geb. am 14.8.1881 in Kattowitz/Polen – gest. im April (?) 1939 in New York; Autor, Journalist, Regisseur, Theaterdirektor

R. studierte Jus und Philosophie und promovierte 1904 in Rostock. 1905/06 war er Schauspieler am Deutschen Theater in Berlin, 1906/07 am Stadttheater in Thorn, 1908/09 Regisseur am Berliner Theater in Berlin und stieß dann in Wien zur Bewegung rund um den 1906 unter dem Vorsitz von Engelbert Pernerstorfer gegründete Verein Wiener Freie Volksbühne. Am 12.12.1912 eröffnete die Volksbühne seine Spielstätte im siebten Bezirk in der Neubaugasse unter den Direktoren Stefan Großmann, Theaterreferent der Arbeiter-Zeitung, und A.R. mit einer Bearbeitung von Nestroys Kampl durch Alfred Polgar. Der Spielplan zielte neben der Vermittlung von Theaterklassikern auf moderne deutschsprachige Theaterliteratur. Bei Kriegsausbruch löste sich der Verein Wiener Volksbühne auf. Am 25.9.1915 eröffnete R. die Volksbühne im Theater in der Neubaugasse neu, u. a. hatte hier am 12.2.1916 R.s Inszenierung von Else Feldmanns Der Schrei, den niemand hört. Ein Bericht aus dem Ghetto Premiere. Über organisatorische Probleme besprach sich R. in dieser Zeit wiederholt mit Arthur Schnitzler. „Direktor Rundt; eröffnet die Volksbühne auf neuer Grundlage. Comitébeitritt. Eröffnungspläne“ notiert Schnitzler am 15.9.1915 (TB 1913-16, 220). Ein Jahr später, am 19.6.1916 folgt ein neuerliches Gespräch über Rundts Geldsorgen und seine gescheiterte Bewerbung als Direktor des Deutschen Volkstheaters. Am 1.7.1916 fühlt Rundt wegen Unterstützung bei Schnitzler vor, weil man ihm „das Theater wegmiethen“ will; Schnitzler scheint dilatorisch reagiert zu haben, am 13.9.1916 hat er sich entschieden: „Telegr. an Rundt, will mich unter seinen Aufruf (Volksbühne) nicht zeichnen. –“ (TB 1913-16, 300/314)

Amerika ist anders 1926 |
Dokumentationsstelle für österr. Literatur

Am 11.11.1916 eröffnete R. die Spielstätte im ehemaligen Varietétheater Colosseum im neunten Bezirk mit Shakespeares Sommernachtstraum. Polgar fand R.s Inszenierung mit Aufführung einem Bühnenbild von Alfred Roller „nicht sehr erquicklich“ (AP, KS, 6,131), etwas wohlwollender fiel die Kritik im Neuen Wiener Journal aus (NWJ, L. Jacobson,15.11.1916). Rudolf Linden resümierte 1918: „Direktor Rundt ist mit großen Plänen nach Wien gekommen. Er wollte dem arbeitenden Volk eine Kunststätte bieten […]. Am leidigen Geld ist der schöne Zukunftstraum gescheitert und man musste ‚mit Wasser kochen’. […] Wien hat eine kleine Bühne mehr. Auf der fleißig und gut gespielt wird“ (Theaterstadt, 232).

Anfang der 1920er Jahre verkehrte R. im Kreis der sog. Mokka-Runde von B. Balázs, F. Blei, O. M. Fontana, R. Müller, R. Musil u.a. im Café Central. Mit Richard A. Bermann schrieb er 1923 ein erstes Reisebuch über Palästina. Am 20.4.1924 traf R. zum ersten Mal an Bord der „Cleveland“ in New York ein, weitere Reisen in die USA und Kanada –  zum Teil als Korrespondent für verschiedene Zeitungen, u. a. für den Hamburger Anzeiger – sind verbürgt für 1925, 1928, 1932, 1935 und 1936. Bereits 1926 publizierte er sein viel beachtetes Buch Amerika ist anders,das in knappen Episoden die amerikanische Gesellschaft nach ihrer Tauglichkeit als gesellschaftliches „Ordnungsmodell für die Herausforderungen der Moderne“ (SH 148) befragt. Ähnlich offen und weitgehend ideologiefrei geht er auch in seinem Russland-Reisebuch Der Mensch wird umgebautvor, das 1932 bei Rowohlt erschien.

