ab 1927: Moshe Ya’akov Ben-Gavriêl; geb. am 15.9.1891 in Wien – gest. 17.9.1965 in Jerusalem; Schriftsteller, Kritiker, Redakteur, Aktivist der Haganah

Der in eine assimilierte Wiener jüdische Familie geborene E.H., der Vater war k.k. Medizinalrat, besuchte das Piaristengymnasium u. anschl. die Handelshochschule, wo er auch Arabistik studierte. Wegen seiner sozialistischen Einstellung wurde er von dieser mehrmals relegiert u. schloss das Studium nicht ab. Nach versch. Arbeiten, u.a. im Versicherungsbereich u. ersten Schreibversuchen wie z.B. für die Ztg. ›Der Morgen‹ (5.5.1913,6), ›Die Wage‹ (H.12/1914) oder die Grazer 1. Mai-Festschrift 1914, nahm er ab 1914 am Ersten Weltkrieg teil, wurde 1915 schwer verwundet, kehrte erst 1917 wieder in den Militärdienst zurück u. zwar als Kdt. einer österr. Kompanie in Jerusalem. Diese Funktion musste er jedoch aufgrund englischer Interventionen, die seine panasiatische Propaganda missbilligten, aufgeben und nach Wien zurückkehren. Im Tagebuch notierte er, dass er sich in jener Zeit „in die Idee des unbedingten Asiatismus des Judentums verbissen“ habe (Wallas, 1999,574).

