Onno, Ferdinand

auch: Onofreczek, Onotschek, geb. am 19.10.1881 in Czernowitz – gest. am 18.8.1969 in Wien; Schauspieler, Rezitator, Feuilletonist

Onno kam in den späten 1890er Jahren zunächst nach Wien, um ein Studium zu beginnen, ging aber sofort nach Berlin, um dort Schauspielunterricht zu nehmen. Nach Engagements an kleineren Bühnen, zuletzt am Schillertheater in Kiel, wurde er 1902 ans Hofburgtheater nach Wien geholt, wo er aber nur kurz blieb. 1903-06 spielte er unter M. Reinhardt in Berlin vorwiegend in dessen Shakespeare-Inszenierungen versch. Rollen. Anschließend ging Onno ans Deutsche Landestheater in Prag, wo er seinen Durchbruch erlebte (u.a. in Goethe-, Lessing- und Schiller-Stücken). 1910 wechselte er ins Ensemble des Deutschen Volkstheaters nach Wien, wo er als Hamlet sowie in Schnitzlers Ruf des Lebens sich sofort gut etablieren konnte. Nebenher betätigte er sich auch als Rezitator bei Lesungen, u.a. für den Akademischen Verband für Literatur und Musik, ferner anlässl. der 20Jahr-Feier des Bestehens der Arbeiterzeitung 1912 im Volksheim Ottakring (Gedicht von R. Dehmel und A. Petzold) oder 1913 für den  Jüdischen Literarischen Verein Olmütz (aus Schnitzlers Professor Bernhardi). Während des Ersten Weltkrieges trat Onno häufig in Gastspielen des Dt. Volkstheaters in Graz, dort z.B. 1915-16 in Armut von A. Wildgans, in Pilsen (in Schiller- und Shakespearestücken) sowie in Prag  auf. 1918 verpflichtete ihn Bernau für die Kammerspiele, wo er im März 1918 in G.B. Shaws Frau Warrens Gewerbe glänzte. Im April 1918 wirkte er an der von A. Rundt ausgerichteten Wedekind-Feier in der Volksbühne sowie der Aufführung von dessen Stück Zensur mit, am 11.11. 1918 an der Schillerfeier im Deutschen Volkstheater (an der Seite von R. Aslan). Auch 1919 zeigte sich Onno in vielfältiger Weise und durchwegs erfolgreich, beginnend in G. Hauptmanns Einsame
Menschen
über Hölderlin von W. Eidlitz bis hin zu seiner Mitwirkung in St. Zweigs Jeremias, dessen Stück u.a. mit R. Aslan u. R. Schildkraut hochkarätig besetzt war sowie in E. Weiß‘ Tanja. Seit 1919 spielte O. auch in mehreren Stummfilmen (bis 1924) bedeutende Rollen, so z.B. in Die Frau in Weiß (1920), Der junge Medardus (1923) oder in Die Sklavenkönigin (1924), in den letzten beiden unter der Regie von M. Kertész (Curtis). 1920 wirkte er an der Popper-Lynkeus Feier mit, 1921 an zahlreichen Rezitationsveranstaltungen u. 1922 im Ibsen-Stück Rosmersholm unter der Regie von K. Martin oder, neben anderen Rollen oder Rezitationen, an der großen Grillparzer-Feier in der Urania. Unter M. Reinhardt brillierte O. 1923 in Lenormands Komödie Die Namenlosen; ferner trat er wieder bei zahlreichen Lesungen in Erscheinung, z.B. bei einer Faust-Lesung im Volksheim Leopoldstadt. Seit Nov. 1924 war Onno, beginnend mit einer Sprechrolle in Der Ackermann und der Tod und gefolgt von Hauptmanns Hanneles Himmelfahrt, aufgr. von Übertragungen auch dem Radiopublikum ein Begriff. Im selben Jahr nahm er auch an Gastspielen in Innsbruck und Linz, z.B. mit Sudermanns Sodoms Ende bzw. Schnitzlers Lebendige Stunden, mit Goethes Iphigenie in Graz oder mit Hauptmanns Michael Kramer in Baden, teil  und spielte darüber hinaus in H. Bachwitz‘ Joshiwara im Modernen Theater. Im Rahmen des Musik- und Theaterfestes sprach O. den Text im Melodram Der geheimnisvolle Trompeter von F. Salmhofer (Text: W. Whitman), sodass man von einer breiten Bühnen- aber auch prominenten Rezitations- und Radiopräsenz Onnos seit den frühen 1920er Jahren sprechen kann. Bei den Maifeiern des Republikan. Schutzbundes in Mariahilf 1926 trat Onno erstmals in diesem Kontext