durch die Gesellschaft für kulturelle Verbindung der UdSSR mit dem Ausland (VOKS) ermöglichten Russlandreise resultierende Werk Russland 1932 wurde, während Ernst Fischer in der Arbeiter-Zeitung durch H.s Interesse an den Ergebnissen des Fünfjahresplans den „Pathos der Zahlen“ hervorstrich, von Rollett als „stark tendenziös“ abgelehnt.

1933 zog H. nach Paris, wo er als Anwalt tätig war, 1935 der Kommunistischen Partei beitrat und sich für die ungarischen kommunistischen Exilbewegung ebenso wie für die ungarischen Unabhängigkeitsbewegung engagierte. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte H. nach Ungarn zurück, wo er für die Kommunistische Partei bis 1953 im Parlament vertreten war und 1947 Staatssekretär im Industrieministerium wurde. Ab 1950 wirkte er als Professor für Jura in Budapest. 1966 erhielt er das Ehrendoktorat der Eötvös-Loránd-Universität Budapest, 1970 den Staatspreis der Volksrepublik Ungarn.


Quellen und Dokumente

R. (Edwin Rollett?): „Jehovas Geburt.“ Roman von J. H. In: Wiener Zeitung, 7.10.1930, S. 7, Rudolf Kindermann: „Ins Chaos?“ Tragödie der Bauern, der Arbeiter, des Kapitals. In: Wiener Zeitung, 17.11.1931, S. 5, Hilde Wertheim: Neue Bücher. Rußland 1932. In: Die Rote Fahne, 1.5.1932, S. 9, Edwin Rollett: Neue Bücher über Rußland. In: Wiener Zeitung, 16.7.1932, S. 8, Ernst Fischer: 5 Jahre, die die Welt verändern. In: Arbeiter-Zeitung, 6.11.1932, S. 14.

Literatur

Deutsches Literatur-Lexikon. Das 20. Jahrhundert. Bd. 15, Sp. 273. Eintrag im Magyar életrajzi lexikon (Ungarisch) [Onlinefassung] sowie in Történelmi (Ungarisch) [Onlinefassung].

Murray G. Hall: Strom-Verlag (Wien) [Online verfügbar].

(ME)