In Wien wandte er sich wieder der literar. u. publizist.-zionist. Arbeit zu, etwa in der Zs. Selbstwehr (Prag) oder im Daimon sowie im Frieden. 1918 erschienen seine Palästina-Erinnerungen Der Weg in das Land. Zugleich arbeitete er am Drama Jerubbaal, das er mit M. Brod, B. Viertel u.J. Urzidil intensiv besprach. Nach einem Vortrag von M. Buber wandte sich H. dem Kulturzionismus zu; gleichzeitig kommentierte er krit.-sarkastisch die Ausrufung der Republik und die revolutionären Umtriebe: „es ist lächerlich, was geschieht […] Alles ist lächerlich, selbst die ‚rote Garde‘, die sich bildete, deren Führer Literaten, das heisst Juden, aus Kaffe[e]häusern sind, die mit unklaren Begriffen […] hantieren“ (TB, 1918,59f.). Aufgrund des aufflackernden Antisemitismus schlug er die Grd. einer Selbstwehr-Gruppe in Wien vor (Jüdische Legion), bei der er 1918 tätig wurde. Mit dem befreundeten S. Bernfeld propagierte H. die Gründung eines ›Kulturrates für Palästina‹; im Dez. wurde er Mitglied des jüd. Forscher-, Künstler- u. Schriftstellervereins ›Haruach‹, und nach den NR-Wahlen vom Feb. 1919 engagierte er sich in der zionist.-sozialistischen Hapoël Hazair (Der junge Arbeiter), leitete dann die Zs. Esra des Jüdischen Hochschulausschusses und veröffentlichte seinen ersten Gedichtbd. Der rote Mond, von dem einige Ged. bereits in der Wiener Morgenzeitung erschienen waren. Aufmerksam verfolgt er die polit. Ereignisse u. kommentiert diese im Tagebuch, d.h. die Putschversuche in Wien, die ungar. Räterepublik, deren kurze Existenz er auf die Formel „Keine grandiose Flamme: ein klägliches Verenden“ (2.8.1919) bringt, aber auch Begegnungen im Zshg. mit seiner Redaktionstätigkeit, u.a. auch mit Beer-Hofmann. Neben seiner panasiat. Orientierung, sichtbar im Essay Paris, Arabien und Jerusalem (Esra, H.1/1919, 2-8) legte H. auch mit Bolschewismus, Judentum und die Zukunft in ders. Zs. (H2/1919,41-47) einen weiteren ungewöhnlichen Beitrag zum Verhältnis von Judentum u. Sozialismus vor. 1920 folgte der Skizzenband Feuer im Osten im E.P. Tal-Verlag, bei dem H. hoffte, eine Anstellung zu finden, bezeichnete er seine Lebensverhältnisse denn auch als „absolut hoffnungslose“. Ebenfalls 1920 hörte er E .Lasker-Schüler im Volksbildungshaus Stöbergasse lesen. Aus existent. Gründen trat er Anfang 1921 eine kaufmännische Stelle an („Ich habe kapituliert“, TB 22.2.1921), heiratete die Schauspielerin Mirjam (Martha Schnabel), übernahm im Sept. dess. Jahres die Wiener Vertretung der ›Presszentrale Zürich‹ und wurde schon im Okt. 1921 Sekretär der Wiener ›Freien Jüdischen Volksbühne‹. In dieser Funktion organisierte er das Gastspiel der jidd. ›Wilnaer Truppe‹ (Okt. 1921-Feb. 1922),das im März 1922 aufgr. ökonom.-finanz. Probleme (Defizite in  Folge der Inflation) abgebrochen werden musste, im Okt. aber wieder auf der Rolandbühne spielen konnte. Tief beeindruckt war H. auch vom Besuch von Rabindraganath Tagore im Juni 1921 in Wien, dessen Bd. Die Nacht der Erfüllung er auch in der Wr. Morgenzeitung besprach; dagegen belasteten ihn die Nachrichten von den blutigen Kämpfen zwischen Arabern und Juden in Jaffa schwer. 1922 verf. er die Novelle Der Mörder, die aber erst 1925 in der angesehenen amerikan.-jüd. Zs. ›Menorah‹ erschien, während die Novelle Der Meister von der Neuen Rundschau angenommen wurde („der größte Erfolg als Schriftsteller; TB, 10.5.1922) u. 1923 erscheinen konnte; auch M. Buber lud ihn zur Mitarbeit an seiner Zs. Der Jude ein und der Löwit-Verlag stellte ihn für einige Monate als Lektor an. Im Dez. 1922 schloss H. Die Pforte des Ostens ab, die 1923 erschien (als Überarb. von Der Weg in das Land) u. schloss über M. Lowenthal Kontakte zur Zs. Menorah, für die er dann sog. Wiener Briefe verfasste. Im Jänner 1923 notiert H. sehr beunruhigt „Hakenkreuzlerumtriebe“ in Wien, im Dez. dess. Jahres jene von München und das sog. Berliner Pogrom vom Scheunenviertel ins TB; am 25.4. besuchte ihn Nahum Goldmann, Ende Mai wurde er an der Galle operiert. Ab Juli arbeitete H. am (unvollendet gebliebenen) Romanprojekt Tanzende Propheten, Auszüge davon erschienen in versch. Zs. Kritisch äußerte sich H. zum Zionistenkongress in Karlsbad (TB 15.8. 1923: „Jämmerlichkeit“), im Bes. zur Linie von Jabotinsky, die für H. die Idee einer arab.-jüd. Koexistenz in Palästina gefährdete. Im Sept. 1923 wird er Redakteur der in Grd. befindl. Zs. ›Das Zelt‹ (mit Gehalt von 1.5 Mio Kr./mtl.). 1924 beginnt H. Hebräisch zu lernen u. muss alsbald wieder mit zahlreichen Widrigkeiten, auch im Zshg. mit der Zs. Zelt u. deren Weiterführung, kämpfen. Er macht aber auch Bekanntschaft mit Berl Locker, dem Grd. der österr. u. inzwischen Führer der internat. Poale Zionisten. Nach einer Prag-Tournee seiner Frau, die H. nutzt, um Brod, R. Fuchs,. R. Weltsch u.a. zu treffen, sowie einer Begegnung mit A. Holitscher verfasste H.  anlässl. der Eröffnung des hebräischen Theaters in Tel Aviv u. der Auff. von Beer-Hoffmanns Jaakobs Traum für die Zs. Die Bühne einen Beitrag über das künftige Jüd. Nationaltheater, das ihm als Symbiose aus europ. Moderne u. oriental. Judentum vorschwebte. Im Aug. 1925 nahm er noch am 14. Zionistenkongress in Wien teil, zeigte sich aber über die Ergebnisse hinsichtl. der Araberfrage enttäuscht; im Dez. verstarb sein Vater, sodass sich H. entschloss, seinen Palästina-Traum zu realisieren. 1926 erschienen in der AZ einige Texte, die H.s. panasiat. Ideen in literar. mehrteiligen Erzählungen zu gestalten unternahmen, z.B. Ein Beduine Ahmed oder Orientbilder wie z.B. Damaskus in der Wr. Morgenzeitung. Am 8. März 1927 traf H. in Jerusalem ein und, so das TB, „hörte auf Eugen Hoeflich zu sein“, um Moshe Ya’kov Ben Gavriël zu werden. Dort vertiefte er seine bereits bestehenden Kontakte zu arab. u. asiatischen Intellektuellen gem. seiner Idee des östlichen Ursprungs des Judentums, engagierte sich aber auch in der jüd. Untergrundbewegung Haganah. Bis 1933 arbeitete H. für deutsche Zs. wie die ›Literarische Welt‹ sowie als Korrespondent für das ›Deutsche Nachrichtenbüro‹. Im 2. Weltkrieg diente er in der engl. Armee, nahm 1948 am Unabhängigkeitskrieg u. 1956 am Sinai-Krieg teil. Den literar. Durchbruch erzielte H/BG in den 1950er Jahren mit Romanen wie Krieg und Frieden des Bürgers Mahashavi (1952) sowie Das Haus in der Karpfengasse (1958), einer Hommage auf das ‚goldene Prag‘ knapp vor dem deutschen Überfall und der Okkupation im Jahr 1939.