Der Mensch wird umgebaut, 1932 | Dokumentationsstelle für österr. Literatur

Vor allem aber galt R. als Experte für Amerika, und als 1927 sein Rätselbuch Frag mich was! erschien, wurde das als „köstliche Sache“ interpretiert, die R. „neben anderen guten Dingen von seiner Amerika-Reise mitgebracht“ (ÖIZ,2.12.1928) habe. Bereits 1928 war die Auflage bei 31. bis 55. Tausend angelangt, und R. ließ einen Fortsetzungsband und 1933 die Variation Wer ist das? folgen. 1929 übersetzte er den Roman Show-Girl (1928) des US-Schriftstellers Joseph Patrick McEvoy, der 1930 unter dem Titel Show Girl in Hollywood mit Alice White in der Hauptrolle verfilmt wurde. Bereits ein Jahr zuvor war in der Neuen freien Presse sein Roman Marylin in Fortsetzungen erschienen (einen weiteren Abdruck brachte der Hamburger Anzeiger ab 9.7.1929), ein klassischer Roman der Neuen Sachlichleit, dessen erstmalige Buchveröffentlichung (2017) in Vorbereitung ist. R. publizierte im Prager Tagblatt ebenso wie im Berliner Tageblatt, im Berliner Börsen-Courier oder im Simplicissimus und war auch im Pressekosmos der Berliner Ullstein-Welt tätig. Die Balance zwischen Modernität, Populärgeschmack und Exklusivität vieler Ullstein-Magazine thematisiert er in seiner Satire Wie ich Chefredakteur des ‚Omnibus’ wurde und warum ich es nur so kurze Zeit war, erschienen in Bd. 2 der Drei Bücher des Lachens (1928). R. war befreundet mit Salomo Friedlaender, der ihm in der Groteske Wiener Schnitzel (1927) ein kleines literarisches Denkmal setzte. Auch als Bühnenautor betätigte sich R. immer wieder. 1931 schrieb er gemeinsam mit Hans Adler das Libretto zur Operette Trixie von Ralph Erwin. Am 21. April 1932 wurde am Wiener Burgtheater seine gemeinsam mit Louise Maria Mayer verfasste historische „Revue“ Disrali uraufgeführt. Gemeinsam mit Raoul Auernheimer bearbeitete R. dessen Roman Gottlieb Weniger dient die Gerechtigkeit (1934) für das Theater. 1935 konnte R.s Roman um den Physiker Cornelius Foster Kupfer B, der zuvor (Juni-August 1934 in 55 Folgen) als Fortsetzungsroman in der NFP zum Abdruck gekommen war, noch beim Auffenberg Verlag Berlin erscheinen, und im Sommer 1937 druckte die Neue Freie Presse R.s Eine Stunde Gendarm. Rosza Sandor. Der Räuberhauptmann. Vorwurf zu einem Roman in 12 Folgen (26.8. – 8.9.1937) ab; dieser Text findet sich im Nachlass Robert Neumanns im Konvolut der Materialien für seinen Roman Eine Frau hat geschrien … (1938). Wie Franz Theodor Csokor in seinem rekonstruierten Briefband Zeuge der Zeit unter dem Datum 22.4.1939 der Schauspielerin Anni Mewes mitteilt, ist R. nach zwei Schlaganfällen von Prag über Paris nach New York emigriert. Am 13.4.1939 meldete die Pariser Tageszeitung seinen Tod in einem New Yorker Sanatorium.


