p.d.[Paul Deutsch]: Heldenangst vor Flimmerbildern. (1930)

Der Kampf um den Remarque-Film ist nicht bloß ein literarisch-politischer Zwischenfall. Was sich hier abspielt, wird nicht morgen oder übermorgen vergessen sein, sondern es ist bleibendes Merkmal der Zeit, Gradmesser einer Kulturperiode. Ebenso wie es in ewiger geschichtlicher Erinnerung bleiben wird, daß man zu Galileis Zeilen die Lehre von der Erd­rotation verbieten wollte, ebenso wird die deutsche Kulturgeschichte für immer den Fall festhalten. daß man das Kriegsbild vor den Äugen der Kriegsgeneration ver­stecken will. Wie tief der Eindruck des deutschen Verbotes in der ganzen Welt ge­wirkt hat, dafür zeugt eine Stimme aus den deutschfreundlichen Kreisen Englands, die berichtet, daß seit der Hunnenrede Kaiser Wilhelms das deutsche Ansehen im Aus­lande niemals so schwer erniedrigt wurde, wie durch die Unterdrückung des Remarque-Films.

Nun gibt es bei uns Leute, die der An­sicht sind, auch Österreich solle an dieses, traurigste Kapitel der deutschen Geistesgeschichte angeschlossen werden. Der Film wurde in Deutschland verboten unter der Begründung, er sei kein Kriegsfilm, sondern ein Film der deutschen Niederlage. Gerade diese Argumentation veranschaulicht am besten den intellektuellen Tiefstand, aus dem sie hervorgegangen ist. Jawohl, es ist ein Kolossalgemälde des Besiegtwerdens, das Remarque entworfen hat. Aber er mußte es so zeichnen und nicht anders, nicht bloß wegen der geschichtlichen Wahrheit, sondern vor allem wegen der moralischen Wirkung. Hätte er vielleicht eine Geschichte des Weltkrieges schreiben sollen, in der Deutschland als ruhmreicher Sieger dagestanden wäre? Hätte er damit zur Verhütung künftiger Kriege beigetragen? Nur durch die Ent­larvung des falschen Heroismus, nur durch die Zerstörung der Heldenillusion des Infanteristen vor dem Giftgas, kann das wahre Bild des modernen Krieges in seiner ganzen Scheußlichkeit enthüllt werden. Daß Gase, Tanks und Flammenwerfer den Begriff des ritterlichen Zweikampfes ausgetilgt haben und daß vor diesen Mordmaschinen nichts übrig bleibt als eine jäm­merlich leidende Menschheit, das lehrt Re­marque. Und die Österreicher, gerade die Österreicher in ihrer neuesten Massenpsychose, haben allen Anlaß, mitbelehrt zu werden.

Es ist ja leider wahr: die Welt starrt in Waffen und die Staatenlenker steuern in monomanischer Besessenheit neuen Kata­strophen zu. Aber gerade deshalb erheben sich an allen Punkten der Erde die besten Männer, die Edelsten und Weisesten der Generation und sie tun allüberall genau dasselbe, was Remarque in Deutschland ge­tan hat. Um nur einige wenige Namen zu nennen, Barbusse und Marguerite in Frank­reich, Shaw und Wells in England, Upton Sinclair und Sinclair Lewis in Amerika, sie alle demonstrieren die Schändlichkeit des Krieges an ihrem eigenen nationalen Bei­spiel. Im Feuer von Barbusse, in Jimmy Higgins von Sinclair werden Typen der französischen und amerikanischen Soldaten gezeichnet, die ganz, und gar keine Helden­typen sind. Und erinnert man sich nicht an die auch in Wien aufgeführte englische Kriegstragödie, wo britische Offiziere darge­stellt werden: der eine, der in schlotternder Feigheit zusammenbricht, der andere, der sich nur dadurch vor dem Heldentod rettet, daß er sich zu Tode säuft? So schonungslos gehen die Sieger mit sich selber um! Man begreift die Weltentrüstung darüber, daß gerade die Deutschen das Schauspiel der Entheldung nicht sehen wollen.

