auch Jakob Levy, Jakob Moreno Levy bzw. Jacob Moreno Lévy, seit 1927 Jacob Levy Moreno

geb. als Iacov Moreno Levy am 18. Mai 1889 in Bukarest – gest. am 14. Mai 1974 in Beacon, New York; Arzt, Schriftsteller und Begründer der Soziometrie und des Psychodramas, Pionier der Gruppentherapie

Moreno wird als das erste von sechs Kindern in Bukarest geboren, um 1896/97 zieht die Familie nach Wien. Die Eltern, Moreno Nissim Levy (um 1856-1925) und Paulina Iancu (1873-1954), gehören dem sephardische Judentum an, Moreno wird später den 20. Mai 1892 als den Tag seiner Geburt angeben, um damit an die Vertreibung der Juden 1492 von der iberischen Halbinsel zu erinnern. Der Name Moreno, den er im Lauf seines Lebens an immer prominentere Stelle rückt(AB, 100), bis er schließlich nur noch „Moreno“ gerufen werden möchte, erinnert zudem an hebr. Morenu (lit. unser Lehrer), ein Titel talmudische Gelehrte und Rabbiner (The Jewish Encyclopedia, Bd. 9, 15f.). Der Vater handelt mit Getreide und Öl und unterhält Beziehungen in die Türkei, nach Deutschland und auf den Balkan. Die Mutter besuchte als Kind eine Klosterschule in Rumänien und ist darum mit dem katholischen Ritus vertraut, was der Familie in Wien zu Gute kam (AB, 25). Morenos Wiener Zeit, die mit seiner Emigration in die USA im Jahr 1925 endet, ist geprägt von zahlreichen unterschiedlichen kulturellen und gesellschaftlichen Kontexten, in denen er aktiv war. Vor dem Hintergrund seiner „Religion der Begegnung“ (AB, , 48ff.) etablierte er die Rolle einer sozial engagierten, charismatischen und schöpferischen Künstler-Figur mit prophetischen Zügen und hohem Wiedererkennungswert.  Moreno setzt Spontanität als die wichtigste, letztlich göttliche Kraft im Menschen, die es dem Individuum ermögliche, sich kreativ zu entfalten und somit als gesellschaftliches Wesen sowohl politisch als auch ästhetisch verantwortungsvoll zu verwirklichen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt hierbei in der von ihm praktisch und theoretisch ausgeführten spielerischen Aneignung von Realität durch die Erprobung verschiedener Rollen in nachgespielten Gefühlslagen und Konfliktsituationen (s. Das Stegreiftheater, 1924). Diese Theaterexperimente, die mit dem Stegreiftheater in der Maysedergasse 1923/24 einen Höhepunkt erreichen, sind grundlegend für Morenos spätere therapeutische Forschung, d.h. dem  Psychodrama und der Gruppentherapie und bestimmen neben seiner Tätigkeit als Herausgeber der expressionistischen Zeitschrift Daimon seine künstlerische Relevanz u. Rolle im Kontext der Avantgarden.

Moreno studiert ab 1909 zunächst Philosophie, dann Medizin an der Universität Wien (Promotion am 15. Februar 1917), arbeitet zwischen 1907 und 1911 als Hauslehrer (u.a. von Elisabeth Bergner, geb. Ettel).Im Umgang mit den Kindern, die er betreut, sammelt er erste Erfahrungen für die Wirkung des Stegreiftheaters. Gemeinsam mit Chaim Kellmer (1885-1916)  u.a.gründet er 1909 das „Haus der Begegnung“, eine Anlaufstelle für Flüchtlinge und Einwanderer. Mit Wilhelm Gruen und Carl Colbert unterstützt Moreno Prostituierte vom Spittelberg darin, sich zu organisieren; hierbei entwickelt er erste Gedanken zur Soziometrie, zu den empirisch belegbaren Bewegungenbei Gruppenfindungsprozessen. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs werden seine sozialen Projekte vorzeitig beendet, Moreno ist nun Hygienebeauftragter im Flüchtlingslager in Mitterndorf an der Fischa (Niederösterreich), ab 1918 (bis zu seiner Emigration 1925) ist er Amtsarzt in Bad Vöslau. Wie schon bei seiner Tätigkeit als Hauslehrer verzichtet er auch als Arzt auf Entlohnung durch Geld und lebt von Spenden. Verstärkt wird die prophetische Aura, die sein sozialpolitisches Engagement umgibt, durch ein eigenes Konzept der Anonymität, das er nicht nur ästhetisch in seine Philosophie (als Gott-Spieler und Wunderdoktor) einpasst, sondern das ihn und seine damalige Lebensgefährtin und Assistentin Marianne Lörnitzo zudem vor antisemitischen Übergriffen schützt (AB,  100f.).

