Frei, Bruno

eigentlich Benedikt Freistadt, geb. am 11.6.1897 in Bratislava/Pressburg – gest. am 21.5.1988 in Klosterneuburg; Journalist, Schriftsteller

Ps.: Karl Franz, F. Bruno

F., mütterlicherseits mit Heinrich Heine verwandt, wuchs als Sohn einer verarmten jüdischen Familie in Bratislava und Wien auf und brach mit fünfzehn Jahren die Ausbildung zum Rabbiner ab. Nach der Matura als Externist studierte er ab 1915 in Wien Philosophie, wo er 1920 promovierte. F. besuchte u.a. Vorlesungen und Vorträge von Sigmund Freud, Max Adler und Karl Kraus. An der Universität kam er mit der sozialistischen Studentenschaft in Kontakt, trat 1918 der SDAP bei und fungierte als Delegierter des Arbeiterrats in Wien-Brigittenau. In der revolutionären Stimmung des Jahres 1918 näherte sich F. dem Flügel um den späteren KP-Funktionär Josef Frey an. Ab Ende 1917 war F. Leiter der Rat- und Auskunftstelle der linken Wiener Tageszeitung Der Abend, in der der im Auftrag des Herausgebers Carl Colbert durch Bildmaterial und Statistik gestützte Sozialreportagen aus den Proletarierquartieren der Wiener Vorstädte sowie zu Judentum und Antisemitismus veröffentlichte. Wohl auf Vermittlung der jüdischen Philantrophin Anitta Müller, mit der F. Kindertransporte in die Schweiz organisierte und im Wiener Konzerthaus seine Arbeiten als Lichtbildvortrag präsentierte, unternahm er für das American Joint Comittee des Vereinigten Jüdischen Hilfwerks weitere Recherchen im Milieu jüdischer Flüchtlinge. In dieser Zeit publizierte F. auch einzelne Beiträge in der von Siegfried Bernfeld besorgten jüdischen Zs. Jerubaal. 1919 trat der Sozialreporter und amtierende Vizebürgermeister Max Winter an F. heran, um dessen Bildmaterial in der Suche internationaler Hilfe einzusetzen. Die Bildabzüge gelangten durch bis nach Skandinavien, Amerika und Australien. Zudem gab F. die Wochenzeitschrift Die frohe Botschaft heraus.

Nach dem Studienabschluss übersiedelte er, nach eigenen Angaben auch aus Enttäuschung über die ausbleibende Revolution in Wien, 1920 nach Berlin, wo er Aufnahme im Kreis um Egon Erwin Kisch und Anton Kuh im Romanischen Café fand und von Stefan Großmann als administrativer Mitarbeiter zum Tage-Buch geholt wurde. Zudem gründete er mit Leo Lania die Presseagentur ABC, die vor allem während des KPD-Verbots im Winter 1923/24 in den Fokus der Polizei geriet. 1923 veröffentlichte F. erste Texte in Siegfried Jacobsohns Weltbühne, unter Carl Ossietzky wurde er 1929 fester Mitarbeiter. Zwischen 1923 und 1925 als Berlin-Korrespondent für Der Abend tätig, kehrte F. als Leiter der Außenpolitikredaktion nach Wien zurück und verfasste zudem eine erste umfassende Darstellung zum Matrosenaufstand von Cattaro 1918. 1928 unternahm er eine im Reportageband Im Lande der roten Macht dokumentierte Russlandreise. 1929 holte ihn sein Verleger Willi Münzenberg wieder nach Berlin, wo er die Rolle des Chefredakteurs der neugegründeten linksgerichteten Boulevardzeitung Berlin am Morgen der Internationalen Arbeiter-Hilfe bis zum Verbot 1933 übernahm und zunehmend politische Schriften verfasste.

Nach der Machtübernahme Hitlers flüchtete F. nach Prag und verfasste innerhalb weniger Tage die Broschüre Hitler über Deutschland. Und wie es kam… Mit F. C. Weiskopf, der bei Berlin am Morgen Feuilletonchef war, und Wieland Herzfelde, dem Leiter des Malik-Verlags, gründete F. die von Münzenberg gestützte Wochenzeitschrift Der Gegen-Angriff, deren Chefredakteur er bis 1936 war. 1934 trat F. der illegalen KPD bei und übersiedelte 1936 nach Paris. Er publizierte in mehreren antifaschistischen Zeitschriften wie Neue Deutsche Blätter und Nouvelle d‘Autriche und fungierte ab 1936 als Mitherausgeber des Nachrichtendienstes Nouvelles d’Allemagne sowie als Sekretär des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller im Ausland. Nach der Internierung im Lager Vernet 1939/40 flüchtete F. nach Mexiko, wo er weiter als Organisator deutschsprachiger Exilpresse (u.a. Freies Deutschland, El Libro Libre, Austrian Libre) wirkte. Ab 1943 KPÖ-Mitglied, kehrte er 1947 nach Wien zurück und wurde Chefredakteur des neugegründeten Abend, der im kommunistischen Globus-Verlag erschien. Weiters gab F. mit Ernst Fischer und Viktor Matejka das Österreichische Tagebuch heraus, war u.a. Mitarbeiter der RAVAG und zeitweilig Mitglied des PEN-Clubs und des Österreichischen Schriftstellerverbandes.


