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Adolf Loos: Vorwort zu: Richtlinien für ein Kunstamt. Wien 1919

Der staat hat sich zu entscheiden, ob er den künstlern helfen will oder der kunst.

In der monarchie war der herrscher der schutzherr der kunst. In der republik ist es das volk.

Solange der monarch, immer gegen die anschauungen des volkes kämpfend, ängstlich besorgt, seine pflicht dem geiste gegenüber zu erfüllen, sich dem willen des künstlers unterwarf, solange er in seinen rechten, die ihm das volk verlieh, seine pflicht dem universum gegenüber erkannte und erfüllte, war er am platze. Er hatte abzutreten, als er die sünde beging, die nicht vergeben werden kann: die sünde wider den heiligen geist. Und wenn er sich auch nur der unterlassungssünde schuldig gemacht hätte.

Seine erbschaft tritt ein neuer herrscher an, das volk. Der heilige geist offenbart sich der menschheit als der große mensch. Keiner nation gehört er an, sondern der ganzen menschheit. Er ist der führer, der wissende, der weise, der wegweiser für kommende geschlechter. Ihm, den die vorsehung immer wieder materialisiert, dem sie einen menschlichen körper verleiht, hat die menschheit den weg zu verdanken, den sie, immer gegen ihren willen, bis heute gemacht hat und noch machen wird; ihm hat sie zu verdanken, daß er sie aus den höhlen der vorzeit in geordnete wohnsitze geführt hat, aus dumpfem triebleben zu freiem denken. Ihm verdankt sie, daß der himmel blau ist und töne das menschenherz bewegen können, daß liebe mehr ist als ein trieb zur vermehrung, und daß der mensch staunend des gestirnten himmels über ihm und des moralischen gesetzes in ihm gewahr wird.

Ein ungeheures verantwortungsgefühl muß nun das volk packen: wie ist die sünde wider den heiligen geist zu vermeiden? Denn diese ist unsühnbar, und keine noch so tätige reue könnte die schmach tilgen, wenn man den geist oder seine inkarnation, van Beethoven, gehindert hätte, die neunte symphonie zu schreiben. Der gedanke, der damit der menschheit geschenkt wurde, hätte in dieser form ihr nie mehr gegeben werden können. Auch der zeitpunkt ist entscheidend. Damals, und nur damals, brauchte die menschheit zu ihrer fortentwicklung diese töne.

Dieser zum menschen materialisierte geist, der uns sprechen, hören und sehen gelehrt hat, der geist, der uns zunge, auge und ohr gebildet hat, er ist es, der unseren körper baut. Er hat uns fühlen gelehrt und unsere seele im wandel der jahrtausende immer neu umgebildet, reicher gemacht und zur aufnahme der dinge in uns, neben uns und über uns befähigt.

Der mensch stellt sich dem heiligen geiste, dem sanctus spiritus, dem schaffenden geiste, dem creator spiritus, feindlich entgegen. Er wünscht ruhe. Glücklich lebt er in der gesicherten position, die ihm die großen der vorzeit bereitet haben. Daß er weiter soll, daß er seinen endlich erreichten, gesicherten platz verlassen soll, bereitet ihm unbehagen, und daher haßt er den künstlermenschen, der ihm die liebgewordenen anschauungen durch neue verdrängen will. Der widerstand, den die menschheit ihren führenden geistern entgegensetzt, wird um so stärker sein, je größer die kluft ist, die zwischen volk und künstler, zwischen dem zeitgenossen und dem künstlermenschen sich auftut.

Die zeitgenossen des künstlers gehören verschiedenen perioden an. In der gewesenen monarchie verteilten sich die einwohner auf die letzten tausend jahre. Im neuen Österreich verteilen sich die menschen auf die letzten drei jahrhunderte. Sprechen diese zustände bloß für eine änderung aus ökonomischen gründen, so gebietet es der geist dem staate, dem künstlermenschen jene umgebung zu schaffen, die ihm die geringsten widerstände entgegensetzt. Die geringsten widerstände werden ihm menschen entgegensetzen, die nicht nur leiblich, sondern auch geistig seine zeitgenossen sind: menschen aus dem zwanzigsten jahrhundert.

Der staat hat daher die pflicht, das volk dem künstler möglichst nahezubringen.

Eine andere art der kunstfürsorge kann der staat nicht leisten. Keinem sterblichen ist es gegeben, den künstlermenschen, der mit uns lebt, zu erkennen. Der einzelne darf sich irren – dem staate müßte ein irrtum als sünde wider den heiligen geist angerechnet werden. Der einzelne ist nur sich selbst verantwortlich – der staat ist, dank der autorität, die er sich anmaßt, der menschheit gegenüber verantwortlich. Der einzelne kann den unterstützen, den er für den künstlermenschen hält, der staat aber würde bei einem irrtum dem ihm unbekannten genius ein martyrium bereiten. Denn eines nur lähmt dessen schaffenskraft: die bevorzugung des nichtkünstlers durch die autorität und das ihr folgende triumphgeheul der urteilslosen menge, in dem die stimme des künstlers erstickt. Gleiches recht, oder, wenn man will, gleiches unrecht für alle!