Die Anfänge von Morenos schriftstellerischer Tätigkeit lassen sich mit dem Text Das Kinderreich von 1908 ansetzen, der auf seine Erlebnisse als Hauslehrer verweist und thematisch sowie motivisch auch in späteren Publikationen in unterschiedlichen Variationen wiederkehrt. Die drei frühen Hefte bzw. Flugschriften „Einladung zu einer Begegnung“ (1914/1915) können philosophisch und ästhetisch als Vorstufen der folgenden größeren Zeitschriftenprojekte Daimon (1918) bzw. Der Neue Daimon (1919) verstanden werden, mit denen Moreno, nun als Herausgeber, den frühen Expressionismus um eine spirituelle Facette erweitert.

Zwischen 1923 und 1924 betreibt er in Wien als Direktor bzw. als „Doctor medicinae, dessen Name in tiefstes Dunkel gehüllt blieb“ [F. Fischer, Neues Wiener Journal, 6. 10.1923,  3] ein Stegreiftheater, das professionelle SchauspielerInnen sowie Laien zu den Mitwirkenden zählt, und dem Publikum herausfordernde und unterhaltsame Aufführungen bietet. Ein unter dem Titel „Das Narrentheater des Herren der Welt von Jakob Levy“ angekündigter Theaterabend im Wiener Komödienhaus am 01.April 1921 endet im Tumult, die durch Moreno hervorgerufene Irritation wird am folgenden Tag von der Presse als „dadaistisches“ Spektakel beschrieben (Wiener Mittags-Zeitung, 2. April 1921, 5.).

Moreno publiziert viele seiner Texte anonym, was im Fall seiner Ausführungen zum „Theater ohne Zuschauer“, einer Bühne, die im Sinn der theatralen und spontanen Aktionen die getrennten Bereiche von Dichter, Schauspieler und Zuseher zusammenführt, einen Urheberrechtsstreit mit Friedrich Kiesler zur Folge hat. Im Rahmen der internationalen Theaterausstellung von 1924 im Wiener Konzerthaus beschuldigt Moreno den Architekten des Plagiats, da Moreno seine zuvor anonym präsentierten Ideen in Kieslers „Raumbühne“ wiedererkennt. Das mediale Echo ist groß, Moreno bekommt 1930 schließlich Recht gesprochen, beide Konfliktparteien befinden sich zu diesem Zeitpunkt allerdings schon im Ausland.

Nach seiner Emigration in die USA beginnt für den Gott-Spieler, wie Moreno sich selbst nannte, eine neue Phase seines Lebens. Er versucht, die Erkenntnisse der Soziometrie nicht nur in den Sozialwissenschaften, sondern auch in der Psychologie zu etablieren. 1949 heiratet Moreno seine Mitarbeiterin Zerka Toeman (1913-2016), gemeinsam arbeiten sie an der Weiterentwicklung und internationalen Verbreitung des Psychodramas als Gruppentherapieform.


