Eigentlich: Rudolf Großmann, geb. 15.4. in Wien, gest. 27.5.1942 im Atlantik

Aktivist, Theoretiker und Praktiker des Anarchismus und Pazifismus, Herausgeber, Schriftsteller

Großmann/Ramus, Sohn des Kaufmanns Samuel Grossmann (Herkunft: Ungarn) und der Mutter Sofie Polnauer (geb. in Mähren), hatte drei Schwestern und musste 1898 das Gymnasium wegen sozialdemokratischer Propaganda verlassen. Mit seinen Eltern zerstritten wurde er als 16-Jähriger zu Verwandten in die USA geschickt. Dort besuchte er Vorlesungen an der Columbia University in New York und arbeitete als Journalist bei Zeitungen, insbesondere bei der sozialdemokratischen New Yorker Volkszeitung (1898–1900) sowie ab 1899 auch bei der weiter links positionierten Gross-Newyorker Arbeiterzeitung. Unter dem Einfluss von  Johann Most, der zwischen 1868 und 1871 auch für die Frühgeschichte der österr. Arbeiterbewegung eine Rolle spielte, und Emma Goldmann wandte er sich um 1900 dem Anarchismus zu, schrieb für Mosts Zeitschrift Freiheit und engagierte sich als Redner bei Anarchisten-Treffen. Er belieferte auch die Chicagoer Arbeiter-Zeitung mit Artikel und war Redakteur des Chicagoer Sonntagsblattes Die Fackel (1902–1903). 1902 wurde er als im Zuge eines Streiks der Seidenweber von Paterson (New Jersey) verhaftet und zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Vor Haftantritt floh er unter dem Pseudonym Pierre Ramus (dem französ. Humanisten Petrus Ramus, 1515–1572 entliehen) nach England.

1904-6 setzte er in London seine Tätigkeit als Publizist und Redner in vorwiegend anarchistischen Kreisen fort. Außerdem besuchte er Vorlesungen an der ›London School of Economics and Political Science‹. Unter seinem neuen Namen Pierre Ramus schrieb er für zahlreiche Organe wie z.B. die Wochenschrift Der Arbeiterfreund, die literarische Monatszeitung Germinal, das anarchistische Organ Die freie Arbeiterwelt (London 1906), Der freie Arbeiter (Berlin 1904–1907), gab die Monatsschrift Die Freie Generation heraus u.a.m.; 1927 hatte er auch die Leitung der Zeitschrift Der Anarchist inne. In Kropotkins Kreis, dem er sich in London zuwandte, lernte er 1903 die russische Anarchistin Sophie („Sonja“) Ossipowna Friedmann (1884–1974), kennen, 1916 mündete dies in eine Heirat.

Ramus/Großmann kehrte 1907 nach Österreich zurück, wo er das anarchistische Organ Wohlstand für Alle (1907–1914) gründete; er publizierte weiterhin Die Freie Generation und gab außerdem das Jahrbuch der Freien Generation (1910–1914) heraus. Im Jahre 1907, in dem auch sein vielbeachtetes Anarchistisches Manifest erschien, nahm er als Delegierter Österreichs am Internationalen Anarchistenkongress in Amsterdam teil. Nach zahlreichen Vortragsreisen (Böhmen, Frankreich, England, in die Schweiz u.a.) gründete er u.a. die Gruppe herrschafts- und gewaltloser Sozialisten (an Kropotkin und Tolstoi orientiert) und die Freie Gewerkschaftsvereinigung (1911–1914).

Kurz nach Kriegsausbruch wurde er als Wehrdienstverweigerer verhaftet und 1915 angeklagt. Das Verfahren, in welchem er sich selbst verteidigte und den Richter für seine Sicht der Dinge einzunehmen verstand, wurde überraschend eingestellt, wenngleich er später eine mehrmonatige Untersuchungshaft absitzen musste und zu strengem Hausarrest bis zum Ende des Krieges verurteilt wird Er wendet sich in der Folge stärker dem Pazifismus zu und stellt die Gewaltlosigkeit als zentrale Maxime seines anarchistisch-revolutionären Ideals in den Mittelpunkt.