Zit. nach: A. Loos: Sämtliche Schriften in zwei Bänden. Hg. von Franz Glück. Wien: Herold 1962, S. 352-354 unter dem Titel Der staat und die kunst. Online verfügbar hier.

Franz Theodor Csokor: Ballade von der Stadt. Eine Vorbemerkung

Der Versuch, ein kollektiv gedachtes Drama ins Hörspielmäßige zu formen, wird hier gewagt. Gerade das kollektive Drama wäre ja wie kaum ein anderes zum Hörspiel vorbestimmt, da es ja auch durch das gewaltigste Kollektivmittel, den Sender, verbreitet wird. Doch erhebt seine Gestaltung in solchem Sinne besondere Ansprüche, die sich von einer bühnenmäßigen Interpretation scharf scheiden. Die Urelemente eines Hörspiels: Verwiesenheit auf das Wort, Bestimmung des Schauplatzes durch akustische Mittel, Übertragung der optischen Räumlichkeit in eine akustische, zu der das Ohr als als räumlich denkendes Organ erzogen werden müßte, architektonische Stufung der Vorgänge durch musikalische Cäsuren, die zugleich den Vorhang des Theaters ersetzen [‚Tonvorhang‘], Verflechtung psychologischer Rezitative und Leitmotive zur Verdeutlichung der Geschehnisse, und Lösung der notwendigen Geräusche vom zufällig Naturalistischen ins stilhaft Schicksälige, all das fordert, daß dem Text eine Art Partitur1 beigegeben sei, die ihm Satz um Satz begleite. Für die Wahrnehmung des Schauplatzes hier herrscht Einheit des Ortes, der nur seine Züge in dem mehr als ein Jahrtausend umfassenden Ablauf des Werkes vollendet, – griff der Verfasser zu der Figur des „Ansagers“, wie er auch im Kollektivdrama der Mysterienspiele, im Hans-Sachs-Stück und als „aboyeur“ der „Beller“ bei der französischen Komödie heimisch war. Mit einer der Dichtung angeglichenen gebundenen Strophe gibt er jeweilig die erforderlichen Erläuterungen über Szene und Vorgang in einer geistigen Synthese aus beiden.

             Nun zu den Vorgängen: Ursprung, Wuchs, Blüte, Gipfel, Verfall und Untergang einer Riesenstadt über dem Giftkeim des Goldes, also ein von Gier nach Macht und Besitz gestacheltes Werden, ausgedrückt durch die an dem Goldschacht aufwachsende Stadtmauer über dem bleibenden Schauplatz des Werkes, ist das Motiv der in balladesker Verkürzung geschürzten Handlung. Den Gegenspieler macht der Uralte, das ruhige, für alles Lebende gerechte und gleichmäßige Sein der Erde, die Frucht und Freude für jedermann hätte, wäre nicht Wahn und Hast jenes Werdens mit seinem wuchernden Kampf um das Gold. Der Uralte, – er ist die Erde selbst, die in sich Kraft und Willen hätte zu einem künftigen Paradies, das nicht erst jenseits des Lebens liegt, würde der Mensch sie nicht nur als Wert und Besitz begreifen wollen.

             Eine Art Calderonsches Welttheater also ist // dieses Stück, nur ohne eigentlichen ‚deus ex machina‘; die Lösung heißt hier; der höhere Mensch! Mensch in Gemeinschaft und Arbeit so streng gegen sich, als drohten noch alle Höllenstrafen, aber aus sich so, um des Menschen willen, stets inne der heiligen Einmaligkeit des irdischen Lebens, das befreit sein muß von aller Zweckversklavung zugunsten Einzelner. Das ist das Ziel, wie es das letzte Bild dieses Werkes aufreißt; es steht damit in Antithese zu dem Beginn.

             Im Anfang fährt das Gold im Blitze zur Erde nieder und weckt den Uralten als Wächter. Aber das Unheil muß ausreifen, wie alles. Ein Menschenpaar in bäuerisch mythischer Urzeit findet das Gold und umarmt sich über ihm, der Wurzel der Stadt, die von da ihren Ursprung nimmt. Doch beide, die nun mit dem Mauerbau beginnen, erfreuen sich nicht lange ihrer Macht; von ihren Knechten werden sie getötet. An der Mauer geraten die beiden Mörder in Streit; der eine erschlägt den andern und wirft sich zum Despoten auf. Er möchte die Mauer bis an den Himmel heben und über die ganze Erde herrschen kraft seines Goldes. Als er die ihm von der Natur gesetzten und durch den Uralten verkündeten Grenzen seiner Macht erkennt, will er sich auch ihrer Zeichen begeben, –  aber die Menge, die er sich selbst zu Sklaven gezüchtet hat, zerreißt ihn im gleichen Augenblick, da er die Geißel über sie zerbricht. Die früheste Äußerung der Massenherrschaft, die über ihn gesiegt hat, wird, ehe sie sich ihrer bewußt ist, von den eben so einfachen Urformen des Unternehmertumes, den Herren der Elemente, mit dem Symbol des geheiligten Königtums gebändigt. Das Bündnis von Krone und Gold erweckt den Krieg, und durch ihn gerät mit dem Sturz des Königtums der alte noch im Ständewesen fußende Reichtum in eine Krise. Die Revolution gärt auf, befehdet von der Gegenrevolution, – es ist eine Revolution, die noch um die Macht in der Stadt geht, nicht um die Befreiung des Menschen; sie, die auf dem verdorbenen Grunde des Goldes sich entzündet hat, führt mit unabweislicher Notwendigkeit die nackte Plutokratie herbei, die Herrschaft des Händlers. Die Menschheit der Stadt, nun selbst zur ruhelosen Maschine geworden, erliegt der Despotie ihrer Mittel.

