Hanns Margulies: Frauen schreiben gute Bücher (1934)
Das Mißtrauen gegen schreibende Frauen lebt noch immer, obwohl wir doch in den letzten Jahrzehnten oft und oft Gelegenheit hatten, Bücher, die von Frauen geschrieben wurden, als schön und gut und wertvoll anzuerkennen. Wie unrichtig diese generelle Voreingenommenheit aber ist, soll sich heute wieder erweisen, wo ausschließlich auf Frauenbücher hingewiesen werden wird, die zu lesen ehrlich und ernsthaft angeraten werden muß.
Von Hermynia Zur Mühlen war hier vor Monaten schon die Rede. Inzwischen hat sie einen neuen Roman vorgelegt.
Reise durch ein Leben
(Gotthelf-Verlag, Bern), sich und uns zur Feier ihres fünfzigsten Geburtstags. Nun müßte an Lob und Anerkennung alles wiederholt werden, was von ihren früheren Büchern gesagt wurde, wenn nicht die Notwendigkeit bestehen würde, aufzuzeigen, daß Hermynia Zur Mühlen durch ihr Werk die Erbschaft einer der gütigsten und besten Schriftstellerinnen des alten Österreich, der leider und zu Unrecht heute viel zu wenig gelesenen Marie von Ebner-Eschenbach angetreten hat. Gleich ihr, stammt sie aus jenem Teil der österreichischen Aristokratie, der bewußt mehr Wert auf Geistesadel als auf Namensadel legt, der sich die Auszeichnung der Geburt nicht genügen läßt, sondern sich durch Wissen und Kultur erst eine menschlich gültigere Anerkennung erwirbt.
Und dort, wo Hermynia Zur Mühlen aus ihrem Milieu heraus erzählt, erreicht sie auch die reifste Meisterschaft. Hier berichtet sie von einer kleinen Komtesse, die nach zwei Seiten ans dem ihr gezogenen Kreis ausbricht: durch ihre Freundschaft zu einem Proletariermädchen und durch ihre Liebesheirat zu einem preußischen Juristen. Sie steckt an. An der unüberbrückbaren Gegensätzlichkeit zwischen dem im allerbesten Sinn altösterreichischen Wesen und dem preußischen Kasernenideal zerbricht ihre Ehe und die Freundschaft mit der ehemaligen Schulfreundin verebbt an der trotz aller Bemühungen nicht unüberbrückbaren Divergenz zwischen den Lebensformen und dem Lebensinhalt der beiden Frauen.
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Gina Kaus, auch eine Österreicherin, hat in ihrem neuen Roman:
Die Schwestern Kleh
(Verlag Allert de Lange, Amsterdam), einen gewaltigen Schritt nach vorne gemacht. Schien es in ihren letzten Büchern, als ob sie ihr unbestritten starkes Erzählertalent auf letzten Endes zu leichte Art an die Oberflächlichkeit bewegter Erzählungen verschwenden wollte, so beweist ihr neues Buch das gelungene Streben, sich mit den Untiefen und Klippen menschlichen Wesens in aller Ernsthaftigkeit auseinanderzusetzen. Und es ist ihr gelungen. Sie erzählt von den Wegen, die die Töchter einer Wiener Patrizierfamilie gehen müssen und wenn es auch mitunter Abwege sind; Gina Kauseigentlich Regina Wiener, geb. am 21.10.1893 in Wien – gest. am 23.12.1985 in Los Angeles; Schriftstellerin, Übe... überzeugt uns, daß den Schwestern kein Ausweg offen stand, daß sich ihr Leben, ans eigener Veranlagung und unter dem Zwang des Geschehens so, wie sie berichtet und nicht anders entwickeln muß.
Gina Kaus hat es sich nicht leicht gemacht, aber gerade dadurch erreichte sie, was ihr vorgeschwebt haben mag: keine Unterhaltungsliteratur im schlechten Sinn zu geben, sondern ein Buch, das durch seine innere Wahrhaftigkeit, durch die Zwiespältigkeit der Charaktere packt, fesselt und festhält.
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Christa Winsloe wandelt ein Thema dreifach ab. Als Theaterstück, vor allem aber als Film unter dem Titel: Mädchen in Uniform hat sie Hunderte und Abertausende mit dem Schicksal eines kleinen Mädchens, das in die preußiiche Zucht, wie sie in einem Offizierstöchterinstitut wütet, gerät, gerührt und gepackt. In Romanform gelingt ihr das genau so, vielleicht sogar noch stärker, denn hier kann sie auf ein unnatürliches happy end verzichten.
Das Mädchen Manuela
heißt das Buch, das im Verlag Allert de Lange, Amsterdam, erschienen ist.
Wer noch nicht weiß, was die Kasernenerziehung preußischen Ungeistes bedeutet der erfährt es aus diesem Buch. (Wie er aus Ernst von Salomons Bericht: Die Kadetten, Rowohlt-Verlag, Berlin, lernen kann, wie aus Knaben Untertanen fabriziert werden.)
Wenn es sich auch dadurch, daß der Inhalt des Romans durch Theater und Film schon bekannt ist, erübrigen mag, von ihm zu berichten, so muß doch festgestellt werden, daß das Buch zu den lesenswertesten Büchern unserer Tage gehört, und daß Christa Winsloe auch im Roman Menschen in ihrer ganzen Lebendigkeit festzuhalten verstand, so daß sie uns, wie etwa das Fräulein von Bernburg, eine Lehrerin, von nun an als Freundin durch das Leben begleitet.
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Viktoria Wolf, deren erster Roman: Mädchen, wohin? schon berechtigtes Interesse erregte, hat sich mit ihrem zweiten Buch:
Eine Frau hat Mut
(wieder bei Paul Zsolnay, Wien) bewiesen. Sie erzählt von dem Leben einer jungen Frau, deren Mann seinen Posten verloren und aus den geordneten angenehmen bürgerlichen Verhältnissen hinabstürzt in das Nichts, nachdem der Versuch, sich auf diesem Absturz noch unterwegs anzuklammern, an der Ablehnung der ihm gemachten kriminellen Vorschläge scheitert.
Wirklich mutig stellt sich die Frau, Tochter eines Generals, dem Leben, wird Verkäuferin in einem Warenhaus und steht den Kampf durch, trotzdem ihr Mann ihn schließlich aufgibt und ein Leben, das ihm immer mehr zur Qual wurde, an dem er nicht mehr teilhaben durfte, von sich wirft.
Sibylle aber ist tapfer für sich und ihr Kind. „Mut und Kraft sind die schönsten Worte, die das Leben kennt,“ sagt sie und damit endet das Buch.
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Seitdem der Zinnen-Verlag, Wien, mit dem wundervollen Buch Die gute Erde die Amerikanerin Pearl S. Buck in die deutsche Literatur eingeführt hat, wetteifert der Verlag Paul Zsolnay mit ihm in der Herausgabe ihrer chinesischen Romane. Er publiziert zuerst die Fortsetzung der Guten Erde
Söhne,
worauf wieder der Zinnen-Verlag einen Roman herausbrachte
Der junge Revolutionär
und jetzt meldet sich der Verlag Zsolnay mit dem vierten Roman:
Ostwind — Westwind.
Die amerikanische Schriftstellerin, die lange Zeit als Missionärin in China gelebt hat, ist eine der besten Kennerinnen des Reiches der Mitte geworden und hat das Geheimnis dieses uralten Kulturvolkes wirklich mit der Seele erfaßt. Aber ihr ist auch die Gabe zuteil geworden, ihr Wissen in so anschaulicher und überzeugend schöner Form zu vermitteln, daß sie mit ihren Romanen weitaus mehr zur Kenntnis Chinas und ihrer Menschen beigetragen hat, als zahllose Gelehrte mit dickleibigen Büchern.
Während die ersten drei Romane sich mit dem in sich abgeschlossenen Leben des chinesischen Bauern beschäftigen, spiegelt der vierte das Eindringen der amerikanischen Welt in die Abgeschlossenheit jahrtausendalter Tradition wider. Es ist die Lebens- und Liebesgeschichte einer vornehmen Chinesin, die, ganz noch in den alten Sitten erzogen, durch ihren schon in Amerika ausgebildeten Mann in den Zwiespalt der Kulturen gestellt wird und den Kampf zwischen Altem und Neuem, zwischen Jung und Alt, nicht nur selbst erlebt, sondern auch in dem Schicksal ihres Bruders, der eine Amerikanerin als Frau in die Gebundenheit der starren chinesischen Familiengesetze mitbringt, erlebt.
Gefragt, welchem dieser vier Bände der Vorzug gegeben werden soll, ist nur eine Antwort möglich: keinem, denn alle vier wollen und sollen gelesen werden.
In: Der Tag, 19.3.1934, S. 4.