Werke

Hans Landsberg / A.R. (Hg): Theater-Kalender auf das Jahr 1910 (1909) bis 1914 (1913). (1909); Berlin: Oesterheld (1910–1912 (1913); Die Mausefalle. (1920); Maria Mayer – Karl Etlinger. Zwei Verkannte (1922); Die Wiedergabe. Wiener Gegenwart und ihr Besitz. Eine Sammlung kleiner Bücher (1922); A.R. / Richard A. Bermann: Palästina. Ein Reisebuch (1923); Amerika ist anders (1926); Frag mich was! Das Frage- und Antwort-Buch (1927); Frag mich noch was. Des Frage- und Antwortbuchbuches zweiter Teil (1928); Marylin. Roman. In: NFP, 2.9.1928 – 21.10.1928; Wie ich Chefredakteur des ‚Omnibus’ wurde und warum ich es nur so kurze Zeit war. In: Drei Bücher des Lachens. Die schönsten heiteren Geschichten von heute. (1928), 91–98, wieder abgedruckt in: Die Barke. Lehrer-Jahrbuch 1975 (1975), 123–127); Das Tagebuch des Skeletts. In: Das große Abenteuerbuch. Begegnungen mit Menschen, Tieren, Elementen und dem Zufall (1929), 195–200; Joseph Patrick McEvoy: Revue-Girl (1929); Louise Maria Mayer / A.R.: Disraeli. Eine Komödie in fünf Bildern (1932); Der Mensch wird umgebaut. Ein Rußlandbuch (1932); Wer ist das? Ein Spiel aus hundertzwanzig Kurzbiographien (1933); Kupfer B. (1934; Das Palästina-Bilder-Buch (1934); Raoul Auernheimer / A.R.: Weniger und die Gerechtigkeit. Eine Wiener Komödie in 3 Akten (1934); Eine Stunde Gendarm. Rosza Sandor. Der Räuberhauptmann. Vorwurf zu einem Roman. 12 Folgen. In: NFP, 26.8.8.9.1937; ABC für USA. Fibel fuer Einwanderer (1939); Henry Bataille: Der Clown. Schauspiel in 3 Akten (4 Bildern) (um 1950).

Quellen und Dokumente

Organisiertes Publikum. In: Der Strom. Organ der Wiener Freien Volksbühne. Monatsschrift. Jg. 1, Nr. 1, April 1911, S. 11–13; An die Komödianten (Worte vor der ersten Probe). In: Der Strom. Organ der Wiener Freien Volksbühne. Monatsschrift. Jg. 2, Nr. 9, Dezember 1912, S. 260f.; Das Leben wird immer einfacher. In: Simplicissimus, Jg. 32,1927, H. 14, S. 182; Vom Markt der Kurzgeschichten. In: Simplicissimus, Jg. 32, 1927, H. 21, S. 282; Der Mythus „Wien”. In: Simplicissimus, Jg. 32, 1927, H. 31, S. 406; Krach in Baumwolle. In: Hamburger Anzeiger, 24.10.1927, S. 1; Die kurze Welle für alle. Lernen Sie morsen! Das Geheimnis der Hunderttausend. In: Uhu. Jg. 5, 1928, Nr. 3, S. 94–98; Das lenkbare USA-Gehirn. In: BIZ, Nr. 48, 1928, S. 2069-2071; St. Moritz vor der Olympiade. In: NFP8.2.1928, S. 10; „Clinique de beauté“. In: Prager Tagblatt, 8.4.1928, S. 17; Das kleine Pariser Hotel. In: Prager Tagblatt, 13.5.1928, S. 4; Max Thun – der turnende Philosoph. In: Prager Tagblatt, 2.6.1928, S. 3; Diaspora. In: Windausche Zeitung, 13.10.1928, S. 2-4. – Das kanadische Wunder. In: Hamburger Anzeiger, 26.11.1928, S. 2; Um Gottes Willen kein Bier! In: Simplicissimus, Jg. 34, 1929, H. 2, S. 18; Wunderbare Heilung einer Verschwenderin durch Psychoanalyse. In: Simplicissimus, Jg. 34, 1929, H. 24, S. 291; Was ist Behaviorismus? In: Berliner Börsen-Courier, Nr. 359, 4.8.1929, Beil., S. 10. Abgedruckt in: Manfred Voigts (Hg.): 100 Texte zu Brecht. Materialien aus der Weimarer Republik. München: Fink 1980 (UTB 916), S. 85–89; Die Glühbirne jubiliert. Von A.R. (Los Angeles). In: Hamburger Anzeiger, 19.10.1929, S. 2; Die Reise nach Yukon und Alaska. In: Hamburger Anzeiger, 12.3.1930, S. 2; Das Deprimier-Klavier. In: Hamburger Anzeiger 29.10.1930, S. 1; Berichte aus Rußland. Wassili wartet auf die Maschine. In: Hamburger Anzeiger, 26.8.1931, S. 1; Der Mann, der 30000 Menschen beim Vornamen kennt. In: Hamburger Anzeiger, 3.8.1932, S. 2. – Wie findet man Arbeit in USA? In: Hamburger Anzeiger, 8.12.1932, S. 1; Schicksale zum Frühstück serviert. In: Hamburger Anzeiger, 9.1.1933, S. 2; Kupfer B. In: NFP, 24.6.1934, S. 22.