Sollen wir Österreicher uns in diese Entrüstung einbeziehen lassen? Wir, die wir ja auch unsere Kriegsliteratur haben, den braven Soldaten Schwejk, dessen typische Eigenschaften nicht nur auf die tschechische Nation beschränkt sind? Die Wahrheit ist, daß gerade unser Volk, so reich es durch Natur und Entwicklung mit allen möglichen Begabungen gesegnet ist, speziell in seinen kriegerischen Qualitäten keineswegs an der Spitze der Nationen steht. Ein kurzer Überblicke über die Kriege, die Österreich im Laufe der Geschichte geführt und verloren hat, mag die Wahrheit dieses Satzes be­stätigen. Wir sind das friedfertigste Volk der Welt, und das ist keine Schande, sondern unser Ruhm. Wir werden gerade darum geachtet und geschätzt, weil wir keine Militaristen sind. In unserer Volksvertretung sitzen nicht hundert Bewaffnete, sondern nur acht, und auch diese haben schon am Tage nach der Wahl den Boden unter den Füßen verloren. Dem Österreicher mangeln die heroischen Instinkte, die durch den Anblick des Kriegselends verletzt werden, und darum wäre es ein falsches Bild, das wir dem Auslande bieten würden, wenn wir die deutsche Heldenangst vor Flimmerbildern teilen wollten.

In: Wiener Allgemeine Zeitung, 17.12.1930, S. 2.

F. Th. Csokor: Ferdinand Bruckners neues Drama. (1933)

Aus Zürich wird uns geschrieben: Wie nahe, wie auf­wühlend nahe uns der Hintergrund von Ferdinand Bruckners neuem Drama Rassen steht, das bewies der ungestüme Beifall, der sich im Schauspielhaus nach dem Stück vehement entlud. Und das, obgleich in den drei Akten manches mehr meditierende Auseinandersetzung als mitreißende Handlung ist, obgleich Bruckner selbst — mit seinen Worten — den Begriff „Rasse“ als zugleich „unannehmbar und unabsetzbar“ dis­kutieren will.

Dazu wählt er die jüngste Vergangenheit in einer kleinen westdeutschen Universitätsstadt, den März 1933. Noch lodert die weiße Flamme Friedrich Hölderlins aus den jungen Studenten, unter denen bereits Meinungen gären, die sie später von einander absondern und bis in die engsten Beziehungen zwischen Mensch und Mensch den kalten Scheidungsschnitt führen. Diese Konfrontation eines welt­umspannenden Kosmopolitentums mit den akuten Symptomen einer neuen Idee macht Bruckners Stück die Objektivität, die es anstrebt, so schwer, denn unwillkürlich setzt es die Fieber­kurve eines Volkes, das eben seine Form wechselt (dahingestellt ob zum Besseren oder Schlechteren), damit zum Dauerzustand ein. Auch fehlt auf der Gegenfront jener jüdische Typus — es gibt ihn —, der mit dem stumpfsten seiner Gegner im gleichen Querschnitt liegt, und gerade ein solcher wäre in seiner Wandlung unter der Stichflamme des allgemeinen Um­schwunges, die ihn zu einer neuen Haltung oder zum Bekenntnis nötigte, sehr wichtig gewesen.

Also wird das Thema bei Bruckner vom Titel weg mehr zu dem ewig unausrottbaren Klassenkampf der Nervensysteme hin verschoben, der den Roheren biologisch wider den Zar­teren stachelt, jenseits von Gesinnung und Rasse. Die dramatische Gleichgewichtsstörung, die sich daraus ergibt, geht in der erregenden Zwangsläufigkeit verloren, in der Schicksale junger Leute gegeneinander geworfen werden. Ins Er­schütternde wächst darin die Gestalt des Juden Siegelmann, der der öffentlichen Ächtung verfällt, und seines Gegen­spielers, des jungen Carlanner dem „das neue Wesen“ das Herz spaltet. Die Vision Christi überschattet sie schließlich beide barmherzig.

Die Uraufführung war ein ganz großer Abend des tapferen Züricher Schauspielhauses und seines Leiters Ferdinand Rieser samt seiner ausgezeichneten Schauspielerschaft. Gustav Hartung besorgt die Regie; dank ihrer liebreichen Eindringlichkeit wird das Mündungsfeuer der dramatischen Antithesen dieser Schlacht im Dunkeln besonders deutlich. Die Studentin, von der sich Carlanner zu Beginn der Handlung aus Rassegründen trennt, um ihr dann als Todgeweihter wieder zu begegnen, verkörpert Sibylle Binder voll der trancehaften Verlorenheit eines Menschen, dem keine Fahnen den schmerzhaft klaren Blick benehmen können. Nachtwandlerisch ist auch Ernst Ginsberg neben ihr; wie er während der Verhaftung mit seinem Gott redet — das wird nicht nur dichterisch zum Siedepunkt des Stückes.