Weitere Werke

Der Weg in das Land (1918); Kleines Palästinabuch für empfindsame Reisende (1938); Kumsits. Geschichten aus der Wüste (1956); Der Mann im Stadttor (1960); Die sieben Einfälle der Thamar Dor (1962); Die Flucht nach Tarsisch (1963); Kamele trinken auch aus trüben Brunnen (1965); Tagebücher 1915 bis 1927 (Hg. u. komment. von A.A. Wallas, 1999); Jerusalem wird verkauft oder Gold auf der Strasse (Hg. von S. Schirrmeister, 2016)

Quellen und Dokumente

Zwei Gedichte. In: Wiener Morgenzeitung, 4.6.1919, S. 4, Bolschewismus, Judentum und die Zukunft. In: Esra 1 (1919), H. 2, S. 41ff, Rabindranath Tagore: „Die Nacht der Erfüllung“. In: Wiener Morgenzeitung, 18.9.1921, S. 9, Die Wilnaer. In: Neue Freie Presse, 10.11.1922, S. 7, Die jüdische Nationalbühne in Palästina. In: Die Bühne (1925), H. 53, S. 25, Damaskus. In: Wiener Morgenzeitung, 6.2.1926, S. 4,  Ein Beduine Ahmed. In: Arbeiter-Zeitung, 7.4.1926, S. 11.

25 Jahre Maifeier. In: Arbeiterwille, 3.4.1914, S. 8, Rudolf Holzer: Neue Lyrik. In: Wiener Zeitung, 14.1.1922, S. 9f., Bücher als Weihnachtsgeschenk. In: Prager Tagblatt, 6.12.1930, S. 8.

Literatur

A.A. Wallas: Eugen Hoeflich/ M. Y. Ben Gavriel. In: LuK, 1993, 101-106; ders.: Der Pförtner des Ostens. Eugen Hoeflich – Panasiat und Expressionist. In: M.H. Gelber u.a. (Hg.): Von Franzos zu Canetti. Jüdische Autoren aus Österreich (1996), 305-344; ders.: Ben-Gavriël, M. Y.; in: A. B. Kilcher (Hg.): Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur (2000), 51-53; P. Bollag: Doppeladler an der Klagemauer. In: Neue Zürcher Zeitung, 1.9.2016.

Eintrag in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 314-316 [Online-Version], Eintrag bei encyclopedia.com.

(PHK)