Der Kampf um das Gold geht in rücksichtslosester, durch keinerlei Traditionsehrfurcht mehr gehemmter Art weiter. In der Figur des Händlers ist der neue Reichtum erstanden, in dessen Anfang nicht einmal mehr die eigene Arbeit wirkt wie den früheren Herren der Elemente, sondern die mühelose geschickte Ausnützung und Vergleichung von Angebot und Nachfrage. Das führt zu noch tieferer Versklavung; die Mauer hinter dem Goldschacht wird schließlich zu einer riesigen Klagemauer, an der die rettungslos an das Gold verhaftete Menge sich wütend die Fäuste wund schlägt, um so, – sei es auch über den selbstmörderischen gemeinsamen Untergang, – ins Freie zu gelangen. Verkündiger solcher stets schicksalshafter begehrter Zerstörung wird ein Schreiber, dessen Berufung zum Dichter an der Stadt verdorrte, und ein im Goldbergwerk irrsinnig gewordener Roboter des Reichtums. Der Schreiber erkennt im Sehergeist seines verstümmelten Künstlertums den Uralten, der durch alle Geschehnisse gewandert ist, als den letzten über die Stadt: Die Erde selbst schaut er in ihm, die Erde, die nach langer Duldung üb er der verkrampften Unnatur einer unlösbar dem Gold verdingten Gemeinschaft zusammenschlägt, angerufen von jener Gemeinschaft selbst, die ihres Daseins überdrüssig geworden ist. Eine furchtbare Katastrophe schlagender Wetter, die sich der Irre entfesselt zu haben rühmt, zermalmt die Stadt und alles, was in ihr lebte, also zu schwach für wirkliches Leben wurde. Und die Stimmen aller, die an der Stadt gestorben sind, mengen sich in diesen Untergang. Und wieder wird Acker wie zu Beginn. Wieder steht ein Menschenpaar darauf, Mann und Weib, dieses Mal Pioniertypus des neuen Menschen, des tektonischen, der sich jetzt Glied einer höheren Gesamtheit fühlt als einer durch Gold und Stein verpflichteten. Wieder findet die Frau das Gold, aber sie wirft es von sich. „Euer Siegt!“ ruft es ihnen aus dem Dickicht zu; dort entdecken sie den Uralten, wie im Schlafe liegend. Sie berühren ihn und er zerfällt zur Erde, die er ist, denn sein Hüteramt ging jetzt zu Ende mit der Absage der beiden an das Gold. Die neue Stadt braucht nicht Stein noch Erz zu ihrem die Welt umspannenden Bau. Hände, die einander fassen, sind ihre Mauer; Herzen, die einander finden, sind ihre Gassen; Geist, der sich brüderlich erkennt, ist ihr Gold. Und die Dinge sind ihnen untertan, nicht zu Gewalt, Schlacht und Mord, – sondern zu wechselseitiger Hilfe.

             Dies der Sinn meiner Dichtung, die so um einen sozialethischen, also von welcher Weltanschauung immer: kollektiv gebotenen Ausklang bemüht ist.

In: Radio Wien, 15.2.1929, S. 328-329.

  1. Alle im Text kursiv ausgewiesenen Stellen sind im Original gesperrt gedruckt.

Otto Neurath: Absage an Spengler

Die Wirkung von Spenglers „Untergang des Abendlandes“ ist in Österreich nicht so verderblich wie in Deutschland. Der feuilletonistische Geist des Österreichers ist zwar natürlich auch durch die Theorie, die Spengler heute nicht mehr als pessimistisch gelten lassen will, angezogen worden, aber die Vorteile seiner Nachteile haben sich doch bewährt: der wienerische Skeptizismus leistete einer tieferen Einflußnahme Spenglers Widerstand. Nicht so in Deutschland. Dort hat Spengler wirklich ein im Innersten aufgewühltes Geschlecht noch mehr gelähmt, noch hoffnungsloser gemacht. In dieser Hinsicht ist das Buch Otto Neuraths „Anti-Spengler“ (bei Georg Callwey in München erschienen) eine Tat. Neurath entkleidet Spenglers Trivialität ihrer hieratischen Hoheit, er weist das Schwankende und Nebulose seiner vielgerühmten Methode auf, er geht den Unzulänglichkeiten seiner willkürlich aufgebauten Argumente nach. Mit der Erlaubnis des Autors geben wir im nachstehenden aus dem „Der Gestaltenden Jugend gewidmeten“ Buche einen Teil der Einleitung wieder.