Werke (Auswahl)

Einladung zu einer Begegnung. Bericht von Jakob Levy. Heft 1. (Frühling 1914.) Wien: Commissionsverlag 1914 (hierin: Das Königreich der Kinder, 8-14), Einladung zu einer Begegnung. Bericht von Jakob Levy. Heft 2 (Frühling 1915). Wien, Leipzig: Anzengruber-Verlag Brüder Suschitzky 1915, Einladung zu einer Begegnung. Das Testament des Schweigens. Flugbericht I. Herbst 1915. Wien, Leipzig: Anzengruber-Verlag Brüder Suschitzky 1915, Daimon. Eine Monatsschrift. Hg. v. Jakob Moreno Levy. Redaktion: E. A. Rheinhardt. Wien 1918 (insg. 4 Einzelhefte), Der Neue Daimon. Eine Monatsschrift. Wien 1919. Hefte 1/2 (Januar 1919) und 3/4 (April 1919) hg. v. Jakob Moreno Levy.

[Anonym erschienen]: Das Testament des Vaters. Potsdam: Verlag des Vaters / Gustav Kiepenheuer Verlag 1922. (Moreno begründet damit „Die Reihe der Einheiten“); EA stark gekürzt und anonym in Die Gefährten (Jg. 2/H. 3). Die stark veränderte englische Übersetzung erscheint 1941 als The Testament of The Father.

[Anonym erschienen]: Der Königsroman. Potsdam: Verlag des Vaters /Gustav Kiepenheuer Verlag 1923. (Moreno begründet damit „Die Reihe der unendlichen Konflikte“).

[Anonym erschienen]: Das Stegreiftheater. Ein Regiebuch für Stegreifspiele. Potsdam: Verlag des Vaters / Gustav Kiepenheuer Verlag 1924. (Moreno begründet damit die Reihe „Die Schriften des Vaters“ mit der Unterkategorie „Die Reihe der reinen Örter“).

[Anonym erschienen]: Die Gottheit als Autor. Potsdam: Verlag des Vaters / Gustav Kiepenheuer Verlag 1924. (=Bd. 2 der „Reihe der Einheiten“); EA in Daimon (1918), H. 1, 3-21.

Jacob Levy Moreno: Die Grundlagen der Soziometrie. Wege zur Neuordnung der Gesellschaft. Deutsche Übersetzung von Grete A. Leutz, bearbeitet von Karl Gustav Specht. Köln u.a.: Westdeutscher Verlag 1967. [EA Who shall survive? A new approach to the problem of human interrelations. Washington, D. C.: Nervous and Mental Disease Publishing Co. 1934 (= Nervous and Mental Disease Monograph Series. 58.)]

Jacob Levy Moreno: Auszüge aus der Autobiographie. Hg. v. Jonathan D. Moreno. Mit einem Nachwort von René Marineau. Köln: inScenario Verlag 1995 [AB]

Quellen und Dokumente

Expressionismus online: https://db.saur.de/LEX/login.jsf (Daimon, Der Neue Daimon, Die Gefährten)

Ankündigung zu einem Vortrag unter dem Titel „Das Königreich der Kinder“ in: Wiener Morgenzeitung, 27.1.1921, S. 7, „Dadaismus im Komödienhaus“ in: Wiener Mittags-Zeitung, 2.2.1921, S. 5, „Szenen während eines expressionistischen Vortrages im Komödienhaus” in: Neues Wiener Journal, 3.4.1921, S. 11, „Ein Stegreiftheater in Wien“. In: Allgemeine Sport-Zeitung, Nr. 21, 19.4.1924, S. 159, „Ein Stegreiftheater in Wien“. In: Neues Wiener Tagblatt, 25.4.1924, S. 10, „Die illusionslose Bühne“. In: Neue Freue Presse. Abendblatt, 13.9.1924, „Zum Stegreiftheater“. Feuilleton von Felix Fischer. In: Neues Wiener Journal, 6.10.1923, S. 8, „Das Theater von Morgen. Das alte Stegreifspiel in neuer Belebung“. In: Neuigkeits-Welt-Blatt, 30.4.1924, S. 5, „Lebendiges Stegreiftheater. Eine Wiener Experimentierbühne“ von Richard Smekal. In: Neues Wiener Journal, 16.6.1924, S. 5f., Erklärungen [zum Urheberrechtsstreit zwischen Moreno und Friedrich Kiesler] in MA, Jg. 10, Heft 1, 1925, S. 12.

