geb. 29.10.1887 in Wien – gest. 28.08.1924 in Wien; Publizist, Verleger, Schriftsteller

Als Sohn eines aus Reichenberg/Liberec stammenden katholischen Kaufmannes am 29.10.1887 in Wien geboren, studierte Müller ab 1907 Klassische Philologie, Altertumskunde und Moderne Philologie, ohne jedoch einen Abschluss zu erlangen. Schon als Student verkehrte er, sich selbst bereits als modernen Intellektuellen großstädtischer Prägung verstehend, regelmäßig in den beliebten Wiener Jazzclubs und Cabarets, die als Treffpunkt für den Kreis um Hermann Bahr und Peter Altenberg fungierten. Eine besondere Faszination empfand er für die Wiener Kaffeehauskultur: Im Café Central begründete er knapp zwanzigjährig das wöchentlich stattfindende sog. “Mokka-Symposion”, an dem u.a. Robert Musil, Albert Paris Gütersloh und Alfred Polgar teilnahmen.

Ende 1909 ging Müller nach New York, wo sein Onkel Friedrich Emmert als Chefredakteur bei New York German Herold arbeitete und ihm eine Anstellung als Lokalreporter verschaffte. Rasch verlor er jedoch das Interesse an der gleichförmigen Reporterroutine, die kaum Raum für Kreativität und intellektuelle Reflexion bot, und schlug sich als Hoteldiener, Matrose und Zeitungsverkäufer durch, ehe er im Herbst 1911 nach Wien zurückkehrte. Geprägt von den Erfahrungen in der amerikanischen Großstadt und tief beeindruckt vom “hybriden Wesen” New Yorks als Melting Pot der Rassen und Kulturen, gliederte sich Müller mühelos in den Literatur- und Kulturbetrieb der Metropole des habsburgischen Vielvölkerreiches ein. Er wirkte als Redakteur für diverse literarische Zeitschriften, so etwa Der Ruf  (für den er auch Mitherausgeber war), Saturn und Daimon und ab 1912 – auf Empfehlung Ludwig Ullmanns – als literarischer Leiter des Akademischen Verbands für Literatur und Musik in Wien. In dieser Funktion organisierte er neben Karl Kraus-Lesungen und einer Peter Altenberg-Matinee Egon Friedells vor allem eine Reihe von Ausstellungen moderner Großstadtkunst: So holte der Verband 1912 die von H. Walden organisierte Berliner Futuristenausstellung nach Wien. Müller entwickelte sich zunehmend zu der “Integrationsfigur des Wiener Aktivismus” (Wallas, S. 109), stets “um die Mobilisierung des Kollektivs für die Belange der avantgardistischen Kunstform” (Köster, S. 28) bemüht. In diesem Sinne fand im März 1912 auf Müllers Initiative in den Wiener Sofiensälen ein Karl May-Abend statt, der bis zu 3000 Besucher – darunter Berta von Suttner – anlockte und in dessen Rahmen nicht nur für den Pazifismus, sondern vor allem für die neue Kunstform geworben werden sollte. Parallel dazu begann Müller, von seinem Freund Arthur Ernst Rutra als “Conquistador des Geistes” (Rutra, S. 311) bezeichnet, mit der theoretischen Auseinandersetzung mit dem Aktivismus, für den er in zahlreichen Essays die theoretische Basis entwarf. Darüber hinaus setzte er sich auf der Suche nach dem “neuen Menschen” in seinen – aufgrund der Verwendung antisemitischer Stereotypen nicht unumstrittenen – Schriften intensiv mit dem “Typus- und Rassebegriff” auseinander.

1914 veröffentlichte er mit Irmelin Rose, die Mythe der großen Stadt sein erstes, stark vom subjektiven Konstruktivismus beeinflusstes Buch. Ebenso erschien in diesem Jahr in der von ihm selbst herausgegebenen, nur in einem Heft erschienenen Zeitschrift Torpedo seine gegen Karl Kraus gerichtetet Streitschrift Karl Kraus oder Dalai Lama der dunkle Priester, Eine Nervenabtötung. Im September meldete er sich freiwillig zum Fronteinsatz; seine Begeisterung für den Krieg hatte er bereits in Essays wie Apologie des Krieges (1913) und Der Futurist (1914) literarisch zum Ausdruck gebracht. Müller erlitt 1915 im Zuge der Kämpfe an der Isonzofront einen Nervenschock und wurde, nunmehr untauglich, zunächst Redakteur bei den Belgrader Nachrichten, dann ins Kriegspressequartier versetzt, wo er im Rang eines Oberstleutnants arbeitete. In dieser Zeit erschien mit Tropen. Der Mythos der Reise, Urkunden eines deutschen Ingenieurs jener Roman, der seinen Ruf als Vertreter des Exotismus (der bei ihm stets ein Anti-Eskapismus ist) manifestierte.

Unter dem Eindruck der eigenen traumatischen Fronterfahrung und den Auswirkungen der Russischen Revolution wurde Müller, den eine enge Freundschaft mit Kurt Hiller verband, zum “aktivistischen Kulturrevolutionär”. Er gründete in den letzten Kriegsmonaten die politische Geheimgesellschaft Katakombe, ein Diskussionsforum für revolutionär und pazifistisch gesinnte Intellektuelle, die sich für eine umfassende Umgestaltung der bürgerlich-liberalen Gesellschaftsordnung im marxistisch-leninistischen Sinne aussprachen, in ihren Auffassungen letztlich aber durchaus divergent waren.  Das Netzwerk, dem zeitweilig auch Robert Musil angehörte, bot gleichzeitig die strukturellen Voraussetzungen für die Distribution von Wiener expressionistischen Zeitschriften wie Der AnbruchDas FlugblattDaimon/Der Neue Daimon u.a. Unstimmigkeiten unter den Mitgliedern führten nach nur einem Monat zur Auflösung der Katakombe; an ihre Stelle trat der ebenfalls von Müller initiierte Bund der geistig Tätigen, der – in Anlehnung an Nietzsches Lehre vom “Über-Menschen” – programmatisch auf der Konzeption der Autonomie des Subjekts fußte und der Ausarbeitung eines aktivistischen Kulturprogramms dienen sollte. Als Publikationsorgan fungierte die von Müller gemeinsam mit Franz Kobler und Franz Ottmann herausgegebene Zeitschrift Der Strahl.