Richard Harlfinger: Ein Staatsamt für schöne Künste
N.N./[Richard Harlfinger]: Ein Staatsamt für schöne Künste (1919)
Im Namen der Vereinigung bildender Künstler Oesterreichs (Sezession) ersucht uns deren Präsident Herr Richard Harlfinger um die Aufnahme. nachstehender Zuschrift:
„Die wiederholten Äußerungen Ihres geschätzten Blattes betreffend die geplante Errichtung eines Staatsamtes für schöne Künste bildeten in einer Vollversammlung der Sezession den Gegenstand lebhafter Erörterungen, die mit dem einmütigen Beschluß endeten, die nach unsrer Ansicht irrigen Voraussetzungen, die jenen Äußerungen zugrunde lagen, öffentlich zu berichtigen. Die Hauptgründe, die gegen die Schaffung eines Kunstamtes geltend gemacht wurden, waren die gebotene Rücksicht auf die Staatsfinanzen und anderseits der Hinweis auf die bisher geübte Behandlung der künstlerischen Angelegenheiten durch den Staat, die in einem großen Staatswesen vollkommen, genügt habe und daher in unserem bescheidenen Lande um so mehr genügen werde.
Was die dringend nötige Sparsamkeit betrifft, so verschließt sich die Künstlerschaft keineswegs den dazu zwingenden Gründen. Wir find indes der Ansicht, daß ein solches Amt durchaus keines kostspieligen Verwaltungsapparats bedürfe. Die Hauptforderungen, die wir an dieses Amt stellen, sind vielmehr Selbständigkeit und Einflußnahme der Künstler selbst durch eine aus ihrer Mitte frei gewählte Vertretung auf alle seine Entscheidungen. Insoweit nun gerade diese grundsätzlichen Forderungen durch die bisherige Praxis nicht erfüllt wurden, erscheint uns zugleich deren Unzulänglichkeit und Unzweckmäßigkeit erwiesen. Die bisherige Kunstaktion befand sich in steter Abhängigkeit vom Unterrichtsministerium, dessen jeweiliger Leiter ganz andern politischen Rücksichten seine Stellung verdankte. An der Spitze des neuen Amtes dagegen müßte eine Persönlichkeit stehen, die, vollkommen dem politischen Treiben entrückt, mit dem Amte zugleich eine Lebensaufgabe übernimmt. Diese Stellung wäre denn doch zu wichtig, um sie lediglich einem kunstfreundlichen Beamten anzuvertrauen. Die Bedeutung der Kunst als eines unsrer wenigen Exportartikel ist ja auch in Ihrem geschätzten Blatte anerkannt worden. Wir zweifeln jedoch, daß dieser Artikel bisher stets so gefördert worden sei, wie es seiner Wichtigkeit entsprochen hätte. Warum stand Österreich immer so abseits vom großen Strom des künstlerischen Lebens? Warum wurden so viele Talente ins Ausland gezogen, wo sie der Heimat fast völlig entfremdet wurden? Künstlerschaft, insbesondere auch die Sezession, hat diese Verhältnisse wohl erkannt und ihnen nach Kräften zu steuern versucht. Aber wirksam und großzügig vermag dies nur der Staat durch eine Kunstpolitik. Und eben dazu brauchen wie ein selbständiges Kunstamt. Die Kosten dafür wären ganz keine übermäßigen und würden sich reichlich verzinsen. Denken wir nur an München, das seine Bedeutung zum größten Teil der systematisch betriebenen Kunstförderung verdankt und aus ihr nicht allein kulturellen, sondern auch einen kaum abschätzbaren materiellen Gewinn gezogen hat. Wir sprachen naturgemäß vorwiegend von der bildenden Kunst, aber auch auf dem Gebiete der Schwesterkünste würde ein derartiges selbständiges Amt am besten befähigt sein, die bisherige Bedeutung Wiens zu erhalten und damit seine Weltgeltung als Kulturzentrum zu schützen.“
In: Neues Wiener Tagblatt, 28.1.1919, S. 7.
D. Nebenzahl: Die neuen Staaten und die Judenfrage
N.N. [D. Nebenzahl]: Die neuen Staaten und die Judenfrage (1918)
Der Zerfall Österreichs schreitet immer weiter vor. Die meisten der auf österreichischem Boden gebildeten Nationalstaaten haben sich bereits konstituiert und die Nationalversammlungen haben die Regierung und Verwaltung ihres Gebiets übernommen. Wenn so in allen Nationen an Stelle der gänzlich versagenden Staatsgewalt eine neue Instanz tritt, so sind die Juden bisher ohne jede Interessensvertretung. Es ist daher notwendig, daß der jüdische Nationalrat so schnell als möglich seine Tätigkeit aufnimmt. Sowie für alle Völker muß auch für das jüdische Volk eine Volksregierung geschaffen werden, welche die oberste Gewalt in allen jüdischen Angelegenheiten für sich in Anspruch nimmt und ihre Legitimation in dem Vertrauen der breiten jüdischen Massen hat. Allerdings ist bei uns gegenüber den anderen Völkern der Unterschied, daß es sich nicht um die Verwaltung eines Territoriums handelt und daß das jüdische Volk in allen Gebieten vertreten ist und überall nur eine Minderheit bildet.
In: Jüdische Zeitung. 1.11.1918, S. 2.
N.N.: Die Hetze gegen den Film
N.N.: Die Hetze gegen den Film. (1923)
In dem in Bregenz erscheinenden Vorarlberger Volksblatt wurde in zwei Leitartikeln zur „Kinoreform“ Stellung genommen und wir müssen uns nur aus dem Grunde mit diesen Artikeln befassen, weil dieselben aus der Feder des Landesreferenten für das Volksbildungswesen stammen und daher erhöhte Aufmerksamkeit verdienen.
Wir waren bisher der Meinung, daß die Zeiten der lex Heinze endgültig vorbei seien, der geistliche Artikelschreiber belehrt uns eines besseren, denn in diesen Artikeln wird verlangt, daß so ziemlich alles verboten werden soll, was heute im Kino zu sehen ist. Im wesentlichen beschäftigt sich der Verfasser mit dem Lichtbilde, dessen Farblosigkeit er nebst dem Fehlen des Wortes bedauert und kommt zu einem Schlusse, der heute mehr denn je als komisch empfunden werden muß, wenn er sagt, daß die ernsten Kinoreformer jede Verfilmung eines guten Romanes oder Dramas grundsätzlich ablehnen. Daß dem nicht so ist, weiß jeder Laie im Kinofache – es braucht nicht separat auf die Verfilmung Nathan der Weise, oder Hanneles Himmelfahrt und Phantoms hingewiesen zu werden – zu genau.
Und die literarischen und ethischen Qualitäten Lessings und Hauptmanns wird dieser Landesreferent auch nicht anzutasten wagen. Und nach diesem Fehlschlusse, der schon die Kritikberechtigung des Artikelschreibers in Frage zu stellen geeignet erscheint, bezeichnet er das Kinodrama in seiner bisher üblichen Form als verwerflich, kritisiert mehrere Filmtitel, während jährlich hunderte von Films über die zappelnde Leinwand flimmern, versteckt sich aber dann sofort wieder hinter die „ernsten Kinoreformer“, mit der Forderung, daß alle Dramen kriminellen und sexuellen Inhaltes gesetzlich verboten werden sollen. Sein Filmparadies ist Pennsylvania in Nordamerika, denn da sind verboten: alle Darstellungen, die in irgendeiner Form den Mädchenhandel, die Verführung, Prostitution, geschlechtliche Dinge oder Geschlechtskrankheiten zum Gegenstand haben, alles, was sich auf Opium, Morphium und ähnliche berauschende Gifte bezieht, die Kunstgriffe, deren sich die Verbrecher gegen Leben und Eigentum bedienen, die Darstellung von Schlägereien, Hinrichtungen, Folterungen und chirurgischen Operationen, die Vorführung von Irrsinnigen und Fieberkranken, auch Darstellungen von Personen, die nicht geziemend bekleidet sind oder eine unanständige Haltung einnehmen; Darstellungen, die eine Rasse, einen Beruf oder eine Religionsgemeinschaft in verletzender Weise lächerlich machen, Darstellungen von Paaren, die in außerehelichem Verhältnis leben, Darstellungen, in denen Tiere gequält werden, in denen Schwerbetrunkene auftreten, in denen ungeziemende Zärtlichkeiten erfolgen oder irgendwelche Ausgelassenheit in Bädern und auf Bällen.
Man sieht, auch der Wahnsinn der »Kinoreformer« hat Methode. Es ist selbstredend lächerlich, so weitgehende Forderungen aufzustellen. Dieser Kinoreformer schlägt mit seinen Forderungen schon sehr gewaltig über die Schnur und seiner Weisheit letzter Schluß ist der Ruf nach der Zensur. Rotstift walte deines Amtes, damit – die Jugend nicht verdorben werde. Wir sind überzeugt davon, daß die Jugend nicht durch das Kino verdorben wird, denn jeder Film wird in Wien unter Berücksichtigung seiner Eignung für Jugendliche zensuriert. Der Zensurbeirat ist in einer Form zusammengesetzt, daß es außer allem Zweifel ist, daß die in demselben befindlichen Männer die Frage der Eignung eines Films für Jugendliche nicht in allererster Linie berücksichtigen würden und jede Zensurkarte trägt den Vermerk, ob der Film für Jugendliche geeignet ist, oder nicht.