            Dio von Prusa rief Wehe über sein Zeitalter und verglich Athen dem Scheiterhaufen des Patroklos, der nur auf die Flammen warte, die ihn entzünden; Wells malte bald im Stile bisheriger Erfahrung, bald ins Groteske gesteigert Bilder unserer Zukunft; Oswald Spengler dagegen beschwört lehrhaft deutelnd die überlieferte Wucht der Einsicht, statt als Dichter und Seher vor das Volk zu treten. Er will durch Methode und Beweis Zustimmung erzwingen, will Geschichte systematisch „vorausbestimmen“, die Zukunft des Abendlandes „berechnen“ und von vornherein feststellen, was man in Hinkunft an Kunst und Wissenschaft, Technik und Politik novj erfolgreich in Angriff nehmen dürfe. Drängende Notwendigkeit mag bewirken, daß wir uns für ein ungenügend begründetes Zukunftsbild als Grundlage unseres Tuns entscheiden. Vielleicht muß unsere Pädagogik, unsere Verfassung, unser Recht zum Ausdruck bringen, ob wir mit dem „Untergang“ oder mit einer anderen Stufe unserer Entwicklung rechnen. Aber darüber keine Täuschung: eine Entscheidung ist kein Beweis. Wer sich als Prophet oder Prophetenschüler für eine Prophezeiung beharrlich einsetzt, mag die Richtigkeit der Prophetie durch die Beeinflussung der Wirklichkeit erweisen. Die Prophetie wird zur Ursache ihrer eigenen Verwirklichung! Aber mit „Berechnen“ und „Beweisen“ hat das nichts zu tun. Spengler widerspricht durch sein Bestreben, alles zu berechnen, alles zu beweisen nicht nur dem Wesen des Prophetischen, sondern auch eigenen Anschauungen über die Aufgabe! „Natur soll man wissenschaftlich traktieren, über Geschichte soll man dichten. Alles andere sind unreine Lösungen.“ Ist sein Werk eine Dichtung? – Nein. Was denn? – Nach Spenglers eigenem Spruch: Eine unreine Lösung.

            Ein Werk über die Zukunft der Menschheit unterliegt von vornherein nicht dem Maßstab für Einzelforschungen. Bedenklichste Annahmen, kühne Lückenfüllungen, ja ungenügend begründete Abänderungen festgefügter wissenschaftlicher Lehren muß man fallweise zulassen, soll nicht das Gesamtgebäude verhindert werden. Wo mehrere Konstruktionen gleich möglich sind, vermag menschliche Enge oft nur eine auszuführen, man wird sie auch in dieser Vereinzelung dankbar begrüßen, ebenso eine bildhaft-bestrickende Schilderung als Ersatz strengen Beweises, froh, endlich ein umfassendes Bild an Stelle zerstreuter, unverknüpfbarer Einzelstücke zu besitzen. Wir fordern aber Schritt für Schritt einen klar erkennbaren Charakter solcher Darstellung; wir wollen wissen, wo Vermutungen, wo gründliche Beweise vorliegen, wollen wissen, ob die mitgeteilten Tatbestände als gesichert gelten, wollen wissen, was bloße Lückenfüllung, was wohlbegründetes Einzelergebnis reifer Forschung ist.

            Durch grundsätzliche Erörterungen über seine Methode sucht Spengler den oft unklaren Darlegungen, die überdies in sich widerspruchsvoll sind, höchste Beweiskraft beizulegen. Wo der Prophet, der Führer eine Zukunft, ein Ziel abschildern mag, müssen bei Spengler flüchtig gezimmerte Methoden dies Ergebnis liefern und den Leser in die Knie zwingen, auch wenn dabei das vielfältig verknüpfte Gewebe unserer gesamten Erkenntnis in Fetzen ginge. Wer nicht mitgeht, wird nach bewährten Mustern für verständnislos erklärt. Wie in Andersens Märchen von des Kaisers neuen Kleidern wird mancher, wo nichts Greifbares ist, Prunkgewänder und heroische Gestalt zu sehen vorgeben.

            Nicht die falschen Einzelergebnisse, nicht die falschen Tatsachen, nicht die falschen Beweise machen Spenglers Buch so ungemein gefährlich, sondern vor allem seine Methode, Beweise zu führen, und seine Darlegungen über Beweisführungen überhaupt. Dagegen muß man sich zur Wehr setzen. Wer hoffend und strebend eine frohe Zukunft gestalten will, der soll wissen: keiner der Spenglerschen „Beweise“ reicht aus, ihn daran zu hindern; wer sich aber mit dem Gedanken an den „Untergang“ befreunden will, der soll wissen, daß er es auf Grund eines Entschlusses, nicht eines Beweises tut!

