Anlässlich der 1000. Theateraufführung im Rahmen der sozialdemokr. Kunststelle tauchte der Begriff Raumbühne (RB) erstmals in der dazu aufgelegten Festgabe der Zs. ›Kunst und Volk‹ im Mai 1923 als in die Zukunft weisendes Bühnenkonzept auf (NWJ, 12.5.1923), ein Konzept, das – allerdings bloß in bühnenarchitektonischer Hinsicht – im April 1924 in der AZ unter dem Titel Theater der Zukunft von den Autoren u. Ingenieuren Scherer, Löwitsch und Neuzil nochmals erläutert wurde. Im Febr. 1924 berichtet P. Goldmann in der NFP von der seit Nov. 1923 laufenden Berliner Auff. des Stücks Kaiser Jones von O’Neill (Regie B. Viertel u. dessen ›Truppe‹), wobei Friedrich Kiesler für die Bühnenbildgestaltung, die explizit als Raumbühnen-Konzept wahrgenommen wurde, verantwortlich war, ein Konzept. Kurz danach begann sich Kiesler auf Einladung durch H. Tietze hin mit der Konzeption der ›Internationalen Ausstellung neuer Theatertechnik‹ im Rahmen des für Sept.-Okt. 1924 anberaumten Musik- und Theaterfest der Stadt Wien zu befassen. In diesem Kontext trat sein bereits in Berlin experimentiertes RB-Konzept stark in den Vordergrund u. wurde für die Dauer des Musik- u. Theaterfestes auch im Mittleren Saal des Wiener Konzerthauses als Modell aufgebaut und bespielt. Die RB bildete einerseits die eigentliche Attraktion der Ausstellung, geriet aber andererseits ins Visier der Kritik, die sich über die aufgeführten Stücke und andere Darbietungen (Tanz, Vorträge) uneins war, ja das Projekt publizistisch eher zu hintertreiben als zu stützen unternahm. Auch der Plagiatsvorwurf, der durch einen Offenen Brief des Architekten Rudolf Hönigsfeld im ›Tag‹ am 11.9.1924 sowie im Zuge eines Schönberg-Konzerts von Jakob Moreno-Levy selbst am 24.9. gegen Kiesler erhoben wurde und sich, wie Kiesler (u.a. auch im nachfolgenden Gerichtsverfahren) darlegen konnte, als haltlos erweisen musste –  Moreno-Levys Idee des Stegreiftheaters bzw. einer ›Bühne ohne Zuschauer‹ war einem völlig anderen Konzept verpflichtet – belastete das nachfolgende Aufführungsprogramm, das durch strittige Rechtsfragen zusätzlich behindert und verzögert wurde. Allerdings konnte Kiesler für sich in Anspruch nehmen, bereits im Beitrag Das Theater der Zeit (Berliner Tageblatt, 1.6.1923) erste Konturen der RB skizziert zu haben. Zentrale Idee der RB Kieslers war, dass sie eine minimalistische offene Struktur aufwies, in deren Zentrum die Bühne von allen Seiten aus einsehbar und von einer ring- und spiralförmig sich vertikal auf drei Ebenen ansteigenden Holzkonstruktion umgeben war. Auch eine Rednertribüne war vorgesehen. Die Zuschauer waren um diese Konstruktion herum gruppiert, sollten eine gewisse Bewegungsfreiheit besitzen, d.h. aus der traditionellen Rolle des Theater besuchenden, passiv konsumierenden Bürgers heraustreten. Kiesler selbst verknüpfte dieses Konzept mit jenem des ›Railway‹-Theaters: „Die Raumbühne des Railway-Theaters, des Theaters der Zeit, schwebt im Raum […] Das Theater der Zeit ist ein Theater der Geschwindigkeit.“ (Ausstellungskatalog 1924, Innenseite).

Als Eröffnungsstück war Methusalem oder der ewige Bürger von Iwan Goll in der Regie von K. Martin vorgesehen. Nach einer Probe musste das Stück aufgrund eines Einspruchs des Wiener Puppentheaters ›Der Gong‹ jedoch abgesetzt werden; als Ersatz fungierte das Stück Im Dunkel von Paul Frischauer, das am 2.10.1924 zur Aufführung kam und von der Kritik als eher ungeeignet für diese Bühne angesehen wurde. O. M. Fontana wie Edwin Rollett z.B. werteten es eher als intimes Kammerstück, lobten jedoch die Regie von Renato Mordo und attestierten der RB, dass sie die Zukunft des Theaters mitabstecke. Noch schärfer ging B. Balázs mit dem Stück ins Gericht; es sei zwar lyrisch, aber man könne nicht nachvollziehen, warum drei Figuren [] „endlos allzu bekannten Jammer [reden] und „keine Konturen einer Gestaltung“ erkennbar wären, womit sich die beiden Debütanten, RB und Frischauers Stück wechselseitig störten. Nichtsdestotrotz tauchte von da an der Begriff RB wiederholt auf; Martins Inszenierung von Wedekinds Franziska im Dez. 1924 wird, ohne Kieslersche RB, als konzeptuell dem RB-Modell verpflichtet gesehen und trotz Polarisierungen überwiegend gewürdigt. Auch das Gastspiel Tairows mit dem Moskauer Kammertheater 1925 wird mit dem RB-Konzept in Verbindung gebracht, wie ja bereits Kassák in einem MA-Beitrag auf die Bedeutung der sowjetrussischen Theaterexperimente für eine RB-Perspektive hingewiesen hatte. Auch Kiesler selbst hat in einem mit Dem neuen Schauspiel entgegen betitelten resümierenden Beitrag im Tag (6.1.1925, S.4) selbstkritisch das Festspiel-Angebot kommentiert und dabei festgehalten, dass nur zwei Ensembles die Vorgaben der RB zu jener Zeit erfüllen hätten können: „dasjenige Tairofs und dasjenige Mayerholds“ (zit. nach Wien 1924, S.4).