Emil Stöhr und Josef Zechell sind die jungen Studenten, die zu gegensätzlichen Ergebnissen geführt, dennoch Brüder im Herzen bleiben, ewige Gegner jenes Rosloh, dem Wolf v. Beneckendorff alle triebhafte Schärfe eines Fanatikers ein­schmiedet der seine Idee mehr fühlt als begreift. Einen Fa­brikanten, der sich mit Herz und Firma zu Deutschland rechnet, zeichnet Erwin Kaiser tragikomisch in dem vergeblichen Wunsch nach Anonymität seiner Rasse.

Daß hier kein auf Aktualität zielender Spekulant, sondern ein sich schwerblütig auseinandersetzender Mensch durch das Stück spürbar wurde, das half vor allem, den Erfolg zu einem einhelligen zu machen.

In: Neues Wiener Tagblatt, 6.12.1933, S. 9.

Arnolt Bronnen: Triumph des Motors. Kurzgeschichte einer Form (1929)

Wir haben uns an das Auto akklimatisiert, der Inhalt: ,Auto‘ ist eine Selbstverständlichkeit für uns gewor­den. Wie aber empfinden wir die Form? Wir sahen Versuche, die verschwanden, Möglichkeiten, die erst angedeutet wurden; sind wir überzeugt, daß das Auto so aussieht, wie es aussehen muß? Oder muß es so aussehen, wie es aussieht? Im Anfang war die Sänfte. Der Mann, der gehen wollte, ohne zu gehen — und der also in jenen finsteren Zeiten zum minde­sten ein König sein mußte —, nahm sich zwei oder auch vier Männer, gab ihnen Balken in die Hände und setzte sich darauf. Dann gingen die Männer, und er ging mit. Da er aber ein König war, so ergaben sich einige Formfehler; denn selbst, wenn er auf Balken saß, war er kleiner als ein gehender Mann. Man baute also ihm und seiner Würde ein Dach und rettete so das Bild des erhabenen Königs: ein großes Gehäuse in der Mitte, flankiert von den kleineren Trabanten, die es be­wegten.

Wenn dann späterhin auch das Pferd die Männer ersetzte, so blieb das Prinzip: wichtig zunächst war das ruhende Ele­ment, mochte es nun König oder Edelmann sein; es blieb formal betont; der bewegende Teil, Mann oder Roß, war nur zu Zwecken des bewegten da; man schmückte ihn — wenn es hoch ging —, ohne ihn zu erhöhen.

In den Jahrtausenden menschlicher Bewegungstechnik, welche dem Auto vorausgingen, hat sich an diesen Grund­sätzen nur wenig geändert. Es waren Gründe rein prak­tischer Natur, wenn zum Beispiel die Fahrer der Post­kutschen höher gesetzt wurden als die Insassen; obwohl hier bereits die Demokratisierung dieses Fahrzeugs mitsprechen mußte. Oder, wenn bei den königlichen Kaleschen die hintenauf stehenden Lakaien über das Wagengehäuse hinwegsahen, so lag das wohl an der langsam wachsenden Notwendigkeit, // das Leben der Insassen vor etwaigen aufsässigen Anschlä­gen besser schützen zu können. Im großen und ganzen kamen die Menschen an das Auto heran mit dem Gedanken, das Wichtigste am Gefährt sei der Mensch, Schönheit und Zweck des Gefährts sei der Mensch, Form des Gefährts sei der Mensch.

Allerdings war, und das be­schleunigte die Entwicklung des Kraftgefährts so erheb­lich, im Eisenbahnbau be­reits eine erhebliche Bresche in dieses anthropozentrische System geschlagen worden. Schon in den siebziger Jahren hatte die Lokomotive be­gonnen, den in ihr und auf ihr thronenden Menschen langsam in sich aufzusaugen, der bescheiden vor dem er­höhten Führerstand dahin­schleichende Dampfkessel hatte angefangen, sich aufzu­blähen, die Maschine hatte begonnen, sich selbst zu be­tonen. Doch lag den ersten Autobauherren durchaus der frevle Ge­danke fern, bei der Konstruktion eines „exklusiven“ Gefährts, wie sie sich das Automobil dachten, an eine so plebejische Sache sich anzulehnen, wie es die Eisenbahn war. Sondern sie kamen von der feudalen Kutsche und blieben ihr treu. Daß dieses erste Autogefährt, so um 1890 herum in Deutschland gezeugt, keine Pferde vor sich hatte, war gewissermaßen ein Manko; daß es von selbst lief, mehr eine Kuriosität; und daß es diese Kuriosität infolge der Anwesenheit einer Maschine besaß, war ein Geburtsfehler, den der Konstrukteur gewissermaßen diskret ver­schwieg. Die Maschine war zwar da; aber man schämte sich ihrer.