In diesen Jahren bereitete er seine wichtigsten Werke vor, darunter Die Irrlehre des Marxismus im Bereiche des Sozialismus und Proletariats (1919, 21927)), Die Neuschöpfung der Gesellschaft durch den kommunistischen Anarchismus (1921) und den z.T. autobiographischen Roman Friedenskrieger des Hinterlandes (1924). In der revolutionären Übergangsphase Österreichs nach Ende des Krieges wurde Großmann sofort wieder aktiv und gründete 1919 den ›Bund herrschaftsloser Sozialisten‹ – (Anarchisten) (B.h.S.), dem kurzzeitig auch F. Werfel angehörte. Kurzzeitig war R. auch als Arbeiterrat tätig, erhielt aber im Juni 1919 nicht den Delegiertenstatus und zog sich in der Folge daraus zurück. Selbst bürgerliche Medien waren von seinem Charisma angezogen und positionierten ihn in Grundsatzbeiträgen über den Anarchismus neben Figuren wie J. H. Mackay und L. Tolstoi (NWJ 23.1.1919, 14), wobei sie das Prinzip der Gewaltlosigkeit wie das eines strikten Ordnungsbegriffs herausstrichen. Wohl auch deshalb fungierte er als Gegenfigur zu den Protagonisten der österr. ‚Bolschewisten‘ wie z.B. L. Rothziegel u. E. E. Kisch (NWJ, 30.1.1919, 4-5). Seine Vorträge wurden breit angekündigt, z.B. jener über F. Holländers Buch Der Tänzer und das geschlechtliche Liebesideal der Anarchie (NFP, 28.9.1919,12). Sie zogen auch die Aufmerksamkeit linksbürgerlicher Publizisten auf sich, z.B. (und wiederholt) von K. Sonnenfeld (NWJ, 1.2.1920)

Das relativ breite Spektrum an libertären Gruppierungen aktivistischer, kommunistischer, individualanarchistischer sowie anarcho-syndikalistischer Ausrichtung spaltete sich bald nach 1919-20 in zwei einander bekämpfende Lager: in eine lose Vereinigung militant-kommunistischer Anarchisten („Contra-Gruppe“), die sich u.a. an Erich Mühsam orientierte, und den B.h.S. Hier setzte Großmann/Ramus seine Energie auf die mündliche und schriftliche Verbreitung und Vernetzung seiner Ideen und Weltanschauung. So gründete er die wohl bedeutendste anarchistische Zeitschrift Österreichs mit dem Titel Erkenntnis und Befreiung – Zeitschrift im Sinne des Friedens, der Gewaltlosigkeit und der individuellen Selbstbestimmung, die bis zur Errichtung des austrofaschistischen Ständestaates 1934 erscheinen konnte. Wie in Rosa Luxemburgs Reform oder Revolution thematisierte er die kontrovers eingeschätzte Erfordernis einer zeitgemäßen Revision der Marxschen Theorie. Großmann verstand sich dabei als entschiedener, auch sehr polemischer Antimarxist, dem es sukzessive um die Widerlegung der Marxschen Gesellschaftslehre und Strategie als sozialistische Theorie aufgrund dessen deterministischen Prinzips ging, was ihm eine gewisse Beachtung auch durch konservative antimarxistische Kreise eintrug. Großmanns Antwort auf jede Form von Marxismus, des sowjetischen, aber auch dem der österr. Sozialdemokratie, brachte ihn daher wiederholt scharfe Vorhaltungen ein. Die Rote Fahne (RF) denunzierte ihn schon im Okt. 1921 als verdeckten Sympathisanten der Monarchisten (RF, 22.10.1921, 4); er bezog aber auch dem militanten Anarchismus gegenüber eine klare Frontstellung. Sonnenfeld war von seinen Ideen ebenfalls angetan, wie aus einer Besprechung von Ramus‘ Schrift Die Neuschöpfung der Gesellschaft in der dezidiert antimarxistisch-bürgerlichen Ztg. NWJ klar hervorgeht (NWJ, 27.12.1921, 3-4).