Wenn der Verfasser des Artikels eine weitergehende Zensur fordert, so ist dies ein Übergriff, der lediglich auf hyperreligiöse Gründe zurückzuführen ist und kennt der Verfasser auch nicht die Psychologie des Kinopublikums. ln Wien wurde zu wiederholtenmalen der Versuch gemacht, Kinos für Jugendliche zu bestreiten; solche wurden einfach von der Jugend nicht besucht. Der Idealismus dieser Kinobesitzer kostete denselben viel Geld. Die Jugend hat für diese Films kein Interesse und will auch das Kino nicht als Fortsetzung der Schulbank gelten lassen.
Es gilt ja vom Kino dasselbe, wie von vielem anderen. Wer nicht Ins Wirtshaus oder ins Kaffeehaus gehen will, kann ebensowenig gezwungen werden, dort hin zu gehen, wie man einem Menschen zumuten kann, // ein Kino zu besuchen. Eines steht unbedingt fest. Die Filmzensur ist in Österreich so strenge, wie in keinem anderen Lande der Welt und entspricht selbst den puritanischesten Anforderungen. Aber eines kann sie ebenso wenig, wie die Zensur des Vormärz: das wirkliche Leben verbieten und Darstellungen des wirklichen Lebens in künstlerischer Form bringt das Kino. Die Hintertreppen- und Schundromanfilms werden sowieso nicht gekauft und nicht gespielt. Denn den Kinobesitzern bereitet die Vorführung eines gediegenen Films größere Freude als die eines Schauderfilms und sie selbst wirken durch ihre gediegene Auswahl selbst darauf hin, den Geschmack des Publikums zu verbessern und zu verfeinern.
In: Das Kino-Journal, 13.1.1923, S. 1-2.
Friedrich Austerlitz: Dunkle Jahreswende
N.N. [Friedrich Austerlitz]: Dunkle Jahreswende. (1919)
Ein Jahr, verdunkelt durch ein Übermaß an Leiden und Sorgen, ist abgeschlossen, und überaus traurig umwölkt ist die Zukunft, die das neue Jahr eröffnet. Die lebenden Geschlechter sind die Opfer des Weltkrieges, der Millionen verschlungen, und der Weltwirtschaftskrise, die über Millionen Hunger und Siechtum verhängt hat. Diese Krise einer Gesellschaftsordnung, die auf Gewalt und Entrechtung aufgebaut ist, hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Das rasende Emporschnellen der Preise aller Gebrauchsgüter, die sprunghafte Entwertung der Lohnkrone, das beispiellose Anschwellen der Papiergeldflut, der drohende Zusammenbruch der Staatsfinanzen: all dies sind nur die Gradmesser der wachsenden Verarmung der arbeitenden Menschheit, für die die Welt, die noch immer dem Götzen des Kapitalismus dient, nicht genug Nahrung, nicht genug Kleider, nicht genug Güter zur Fristung eines selbst kümmerlichen Daseins zu finden fähig ist. Und wie sich hierzulande aus dem breiten, düsteren Untergrund der in Elend versinkenden Massen das wahnsinnige Schwelgen in Luxus und Üppigkeit der besitzenden Klassen erhebt, so auf dem Untergrund des sterbenden Mittel- und Osteuropa die Fülle von Güterreichtum und Wohlbehagen Westeuropas und Amerikas. Die Welt ist todeskrank; sie ist übermüde einer Ordnung, die sie durch Krieg und Krise jagt und ohnmächtig ist, das von ihr erzeugte Chaos zu bändigen; sie trotzt dem Klassensystem, das die Säuglinge, die Kinder der Armen verkümmern und hinsiechen, die arbeitenden Frauen in ihrer Blüte welken läßt, die arbeitenden Männer vorzeitig hinwegrafft – während sich die Genußsucht der Reichen keine Grenzen setzt; sie empört sich gegen die Herrschaftsmethoden der Gewalt, die Europa zerrissen und zerklüftet und ihm eine Staatenordnung aufgezwungen hat, die diesen Zustand der Zerrissenheit verewigt.
Auf keinem Volke der Erde lastet der Wahnsinn der kapitalistischen Gesellschaftsordnung so schwer wie auf dem arbeitenden Volke Österreichs. Der FriedeWochenschrift für Politik, Volkswirtschaft und Literatur. (1918-19; Reprintausg. 1975) Die im Januar 1918 begründete,..., den die imperialistischen Mächte in Paris geschaffen haben, hat unser Land verstümmelt, es aus einer großen Wirtschaftsgemeinschaft herausgerissen und ihm den Anschluß an eine andere Wirtschaftsgemeinschaft, an das Deutsche Reich, versagt. und ihm den Anschluß an eine andere Wirtschaftsgemeinschaft, an das Deutsche Reich, versagt. So wurde Deutschösterreich zu einem lebensunfähigen Gebilde, Deutschösterreichs Volk zum Bettlerdasein verdammt, Deutschösterreichs Arbeitskraft zur Beute der Plünderer aus aller Herren Länder. Der Tiefstand der österreichischen Krone verwandelte das Land derer, die von der Gnade aller leben, zu einem Paradies von Festesfreuden, die nirgendwo wohlfeiler zu kaufen sind. So sickert seit zwei Jahren das letzte Hab und Gut ins Ausland, so vermindert sich täglich der armselige Güterfonds, so schwillt stündlich die Flut der Verelendung über dieses unglückliche Volk an. Fast ist der Kelch des Jammers bis zur Neige geleert, die Grenze des Erträglichen erreicht: es kann so nicht weiter gehen! Der Zustand, in den der Vertrag von Saint-Germain Österreich versetzt, ist unerträglich. Sind die herrschenden Mächte unvermögend, das Dasein der österreichischen Völker aus eigenen Mitteln zu sichern, dann muß ihm die Freiheit gegeben werden, im Anschluß an die deutsche Republik Hilfe zu suchen. Das vergangene Jahr hat die Krise des österreichischen Staates allen Augen der Welt sinnfällig offenbart; das künftige Jahr heischt gebieterisch ihre Lösung.
Aber in der Krise Österreichs spiegelt sich die Krise des ganzen Europas. Die Siegesmächte haben das Festland zerstückelt und willkürlich, nach ihren Herrschaftsinteressen, aufgeteilt. Sie haben damit vor allem die Wirtschaftskräfte Deutschlands unterbunden, die Produktionsbasis des Deutschen Volkes in einem Maß eingeengt, daß sein Dasein schwer bedroht ist. Aber mit dem Gedeihen Deutschlands, mit der Wiederaufrichtung der deutschen Wirtschaft ist das Leben und Gedeihen aller europäischen Völker verbunden. Bricht Deutschland unter der Last der Friedensbedingungen zusammen, so begräbt sein Sturz, auch Frankreich, Italien, die Tschechoslowakei und Polen, also auch jene Staaten, die im Überschwang der Siegesgefühle dem Deutschen Reiche den Karthagofrieden aufgezwungen haben. Europa ist eben eine unlösbare Einheit, von der ein so lebenswichtiges Glied wie das sechzigmillionenköpfige deutsche Volk in seinem Aufstieg nicht gehemmt werden darf, wenn das Ganze darunter nicht schwer leiden soll.
So heischt die Existenz des ganzen Kontinents eine Revision des Versailler Friedenswerkes, die dem Deutschen Reiche Luft, Entwicklungsmöglichkeit, die Grundlagen der Arbeit wiedergibt. Der Revision widerstreiten die imperialistischen Interessen der Siegermächte, vor allem die Frankreichs. Die überragende Stellung auf dem Kontinent, die ihm sein Sieg über das wilhelminische Deutschland gab, erscheint in der Vorstellung der französischen Machtpolitiker gefährdet, wenn sich Deutschlands Wirtschaftskraft zur früheren Größe wieder erhebt. Noch beherrscht sie die Furcht vor der deutschen Revanche, die sie an der Forderung der Erfüllung des Versailler Friedens unerbittlich beharren läßt. Aber der Krisenzustand Europas kann nicht überwunden werden, solange die Gewalt nicht dem Rechte, der Siegerwille nicht der Völkerversöhnung weicht, solange nicht die Grundlagen eines wirklichen Friedens geschaffen sind. Indes aber mehr als zwei Jahre seit dem Waffenstillstand vergangen sind, ist die halbe Erde noch im Kriege verstrickt. Noch sind die unermeßlichen Gebiete Rußlands mit ihren unausschöpflichen Naturschätzen aus dem Weltwirtschaftsverkehr ausgeschlossen, noch dienen die Millionen Arbeitshände Polens und Rußlands dem Kriegswerk, noch wütet im ganzen Vorderasien kriegerisches Verderben. Der Imperialismus, der den Weltkrieg entfesselt, läßt die Erde nicht zur Ruhe kommen, Und die Jahreswende, an der wir stehen, läßt Hoffnungen auf eine bessere Zeit nicht aufkeimen.
