geb. am 2.4.1862 in Wien – gest. am 13.12.1945 in Wien; Maler, Kunstkritiker, Feuilletonist, Schriftsteller

Ps.: Plein Air

Nach Ablegung der Matura studierte der Sohn des Medizinhistorikers Romeo Seligmann (1808-1892) zuerst an der Akademie der bildenden Künste in Wien von 1880 bis 1884 Malerei und setzte seine Studien anschließend bis 1887 an der Münchener Akademie der Künste fort. Bekannt u. geschätzt wurde er als Historienmaler, aber auch für seine Porträts. Internationales Aufsehen erregte sein Gemälde über den Chirurgen Billroth im Hörsaal am Operationstisch (1890). Seit den späten 1890er Jahren arbeitete er für mehrere Zeitungen und Zeitschriften als Kunstkritiker, u.a. für die Zs. Die Wage, für die NFP und ab 1918 für die Moderne Welt. Ab 1897 lehrte er an der als Verein organis. ›Wiener Kunstschule für Frauen und Mädchen‹, deren späterer Direktor (1926) er auch werden sollte. An ihr lehrte u.a. auch Tina Blau. 1913 wurde er zum Prof. ernannt und übernahm auch Kurse für Kostümkunde an der Akademie für Musik und darstellende Kunst. 1917 wurde auf der Volksoper das Opernspiel Der Vagabund und die Prinzessin (nach einer Vorlage von Andersen) aufgeführt.

Seit Einrichtung der Zs. Moderne Welt (MW, 1918) arbeitete Seligmann an ihr mit u. verfasste zahlreiche Kunstkritiken bzw. Porträts zu Künstlern. Auch beteiligte er sich an verschiedenen Goethe gewidmeten Initiativen, so z. B. der Errichtung eines Goethe-Museums (1921), zu dem er etliche im Familienbesitz befindliche Briefe von Ottilie Goethe u.a. m. beisteuerte. In seinen MW-Beiträgen widmete er sich mitunter auch Themen, die in die Literatur hineinreichten oder aktuelle habituelle Aspekte aufgriffen, 1922 z.B. dem Thema Kunst und Erotik oder 1923 dem Medialen Zeichnen. Im selben Jahr war Seligmann auch Co-Protagonist einer Polemik gegen ein Kunstwerk, das den Niedergang der habsburg. Dynastie thematisierte und an der Außenmauer der Kapuzinergruft angebracht hätte werden sollen. Gegen dieses von einer prominent besetzten Jury prämiertes Kunstwerk polemisierte er im Verein mit den Kunstkritikern der NFP und der Reichspost, was wieder die AZ zu einer scharfen Replik motivierte. Auch 1924 verstrickte er sich in eine Polemik mit der Wiener (sozialdemokrat.) Kunstpolitik anlässlich einer von H. Tietze kuratierten Ausstellung im Künstlerhaus über Neuankäufe der Gemäldegalerie des Kunsthistor. Museums. Unter seinen Beiträgen für die MW, meist auf Porträt- und Fotokunst begrenzte und tendenziell konservative Ansichten vertretende, wurden immerhin jene über den damals in den Niederlanden tätigen österr. Porträtmaler Dario Rappaport (1896-1964) sowie über eine Miniaturen-Ausstellung in der Albertina (weibl. Kleinporträts, darunter das Brautporträt von M. v. Ebner-Eschenbach) und jene über die Egger-Lienz-Ausstellung im Künstlerhaus breiter wahrgenommen bzw. geschätzt. Trotz seiner umstrittenen Position wurde er im Dez. 1925 zum Vorsitzenden der ›Vereinigung der Kunstreferenten der Wiener Tagespresse‹ gewählt (Vorstandsmitglieder waren u.a. Arthur Roessler, Alfred Markowitz u. Max Ermers). 1926 kuratierte er eine Ausstellung von „Originalkostümen exotischer Völker“ (NFP, 3.6.1926,9) im Naturhistor. Museum für den jährl. Empfang des Hauses. In den Jahren 1927-30 verfasste Seligmann wohl einige Beiträge für Festgaben, Kataloge, z.B. zum Programm der Wiener Festwochen 1927, eine Kurzbiographie über Heinrich v. Angeli für die Neue Österr. Biographie (Biographie) über den Maler Heinrich v. Angeli, das Vorwort zum Katalog über die 50. Jahresausstellung des Künstlerhauses (1929), Illustrationen zu einem Kochbuch sowie einige Beiträge für Radio Wien, jedoch keine bedeutendere Schrift.

In den Folgejahren beschränkt sich das Wirken Seligmanns auf Berichte über und Mitwirkungen an Ausstellungen der Wiener Frauenakademie, z.B. 1933 in einem Beitrag für die MW über die Mode im Wandel der Zeit. Anlässlich seines 75. Geburtstages 1937 wurde er zum Ehrenmitglied des Verbandes der Kunstkritiker Wiens gewählt. Seligmann bewahrte auch die von seinem Vater übernommenen Schädelfragmente Beethovens bis 1936 in seiner Wiener Wohnung auf, danach hielt er sie an einem unbekannten Ort versteckt. Das NS-Regime und den Krieg überstand Seligmann trotz seiner jüdischen Herkunft väterlicherseits unbeschadet in Wien.


Quellen und Dokumente

Aus den Erinnerungen eines Malers. In: Neue Freie Presse, 20.2.1918, S. 1-3, Der sterbende Expressionismus. In: Neue Freie Presse, 21.2.1921, S. 1-4, Kunst und Erotik. In: Moderne Welt 3 (1922), H. 12, S. 16f., Miniaturen. In: Moderne Welt 6 (1924), H. 1, S. 3f., Aus der Egger-Lienz-Ausstellugn im Künstlerhaus. In: Moderne Welt 6 (1925), H. 23, S. 10, Mode im Wandel der Jahrhunderte. Eine Veranstaltung der Wiener Frauenakademie. In: Moderne Welt 14 (1933), H. 7, S. 10.

Anzeige in: Oesterreichische Buchhändler-Correspondenz, 1.2.1924, S. 56,

r.: Volksoper [zu Der Vagabund und die Prinzessin]. In: Neue Freie Presse, 12.10.1917, S. 9f., Wilhelm Wertbecker: Vom Wiener Goethe-Museum. In: Neue Freie Presse, 10.6.1921, S. 1-3, Eine Monarchiehetze, die sich als Kunstinteresse verkleidet. In: Arbeiter-Zeitung, 20.6.1923, S. 4, Kunsthistoriker und Künstler. In: Arbeiter-Zeitung, 20.5.1924, S. 8.

Literatur

M. Kaiser (Hg.): Adalbert Franz Seligmann. Essays und Kritiken (1918–1933). Wien 2015.

Eintrag in: ÖBL 1815-1950, Bd. 12 (Lfg. 56, 2002), S. 152f. (Online verfügbar).

(PHK)