Ab 1922-23 verstärkte Ramus seine pazifistische Arbeit in Form von Mitwirkung u.a. als Redner bei Veranstaltungen des ›Bund der Kriegsdienstgegner Österreichs‹ anlässlich der jährlichen Weltkriegserinnerungstage (28.-29. Juli); ferner war er 1923 einer der Redner (neben J. Deutsch, O. Trebitsch und Hella Hertzka von der ›Internat. Frauenliga für Frieden und Freiheit‹) auf der Kundgebung Nie wieder Krieg! vor dem Wiener Rathaus. Zuvor wurde Ramus in der Steiermark an der Abhaltung einer Anti-Kriegskundgebung von der lokalen Heimwehr gehindert und mit seinen Gefährten misshandelt, was zu einem Prozess führte, der im Juni 1924 in unverständliche, parteiische Urteile einmündete (AZ, 3.6.1924,9). 1924 zum 10. Jahrestag des Weltkrieges fanden wiederum Nie wieder Krieg!-Kundgebungen in Wien (unter Beteiligung von 15 Friedensvereinen) u.a. anderen Orten statt, über die breit berichtet wurde (Der Tag, NFP, NWr.Tbl.). 1925 stand Ramus nebst anderen Kontroversen (z.B. betr. Siedlerbewegung, Konkurrenz mit KPÖ um Vertretung von Arbeitslosen oder Kundgebungen gegen den § 144, Der Tag, 1.10.1925,8) in zwei sehr unterschiedlichen Kontexten im Rampenlicht: einerseits im Zuge eines sog. Religionsdisputs mit einem Jesuitenpater in der Volkshalle, zu dem, so die Pressereaktionen, mehrere tausend ZuhörerInnen gekommen sind und der in eine „stürmische pazifistisch-republikanische Kundgebung“ ausklang (Die Stunde, 20.2.1925,6; Der Tag, 19.2.1925,4). Andererseits betraf es die umstrittene Einladung der in einem spektakulären Justizfall zunächst verurteilten und dann, nach Einsatz von W. Rode vom OGH freigesprochenen Franziska Pruscha, welche zu einer BhS-Werbeveranstaltung umfunktioniert worden sei, die von der AZ als „ordinäre Spekulation“ (AZ, 29.10..1925,4), von der RF als „neueste Gaunerei“ (RF, 29.10.1925,8) an den Pranger gestellt wurde. Auch im Jahr 1926 verwickelte sich der BhS und Ramus in mehrere Kontroversen mit der KPÖ/RF aufgrund der Versuche, in die Interessenssphären der (organis.) Arbeiterschaft hineinzuwirken, Arbeitslose und deren Lage propagandistisch zu nützen (Oberau-Konflikt) u.vor allem wegen der Unterstützung der engl. Regierung und rechtsgerichteter Gewerkschaften im Streikkonflikt mit den Bergarbeitern, wobei insbes. die Zustimmung zur Zurückweisung sowjet. Unterstützung ihm den Vorwurf eintrug, ein „konterrevolutionärer Antibolschewist“ (RF,30.6.1926,6) zu sein, – Frontstellungen u. Scharmützel, die auch 1927-28 Fortsetzung fanden. Interessant wurde auch ein Detail im Zuge des Schwartzbad-Prozesses in Paris, als nämlich Kontakte zw. Schwartzbad (der den ukrain. antisemit. für Pogrome 1918-19 mitverantwortl. Präsidenten Symon Petljura im Mai 1926 ermordet hatte) u. Großmann/Ramus 1908 in Wien zu Tage traten (Der Tag, 19.10.1927,4). Im Zuge einer großen Kundgebung der Internationale der Kriegsdienstgegner am 31.7.1928 im Favoritner Arbeiterheim, bei der erstmals der Grazer Theologe Johannes Ude (später auch: Lebensreformer, Pazifist) die Kriegsdienstverweigerung als „heilige Pflicht“ bezeichnete, verstrickte sich Ramus in eine Polemik über die Ereignisse vom Juli 1927 und die Rolle des Republikan. Schutzbundes, die zu weiteren Schlagabtäuschen führte. Auch eine überparteiliche Versammlung von §144-KritikerInnen wurde im Feb. 1928 von Ramus empfindlich gestört, als er u. seine Sympathisanten die Ausführungen der Abg. A. Popp, des Schriftstellers J. Ferch, des Doz. Friedjung u.a. laut u. beständig unterbrachen (NWJ, 16.2.1928, 9-10). 1929-31 verlagerte er seine Aktivitäten vorwiegend auf das Halten von Vorträgen, u.a. im ›Bund für freiheitliche Kultur und Weltanschauung‹ mit Themen, die von der Geschichte des Anarchismus bis hin zu Fragen des Zionismus oder der Figur Gandhi reichten, akzentuierte seine Anti-Russland-Agitation, was die RF zu scharfen Gegendarstellungen, u.a. Lenin betr., veranlasste (RF,11.7.1930, 6) u. versuchte KPÖ-Veranstaltungen zu infiltrieren (RF, 18.10.1931, 9). Im darauffolgenden Jahr wurde Großmann/Ramus im Zuge des sog. Grazer Entmannungsskandals (eines kommerziell organisierten medizin. problemat. Sterilisationsgeschäfts, das mit polit. Propaganda verknüpft wurde u. mehrere Freitode zur Folge hatte) im Sept. verhaftet, aber nach einem Hungerstreik (Tag, 2.12.1932,5) u. Erlegung einer bedeutenden Kaution im Dez. 1932 wieder freigelassen, ein Fall, der entsprechende publizist. Resonanz u. Polarisierungen hervorrief. Diese Debatte fand im Febr. 1933 eine kuriose Fortsetzung, als Ramus im Zuge einer Presseklage (die er zu seinen Gunsten entschied) A. Hitler als „Sterilisierungsagitator“ ins Spiel brachte (Tag, 21.2.1933,7), während der Grazer Sterilisierungsprozess im Juli 1933 zunächst mit einem Freispruch endete, dann aber aufgr. eines Einspruchs der StA im Dez. in eine 14monatige Haftstrafe verwandelt wurde, die 1934 mit der Verhaftung wirksam wurde (Tag, 10.5.1934,4). Die Ktn. Ztg. Freie Stimmen zeigte am 5.1.1935 irrtümlich seinen Tod an; dagegen zog sich Ramus weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück und floh 1938 nach Großbritannien.