            Wenige Bücher stellen so hohe Anforderungen an das hingebende Vertrauen des Lesers. Wer kann auf allen Gebieten, die Spengler berührt, nachprüfen, zumal Hinweise auf Quellen fehlen? Und doch zahlreiche grobe Irrtümer, die aus Nachschlagewerken berichtigt werden können, Irrtümer, die Träger bedeutsamer Beweisketten sind. Derlei wird durch die Größe der Aufgabe nicht gerechtfertigt. Daß altbewährte Erkenntnisse und Fachleuten vertrautes Handwerkszeug als alles umwälzende Neuheiten Spenglerscher Prägung auftreten, beurteile jeder nach Geschmack! Auf welcher Höhe glaubt sich aber Spengler, daß er sich zu Sätzen vorwagt, wie: „Ich frage mich, wenn ich das Buch eines modernen Denkers zur Hand nehme, was er – außer professoralem oder windigem Parteigerede vom Niveau eines mittleren Journalisten, wie man es bei Guyau, Bergson, Spencer, Dühring, Eucken findet – vom Tatsächlichen der Weltpolitik, von den großen Problemen der Weltstädte, des Kapitalismus, der Zukunft des Staates, des Verhältnisses der Technik zur Zivilisation, des Russentums, der Wissenschaft überhaupt ahnt?“ Solchen Maßlosigkeiten ist auch der weniger Vorgebildete gewachsen, nicht aber andauernd verächtlichen Äußerungen über geschichtliche und sonstige gelehrte Forschung; es wird nicht jeden sofort klar, daß Spengler einen Denker gegen den anderen ausspielt, überspitzte Äußerungen noch überspitzend.

            All diese Bedenken dürfen uns aber darüber nicht täuschen, daß es Spengler gelungen ist, ein das gesamte Menschentum umfassendes Gebäude zu skizzieren, in dem verschiedensten Richtungen entstammende Erkenntnisse vereinigt werden – unzulänglich, widerspruchsvoll, vielfach in sinnloser Verzerrung, aber doch einigen Leitgedanken untergeordnet. Es ist denkbar, daß Gedanken dieses Buches wertvolle Anregungen geben werden – sie tun es sicher durch den ausfordern –; aber das darf nicht den Sinn für die unerhörte Vergewaltigung abstumpfen, die in diesem Buch dem Denken zugefügt wird. Vor den auflösenden Wirkungen auf das Denken muß sich auch der schützen, welcher gewissen Anschauungen zustimmen mag.

            Das Buch befriedigt ein heute stark vorhandenes Sehnen nach geschlossener Weltanschauung. Ist es nur Zufall, daß es in derart unzulänglicher, unkritischer, anmaßender, zersetzender Weise befriedigt wird? Auf die Dauer hilft da kein Tadeln, nur Bessermachen. Es wäre tragisch, wenn die, welche solch ein Gebäude fester fügen könnten, gerade durch ihre höhere Kritik und Besonnenheit gehemmt würden, ein Werk zu schaffen, das unbekümmertes Vorwärtsstreben, Hinnehmen notwendiger Unzulänglichkeiten voraussetzt.

            Immer häufiger rächt sich das übertriebene Spezialistentum der letzten Jahrzehnte, jene bewußte Abkehr vom Ganzen der Weltanschauung. Als ob nicht aus dem Ganzen allein alle Einzelforschung letztlich Anregung und Ziel erhielte! Die Einzelwissenschaften bedürfen eines Weltbildes, sonst sind sie der Skepsis oder dem Übermut ausgeliefert, welche Spenglers Schrift zu absonderlicher Gemeinschaft verknüpft.

            Viele fühlen sich durch Spengler befreit. Wir wollen von Spengler befreien, von jener Art Geist, die lockend und vergewaltigend Klarheit des Urteils und Schärfe des Schließens zur Selbstbesinnung führenden Widerspruch, welchen sie herzernichtet, Fühlen und Schauen verzerrt.

(Vollständiger Text des Buchessays in: O. Neurath: Gesammelte philosophische und methodologische Schriften Bd. 1, Hg. von Rudolf Haller und Heiner Rutte, Wien: Höder-Pichler-Tempsky 1981, S. 139-196; der Auszug ist wortident, ausgenommen die unterschiedliche Schreibweise von herzernichtet in der Zs. Wage und zernichtet in der Werkausgabe)

In: Die Wage, 2.7.1921, S. 292-293.

E. K. Stein: Ansprache an sozialistische Künstler

(Gehalten am 28. d. M. in der gründenden Versammlung der Fachgruppe der Künstler, Schriftsteller der „Soz. Vereinigung geistiger Arbeiter“.)

            So wie der Zusammenschluß der „Geistigen Arbeiter“ zu einer besonderen Organisation innerhalb der Sozialdemokratie keine Scheidung, aus Überhebung etwa, vom Handarbeiter darstellen sollte; vielmehr diese Sonderorganisation eben als wirksamstes Mittel gewählt wurde, um der Sozialdemokratie aus der Gesamtheit der „geistigen Arbeiter“ möglichst großen Zuwachs zu sichern; so führte auch die Künstler nicht Dünkel und Überhebung zur gesonderten Organisierung innerhalb der „geistigen Arbeiter“. Auch wir sehen in solchem engeren Zusammenschluß zunächst nur das geeignetste Werkzeug, auch den Teil der Künstlerschaft, der heute noch dem Sozialismus fernsteht, in unser Lager zu ziehen.

            Als Arbeiter bekennen wir uns alle: das Band, das uns alle eint, ist das Lob der Arbeit; wie es uns scheidet von den Anderen, die den Segen der Arbeit nur in seiner fluchwürdigen Verwandlung, dem goldgemünzten Schweiß und Blut der Arbeiter preisen mögen.