Das Elektromobil verdankt überhaupt seine ganze und verpfuschte Existenz die­ser Scham vor der Maschine. Ich er­innere mich noch aus meiner Jugendzeit jener schwarzen und läppischen Gefährte, die als ungeheuer vornehm galten, weil man ihre Maschinerie nicht sah. Sie lie­fen gespenstisch, langsam und lautlos durch die Straßen, versuchten noch einmal ein Prinzip zu retten, das die Ma­schine, indem sie sich ihrer bediente, ver­achtete; sie endeten, mit Recht, als unbe­liebte Bahnhofsdroschken.

Mit der Maschine aber ging es wie mit den kleinen Kindern; man hatte sie auf die Welt gesetzt, nun waren sie da, und es kam der Moment, wo sie, unerwartet, oft  unerwünscht, ein eigenes Leben entfalteten. Die Maschine wuchs. Man sieht, wie das Baby, klein und gebrechlich, vor den mächtigen Kasten gespannt wird, der den gewaltigen Herrscher der Wagen und Maschinen, den Menschen, trug. Schon die Form dieses Wagens ist absichtlich degradierend für den Motor; er ist wie der Nacken eines Sklaven, über den der König auf seinen Thron steigt.

Unter — formalen — Entbehrungen wuchs das Kind Auto­motor heran. Allmählich lief es zur Höhe der offenen Karos­serie auf, die ihrerseits von ihrem Hochmut abließ; sicherlich nicht infolge einer innerlichen Besserung, sondern weil sie den mit der Geschwindigkeit quadratisch wachsenden Staub fürchtete. Sie finden in den Jahren vor dem Kriege eine Art stabilisierter Form mit allen Kennzeichen einer Pubertät: eckiger Knochenbau, schlechtsitzendes, schlotterndes Karos­seriegewand, gebückte Haltung, ein wenig Minderwertigkeits­komplex; dabei liefen diese unebenen Dinger 1903 schon über die Hundertstundenkilometergrenze, 1914 erreichten sie 170 Kilometer.

Erst nach 1920 beginnt der große Umschwung: die Maschine erwacht; die Maschine tritt ihre Herrschaft an. Baute man bis­her den Motor vor die Karosserie, so baute man nunmehr die Karosserie hinter den Motor. Der Motor wird formgebendes Prinzip, er wird Ausdruck der Bewegung. An dem Bild des Roadsters wird das sichtbar, wie selbst ein in der Silhouette überragender Teil wie der Kabrioletteil formal beherrscht wird von dem sich spannenden, gebändigt herrschenden Motorteil. Immerhin befinden wir uns hier noch auf einem Gebiete des Gleichgewichts. Wir erwarten von diesem Roadster keine Rekorde an Schnelligkeit, und er liefert sie auch nicht. Dies ist ein guter, ruhiger, sicherer Wagen, für alle brauchbar, ein // besserer Demokrat, ein Ruhepunkt zwischen zwei Kriegen: Symptom der Epoche.

„Der Rennwagen von heute ist der Tourenwagen von morgen“, sagte Major Se[a]grave. Und dies, sehen Sie, ist auch das Bild von morgen: die rücksichtslose Herrschaft der Ma­schine, die Diktatur. In diesem „Golden Arrow“ ist der Mensch nur Nerv; und auch nur ein Nerv von vielen. Sein Auge, sagt Major Se[a]grave, ist ein Zielfernrohr, sein Hirn ist bereits unfähig, Richtung, gar Ende der Fahrt zu bestimmen; er steigt ein in den Wagen und schießt sich selbst los: in die Gefahr, ins Nichts, ins Unbekannte jedenfalls. Wir sehen es an diesem phantastischen Gebilde klar: der Mensch hat alle Dinge nur begonnen; vollenden wollen sich die Dinge selbst.

Und ihre Vollendung wird den Menschen vernichten.

In: Sport und Bild, Jg. 25, Nr. 7/1929, S. 458-459 u. S. 510.