Elisabeth Bergner: Bewundert viel und viel gescholten. Elisabeth Bergners unordentliche Erinnerungen. München: Bertelsmann 1987, 11-18, 57, Milan Dubrovic: Veruntreute Geschichten. Wien, Hamburg: Paul Zsolnay 1985, 156ff, Anton Kuh: Von Goethe abwärts. Aphorismen, Essays, Kleine Prosa. Wien: Forum, 16-22, Robert Müller: „Stegreif und steg-reif“. In: Kritische Schriften III. Mit einem Anhang hg. v. Thomas Köster. Werkausgabe in Einzelbänden hg. v. Günther Helmes. Paderborn: Igel Verlag 1996, 193-198.

Nachlasssammlungen zu Moreno siehe hier; Moreno-Archiv in Harvard [Link].

Literatur (Auswahl)

Klaus Amann und Armin A. Wallas (Hg.): Expressionismus in Österreich. Die Literatur und die Künste. Wien u.a.: Böhlau 1994, S. 60f., Gerd Zillner: Friedrich Kieslers Raumbühne als Modell und Ausstellungsstück. „Serpentinengedankengänge“ In: Wien 1924. Station der Avantgarde. Hg. von der Österr. Friedrich und Lilian Kiesler-Privatstiftung, Wien 2018, 45-59, bes. 46f., Christoph Hutter, Helmut Schwehm (Hg.): J. L. Morenos Werk in Schlüsselbegriffen. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2009, Barbara Lesák: Die österreichische Theateravantgarde 1918-1926. Ein Experiment von allzu kurzer Dauer. In: Verdrängte Moderne – vergessene Avantgarde: Diskurskonstellationen zwischen Literatur, Theater, Kunst und Musik in Österreich 1918-1938. Hg. v. Primus-Heinz Kucher. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 2016, 43-64, Brigitte Marschall: „Ich bin der Mythe“. Von der Stegreifbühne zum Psychodrama Jakob Levy Morenos. Wien, Graz u.a.: Böhlau 1988, Brigitte Marschall: Jakob Levy Morenos Theaterkonzept. Die Zeit-Räume des Lebens als Szenenraum der Begegnung. Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie. 2005, Nr. 2, S. 229-243, René Marineau: On being Moreno’s biographer. Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie. 2014, Nr. 13 (Hauptbeilage), S. 41-52, Jonathan D. Moreno: Impromptu Man. J.L. Moreno and the Origins of Psychodrama, Encounter Culture, and the Social Network. Bellevue Literary Press: New York 2014, Paul Pörtner: Literatur-Revolution 1910-1925. Dokumente, Manifeste, Programme. Bd. 1 und 2 . Neuwied am Rhein u.a.: Luchterhand 1960 und 1961, Paul Pörtner: Spontane Literatur. In: Protokolle 78. Wiener Halbjahresschrift für Literatur, Bildende Kunst und Musik. Hg. v. Otto Breicha. Wien, München: Jugend und Volk 1978, S. 259-278, Armin A. Wallas: Zeitschriften und Anthologien des Expressionismus in Österreich. Analytische Bibliographie und Register. München: Saur 1995, Friederike Scherr: Spurensuche zu den Anfängen der Soziometrie. Jakob Levy Moreno als Medizinstudent und junger Arzt während des Ersten Weltkrieges. In: Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie. 2014, Nr. 13 (Hauptbeilage), S. 73-84.

Reinhard Müller: ausführliche Biographie sowie Bibliographie bei agso.uni-graz.at. Eintrag zu Levy Moreno bei vbkoe.org

(KK)