geb. am 4.12.1901 in Korneuburg – gest. am 2.4.1993 in Wien; Kulturpolitiker, Volksbildner, Journalist

M., Sohn eines Gerichtsdieners und einer Hausfrau, besuchte das Gymnasium in Stockerau und studierte Geographie und Geschichte bei Ludo Hartmann, Ernst Stein und Oswald Redlich an der Universität Wien. Nach der Promotion 1925 begann er seine Tätigkeit als Redakteur, u.a. in der ab 1927 von Nikolaus Hovorka herausgegebenen Reihe Berichte zur Kultur- und Zeitschichte, in der 1931 eine vor dem Nationalsozialismus warnende, mehrfach aufgelegte Sondernummer Zwischenspiel Hitler erschien. Parallel dazu hielt M., dessen Vorschlag eines Kurses über das Neue Russland 1926 noch abgelehnt worden war, bis 1936 rund 160 Kurse und (Lichtbild-)Vorträge in Wiener Volkshochschulen ab, etwa zur kulturellen und politischen Entwicklung der Sowjetunion, zu Fragen des Islam, dem britischen Kolonialismus in Indien, aber auch landeskundliche Betrachtungen u.a. zu Mexiko, Samoa und Tibet. Selbst unternahm M. ab 1930 mehrere innereuropäische Reisen, u.a. nach Deutschland, Belgien, Frankreich und England und pflegte Kontakt zu Friedrich Austerlitz, Otto Neurath, Ernst Karl Winter sowie zum Kreis um Franz Kobler, dem Oskar Kokoschka und Stefan Pollatschek angehörten.

1934 wurde M. vom Wiener Volksbildungsreferenten Karl Lugmayer mit der Funktion des Bildungsreferenten der Wiener Arbeiterkammer sowie der Leitung des Volksheims Ottakring (VHO) betraut und gehörte dem Vorstand des Vereins Arbeiterbüchereien um Otto Spranger an. M. bildete in der Folge das Bindeglied zwischen dem ständestaatlichen Regime und der illegalen Arbeiterbewegung und bemühte sich trotz medialer Anfeindungen u.a. durch die Forcierung von Arbeiterdichtern im VHO, Vergabe von Stipendien an politisch Verfolgte sowie die Wiedereinstellung aus politischen Gründen entlassener Dozenten wie Leo Stern und Edgar Zilsel um eine Opposition zur ständestaatlichen Kulturpolitik. Nach der Revue Das Lied vom Alltag nach dem Text des Arbeiterdichters Willy Miksch im November 1935 brachte M. im Juni 1936 die szenische Vertonung des Zyklus Hiob. Oratorium für Fabriksarbeiter des deutschen Lyrikers und KPD-Mitglieds Walter Bauer zur Aufführung, die wegen des Vorwurfs der Gotteslästerung trotz Kalmierungsversuchen durch Kardinal Theodor Innitzer zum Skandal wurde und zur Entmachtung M.s führte. Zudem reduzierten neue Volksbildungsgesetze, die Kommunalisierung der Arbeiterbüchereien und die direkte Kontrolle der Volkshochschulen durch Bürgermeister Richard Schmitz seine Gestaltungsmöglichkeiten ab Mitte 1936 massiv. Im Juli desselben Jahres gründete er den Österreichischen Arbeiterschriftstellerverband (ÖASV), der bis März 1938 knapp vierzig Mitglieder zählte. Trotz der schon im Mai 1935 eingeführten Filmzensur betätigte sich M. weiters als Mitbegründer der Gesellschaft der Filmfreunde, die 1936-38 ein anspruchsvolles Programmkinoangebot entwickelte, und setzte die wöchentliche Sendung von Betriebsreportagen durch die RAVAG durch.