            In zwei große Lager scheint sich so die Menschheit zu scheiden: Die Arbeiter und die Arbeitsscheuen. Da ich zu Künstlern spreche, die so gerne – mit mehr oder weniger Wohlwollen – von ihren „Gönnern“ als das „arbeitsscheue Gesindel“ hingestellt werden, muß ich kaum ausführlicher dartun, daß gerade der Künstler, der – im Geiste – immer Rege, bis zur Besessenheit Rege ist; er wahrhaftig kann die Arbeit nicht scheuen, nicht fliehen, da sie mit ihm verwachsen ist. So ist sein Platz im Lager der Arbeiter, der Regen.

            Diesem feindlich, tut sich drüben das andre Lager, das der Trägen, auf; wollen sie doch von der Regsamkeit der Anderen leben; müssen sie doch darum sich die Herrschaft über die Regen erzwingen und sichern; feindlich darum.

            Wie aber konnte es kommen, daß Trägheit über Regsamkeit die Herrschaft gewann? Die überlegene Masse, wir Alle kennen sie: das Kapital. Denn nicht Arbeit und Schaffen verleiht Herrschaft oder auch nur Freiheit; nicht dem Arbeitenden und Schaffenden selbst dienen diese: immer nur dem Kapital; der Burg der Trägheit; Bürger heißen sie darum, denen unsere Regsamkeit die Sicherheit ihrer Trägheit verbürgt.

            Der Bürger wurde vom Künstler zu allen Zeiten verhöhnt und verulkt; dennoch blieb dieser der geistige Sklave, bestenfalls der Hofnarr des Bourgeois. Und als die Armee der Millionen Arbeitssklaven sich endlich zum Widerstande auflehnte, da blieb der Künstler abseits stehen: seine Abhängigkeit vom Kapital war so endgiltig geworden, daß er allein unter all den Sklaven zitterte, seine Nahrung, sein Lebensunterhalt könne mit dem Untergang der Bourgeoisie und des Kapitals, von deren Brosamen er bisher gelebt, verschwinden.

            Wie aber konnte es dahin kommen, daß der Künstler so allen Zusammenhang mit dem Volke verloren hatte, aus dem allein seine Kunst, sein Schaffen die geistige Nahrung ziehen durften, daß er daran verzweifelte, bei ihm die leibliche Nahrung zu finden?

            Die Kunst hatte immer mehr die Fratze ihrer Brotgeber aufgedrückt erhalten; sie war volksfremd ins Innerste geworden. Der Geist, den Elend und Verfolgung nicht in Banden schlagen konnten, er war der Lockung des Goldes, der Trägheit erlegen. Der Geist, des Blut und Atem Freiheit ist, er hatte sie verkauft; das himmlische Recht der Erstgeburt des Geistes, es war ihm feil, wenn der Kapitalismus ihm den Fraßtrog rüstete.

            Der Kapitalismus hatte den Geist gekauft: oft, um sich damit zu schmücken; dosiert auch, um die Trägheit seiner Verdauung anzuregen; immer aber, um die Regsamkeit in die Fesseln der „gut bürgerlichen Ordnung“ zu schlagen: wehe, wenn sie losgelassen! das war der Bürgerschreck!

            So kam die Weltkatastrophe: der Weltkrieg. Der verratende und gefesselte Geist versagte; die Künstler aller Völker, die berufenen Priester der Menschheit, auch sie segneten wie die Pfaffen die mörderischen Waffen; fast ausnahmslos. Der Stolz dieser Stadt wird es bleiben, daß unter den ganz Wenigen, die dem Geiste treu geblieben waren, der Name eines Wieners, Karl Kraus, steht.

            Aus dem fürchterlichsten Debakel der Menschheit soll die neue Zeit erstehen, der neue Geist sich gebären. Fünfzig Monate bestialischen Mordens sollen vom Frieden abgelöst werden. Was ist Friede? Kann es jener Zustand sein, dem „unser“ Krieg entwuchs, entwachsen mußte? Ist darum Friede auf Erden, weil an die Stelle der 42er Mörser jetzt wieder – im sozialen Kampf, nennts die bourgeoise Phraseologie – die „friedlichen“ Waffen, die Milliarden-Trusts treten? Weil die kriegerische „Hungerblockade“ nun abgelöst wird durch Hungerlöhne?

            Wie die Arbeit das Element des Regsamen ist, so ist der Krieg, der ja immer auf Unterjochung abzielt, der soziale wie militärische, das Element des Arbeitsscheuen. Wir wollen schaffen und arbeiten in Frieden und Freiheit. Deshalb scharen wir uns um die Zeichen des Sozialismus, die Frieden und Freiheit verheißen.

            „Der Geist marschiert!“ tönt uns da höhnend ein Schlagwort entgegen; der Künstler, der Geist könne sich nicht organisieren; das widerstreite seinem innersten Wesen.