als Festredner auf, im Okt. dess. Jahres auch auf der Feier der Gewerkschaftsjugend oder bei Einweihungen von Wohnungen im Rahmen des Wohnbauprogramms der Stadt Wien. Diesem Engagement korrespondierte ein temporärer Rückzug von der Bühne, über den versch. Spekulationen kursierten. Ende August 1926 spielte Onno freilich wieder in Goethes Iphigenie auf Tauris u. Anfang Jänner den Hinkemann in Tollers gleichnamigen Stück in einer Aufführung der Freien Bühne u. in Anwesenheit des Dichters, die Rosenfeld wie folgt kommentierte: „In der letzten Szene wuchs Onno weit über die Maße einer Bühnengestalt hinaus zur erschütternden Verkörperung des verzweifelt in einer unverstandenen Welt irrenden proletarischen Menschen“ (AZ, 4.1.1927,6). Im April 1927 spielte er in A. Neumanns Der Patriot, wirkte aber auch an mehreren Wahlveranstaltungen der SDAPÖ als Rezitator mit und unterschrieb auch den Wahlaufruf vom 20.4.1927 und am 1.5. 1927 gestaltete er mit Maria Gutmann das Maifeier-Leseprogramm in Radio Wien. Im Juni stand er schließlich als Warbeck im gleichnamigen Schiller-Fragment wieder auf der Bühne, im Juli in der Detektivkomödie Der Hexer von E. Wallace; im November spielte er im Toller-Stück Hoppla, wir leben! im Raimundtheater, im Dezember den Kunstmaler Schwarz in Wedekinds Erdgeist. Diese breite und von den Kritiken her durchwegs gewürdigte Präsenz hatte Onno auch in den beiden Folgejahren; 1928 z.B. als Mitwirkender an der Ibsen-Feier im Dt. Volkstheater (und in dessen Stück Gespenster), als Sprecher der Festrede über Gorki von St. Zweig in Radio Wien oder als Schauspieler in K. Hamsuns Vom Teufel geholt sowie im Schinderhannes von Zuckmayer nebst Mitwirkungen an politischen Veranstaltungen der SDAPÖ. Auch 1929 bespielte er ein Spektrum, das von Lessings Miß Sara Sampson über den Marquis Posa und Anzengrubers Das vierte Gebot in die Gegenwartsdramatik reichte, etwa zu R.C. Sheriffs erfolgreichem Psycho-Kriegsdrama Die andere Seite oder zu F. Th. Csokors Ballade der Stadt in ihrer Radioaufführung anlässl. des 1. Mai-Programms u.a.m. 1930 spielte er schließlich Stück Affäre Dreyfuß von H. Rehfisch nochmals am Dt. Volkstheater, bevor er mit der Herbstsaison 1930-31 ans Burgtheater wechselte und dort ab Ende Oktober in G. Kaisers Die Bürger von Calais und anschließend in Werfels Tragödie Das Reich Gottes in Böhmen in einer Hauptrolle mitwirkte. Mit dieser Verpflichtung veränderte sich das Spektrum seiner Bühnenarbeit insofern, als kanonische oder Burgtheater-Autoren stärker in den Vordergrund traten wie Grillparzer, H.v. Hofmannsthal oder A. Schnitzler mit seinem späten Drama Der Gang zum Weiher sowie Csokor mit Die Gesellschaft der Menschenrechte, zu denen als explizit moderner Autor nur F. Bruckner 1932 mit seinem Timon hinzukam. Diese Tendenz, verbunden mit weniger Präsenz in der politischen Öffentlichkeit, lässt sich über 1932 hinaus auch für 1933-34 feststellen: Onno übernahm wohl gewichtige Rollen wie z.B. in Schillers Wallenstein u. G.B. Shaws Der Kaiser von Amerika sowie in Hauptmanns Florian Geyer präsent, die Wirkungsakzente hielten sich dabei jedoch eher in Grenzen. 1934 schließlich spielte Onno nur mehr in wenigen Rollen, in Grillparzers Weh dem der lügt und in R. Holzers Stille Musik am Akademietheater, 1936 und 1937 gar nur mehr mit je einer Verpflichtung (in Grillparzers Sappho sowie in Kaiser Joseph II. von R. Henz). Ab 1938 war Onno vorwiegend in „kleineren Rollen“ am Burgtheater in Klassikerstücken mit einem oder zwei Engagements im Jahr beschäftigt.


Quellen und Dokumente

F.O.: Film und Bühne. In: Die Kinowoche Nr. 11/1919, S. 6-7;

(PHK)