Unmittelbar nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht im März 1938 wurde M. festgenommen und ins KZ Dachau verschleppt, wo er, von einem halbjährigen Aufenthalt im KZ Flossenbürg abgesehen, bis 6.7.1944 festgehalten wurde. Als Häftlingsbibliothekar fertigte M. mehr als zwanzig sog. „Pickbücher“ mit Zeitungsausschnitten an und zeigte sich für die Aufführung von Rudolf Kalmars Ritterstück Die Blutnacht auf dem Schreckenstein oder Die wahre Liebe ist das nichtim KZ Dachau verantwortlich. Nach seiner Rückkehr nach Wien näherte er, der sich wiederholt als „parteiloser Linker“ oder „Linkskatholik“ bezeichnete, sich der illegalen KPÖ an, deren Zentralkomitee er 1945-1957 angehörte. 1945-1949 bekleidete er das Amt des Wiener Stadtrats für Kultur und Volksbildung und gehörte bis 1954 dem Gemeinderat an. M. bemühte sich – nur teilweise erfolgreich – um die Rückkehr emigrierter Intellektueller wie Oskar Kokoschka, Ernst Krenek, Hermynia Zur Mühlen und Arnold Schönberg nach Wien und veröffentlichte in der Austro American Tribune im November 1945 den Aufruf An die Österreichischen Künstler und Wissenschaftler in den USA. Als Stadtrat war M. zudem für die Wiedereröffnung der Theater, Konzertsäle und Kinos verantwortlich und initiierte u.a. im Herbst 1946 die Ausstellung Niemals vergessen im Künstlerhaus. Als Publizist trat Matejka neben der mit Ernst Fischer und Bruno Frei zwischen 1949 und 1957 besorgten Herausgabe der kommunistischen Kulturzeitschrift Österreichisches Tagebuch u.a. in der Österreichischen Volksstimme, in Die Woche sowie im von B. Frei neu herausgegebenen Blatt Der Abend in Erscheinung.


Werke (Auswahl)

Grundlinien der Kulturpolitik in Österreich (1938), Katholik und Kommunist (1945), Widerstand ist alles. Notizen eines Unorthodoxen (1983), Anregung ist alles (1991), Das Buch Nr. 3 (1993)

Quellen und Dokumente

Der faschistische Feldzug gegen die Bücher. In: AZ, 16.12.1934, S. 6, Leo Gabriel: Katholische und neutrale Volksbildung. In: Reichspost, 22.1.1935, S. 1f.

Literatur

N.N.: V. M. – Kulturstadtrat. Über die Schwierigkeit, einer öffentlichen Funktion ein politisches Profil zu geben. In: Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, Nr. 1/2003 [Onlinefassung], Siglinde Bolbecher, Konstantin Kaiser: Lexikon der österreichischen Exilliteratur (2000), S. 473f. [Onlinefassung], Horst Jarka: Opposition zur ständestaatlichen Literaturpolitik und literarischer Widerstand. In: Klaus Amann, Albert Berger: Österreichische Literatur der dreißiger Jahre. Ideologische Verhältnisse, institutionelle Voraussetzungen, Fallstudien, 13-41 (1985), P.-H. Kucher: Zur Vielfalt und Spezifik Erster Briefe des österreichischen Exils. Kontaktaufnahmen von Exilanten (Angel, Bernfeld, Engel, Kramer, Polak, Zur Mühlen) zu literarischen Netzwerkern und Freunden (Basil, Dubrovic, Fontana, Matejka). In: Ders. et al. (Hg.): Erste Briefe/First Letters. Aus dem Exil 1945-1950. (Un)Mögliche Gespräche. Fallbeispiele des literarischen und künstlerischen Exils, 32-62 (2011), Manfred Mugrauer: „Angelegenheit Matejka“. V. M.s KPÖ-Mitgliedschaft im Spannungsfeld von Konflikt und Freiraum. In: Zeitgeschichte 32 (2005), H. 6, 371-398 [Online verfügbar], Franz Richard Reiter (Hg.): Wer war Viktor Matejka? Dokumente – Berichte – Analysen (1994), Christian H. Stifter: Interesse am kritischen Disput. Viktor Matejka und sein Beitrag zur Volkshochschularbeit in den Jahren 1925-1936. In: Ders. (Hg.): „Volksbildung mach ich wo immer …“. Viktor Matejka 1901-1993, 19-36 (2005).

Heimo Gruber: Viktor Matejka und die Demokratisierung des Buches. [Onlinefassung]

Eintrag bei wien.gv.at.

Nachlass: Wien-Bibliothek im Rathaus [Verzeichnis online]

(ME)