Literatur

Die „Theaterstadt“ 1918. Ein Rück- und Ausblick. In: Jacques Jaeger (Hg.): Wiener Almanach. Jahrbuch für Literatur, Kunst und öffentliches Leben. 28. Jg. (1919); AP [= Alfred Polgar]: Wiener Volksbühne. In: Kleine Schriften. Hg.: Marcel Reich-Ranicki, Ulrich Weinzierl. Bd 6. (1986); ÖIZ: M. G. Lap: „Frag mich was!“. In: Österreichische Illustrierte Zeitung. Jg. 38, Nr. 49, 2.12.1928; P. Stf. [= Stefan Paul]: A.R. gestorben. In: Pariser Tageszeitung. Jg. 4, 1939, Nr. 969 (13.4.1939), S. 4; Franz Theodor Csokor: Zeuge einer Zeit. Briefe aus dem Exil. 1933–1950. (1964), 232; Earl R. Beck: Germany rediscovers America. Tallahassee: Florida State Univ. Press 1968, 320; Franz Hadamowsky: Wien. Theatergeschichte. Von den Anfängen bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. (1988, = Geschichte der Stadt Wien. 3), 773–795; Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933–1945. Bd 2: Biographisches Lexikon der Theaterkünstler. Teil 1: A–K. Hg.: Frithjof Trapp, Werner Mittenzwei, Henning Rischbieter, Hansjörg Schneider. (K. G. Saur 1999), 810; Arthur Schnitzler: Tagebuch 1913–1916. Hg.: Peter Michael Braunwarth, Susanne Pertlik, Reinhard Urbach. (1983); R. Seth, C. Knox: Weimar Germany between Two Worlds. The American and Russain Travels of Kisch, Toller, Holitscher, Goldschmidt, and Rundt. (2006), 193–212; Salomo Friedlaender/Mynona: Groteksen. Teil II. Hg.: Detlef Thiel, Hartmut Geerken. (2008; = Ges. Schriften. 8); Simon Huber. Orientierungsfahrten. Sowjetunion- und USA-Berichte der Weimarer Republik als Reflexionsmedium im Modernediskurs. (2014), 139–158(SH); Raoul Auernheimer: Dramatische Biographie. „Disraëli“ von L. M. Mayer und A. R. (Burgtheater). In: NFP, 22.4.1932, S. 1-3; David Josef Bach: „Disraëli“ im Burgtheater. In: AZ, 24.4.1932, S. 12; bs.: Dr. A. R. und der Direktorenverband. Erklärungen und Gegenerklärungen. In: NWJ, 15.11.1916, S. 12.

(EPH)