Auf Vermittlung Robert Musils arbeitete er seit 1921 als Redakteur bei der Prager Presse, hatte aber schon im März 1919 gemeinsam mit seinem Bruder Erwin die Literarische Vertriebs- und Propaganda-Gesellschaft m.b.H., später Literaria genannt, gegründet. Sie konnte sich in der Folge als eine der größten Buchhändlerfirmen in Wien etablieren, von wo aus sie mit diversen Niederlassungen (u.a.  in Prag und Budapest) die Auslieferung des Programms renommierter deutscher Verlage wie Ullstein, Kiepenheuer und Rowohlt auf dem Gebiet der ehemaligen Habsburger Monarchie kontrollierte. Zunehmende wirtschaftliche Probleme der inzwischen in eine AG umgewandelten Literaria zwangen Müller 1923, aus dem Unternehmen auszuscheiden; einzig die  Leitung der Satire-Zeitschrift Die Muskete verblieb in seinen Händen. Als der Versuch scheiterte, mit der Gründung des Atlantischen Verlags wirtschaftlich nochmals Fuß zu fassen, setzte Müller im August 1924 seinem Leben ein Ende.


Werke (Auswahl):

Österreich und der Mensch. Eine Mythik des Donau-Alpenmenschen (1915); Europa. Wege. Im Kampf um den Typus (1917); Die Politiker des Geistes (1917); Der Leutnant (1919); Das Inselmädchen (1919); Bolschewik und Gentleman (1920); Brooklyn Bridge (1920); Manhattan-Girl (1921); Camera obscura (1921); Flibustier. Ein Kulturbild (1922); Rassen, Städte, Physiognomien (1922) [Online verfügbar]; Werkausgabe in Einzelbänden, hg. v. G. Helmes, 11 Bde., 1992-97.

Literatur 

Thomas Köster, Bilderschrift Großstadt. Studien zum Werk Robert Müllers (Literatur- und Medienwissenschaft 35), Paderborn 1995; Stefanie Heckner, Die Tropen als Tropus. Zur Dichtungstheorie Robert Müllers, Wien, Köln 1991; Helmut Kreuzer/Günther Helmes (Hg.), Expressionismus – Aktivismus – Exotismus. Studien zum literarischen Werk Robert Müllers, Paderborn 21989; Robert Musil, Robert Müller. In: Gesammelte Werke, Bd. 8, Reinbek 1978, S. 1131-1137. Bettina Pflaum, Politischer Expressionismus: Aktivismus im fiktionalen Werk Robert Müllers, Hamburg 2008; Ernst Arthur Rutra: Robert Müller. Denkrede, München 1925; Thomas Schwarz, Robert Müllers Tropen. Ein Reiseführer in den imperialen Exotismus, Heidelberg 2006; Armin A. Wallas, „Geist“ und „Tat“. Aktivistische Gruppierungen und Zeitschriften in Österreich 1918/19. In: Literatur, Politik und soziale Prozesse. Studien zur deutschen Literatur von der Aufklärung bis zur Weimarer Republik (Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur, 8. Sonderheft), Tübingen 1997, S. 107-146; N.N., „Müller, Robert“. In: Österreichisches Biografisches Lexikon 1815-1950, Bd. 6, Wien 1975, S. 426 [Online verfügbar]; Armin A. Wallas, „Müller, Robert“. In: Neue Deutsche Biografie, Bd. 18, Berlin 1997, S. 473f. [Online verfügbar]; Eintrag bei Austria-Forum [Online verfügbar]; Auszüge aus der Dissertation von Thomas Schwarz [Online verfügbar].

Quellen und Dokumente

Karl May am Vorlesetisch. In: Neues Wiener Journal, 23.3.1912, S. 3f; Robert Müller, Ein junger Kaiser. In: Sport und Salon, 29.7.1917, S. 107-109; Rezension von “Europäische Wege”. In: Allgemeine Wiener Zeitung, 18.12.1917, S. 3; Das junge literarische Wien in der Neuen Wiener Bühne. In: Neues Wiener Journal, 13.11.1917, S. 8; Matinee Junges Wien. In: Reichspost, 14.11.1917, S. 9; Robert Müller, Die Verfrauung der Welt. In:  Neues Wiener Journal, 1.11.1917, S. 6; Robert Müller, Bolschewismus und Expressionismus. In:Neues Wiener Journal, 6.6.1918, S. 4; Tagebuch von Hermann Bahr (über Robert Müller). In: Neues Wiener Journal, 17.10.1920, S. 4f; Robert Müller, Gladiatoren des Urwaldes. In: Neues Wiener Journal, 27.2.1922, S. 5f; Selbstmord eines Verlagsdirektors. In: Salzburger Volksblatt, 28.10.1924, S. 3; Lucian Frank Erdtracht, Der Verleger. Aus meinem letzten Gespräch mit Robert Müller. In: Neues Wiener Journal, 31.8.1924, S. 7.

(MK)