            Nun: es scheint mir immerhin einer weitreichenden Abrüstung nahe zu kommen, wenn der „Geist“, der widerspruchslos, wenn nicht antreibend, sich in Reih und Glied der Kriegshorden fügte, oder ärger noch, vom sicheren Pfühl sie zum Marschieren aneiferte: wenn er zunächst einmal, um den Schießprügel in Trümmer zu hauen, eine Vereinigung der Kräfte sucht; wenn er – jetzt ohne Schießprügel – „marschiert“, um sich und seinem Volke den Frieden zu sichern und seiner Arbeit Früchte.

            Wir wollen nichts von Kriegskunst wissen, nichts auch von jener Kunst, die auf den Blutäckern des sozialen Krieges blüht. Wir wollen den Völkerfrieden, aber auch den sozialen, den Menschheitsfrieden; in diesem Tale des Friedens allein kann die wahre Kunst gedeihen; dort erst kann der Geist schaffen und walten; dort wartet des Geistes seine wahre Bestimmung: in friedlichem Wettstreit die Individualität zu pflegen, Führer und Priester seinem Volke zu sein!

In: Die Wage. Eine Wiener Wochenschrift, Nr. 5, 31.1.1919, S. 97-99.

Helene Tuschak: Die neue Frau.

Nicht durch die Fortentwicklung der Kultur, vielmehr durch den grausamen Rückschlag des Krieges ist die Frau dorthin gelangt, wo sie sein wollte: zur Selbstständigkeit. Man weiß es längst, daß ihr künftig alle Berufe offen stehen werden. Sie wird auch Juristin, Ingenieurin und Handwerkerin sein, sie wird wählen und gewählt werden, man wird ihre Stimme in der Volksvertretung hören – das ist alles nur mehr eine Frage der Zeit, deren geschlossener Weibestypus jedenfalls die intellektuelle, die vergeistigte Frau darstellt.

            In ihrer Vollendung liegt aber schon die Ueberwindung. Man blickt dieser kaum fertig gewordenen Frau in die ernsten Züge und empfindet, daß sie eigentlich nicht glücklich ist. Sie mag zufrieden sein mit jenem inneren Lohn, den Arbeit stets verleiht, vielleicht sogar froh, aber irgendwo scheint es zu fehlen. Es ist, als lebte sie über sich selbst hinweg. Sind Bildung und Wissen ihr zur Hemmung geworden? Hat die dadurch verlernt, das Leben zu seiner naiven Ursprache zu erfassen? Bei all ihrem geistigen Reichtum scheint etwas in ihr leer zu bleiben. Ihr Wesen ist eingedunkelt. Und diese abhanden gekommene Helle mangelt auch ihrer Umgebung, bewußt oder unbewußt.

            Man findet so oft, daß die Männer dieser tüchtigen, klugen, geistigen Frauen sich dem nichtssagenden, oft wertlosesten Uebermut einer andern zuneigen, in der sie etwas von dem verlorengegangenen Licht wiederzufinden wähnen. Und wenn man diese Tatsache auch keineswegs überschätzen will, wissend, daß unter allen Umständen das andre reizt und daß ehedem auch der Gatte der ungeistigen Frau oft zu der geistigen seine Zuflucht nahm, so muß man sich doch fragen, ob diese scheinbaren Gegensätze sich nicht binden ließen, ob nicht aus der Frau von einst in ihrer Entwicklung durch die Frau von heute eine Wesensart entstehen könnte, eine „neue“ Frau, die sich trotz ihres Intellektes den Reiz und den Wert des instinktiven Seins bewahrt hat.

            Von solch einem idealen Frauentypus spricht Fanni Künstler in einer bemerkenswerten „Untersuchung der geistigen Wesenheiten unsrer Gegenwart“, die sie „Die Kulturtat der Frau“ nennt (Wilhem Braumüller, Wien und Leipzig). Sie erblickt in der Frau unsrer Epoche nur einen Uebergangstypus. Gewiß galt es in erster Linie, die Stufe der Geistigkeit zu erreichen. Sie war Vorbedingung für den sozial notwendigen Kampf um Freiheit und Gleichberechtigung, den man als Frauenemanzipation bezeichnet hat, ein Wort, das jetzt überholt, beinahe veraltet klingt. In diesem Streit hat es anfangs eine Aera der kurzen Haare und der vermännlichten Kleidung gegeben, die rasch überwunden wurde. Was davon im Wesen noch nachwirken mag, wird ebenfalls bald aufgesogen sein. Und in dem Maße, in dem diese Härten sich mildern, dieser ein wenig auftrumpfende Verstand zur Selbstverständlichkeit geworden sein wird, dürfte auch das durch die Unruhe der inneren und äußeren Werdenot gedrosselte Instinktbewußtsein der Frau, die Intensität ihres Fühlens wieder durchbrechen. Dann wird sie Geist und Herz besitzen, aber „der Impuls wird das Primäre sein, das Sekundäre der Intellekt – als Ordner!“

            Das Zentrum der Frau ist und bleibt das Gefühl. Niemals wird sie durch den Verstand das erreichen, was ihr dank ihrer Instinktsicherheit zufällt. Darin liegt ihre Macht und ihre Stärke. Wie oft geschieht es, daß der Mann seine logischen Gedankenreihen baut, um irgendeine Sache oder einen Menschen geistig zu erfassen. Die Frau hingegen spürt nur, worauf es ankommt, und das Urteil, das sie aus dieser Empfindungserkenntnis schöpft, ist nicht selten sicherer als das des Mannes. Und je feiner ihre Instinkte sind, um so wertvoller ist sie selbst, um so wohltuender wird ihre Nähe sein, für alle Menschen, namentlich aber für die geschärften Sinne der Unglücklichen, die deutlich fühlen, daß ihnen etwas Warmes, Gütiges entgegenkommt, etwas, das ihnen gern helfen möchte.