So leuchtet durch das Dunkel der Zeit die Idee des Sozialismus als die einzige Rettung aus diesem Weltenchaos. Die Götzenwelt der kapitalistischen Gewaltordnung ist im Versinken; sie hat sich selbst das Fundament untergraben, auf dem sie ruhte. Ein neuer Geist, ein neuer Wille ringt durch all das Entsetzen zur Tat. An dem Kapitalismus ist die Welt zu Tode erkrankt, an dem Sozialismus wird sie genesen. Und wenngleich der Weg auch lang und voll an Leiden ist: es gibt keinen anderen, und das Jahr, das nun anhebt, soll uns an seiner Neige dem Ziele bedeutet genähert zu finden.
In: Arbeiter-Zeitung, 1.1.1921, S. 1.
N.N.: Antisemitische Hetze in Wien
N.N.: Antisemitische Hetze in Wien. (1919)
Die Christlichsozialen und ihre alldeutschen Freunde wollen nicht locker lassen. Ihr kläglicher Zusammenbruch hat sie keineswegs eines Bessern belehrt. Noch immer glauben sie mit der Judenhetze ein „Geschäft“ machen zu können. Vor kurzem haben sie in Wien einen „AntisemitenbundGegründet im Juli 1919 durch den christlichsozialen Abgeordneten zum Nationalrat u. Mitglied der Burschenschaft Olympia...“ gegründet, dessen Programm folgendermaßen lautet?
Was will der Antisemitenbund?
Er will das deutsche Volk über die große ihm von Seite der Juden drohende Gefahr aufklären. Das wird in Versammlungen geschehen, durch Flugschriften, durch eine zweckdienliche Bücherei sowie durch Zeitschriften, die das Treiben der Juden gegen uns erörtern. Das deutsche Volk soll planmäßig zur Bekämpfung des jüdischen Elnitusses auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens angehalten werden. […]
Der Antisemitenbund begnügt sich aber nicht mit dem theoretischen Programm, sondern er versucht auch, zur Tat überzugehen. Dieser Tage wurden in Wien folgende Flugzettel verbreitet:
Volksgenossen!
Die furchtbaren Massenmorde des Christenvolkes in Ungarn, sowie die vollständige Versklavung und Knechtung aller Nichtjuden durch die jüdischen Kommunistenführer, wie wir es in allen Ländern, wo das Kommunistenparadies errichtet wurde, in den scheußlichsten Formen erlebt haben, muß auch Euch, die ihr nicht dem vollständigen Untergang unseres Volkes ruhig zusehen wollt, im deutschösterreichischen Schutzverein Antisemitenbund, der unterschiedslos alle Parteien gegen dieses Wuchervolk vereinigt, als eifrige Mitkämpfer am Aufbau einer gesunden Volkswirtschaft vereinigt finden.
Erscheinet zu der am 14. Juli, um 7 Uhr abends, in der Jaroschauer Bierhalle, Endstation des 5-Wagens neben Zirkus Busch, stattfindenden Versammlung in der unter anderen Rednern, Schriftsteller Anton Orel „über die tieferen Ursachen und das Wesen des Judaismus“ sprechen wird.
Volksgenossen, nicht durch Jammern und Schimpfen werden wir das Judenjoch abschütteln, sondern, durch strammes Zusammenhalten. Erscheinen zur Versammlung ist daher Pflicht eines jeden Gutgesinnten.
Die Ortsgruppe Leopoldstadt des deutschösterreichischen Schutzvereines Antisemitenbund
Der Antisemitenbund versucht also auch, Propagandaversammlungen abzuhalten. Freilich, damit hat er wenig Glück. Die Sozialisten und Kommunisten vereiteln die Bemühungen. So fand Montag abends in der Jaroschauer Bierhalle die vom Antisemitenbund einberufene Versammlung zur Gründung der Ortsgruppe Leopoldstadt galt, der auch zahlreiche Kommunisten beiwohnten. Es kam zu stürmischen Szenen, weshalb sich die Leitung der Versammlung gezwungen sah, sie frühzeitig zu schließen. Schriftleiter Sedlak legte die Ziele des Antisemitenbundes dar, der als Schutzbund gedacht sei, um dem übermäßigen Einfluß des vordringenden Judentumes entgegenzuarbeiten. Der nächste Redner, Schriftsteller Orel, sprach unter fortwährendem Widerspruch der Versammlung. Zum Schlusse gab der Redner den Juden den Rat, nach Palästina auszuwandern und ruft in den Saal: „Was bleiben Sie denn in Oesterreich, wandern Sie doch aus!“ Mehr konnte er nicht mehr sprechen, denn es entstand hierauf ein ohrenbetäubender Lärm, die ganze Versammlung sprang von den Sitzen auf, es drohte, jeden Moment zu Tätlichkeiten zu kommen. Schließlich wurde eine Ordnerkette gebildet, die Antisemiten konnten das Lokal verlassen, worauf dann unter Lärm und Absingen von Liedern die Kommunisten als letzte aus dem Lokal abzogen.
In der Gemeinderatssitzung vom 10. d. M. interpellierten die jüdisch-nationalen Gemeinderäte wegen dieser Judenhetze. Bürgermeister Reumann erwiderte: „Der Interpellation liegen Klebezettel mit verschiedenen Zuschriften und ein Flugzettel bei, in dem gesagt wird, daß der Vernichtungsfriede ein Werk der Juden ist. Ich glaube, es ist nicht interessant, daß ich Ihnen diese zur Verlesung bringe. Es ist tief bedauerlich, daß in dieser schicksalsschweren Zeit eine gewisse Clique, sich derartige verhetzende, die Bevölkerung aufwiegende Dinge erlaubt. Es muß dieses Beginnen auf das schärfste verurteilt und tief verabscheut werden. Gerade in der jetzigen Zeit, wo wir so viel Zündstoff angehäuft haben, ist es eine Gewissenlosigkeit, noch mehr Zündstoff anzuhäufen. Hoffentlich wird im Betretungsfalle gegen die Verbreiter solcher verhetzender Flugschriften mit jener Schärfe, die in der Gegenwart geboten ist, vorgegangen werden. Ich möchte aber noch bemerken, daß in Wien nicht der Boden für eine derartige Hetze gefunden wird und ich bin vollkommen überzeugt davon, daß die Massen der Arbeiterschaft sich nicht zu Judenpogromen werden hinreißen lassen. Ichglaube, es genügt, wenn in öffentlicher Gemeinderatssitzung der Versuch zur Aufhetzung auf das schärfste verurteilt wird.
In der Gemeinderatssitzung vom 13. d. M setzte wieder eine Hetze gegen die jüdischen Flüchtlinge ein.
Bürgermeister Reumann berichtete über die Erwerbung des Flüchtlingslagers in Steinklamm durch die Gemeinde Wien.
Dr. Glasauer (christlichsozial) äußerte Bedenken, ob dieses Lager für den beabsichtigten Zweck geeignet ist. In Wien herrscht eine kolossale Wohnungsnot. Aus Lundenburg vertriebene deutschösterreichische Staatsbürger müssen auf einem Rangiergeleise in Hütteldorf ein Freilager halten, während noch 70.000 Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina allein hier sich aufhalten. Die Agitation mit den Flugschriften ist für die Juden gar nicht gefährlich. Die Flugschriften, die die Kommunisten haben, nämlich das Papiergeld, stehen den Antisemiten nicht zur Verfügung. Pogrome entstehen dadurch, daß sie von denjenigen, gegen die sie sich richten, veranlaßt werden. Wenn die Juden es überall so machen, wie die jüdischen Flüchtlinge in Wien, so kann ich Pogrome zwar nicht begrüßen, aber für verständlich und eventuell entschuldbar halten.
Dr. Schiwarz-Hiller: Warum für entschuldbar?
Dr. Glasauer: Ich kann sie für erklärlich halten.
Dr. Schwarz-Hiller: Diese Rede erinnert an eine Zeit, zu der in diesem Saale jede Gelegenheit benützt wurde, um eine Judendebatte hervorzurufen. Die Flüchtlinge werden immer als die Schuld der ganzen Verhältnisse hingestellt. (Rotter: Arme Hascherln!) Dr. Schwarz-Hiller: Jawohl, arme Hascherln! Die Sache liege aber nicht so unbedenklich, wenn man gerade in einem Zeitpunkt, in dem gewisse Momente die Bevölkerung beherrschen, auf gewisse Leute mit dem Finger zeigt. Die Flüchtlinge haben das Anrecht des Hierseins, weil sie durch ihre Flucht die Bejahung des Österreichertums gezeigt haben.
Nach weiteren Reden wird der Antrag angenommen.
In: Jüdische Korrespondenz, 18.7.1919, S. 4-5.
N.N.: Große Massenprotestversammlung des Bundes Jüdischer Frontsoldaten
N.N. [Red. S. Finkelstein]: Große Massenprotestversammlung des Bundes Jüdischer Frontsoldaten (1933)
Im bis aufs letzte Plätzchen gefüllten Festsaal des Hotels Continental fand Montag, den 30. Jänner, eine vom Bund jüdischer Frontsoldaten einberufene Massenversammlung statt, die in schärfster Form gegen die judenhetzerischen Enunziationen des letzten Hirtenbriefes des Linzer Bischofs Stellung nahm.
