Inflation ist ein Stichwort der Epoche der Zwischenkriegszeit; sie prägte das soziale, politische und kulturelle Leben zumindest während zweier Phasen maßgeblich mit: einerseits von 1921 bis 1924, andererseits, in modifizierter Form, von 1930 bis 1932.  Auch in der Literatur wurde sie schon früh als Thema, insbesondere die Jahre 1921-24 betreffend, fassbar und mit dem Zusammenbruch der alten Ordnung sowie der Desorientierung nach 1918 in Zusammenhang gebracht, während die zweite Phase im Zuge des Bankenkrachs von 1929 und der Weltwirtschaftskrise ab 1930 als stärker globales Phänomen wahrgenommen wurde.

Hintergrund für die Inflation von 1921ff. waren zum einen der Zerfall des k.k. Wirtschafts- und Finanzraumes sowie die durch den Krieg angehäuften Schulden, zum anderen das Versagen der Regierungen nach 1920, die einsetzende Devisenspekulation durch gesetzliche Maßnahmen und begleitende Finanzpolitik in den Griff zu bekommen. Laut Berechnungen der ÖNB stieg die Inflation von durchschnittlich etwa 80% jährlich in den Jahren 1915-18 auf 149% im Jahr 1919, sank dann auf 99% im Jahr 1920, um 1921 wieder 205% zu erreichen und 1922 auf 2.877% zu explodieren. Der Wertverfall der Krone zwischen 1914 und 1924 wird mit 1: 14.000 etwa, kurzzeitig auch 1: 16.000 angegeben. Er korrespondierte nur zum Teil der realen Wirtschaftsentwicklung: während 1919-20 die Versorgungslage tatsächlich sehr dramatisch war (Carsten, 39) u. vor allem die städt. Bevölkerung auf ausländische Hilfslieferungen (meist auf Kreditbasis) angewiesen war, war das erste Halbjahr 1921 immerhin von einer Hochkonjunkturphase gekennzeichnet, wies nahezu Vollbeschäftigung und Reallohnsteigerungen, geregeltes Konsumgüterangebot auf und hatte sogar Unternehmensgründungen bzw. –verlegungen (aus der Tschechoslowakei nach Österreich, so Ausch, 38f.) zur Folge, – Rahmenbedingungen, die von der Regierung nicht genützt wurden. Im Gegenzug etablierten sich im Sept. 1921 in Wien 360 Banken, die zum Devisenhandel zugelassen wurden, ohne meist über die nötige Expertise zu verfügen und in der Folge die Devisenspekulation entsprechend anzutreiben. Zugleich verschärften die wenig erfolgreichen und langwierigen Verhandlungen der Regierung mit dem Völkerbund (Genf) die angespannte Finanzlage; der Schweizer Franke, der Ende 1920 (zugleich Ende der Koalitionsregierung) mit 1: 100 gegen die Krone gehandelt wurde, stieg bis September 1921 auf ein Kursverhältnis von 1: 435 an (Ausch, 38). Zugleich beschlossen zwei Großbanken, die Anglo-Österreichische Bank und die Länderbank, die bei englischen bzw. französischen Banken seit 1914 verschuldet waren, diese durch Aktienbeteiligung an die Kreditgeber abzubauen, um (vorgeblich) nicht in Konkurs gehen zu müssen (eine Gefahr, die nicht bestand, wie sich später herausstellte). Damit ging die Mehrheit beider Banken in ausländischen Besitz über, die Zentralen wurden nach London und Paris verlegt. Die Umwandlungsbilanz der Anglo-Österreichischen Bank wies dann plötzlich ein Vermögen von 125 Milliarden Kronen aus, womit de facto die Bilanzfälschung im Vorfeld zur Erlangung des nötigen Gesetzes offensichtlich wurde. In der linksgerichteten Tagespresse (AZ, Rote Fahne, Der Tag) wurde die v.a. durch Devisen- wie Warenspekulation angeheizte Inflationsspirale mit dem Bild und Typus des Schiebers und der Notwendigkeit schärferer Sanktionen in Zusammenhang gebracht, z.B. in einem AZ-Leitartikel unter dem Titel Der Handel und die Teuerung oder in einem verbitterten Arbeiter-Feuilleton in der Roten Fahne.