Von der Resonanz her erfolgreicher waren die Tanz- und Filmvorführungen auf der RB: jene der Gruppe G. Bodenwieser, Jack Burtons oder G. Geerts und F. Légers Ballet Mécanique; auch die Vorträge von B. Balázs, Theo van Doesburg u. H. Fritz bereicherten das gedrängte RB-Programm im Oktober 1924. Nach nur 18 Tagen Präsenz im Konzerthaus wurde das Modell wieder abgebaut. Immerhin inspirierte es noch F. Porges zu einem ironisch grundierten Mini-Konversationsstück über die RB unter dem Titel Rund um die Raumbühne, das am 6.10. 1924 im Tag abgedruckt wurde. Blieb das Konzept in Wien zwar bis 1925 noch im Gespräch, so war es 1926 kaum mehr anzutreffen. Nur F. Th. Csokor würdigte es noch 1927 in einem Essay über Entwicklungsprobleme des Bühnenbildes. Für Kiesler selbst stellten sich in den USA ab 1927 neue Herausforderungen, die in sein großes unvollendet gebliebenes Konzept eines Endless Theatre einmündeten.


Quellen und Dokumente

P. K.: Tausend Theateraufführungen. Kunst und Volk. In: Neues Wiener Journal, 12.5.1923, S. 3, Theater der Zukunft. In: Arbeiter-Zeitung, 29.4.1924, S. 4, Paul Goldmann: Berliner Theater. „Anna Christie“ und „Kaiser Jones“ von O’Neill. In: Neue Freie Presse, 5.2.1924, S. 1-3, Die Raumbühne. In: Der Tag, 6.9.1924, S. 7, Edwin Rollett: Die Raumbühne. In: Wiener Zeitung, 6.9.1924, S. 10, Rudolf Hönigsfeld: Offener Brief an die Redaktion „Der Tag“. In: Der Tag, 11.9.1924, S. 8, Frederick Kiesler: Offene Antwort an die Redaktion „Der Tag“. In: Der Tag, 13.9.2924, S. 5, F. F.: Das Theater ohne Zuschauer und Darsteller. Ein Zukunftsprojekt. In: Neues Wiener Tagblatt, 25.9.1924, S. 5, Bela Balazs: Premiere auf der Raumbühne. In: Der Tag, 3.10.1924, S. 6, Oskar Maurus Fontana: Premiere der Raumbühne. Mittlerer Konzerthaussaal. In: Neues 8-Uhr-Blatt, 6.10.1924, S. 6, Paul Frischauer: Premiere auf der Raumbühne. In: Wiener Zeitung, 4.10.1924, S. 5, Abbildung in: Der Tag, 4.10.1924, S. 8, Friedrich Porges: Rund um die Raumbühne. In: Der Tag, 6.10.1924, S. 3, Ludwig Kassak: Über neue Theaterkunst. In: MA 9 (1924), H. 8, S. 2, Franz Theodor Csokor: Entwicklungsprobleme des Bühnenbildes. Ein Vortrag des Dramatikers Franz Theodor Csokor. In: Neues Wiener Journal, 12.3.1927, S. 7.

Literatur

D. Bogner (Hg.): „Die Raumbühne“. Info-Broschüre Wien 1986; Ders.: Alles Theater! Kieslers Ausstellungskonzepte aus dem Blickwinkel seiner Bühnenbildgestaltung. In: B. Lésak, Th. Pabitsch (Hgg): Frederick Kiesler. Theatervisionär-Architekt – Künstler. Wien 2012, 123-132; B. Lèsak: Die Theaterbiographie des Frederick J. Kiesler. Stationen eines Theatervisionärs: Czernowitz, Wien, Paris und New York. In: Ebd., 19-122 (zur RB bes. 35-41); diess.: Die österreichische Theateravantgarde 1918-1926. Ein Experiment von allzu kurzer Dauer. In: P.-H. Kucher (Hg.): Verdrängte Moderne – Vergessene Avantgarde. Göttingen 2016, 43-64; diess.: Eine neue Stadtkultur. Das Musik- und Theaterfest der Stadt Wien. In: Wien 1924. Stationen der Moderne (= Ausstellungskatalog der L. u. F. Kiesler Privatstiftung) Wien 2018, 9-14; G. Zillner: Friedrich Kieslers Raumbühne als Modell und Ausstellungsstück. In: Ebd. 45-49 (mit zeitgen. Illustrationsbeispielen als Anhang).

Bettina Maria Brosowsky: Meister der Inszenierung. Frederick Kieslers theatralischer Impetus. In: Bauwelt (2013), H. 5 (Online verfügbar), Friedrich Polleroß: Friedrich Kieslers „Raumbühne“ und das Institutsarchiv (2016) (Online verfügbar), Fotografie bei medienkunstnetz.de, Übersicht zur Vortragsreihe „Wien 1924“ bei kiesler.org.

(PHK)