Weitere Werke (Auswahl)

Wiener Wohnungselend (1918) [Online verfügbar], Jüdisches Elend in Wien (1920), Gespräch über das Glück (1920), Das Elend Wiens, Reportage (1921), Die roten Matrosen von Cattaro (1927), Hanussen, Biografie (1934), Die Männer von Vernet (1950), Carl von Ossietzky, Biografie (1966), Der Papiersäbel (Autobiographie, 1972)

Quellen und Dokumente

Beträge B. F.s: Zur Philosophie des Sozialismus. In: Der Kampf 16 (1923), Nr. 11, S. 383f., Deutsche Judenordnung, ein völkisches Geheimdokument. In: Die Weltbühne 20 (1924), 23, S. 766f., Der nächste Eisenstein-Film. In: Prager Tagblatt, 9.8.1928, S. 7, Lippowitz und Pöffl. In: Die Weltbühne 25 (1929), 5, S. 194f., Carl Colbert. In: Die Weltbühne 25 (1925), 26, S. 964-968, Was ist ein Sozialist? In: Die Weltbühne 26 (1930), 24, S. 894, Zum zehnjährigen Jubiläum der Internationalen Arbeiterhilfe. In: Die Rote Fahne, 12.8.1931, S. 5, Alarmruf aus Oesterreich. In: Die Weltbühne 27 (1931), 12, 489-491, [Rez. zu: Otto Heller:] Der Untergang des Judentums. In: Die Weltbühne 28 (1932), 1, 14-17, SDS [Schutzverband deutscher Schriftsteller]. In: Die Weltbühne 28 (1932), 38, S. 439, Hellseher. In: Die Weltbühne 29 (1933), 5, S. 161-165, Friedrich Adler gegen Kautsky. In: Die Weltbühne 29 (1933), 9, 309-312.

„Jüdisches Elend in Wien.“ Bilder und Daten von Bruno Frei. In: Wiener Zeitung, 13.8.1920, S. 4, Klara Mautner: Ein Buch vom jüdischen Elend. In: Wiener Morgenzeitung, 21. 3. 1920, S. 3f., [no-lexicon]Die roten Matrosen von Cattaro. Eine Episode aus dem Revolutionsjahre 1918 von Bruno Frei.[/no-lexicon] In: Arbeiterwille, 11.10.1927, S. 4, Hermann Wendel: Der Matrosenaufstand von Cattaro. In: Volkspost, 10.3.1928, S.4f., Bruno Frei und der Abend. In: Die Rote Fahne, 11.5.1929, S. 2, Eine Ohrfeige für die „Arbeiter-Zeitung“. Wiener Linkssozialist rechnet mit der Sozialdemokratie ab. In: Die Rote Fahne, 26.5.1929, S. 4, Erich Korningen (?): [no-lexicon]Im Lande der roten Macht. Von Bruno Frei. In: Wiener Zeitung, 6.11.1929, S. 8.

Nachlass: ÖLA 101/98: Teilnachlass, siehe auch: Die Sammlung Bruno Frei (1897-1988) (1996)

Literatur

Siglinde Bolbecher, Konstantin Kaiser: Lexikon der österreichischen Exilliteratur (2000), S. 208f., Inge Diersen (Hg.): Lexikon sozialistischer deutscher Literatur. Von den Anfängen bis 1945 (1964), 165-168, Eva-Maria Siegel: F., B. In: Simone Barck (Hg.): Lexikon sozialistischer Literatur. Ihre Geschichte in Deutschland bis 1945, 145f. (1994), Josef Seiter: “Elendsbefreiung kann nicht sein ohne Elendserkenntnis”. Sozialreportage und sozial engagierte Fotografie in Wien um 1900. In: Spurensuche 14 (2003), H. 1-4, 142-163, J. S.: Wiener Elendsbilder. Das Album der Fotografen Anton und Hans Bock, des Journalisten Bruno Frei und des Oberleutnants Rudolf Frey. In: Werner Michael Schwarz et al.: Ganz unten. Die Entdeckung des Elends (2007), 157-161.

Katharina Kniefacz: Benedikt Freistadt (Pseudonym: Bruno Frei). In: Gedenkbuch der Universität Wien [Online], Eintrag bei literaturepochen.at, Eintrag bei wien.gv.at, Radiobeitrag in der Reihe Geschichten und Geschichte (1979).

Jean Améry: Ein Leben im Dienste einer Illusion: Funkt noch das Signal vom Oktober? [Rez. zu Der Papiersäbel]. In: Die Zeit, 13.10.1972.

(ME)