            Unwillkürlich sagt und tut die Frau das, was gerade das Richtige ist. Ihr Instinkt macht sie in jeder Lebenslage anpassungsfähig. Man hat oft mit Staunen gesehen, wie innerhalb der kürzesten Zeit aus einem Kleinbürgermädchen eine große Dame, oder aus einer ungebildeten Frau die kluge Gefährtin eines geistig hochstehenden Mannes wurde. Auch was man gleichermaßen mir Unrecht wie mit Recht das „Komödiantentum“ der Frau nennt, ist im Grunde nichts andres als ihr ungeheures Vermögen des Einfühlens. Sie kann heute Gretchen, morgen Messalina sein und kommt sich selbst, der eigenen Empfindung nach, beidemal echt vor, so sehr ist sie das, was sie sein will, namentlich dann, wenn ihr Gefühlsleben stark beteiligt ist, wenn sie spürt, daß der Mann, den sie liebt, sie gerade so und nicht anders haben will.

            Aber selbst wenn man von dieser Art des Wesensspieles absieht, das den Begriff vielleicht verwirrt, hat nicht gerade die Gegenwart bewiesen, wie intensiv die Frau imstande ist, sich in allen Lagen zurechtzufinden? Sie ist jeglichem Geschäfte ferngestanden und hat plötzlich gelernt, einen Betrieb zu leiten; sie hat nur im Hause gewirkt und wurde zur organisatorischen Begabung.

            Diese Fähigkeit erwächst ihr, wie Fanni Künstler sehr richtig erläutert, aus dem vollkräftigen Durchdringen der Daseinstatsachen. Sie steht der Materie, dem Leben überhaupt weit näher als der Mann, nicht nur in ihrer körperlichen Bestimmung, sondern, daraus folgend, in ihrem ganzen Wesen.

            „Der Mann ist das fruchterzeugende Prinzip Idealität = Geist.

Die Frau ist das fruchtbringende Prinzip Materie = Wirklichkeit.“

            Darum ist sie zur Helferin berufen. Das ist ihre beste und tiefste Aufgabe. Deshalb soll die Frau nicht selbst nach Rang und Macht, nach Ruhm und Reichtum streben, sondern den Mann, dem diese Güter zukommen, dahin geleiten. „Der Mann soll von der Frau geführt seinen Weg gehen.“ In ihrer Nähe sollen seine besten Empfindungen sich regen, an ihrer Harmonie, ihrer inneren Ausgeglichenheit muß sein ins Schwanken geratenes Gleichgewicht sich wieder aufrichten. Wie in einem Spiegel soll der Mann in der Frau sein Selbst verklärt und geadelt finden. Dann wird es ihr möglich sein, ihn nach sittlich großen Zielen zu lenken und die Welt dadurch um ein Stück vorwärts zu bringen dem nächsthöheren menschlichen Standpunkt zu, den es in jeder Entwicklung zu verfechten gilt.

            Das ist „Die Kulturtat der Frau“, von der Fanni Künstler mit jener Leidenschaftlichkeit des Charakters spricht, in dem sie die Voraussetzung der wertvollen intuitiven Frau erkennt. Um diese Kulturtat zu vollbringen, muß die Frau aber, wie bekannt, erst den Intellektualismus überwinden oder, besser gesagt, ihn so zur Selbstverständlichkeit werden lassen, daß er ihr eigenstes, ihr instinktives Sein nicht unterjocht, sondern läutert. „Denn im tiefsten Grunde erschaut und erfaßt, bedeutet es für das Wohl der Menschheit nicht hauptsächlich, daß die Frau als Persönlichkeit verstanden wird, sondern, daß sie – als gotterfüllte Wesenheit – alle andern erfaßt und versteht und führt.“

            Sie soll Meisterin, Künstlerin, mehr als das, Seherin auf seelischen Gebiete sein – das ist die Sendschaft der neuen Frau.

            Fanni Künstler hat ihr Buch vor dem Kriege geschrieben. Aber die Wirren der Welt stoßen ihre Erkenntnis nicht um, sondern vertiefen sie. Die Neuregelung des Lebens, die wie alle erwarten, bedarf der Instinktsicherheit, der geistig gehobenen seelischen Kraft der Frau ganz besonders, und wenn sie uns auch nicht in der hehren Verkörperung werden kann, von der die geistvolle Philosophin träumt, so müssen wir uns mit dem Streben danach bescheiden in jenem Idealismus des wirklich Möglichen, in dem die Daseinsweisheit der Frau wurzelt. Denn „nur das höchste Ideal ist auch am vollsten real“.

In: Neues Wiener Tagblatt, 10.10.1918, S. 2-3.