Bundesführer Generalmajor Emil Sommer eröffnete die Versammlung mit folgender Ansprache:
In dieser schweren Zeit, da die würgende Wirtschaftskrise, der KampfGegründet im Okt. 1907, Wien bis H. 12/1933; ab H. 1/1934 vereinigt mit der Zs. Tribüne bis Mai 1938, Brünn/Brno; dan... aller gegen alle auf den Höhepunkt gestiegen ist, mußten wir das traurige Schauspiel erleben, daß von einer Stelle, die berufen ist, das Wort der Nächstenliebe, der Milde und des Erbarmens zu predigen, ein Hetzruf in die ohnehin aufgeregten und zu Haß und Verfolgung geneigten Volksmassen geworfen wurde.
Der ‹Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs› weist diese Pauschalverdächtigungen der Juden zurück und wird es nicht dulden, daß auf dem Rücken des Judentums der Kampf nichtjüdischer Parteien ausgetragen werde.
Das Mitglied des Bundesvorstandes Robert Politzer führte u.a. aus:
Wir vom ‹Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs› haben auf keinerlei politische Bedenken Rücksicht zu nehmen; wer immer unsere Ehre antastet, ist gegen uns. Wir haben nicht nur die Legitimation, sondern auch unseren Gefallenen gegenüber die Pflicht, diesen Standpunkt zu vertreten. Vom Schulbuben bis zum Bischof von Linz hinauf glaubt jeder seine Schuhe an uns abstreifen zu dürfen. Sie bewegen sich auf der Linie des geringsten Widerstandes. Wenn wir aber einig sind, werden alle ihre Versuche zuschanden werden.
Regierungsrat Dr. Lenk sagte:
Im Hirtenbrief wird die Gesamtheit des Judentums als Urheber des Bolschewismus und Führer des Sozialismus und des Mammonismus bezichtigt. Wir kennen nur Juden. Wir werden uns zu wehren wissen, denn wir sind stärker als wir glauben. Wir sind stark, wenn wir zum wirklichen Urquell des Judentums zurückfinden.
Zum Schluß wurde einstimmig eine
Resolution
gefaßt, in der es u.a. heißt:
Die am 30. Jänner 1933 im Festsaale des Hotels Continental in Wien tagende Versammlung des ‹Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs› gibt ihrer tiefsten Entrüstung Ausdruck über die ungeheuerlichen Anklagen und Beschimpfungen, welche in dem letzten Hirtenbrief des Bischofs von Linz gegen die Gesamtheit des Judentums erhoben werden.
Die jüdische Bevölkerung verwahrt sich entschieden dagegen, daß durch derartige Enunziationen, aus denen trotz aller Bemäntelungen krasser Antisemitismus spricht, noch neuer Zündstoff in die durch Not, Elend und Parteihader ohnehin erregte Bevölkerung getragen wird.
Der ‹Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs›, dessen Mitglieder im Krieg ihre Pflicht dem alten Vaterlande gegenüber voll und ganz erfüllt haben und dessen Mitglieder ihre Pflichten auch dem neuen Oesterreich als loyale Staatsbürger getreu erfüllen, gibt seiner tiefsten Empörung darüber Ausdruck, daß von so hoher kirchlicher Stelle statt Liebe – Haß und Verachtung gepredigt wird und fordert die gesamte Bevölkerung auf, Verhetzungen – von wo immer sie auch kommen mögen – kein Gehör zu schenken und alle Kräfte zu vereinen, um für eine bessere Zukunft Oesterreichs zu arbeiten.
In: Die Stimme. Jüdische Zeitung H. 256, 2.2.1933, S. 7.
Anitta Müller-Cohen: Das große Schweigen
Anitta Müller-Cohen: Das große Schweigen (1923)
Wart Ihr schon allein in pfadloser Waldestiefe, als der letzte feiste Regentropfen fiel und plötzlich still ward? Launig schaukeln sich die Gräser und in allen Farben des Spektrums schimmert der Wald. Der Wald schweigt, wie das getränkte Kind, das im Schlaf lächelt. Es ist das Schweigen des kommenden Lachens.
Nicht von diesem Schweigen will ich sprechen, in dessen Heimlichkeit ein neuer Lebenssprudel sich gebärt, nicht vom Schweigen der Natur, sondern vom Schweigen der Menschen. Und wenn die Menschen schweigen, dann wird nicht in Liebe und Lachen Leben geboren, dann entsteht in Haß und Jammer der Tod. Der Mensch, verstummt nur, wenn er tot ist. Und seine Gesellschaft hat auch nur solange Bestand, bis sie ihr Wort unablässig gegen Unrecht und Sünde erhebt: schweigt sie, so ist sie nicht mehr.
Nicht als ob das Geschrei um uns zu wenig wäre. Mordlust, Entrechtung und Unterdrückung feiern seit dem Weltkrieg lärmender ihre Orgien, denn je. Diesmal aber scheint das Gezeter ohne Widerspruch zu bleiben. Die Quecksilbersäule des Antisemitismus, das Fieberthermometer Europas steigt hoch und immer höher. Aber kein Eugen Richter, Virchow, kein Nothnagel und keine Baronin Suttner ersteht, um das Wort im Namen des Gewissens der Gesellschaft zu erheben. Heute sehen wir keine Nichtjuden, die sich des hasserfüllten Wahnsinns schämen, wie bei dem Dreyfus-Prozess und bei der Ritualmordhetze von Tisza-Eszlar. Wenn man über das wogende Meer hinwegblickt, wird einem bange. Ist eine Gesellschaftsordnung überhaupt noch da, wo das Todesröcheln, der Hundertausende Ermordeten der Ukraine, der Klagelaut Hundertausender Pogromwaisen kein Echo erweckt? Man kann füglich daran zweifeln.
Aber nicht in Kriegen und Massakern wird das Schicksal der Menschheit bestimmt, jeder einzelne trägt dazu bei, der Geschichte ihre Richtung zu geben. In den kleinsten Dingen wird die Sünde begangen, die sich dann zur Katastrophe auswachsen kann. Die unterschiedlichen Vereine „zur Abwehr des Antisemitismus“ hatten ihre Erfolge niemals in großen politischen Aktionen, die sie zu unternehmen niemals stark genug waren, sondern in der Begegnung der kleinlichen Ausbrüche des Judenhasses zu verzeichnen, und hatten so eine Detailarbeit geleistet, die von „Politikern“ wohl oft verspottet, aber deren Notwendigkeit doch anerkannt worden ist.
Heute aber ist der Eifer, der zu dieser Kleinarbeit notwendig ist, erlahmt. Die jüdische Frau, auf die ja dabei am meisten zu rechnen ist, schweigt, und ihr Schweigen, wo Ehre und Recht des Judentums sozusagen „ungefährlich“ angegriffen wird, ist teilweise auch Ursache des großen Schweigens , das auf politischem Gebiet sich über den wütenden Orkan des Antisemitismus breit macht. Solange wir selbst uns verteidigten, fanden wir Beschützer unter den Nichtjuden. Die Assimilation, die Selbstaufgabe, das apathische Gehenlassen der Juden, bringt nicht den Antisemitismus, sondern den Philosemitismus zum Schweigen.
Es ist wichtig, daß der einzelne im Judentum es begreift, wieviel auf sein Wort ankommt, welche Bedeutung der stolzen und charaktervollen Stellungnahme der namenlosen, kleinen Leute, der einzelnen zukommt, wenn es sich um eine Entgegnung auf die in der Luft wie Bazillen verbreiteten böswilligen Anstreuungen, Nadelstichen und Verspottungen handelt. Tag für Tag hört man im täglichen Leben von den Fehlern der Juden erzählen. Hat man mit einem Juden zufällig ein schlechtes Geschäft gemacht oder ist man einem auf der Straße gerade in schlechter Laune begegnet, so unterläßt man es nicht, zu erklären, daß einem bei den Juden das oder jenes nicht passe. Und da bekanntlich, was Nichtjuden meinen oder sagen, sehr bald auch von den Juden, die sich gerne an die Ansichten ihrer Umwelt anschmiegen, wiederholt wird, hört man auch von Juden selbst das Märchen über die Fehler der Juden. Naturgemäß wäre es die dankbarste und leichteste Aufgabe, zu zeigen, wie aus diesen kleinlichen und scheinbar harmlosen Verallgemeinerungen der große, weltumfassende Judenhaß seine Nahrung zieht. Und nicht weniger leicht und dankbar wäre es zu zeigen, mit welchem geringen Aufwand von Mut und Stolz diese im geheimen verheerenden Bazillen vernichtet werden können. Es nützt nichts, wenn einzelne mehr oder weniger hervorragende Persönlichkeiten sich darauf spezialisieren, auf die Anfeindungen stets die stereotype Antwort zu erteilen: Es ist eine Lüge, es ist eine ungerechtfertigte Verallgemeinerung. Man sah es an dem Beispiel des vor kurzem verstorbenen Dr. Josef Bloch, der mit dem Riesenapparat seines Wissens und seiner Klugheit nicht zu nachhaltigen Resultaten kommen konnte. Als Reichsratsabgeordneter hatte er sogar den politischen Einfluß gewonnen und konnte der antisemitischen Internationale öffentliche Niederlagen bereiten, die einfach vernichtend waren. Vernichtend im Auge der jüdischen und judenfreundlichen Zuhörer im Gerichtssaal, aber keineswegs vernichtend für die Antisemiten. Denen konnte man Lug und Trug und Fälschung hundert mal beweisen, man konnte die allergrößten Mächte zum Zeugen anrufen, ohne verhindern zu können, daß, nachdem das allerletzte liberale Provinzblättchen von dem „großen Prozeß“ zu schreiben aufgehört hatte, dieselben Lügen durch und für dieselben Menschen wieder in Umlauf gebracht werden.