Nachlass:

Internationales Institut für Sozialgeschichte“ (IISG) in Amsterdam

Weitere Werke/Schriften (Auswahl):

Karl Kautsky und die soziale Revolution. New York 1902; Kritische Beiträge zur Charakteristik von Karl Marx, Berlin 1905; Mutterschutz und Liebesfreiheit, Berlin 1907; Die Grundelemente der philosophischen Weltanschauung Max Stirners, Wien 1918; Francisco Ferrer (1859-1909). Sein Leben und Werk. Wien 1921; Friedenskrieger des Hinterlandes. Mannheim 1924.

Literatur (Auswahl):

Friedr. Weiß über: P.R.: Die Neuschöpfung der Gesellschaft. In: BA 7-8/1925, S. 57; Ruch-Schepperle, Ilse, „Ramus, Pierre“ in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 136-137; online verfügbar unter https://www.deutsche-biographie.de/gnd118833197.html#ndbcontent;

G. Fellay/R. Müller: Hommage à la non-violence. Ein grosser freiheitlicher Erzieher: Pierre Ramus (1882–1942). La Collection Les nouveaux humanistes/Die Reihe „Die Neuen Humanisten“, 4, Lausanne 2000; Beatrix Müller-Kampel (Hgin.): »Krieg ist der Mord auf Kommando«. Bürgerliche und anarchistische Friedenskonzepte. Bertha von Suttner und Pierre Ramus. Nettersheim 2005; Wolfgang Kudrnofsky: Pierre Ramus – der Anarchist von Klosterneuburg (Hörspiel 1982), Edition wilde Mischung, 26, Wien 2005; Gerhard Senft (Hg.): Bertha von Suttner, Pierre Ramus, Joseph Roth u.a. Friedenskrieger des Hinterlandes
Der Erste Weltkrieg und der zeitgenössische Antimilitarismus. Wien 2014; Walter Fahnders: Pierre Ramus und Hugo Ball. In: H. Ball-Almanach 2014, 210-216.

Quellen und Dokumente:

http://www.ramus.at/pierre-ramus-gesellschaft/ (mit ausführlichen Angaben zu Tagungen und zur Werkausgabe)

https://www.anarchismus.at/zeitungen-bis-1945/erkenntnis-und-befreiung (Zs. Erkenntnis und Befreiung)

[Danton]: Was ist Anarchismsus? In: NWJ, 23.1.1919, S. 14; K. Sonnenfeld: Bei den Wiener Anarchisten. In: NWJ, 1.2.1920, S.4; Ders.: Ein antimarxistisches System des Sozialismus. In: NWJ, 27.12.1921, S.3-4; -berg: Bei den Anarchisten. In: Der Tag, 2.11.1923, S.4; N.N.: Terror einer ‚Ordnungsbande‘ (betr.: Gerichtsverhandlung gegen Ramus). In: AZ, 3.6.1924, S. 9;

(work in progress)

(PHK)