In der zeitgenössischen Literatur und Publizistik und zwar auffallend stark thematisiert in der österreichischen (Kiesel, 340), finden sich die ersten Auseinandersetzungen mit dem Phänomen der Inflation – sieht man von Tagebuchnotizen sowie Gedichten und Glossen, nicht selten mit antisemitischer Tendenz in Zeitschriften wie Kikeriki, Wiener Caricaturen oder Die Bombe ab – in dramatischen Werken, so z.B. bei Th. Tagger (ab 1926: F. Bruckner) im Zweiteiler 1920 oder Die Komödie vom Untergang der Welt (1920), sowie in essayistischen und feuilletonistischen Texten von Joseph Roth wie z.B. schon 1919 in Hausse und Baisse, 1921 in Dollar-Fieber (Berliner Börsen-Courier) oder von Robert Müller (Filibustier, 1922).  Breitere Entfaltung finden sie sodann in den sog. Wiener Gesellschaftsromanen von Hugo Bettauer und Felix Dörmann; ferner sind die weniger bekannten frühen Texte von  Franz Dirsztay oder jene der ins rechtsnationale Fahrwasser geratenen Robert Hohlbaum und Theodor H. Mayer zu nennen, bei letztgenannten sichtbar in deren Romanen Zukunft bzw. Prokop der Schneider (beide 1922).

Bettauer stellt sich dem Inflations- und Schieberthema erstmals in Feuilletons in der Ztg. Der Morgen wie z.B. in Die Neujahrsnacht der Banknoten (2.1.1922) und danach in seinen Romanen Die freudlose Gasse (1923) bzw. Das entfesselte Wien (1924). Letzterer greift z.B. die viele Spekulanten ruinierende Franc-(Fehl)spekulation vom März 1924 auf. Selbst H. von Doderer greift die Teuerungsunruhen vom 1.12.1921 im Text Divertimento No I (1924) auf; Betrugsschulden und eine generelle Inflation der Werte und Gefühle stehen auch in A. Schnitzlers Novelle Fräulein Else (1924) im Mittelpunkt der Handlung und deren dramatischen Zuspitzung. Mit Finanzspekulationen und fragwürdigen moralischen Haltungen befassen sich auch einige Romane von Otto Soyka, so der 1922 wiederaufgelegte, eigentl. einen Gründerzeitskandal thematis. Roman Käufer der Ehre. Den „handwerklich besten“ unter den frühen Inflationsromanen hat F. Dörmann 1925 mit Jazz vorgelegt (Achberger, 31), der „hochdramatisch und grell“ (Kiesel 345f.) aber auch mit präzisen Verweisen die Inflationsdynamik und ihre sozialen u. habituellen Begleiterscheinungen (Spekulation, Prostitution, Vergnügungsindustrie) nachzeichnet. Als gewichtigste Gestaltung kann schließlich der Roman Sintflut (1929) von Robert Neumann, den St. Zweig in einer ausgreifenden Besprechung in der NFP als den „Roman der Inflation“ schlechthin bezeichnete, angesehen werden. Im Unterschied zu zahlreichen Auseinandersetzungen mit dem Thema Inflation, sei „ […] niemals so spezifisch die Wiener Inflation geschildert [worden] mit ihren spannweiten Gegensätzen, die gräßliche Nähe jämmerlichster Entbehrung neben polizeilich verbotenen, frenetisch verschwenderischen Unterhaltungen […] das ganze Auf und Ab, Kreuz und Quer, Hinauf und Hinunter, die vollkommene Durchmischung und Durchschichtung in der riesigen Maschine Inflation, die gleichzeitig Geld zerbröselt und Seelen zerquetscht“ (St. Zweig). Daran wird auch R. Brunngraber mit seinem die großen sozialen Krisen und ökonomischen Dynamiken nachzeichnenden Roman Karl und das 20. Jahrhundert (1932) nicht herankommen. Nur in einer kleinen Episode kommt die Inflationserfahrung von 1921-22 zu Wort, als Karl zur Kenntnis nehmen muss, dass „die Gehaltssteigerungen, die notgedrungen von Monat zu Monat vorgenommen werden mußten, in keiner Weise mehr mit der Geldentwertung Schritt hielten“. (169)