Keinerlei große gesellschaftliche oder politische Aktion wird je imstande sein, gegen den Antisemitismus mit nachhaltender Wirkung aufzutreten. Man kann nicht mit ungleichen Waffen kämpfen. Die Bekämpfung des Antisemitismus durch große Organisationen geschah stets mit den Mitteln des logischen Beweises, der ehrlichen Überzeugung und des Rechtes. Und diese Mittel versagten stets gegenüber den antisemitischen Waffen, die aus einem ganz anderen Eisen geschmiedet waren. Wenn man gegen Mörder mit Verleumdungsklagen, gegen gewerbsmäßig Rohlinge mit dem Wahrheitsbeweis kämpft, so kämpft man gegen einen Tiger mit der Kinderpistole. Es gibt nur zwei Arten der Bekämpfung der antisemitischen Umwelt für die Juden: entweder mit politischer Aktion gegen politische Aktion, mit wirtschaftlichen Maßnahmen gegen wirtschaftliche Maßnahmen und mit Gummiknüttel gegen Gummiknüttel – oder durch die Erziehung der Juden zur Selbstweht im täglichen Leben.
Die erste Art eine bewußt jüdischen Politik würde von uns Juden die Aggressivität und Brutalität im Kampf verlangen, die ein vergeistigtes Volk, wie das unsrige, nicht mehr besitzt. Wir sind zu gut für unsere Gegner. Wenn auch von Zeit zu Zeit in überhitztem Eifer die Möglichkeit dieser Kampfmethode ins Auge gefaßt wird, so muß man im ganzen und großen zugeben, daß die realen Kräfteverhältnisse zwischen Juden und Antisemiten einen aggressiven Nationalismus unsererseits auch dann nicht in Frage kommen lassen würden, wenn in unseren Kreisen die Geneigtheit dazu vorhanden wäre. Wobei betont sein muß, daß auch von nationalistischen Politikern und Ideologen des Judentums der aggressive Nationalismus stets abgelehnt worden sei. So bleibt uns nur der zweite Weg.
Die Selbstwehr im täglichen Leben ist dieser Weg. Ich verstehe darunter die Erziehung jedes einzelnen Mannes und jeder einzelnen Frau zum Kämpfer für das Judentum. Der KampfGegründet im Okt. 1907, Wien bis H. 12/1933; ab H. 1/1934 vereinigt mit der Zs. Tribüne bis Mai 1938, Brünn/Brno; dan... des einzelnen ist kein aggressiver, denn er beschränkt sich auf ein den jüdischen // Interessen entsprechendes Verhalten im täglichen Leben. Der einzelne muß bei jeder noch so kleinen Gelegenheit seiner Umwelt zeigen, daß er ein Jude ist und daß er das ebenso sehr für eine Ehre hält, wie der Deutsche sein Deutschtum und der Franzose sein Franzosentum. Der Jude muß in seinem täglichen Leben auch nach außenhin sich die Selbstachtung gewöhnen. Innerlich wissen wir ja sehr wohl, daß jeder Jude zu dieser Selbstachtung disponiert ist, und es bedeutet das Verschwinden des letzten Restes des jüdischen Gefühls, wenn diese Selbstachtung schwindet. Aber nach außenhin stolz und aufrichtig sein Judentum zu bekennen und auch in den kleinsten Ereignissen des Alltags zu bekennen, das tut not, um den Kampf gegen den Antisemitismus aufnehmen zu können. Nicht durch Proteste und große Aktionen auf gesellschaftlichem und politischem Gebiete, sondern in dem Leben des einzelnen wird die Abwehr organisiert, und ihre Organisierung ist eine Frage der Erziehung der Juden zu selbstbewußten, charaktervollen und mit ihrem Volke innerlich verwachsenen Menschen.
Solange der Einzeljude und die einzelne jüdische Frau ihr Wort auf der Straße, in der Markthalle, in der Schule und überall dort, wo Juden und Nichtjuden miteinander in Berührung kommen, nicht erhebt, solange die Rückgratlosigkeit als jüdische Eigenschaft gilt, muß das grausame Schweigen inmitten des antisemitischen Sturmes anhalten und wird eine Abwehr des Antisemitismus nicht möglich sein.
In: Menorah H.5 (1923), S. 17-18.
Karl Marilaun: Gespräch mit Bela Balazs. Dichter und Flüchtling
Karl Marilaun: Gespräch mit Bela Balazs. Dichter und Flüchtling. (1920)
Die Neue Wiener Bühne führt heute seine „Tödliche Jugend“ auf und wie die Dinge gegenwärtig liegen, dürfte man in Budapest von einem Erfolg oder Nichterfolg dieses mit der ungarischen Boulevarddramatik nur sehr lose verknüpften Herrn Bela Balazsals Herbert Bauer geb. am 4.8.1884 in Szeged - gest. am 15.7.1949 in Budapest; Drehbuchautor, Filmkritiker und -theoreti... nicht viel Kenntnis nehmen. Denn dieser noch junge Mann ist heute im Budapest Horthys das, was man einst im Österreich des Grafen Stürgkh „subversive Elemente“ nannte. Ein politisch Bemakelter, der nach dem Zusammenbruch des Kommunismus aus Ungarn flüchten mußte, weil auch er — reineren Herzens als mancher Budapester Terrorist und Desperado — an den Anbruch1919-1937, Wien; ab 1929 Titeländerung zu Anbruch. Untertitel: Halbmonatsschrift für moderne Musik (bis 1923), Monatss... eines goldenen Zeitalters glaubte und das vermutlich todeswürdige Verbrechen beging, den Budapester Proletariern die Theaterlogen der Vertriebenen vom Jockeiklub aufsperren zu lassen.
Da der Jockei- und Gentryklub inzwischen wieder in seine gottgewollten Rechte eingesetzt wurde, ist es ziemlich selbstverständlich, daß der Name des Herrn Balazs nicht mehr wie einst in den Literaturzeitschriften des jüngsten Ungarn, sondern auf jener ominösen Liste geführt werden dürfte, die sich mit den Auslieferungsmöglichkeiten der ins Ausland geflüchteten Kommunisten befaßt. Grund genug, daß er auf eine Budapester Uraufführung eines Stückes wenig Werk legt und momentan nicht einmal darauf rechnen darf von der ungarischen Kritik teils in einen rot-weiß-grünen Himmel gehoben und teils auf der Erde der Boulevardkaffeehäuser in Fetzen zerrissen zu werden.
„Etwas Ähnliches“, sagt er, „war ja jahrelang mein Budapester Schicksal. Wenn ich als Zweiundzwanzigjähriger, nach der Premiere meines Erstlingsstückes Fräulein Doktor, Anlagen zum Größenwahn gehabt hätte, würde nichts im Wege gestanden sein, mich nicht nur für den jüngsten, sondern ungefähr auch für den vielversprechendsten ungarischen Autor zu halten. Zu jener Zeit war ich wahrhaftig berühmt, aber man soll einen Dichter nicht vor seiner zweiten Premiere loben. Das Schicksal meines zweiten Stückes, das mir weit mehr als mein erster dramatischer Glücksfall am Herzen lag, und in dem ich ein mich wirklich bewegendes Problem zu gestalten versucht hatte, war recht merkwürdig. Frühere Anhänger fielen von mir ab, und so enthusiastisch sie mich einst gelobt hatten, so empört rückten sie jetzt von mir weg. Nur die Jugend, die allerdings nicht gerade zur Gefolgschaft der gewissen erfolgreicheren Budapester Boulevarddichter gehört, blieb mir jetzt erst recht treu; und da Gegensätze bei uns seit jeher ziemlich lebhaft ausgetragen zu werden pflegen, mußte ich mich daran gewöhnen, daß die einen jedes von mir geschriebene Wort als Dogma betrachteten und die andern gereizt auffuhren, wenn überhaupt nur mein Name, das rote Tuch, genannt wurde.
Ich habe mich mit diesen Dingen ziemlich gelassen abzufinden versucht, denn schließlich glaube ich nicht, daß noch so laute Anerkennung oder noch so heilige und gereizte Ablehnung am Wert oder Unwert des Geschaffenen irgend etwas zu ändern imstande sind. Ich schrieb, was und wie ich mußte, und nahm mir vor allem kein Blatt vor den Mund, wenn ich in den von uns Jungen gegründeten und gelesenen Zeitschriften zu künstlerischen, kulturellen und Theaterproblemen Stellung zu nehmen versuchte. Ich mag, wie jeder ehrliche junge Künstler, als radikal gegolten haben, weil ich die Kunst in den Händen ihrer privilegierten Hüter für schlecht aufgehoben hielt; weil ich mit dem Betrieb unserer heutigen Theater niemals einverstanden war und der Bühne eine ideale Mission zuteile, an die allerdings solange nicht gedacht werden kann, als unsere Theater der platten Unterhaltung geistig unbemittelter und nur finanziell leistungsfähiger Kreise dienen zu müssen glauben.
Ich war also, wenn man will, schon zu einer Zeit „Kommunist“, da der Kommunismus wohl etwas wie die Religion und das Glaubensbekenntnis eines anständigen Menschen sein konnte, aber jedenfalls noch nicht in Politik, Macht und Parteischlagworte umgemünzt war. Und ich brauchte nichts von meiner inneren Orientierung aufzugeben, als man während der kommunistischen Ära an mich herantrat und mir sagte: „Nun hast du die Gelegenheit, deine Ideen in die Wirklichkeit umzusetzen, das Theater zu einem Erziehungsmittel auszugestalten, die Jugend, das Volk, den Proletarier an der Kunst teilnehmen zu lassen.“
Was sollte ich nun tun? Ich bin kein Politiker, war es nie und werde mich nie für politische Dinge in dem Maße interessieren, daß ich einem Parteistandpunkt meine künstlerischen und geistigen Interessen unterzuordnen vermöchte. Ich verhielt mich innerlich zu der Frage, ob der Kommunismus als politische Partei die Menschheit glücklich oder besser machen kann, durchaus passiv und wahrscheinlich auch skeptisch, aber ich habe natürlich die Möglichkeit, das Volk mit wirklicher Kunst vertraut machen zu dürfen, mit Begeisterung ergriffen. Ich öffnete, da man mir eine Intendantenstelle und damit gewisse Machtbefugnisse über die mir anvertrauten Theater anbot, das Theater dem Proletarierpublikum, ich rief unsere Jugend; ich spielte vor Leuten, die vielleicht noch nie im Theater waren, vor „Ungebildeten“ und Unverbildeten, unsere Klassiker und sah, daß sie hier wirkten wie am ersten Tag; ja, daß wir selbst Bernhard Shaws Candida mit tiefster Wirkung spielen konnten. Mit Politik und Parteikommunismus hatte dies alles wohl sehr wenig zu tun und ich war als der von den Kommunisten ernannte Theaterintendant nicht der Politiker eines zufälligen Machtregimes, sondern einfach ein Künstler, der das, wofür er theoretisch schon seit Jahren kämpfte, nun endlich in die Tat umsetzen konnte. Als ich das Volk ins Theater rief, tat ich es nicht als politisierter Handlanger einer Partei, sondern in der festen Überzeugung, daß ich es mir selbst schuldig sei, nicht in dem Augenblick auszukneifen, in dem mir ein Glücksfall die Möglichkeit in den Schoß wirst, meine Ideen zur Ausführung zu bringen.
An der kommunistischen Machtpolitik hatte ich als Künstler keinen Teil, keinen Nutzen, kaum ein Interesse, (wenn ich mir vielleicht auch sage, daß ich mich selbst als Antipolitiker noch eher zu einem problematischen Parteikommunismus als zu einer Horde machtberauschter, königlich ungarischer Husaren schlagen würde. Diese innere Orientierung bin ich mir schuldig, solange ich vor mir selbst als anständiger Mensch bestehen will. Die Konsequenz dieser Überzeugung fühle ich gegenwärtig am eigenen Leib. Ich lebe im Exil, mein Vaterland ist mir verschlossen, meine Zukunft liegt ganz im Unbestimmten. Ich trage die schlechten Kleider eines Flüchtlings und weiß nicht, ob und wann wieder ein Werk von mir in der Sprache, in der es gedacht, gefühlt und niedergeschrieben ist, auf eine Bühne der Heimat, kommen wird, der ich als Verfemter gelte. Tragisch empfinde ich das nicht als Mensch, der sich nichts vorzuwerfen hat, sondern nur als Dichter, der sein Werk bis auf weiteres heimatlos weiß.“
In: Neues Wiener Journal, 27.2.1920, S. 3.
Hanns Margulies: Frauen schreiben gute Bücher
Hanns Margulies: Frauen schreiben gute Bücher (1934)
Das Mißtrauen gegen schreibende Frauen lebt noch immer, obwohl wir doch in den letzten Jahrzehnten oft und oft Gelegenheit hatten, Bücher, die von Frauen geschrieben wurden, als schön und gut und wertvoll anzuerkennen. Wie unrichtig diese generelle Voreingenommenheit aber ist, soll sich heute wieder erweisen, wo ausschließlich auf Frauenbücher hingewiesen werden wird, die zu lesen ehrlich und ernsthaft angeraten werden muß.
Von Hermynia Zur Mühlen war hier vor Monaten schon die Rede. Inzwischen hat sie einen neuen Roman vorgelegt.
Reise durch ein Leben
(Gotthelf-Verlag, Bern), sich und uns zur Feier ihres fünfzigsten Geburtstags. Nun müßte an Lob und Anerkennung alles wiederholt werden, was von ihren früheren Büchern gesagt wurde, wenn nicht die Notwendigkeit bestehen würde, aufzuzeigen, daß Hermynia Zur Mühlen durch ihr Werk die Erbschaft einer der gütigsten und besten Schriftstellerinnen des alten Österreich, der leider und zu Unrecht heute viel zu wenig gelesenen Marie von Ebner-Eschenbach angetreten hat. Gleich ihr, stammt sie aus jenem Teil der österreichischen Aristokratie, der bewußt mehr Wert auf Geistesadel als auf Namensadel legt, der sich die Auszeichnung der Geburt nicht genügen läßt, sondern sich durch Wissen und Kultur erst eine menschlich gültigere Anerkennung erwirbt.
Und dort, wo Hermynia Zur Mühlen aus ihrem Milieu heraus erzählt, erreicht sie auch die reifste Meisterschaft. Hier berichtet sie von einer kleinen Komtesse, die nach zwei Seiten ans dem ihr gezogenen Kreis ausbricht: durch ihre Freundschaft zu einem Proletariermädchen und durch ihre Liebesheirat zu einem preußischen Juristen. Sie steckt an. An der unüberbrückbaren Gegensätzlichkeit zwischen dem im allerbesten Sinn altösterreichischen Wesen und dem preußischen Kasernenideal zerbricht ihre Ehe und die Freundschaft mit der ehemaligen Schulfreundin verebbt an der trotz aller Bemühungen nicht unüberbrückbaren Divergenz zwischen den Lebensformen und dem Lebensinhalt der beiden Frauen.
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Gina Kaus, auch eine Österreicherin, hat in ihrem neuen Roman:
Die Schwestern Kleh
(Verlag Allert de Lange, Amsterdam), einen gewaltigen Schritt nach vorne gemacht. Schien es in ihren letzten Büchern, als ob sie ihr unbestritten starkes Erzählertalent auf letzten Endes zu leichte Art an die Oberflächlichkeit bewegter Erzählungen verschwenden wollte, so beweist ihr neues Buch das gelungene Streben, sich mit den Untiefen und Klippen menschlichen Wesens in aller Ernsthaftigkeit auseinanderzusetzen. Und es ist ihr gelungen. Sie erzählt von den Wegen, die die Töchter einer Wiener Patrizierfamilie gehen müssen und wenn es auch mitunter Abwege sind; Gina Kauseigentlich Regina Wiener, geb. am 21.10.1893 in Wien – gest. am 23.12.1985 in Los Angeles; Schriftstellerin, Übe... überzeugt uns, daß den Schwestern kein Ausweg offen stand, daß sich ihr Leben, ans eigener Veranlagung und unter dem Zwang des Geschehens so, wie sie berichtet und nicht anders entwickeln muß.
Gina Kaus hat es sich nicht leicht gemacht, aber gerade dadurch erreichte sie, was ihr vorgeschwebt haben mag: keine Unterhaltungsliteratur im schlechten Sinn zu geben, sondern ein Buch, das durch seine innere Wahrhaftigkeit, durch die Zwiespältigkeit der Charaktere packt, fesselt und festhält.
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Christa Winsloe wandelt ein Thema dreifach ab. Als Theaterstück, vor allem aber als Film unter dem Titel: Mädchen in Uniform hat sie Hunderte und Abertausende mit dem Schicksal eines kleinen Mädchens, das in die preußiiche Zucht, wie sie in einem Offizierstöchterinstitut wütet, gerät, gerührt und gepackt. In Romanform gelingt ihr das genau so, vielleicht sogar noch stärker, denn hier kann sie auf ein unnatürliches happy end verzichten.