Quellen und Dokumente

Joseph Roth: Hausse und Baisse. In: Der Neue Tag, 7.12.1919, S. 4f., Der Handel und die Teuerung. In: Arbeiter-Zeitung, 11.1.1921, S. 1f., Otto Mirwald: In: Die Rote Fahne, 24.1.1921, S. 2, Hugo Bettauer: Die Neujahrsnacht der Banknoten. In: Der Morgen, 2.1.1922, S. 4, Paul Szende: Der Schieber als Sinnbild der heutigen Wirtschaftsordnung. In: Arbeiter-Zeitung, 9.5.1922, S. 5, Heinz Scharpf: Schieberverse. In: Die Muskete, 1.1.1923, S. 5, Paul Wertheimer: Menschen von heute. In: Neue Freie Presse, 12.10.1923, S. 23, Helene Tuschak: Menschen von heute. Schauspiel von Paul Wertheimer. In: Neues Wiener Tagblatt, 12.2.1924, S. 10, Stefan Zweig: Roman der Inflation. (Robert Neumann: „Sintflut“). In: Neues Freie Presse, 8.3.1929, S. 1-3.

Weitere Primärtexte

H. Bettauer: Die drei Ehestunden der Elizabeth Lehndorff (1921); O. Soyka: Die Traumpeitsche (1921); H. Bettauer: Die Stadt ohne Juden (1922); Ders.: Der Kampf um Wien (1923); K.H. Strobl: Wir hatten gebauet (1923); P. Wertheimer: Menschen von heute. Schauspiel in drei Akten (1923); V. Baum: Feme (1926); A. Bronnen: Reparationen (1926); R. Auernheimer: Die linke und die rechte Hand (1927); St. Zweig: Die unsichtbare Sammlung (1927/1936); Ders.: Die Welt von Gestern (1942)

Literatur

K. Ausch: Als die Banken fielen. Zur Soziologie der politischen Korruption. Wien 1968 (Neuaufl. Mit Vorw. von F. Lacina, Wien 2013); F. Achleitner: Die Inflation und die zeitgenössische Literatur. In: F. Kadrnoska (Hg.): Aufbruch und Untergang. Österreichische Kultur zwischen 1918 und 1938. Wien 1981, 29-42; W. Schmidt-Dengler: Inflation der Werte und Gefühle. Zu Arthur Schnitzlers Fräulein Else. In: G. Farese (Hg.) Akten des Int. Symposiums ‚Arthur Schnitzler und seine Zeit‘. Bern 1985, 170-181; wiederabgedr. in: Ders.: Ohne Nostalgie: zur österreichischen Literatur der Zwischenkriegszeit. Wien 2002, 53-64; auch in: E. Polt-Heinzl: Arthur Schnitzler: Fräulein Else. Erläuterungen und Dokumente. Stuttgart 2002, 82-88; S. Klettenhammer (Hg.): Literatur und Ökonomie (Innsbruck-Wien 2010); K. Müller: ›Inflation‹. Literarische Spiegelungen der Zeit. In: K. Müller, H. Wagener (Hgg.): Österreich 1918 und die Folgen. Geschichte, Literatur, Theater und Film. Wien u.a. 2009, 123-146;  E. Polt-Heinzl: Lesebuch Finanzkrise. = Zirkular Sondernr. 73, Wien 2009; Dies.: Österreichische Literatur zwischen den Kriegen. Plädoyer für eine Kanonrevision. Wien 2012, bes. 91-98 und 107-113; H. Kiesel: Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1918-1933. München 2017, 339-362.

Christian Beer, Ernest Gnan, Marie Teresa Valderrama: Die wechselvolle Geschichte der Inflation in Österreich (2016) (Online verfügbar)

(PHK)