Das Mädchen Manuela
heißt das Buch, das im Verlag Allert de Lange, Amsterdam, erschienen ist.
Wer noch nicht weiß, was die Kasernenerziehung preußischen Ungeistes bedeutet der erfährt es aus diesem Buch. (Wie er aus Ernst von Salomons Bericht: Die Kadetten, Rowohlt-Verlag, Berlin, lernen kann, wie aus Knaben Untertanen fabriziert werden.)
Wenn es sich auch dadurch, daß der Inhalt des Romans durch Theater und Film schon bekannt ist, erübrigen mag, von ihm zu berichten, so muß doch festgestellt werden, daß das Buch zu den lesenswertesten Büchern unserer Tage gehört, und daß Christa Winsloe auch im Roman Menschen in ihrer ganzen Lebendigkeit festzuhalten verstand, so daß sie uns, wie etwa das Fräulein von Bernburg, eine Lehrerin, von nun an als Freundin durch das Leben begleitet.
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Viktoria Wolf, deren erster Roman: Mädchen, wohin? schon berechtigtes Interesse erregte, hat sich mit ihrem zweiten Buch:
Eine Frau hat Mut
(wieder bei Paul Zsolnay, Wien) bewiesen. Sie erzählt von dem Leben einer jungen Frau, deren Mann seinen Posten verloren und aus den geordneten angenehmen bürgerlichen Verhältnissen hinabstürzt in das Nichts, nachdem der Versuch, sich auf diesem Absturz noch unterwegs anzuklammern, an der Ablehnung der ihm gemachten kriminellen Vorschläge scheitert.
Wirklich mutig stellt sich die Frau, Tochter eines Generals, dem Leben, wird Verkäuferin in einem Warenhaus und steht den Kampf durch, trotzdem ihr Mann ihn schließlich aufgibt und ein Leben, das ihm immer mehr zur Qual wurde, an dem er nicht mehr teilhaben durfte, von sich wirft.
Sibylle aber ist tapfer für sich und ihr Kind. „Mut und Kraft sind die schönsten Worte, die das Leben kennt,“ sagt sie und damit endet das Buch.
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Seitdem der Zinnen-Verlag, Wien, mit dem wundervollen Buch Die gute Erde die Amerikanerin Pearl S. Buck in die deutsche Literatur eingeführt hat, wetteifert der Verlag Paul Zsolnay mit ihm in der Herausgabe ihrer chinesischen Romane. Er publiziert zuerst die Fortsetzung der Guten Erde
Söhne,
worauf wieder der Zinnen-Verlag einen Roman herausbrachte
Der junge Revolutionär
und jetzt meldet sich der Verlag Zsolnay mit dem vierten Roman:
Ostwind — Westwind.
Die amerikanische Schriftstellerin, die lange Zeit als Missionärin in China gelebt hat, ist eine der besten Kennerinnen des Reiches der Mitte geworden und hat das Geheimnis dieses uralten Kulturvolkes wirklich mit der Seele erfaßt. Aber ihr ist auch die Gabe zuteil geworden, ihr Wissen in so anschaulicher und überzeugend schöner Form zu vermitteln, daß sie mit ihren Romanen weitaus mehr zur Kenntnis Chinas und ihrer Menschen beigetragen hat, als zahllose Gelehrte mit dickleibigen Büchern.
Während die ersten drei Romane sich mit dem in sich abgeschlossenen Leben des chinesischen Bauern beschäftigen, spiegelt der vierte das Eindringen der amerikanischen Welt in die Abgeschlossenheit jahrtausendalter Tradition wider. Es ist die Lebens- und Liebesgeschichte einer vornehmen Chinesin, die, ganz noch in den alten Sitten erzogen, durch ihren schon in Amerika ausgebildeten Mann in den Zwiespalt der Kulturen gestellt wird und den Kampf zwischen Altem und Neuem, zwischen Jung und Alt, nicht nur selbst erlebt, sondern auch in dem Schicksal ihres Bruders, der eine Amerikanerin als Frau in die Gebundenheit der starren chinesischen Familiengesetze mitbringt, erlebt.
Gefragt, welchem dieser vier Bände der Vorzug gegeben werden soll, ist nur eine Antwort möglich: keinem, denn alle vier wollen und sollen gelesen werden.
In: Der Tag, 19.3.1934, S. 4.
Hanns Margulies: Deutschland 1933. 30 neue Erzähler des neuen Deutschland
Hanns Margulies: Deutschland 1933. 30 neue Erzähler des neuen Deutschland. (1934)
Der Malik-Verlag, Berlin, hat eine Sammlung deutscher Prosaarbeiten in einem Band vereint und nennt sie:
30 neue Erzähler des neue Deutschland.
Wir wissen: Malik-VerlagDurch den Erwerb einer Schülerzeitschrift gelang Wieland Herzfelde und seinem Bruder John Heartfield (d.i. Helmut Herzf... — das ist der Sammelpunkt der linksgerichteten Literatur. Diese 30 neuen Erzähler — die wenigsten von ihnen führen bekanntere Namen— aber bekunden nicht nur ihre politische und weltanschauliche Einstellung, sondern geben einen Aspekt vom Deutschland dieser Jahre, der erschütternd ist in seiner Verzweiflung und in feiner verbissenen Revolte.
Wir lesen täglich von den Auswüchsen des politischen Lebens, Zusammenstöße, Straßenkämpfe sind gewohnte Ereignisse geworden. Wir hören von der Not, von dem ununterbrochenen Anwachsen der Arbeitslosigkeit, von den Versuchen durch Gewalttätigkeit (ließ: innere Politik) wieder Ruhe und Ordnung in Deutschland herrschen zu lassen. Aber erst diese dreißig neuen Erzähler vermitteln uns ein anschauliches Bild vom heutigen Deutschland wie es wirklich aussieht.
Eine literarische Würdigung dieser Sammlung sei denen überlassen, die angesichts der Verzweiflung, die aus diesen 30 Erzählungen spricht, noch den Mut zum Ästhetizismus besitzen. Ich muß sie mir versagen. Mir genügt die Feststellung, daß alle Dreißig, der eine künstlerischer, gerundeter, gereifter, der andere stürmischer, noch unausgegorener, ihr Bestes geben, und daß dieses Beste gut ist. Aber wichtiger als das Wie, ist das Was, das sie schildern.
Und das ist: das unterirdische Grollen des Unterdrückten, die verbissene Wut des Mißhandelten, der Aufstand der Herzen und der Fäuste, der Hunger, die Verzweiflung, die Ausbeutung, die Sinnlosigkeit — das Bild Deutschlands in allen seinen Teilen, seiner Elendsquartiere, die ein einziges, unermeßliches Elendsquartier sind — Deutschland.
Der Chor der Dreißig ist ein ungeheures Warnungssignal. Was aus ihm spricht, ist nicht Politik und nicht politische Verhetzung. Er schreit die Not, die Verzweiflung, die Wut, die finstere Drohung in alle Welt. Jeder für sich und alle gemeinsam verkünden den drohenden Untergang der Nachkriegsgenerationen und drohen den Untergang der Schuldigen an.
Deutschland (wie Österreich) hat eine Revolution ohne Revolutionäre gehabt. Der Umsturz brach herein, wurde nicht vorbereitet. Das ist die Ursache für den gewaltigen, den unerhörten Nackenschlag, den die Revolution erleiden mußte. Entwicklungen lassen sich nicht überstürzen, aber auch nicht aufhalten. Das, was damals gefehlt hat, das Fundament, der geistige Gehalt der Revolution, jetzt, unter dem Druck der Niederlage, wird es nachgeholt. Die dreißig neuen Erzähler des neuen Deutschland legen dafür Zeugnis ab.
Ob sie nun bekannt sind, wie Erich Kästner, Ernst Gläser und Andreas Latzko, ob sie kaum begonnen haben, sich einen Namen zu machen, wie Ludwig Tureck, F. C. Weiskopfmeist F. C. Weiskopf, geboren am 3.4.1900 in Prag – gest. am 14.9.1955 in Berlin; Schriftsteller, Journalist, Über..., Oskar Maria Graf, Walter Bauer, Ernst Fischergeb. am 3.7.1899 in Komotau/Böhmen – gest. am 31.7.1972 in Deutschfeistritz; Schriftsteller, Politiker (KPÖ) Ps.: F.... und Theodor Plivier, oder noch unbekannt blieben wie die anderen, ist letzten Elches gleichgültig. Wichtig aber ist, daß jede einzelne Erzählung, jeder einzelne Satz Anklage und Drohung zugleich ist, geistiger Gehalt und Fundament für das, was über kurz oder lang unausbleiblich ist: für den sozialen Ausgleich, für die Revolution, die aber diesmal keine karnevalistische Episode in der deutschen Geschichte bleiben wird.
An dem Fanale, das diese dreißig neuen Erzähler des neuen Deutschland entzündet haben, soll niemand vorübergehen, der Sinn für den Ernst der Zeit, der Gewissen für die soziale Not, der Interesse für das Gesicht der Zeit hat.
In: Der Tag, 30.1.1933, S. 4.