Gertrud Bodenwieser: Vom wahrhaft neuen Tanz. (1921/22)

Am Wiederanfang unserer neuerwachten Kunst brannte heftig der Kampf zwischen dem alten Ballettsystem und der neuen Richtung Isadora Duncans, die ihre Kunst und Formprinzipien aus der Antike holte (Delsartismus). Er schien mit einem Sieg der neuen Richtung zu enden, und nun kam eine Reihe von Jahren, da sich uns, wenn wir einen Tanzabend besuchten, fast immer dasselbe Schauspiel bot, eine Epoche der Erstarrung eben in diesem System. Man tanzte seine Bewegungen nach den bekannten Gesetzen und Abbildungen der Antike, in jener edlen Ruhe oder leicht abgemessenen Heiterkeit, wie uns eben das Griechentum überliefert worden war. Oder man ver­suchte die wienerische Note, wie sie von den Schwestern Wiesenthal, dieser schönen Verkörperung echtesten Wienertums, ins Leben gerufen wurde, in den Tanz zu bringen. Meistens hielten die Programme der Tänzerinnen die Mitte: Vorerst Chopin und Grieg – im griechischen Chiton ausgeführt, und zum Schluß ein Wiener Walzer im lichten Kleid, mit Blumen im Haar, mit kindlichem Lächeln auf den Lippen und dem Bestreben, walzerselig wienerisch zu wirken – ganz gleichgültig, ob man auch wirklich so empfand. Es schien, als gäbe es überhaupt nur diese Gruppe von Empfindungen – und selbst vor drei oder vier Jahren, zur Zeit meines

künstlerischen Anfangs, stand es immer noch so – die sich im Tanze ausdrücken ließen. Und wo hielten schon die Dichtkunst, die Malerei, die Musik? Überall, welcher Kunstgattung immer wir uns näherten, schlug uns kochend der heiße Atem unserer aufgewühlten Zeit entgegen. Überall deutlich fühlbar die Menschen und Rassen. Nur die Tanzkunst allein schien von all diesen Regungen unberührt geblieben, obwohl gerade in ihr die Möglichkeiten zur Verkörperung jedweder Empfindung ruhten.

Aus dieser innersten Überzeugung heraus unternahm ich denn das Wagnis, ohne Griechentum, ohne Walzer und Polkaschritt, ohne Reifrock und Menuett meinen ersten Tanzabend zu bringen. Ich tanzte nach der Musik von Korngold und Debussy, von Scriabine und Scott und versuchte, ihre erregten Rhythmen, ihre tief aufwühlenden Dissonanzen oder ihre groteske Komik in meinen Bewegungen wiederzugeben. Wenn es die Musik war, von der ich meine entscheidenden Anregungen erhielt, so war es die Malerei nicht minder, und Maler waren es auch, die meine ersten Schritte in die Öffentlichkeit leiteten. Vor allem Franz von Bayros, der große, fein fühlende Künstler, der mir nicht allein nur dadurch half, daß er mir in der verstehendsten Weise ergänzende Gewänder zu meinen Tänzen schuf, sondern mir auch immer Mut zusprach, meine Ideen ohne Zugeständnisse und Kompromisse zu verwirklichen. Als ich meine Kostüme fertig hatte, führte ich meine Tänze einem Kreis junger Maler, die sich unter dem Namen Neue Vereinigung zu einer Gruppe zusammengeschlossen hatten, vor. Sie fühlten, wie sie selbst sagten, Verwandtes in meiner Art zu tanzen heraus und luden mich ein, meinen ersten Wiener Tanzabend im Frühling 1919 in ihrer neueröffneten Ausstellung abzuhalten. Das war mein selbständiges Debüt in Wien und der eigentliche Beginn meiner Laufbahn. Und so wurde ich, als was ich mit einem vielumstrittenen, vielmißbrauchten Wort bezeichnet zu werden pflege: eine expressionistische Tänzerin.

Der Zusammenschluß einiger Menschen, die der gleichen Richtung angehören, zu einem Ensemble, das den Kunstkörper zu einem expressionistischen Ballett bilden könnte, wäre das nächste Ziel meiner künstlerischen Pläne. Die Gruppentänze, die ich im Verein mit dem Tänzer Ernst Walt und einigen meiner Schülerinnen in diesem Winter zur Aufführung bringen will, sollen bereits die Ansätze dieser meiner Lieblingsidee bilden.

In: Moderne Welt H. 9/1921-22, S. 11.

Nathan Birnbaum: Die gegenwärtige Lage der Juden. (1919)

Im Verlage von L. Sänger, Frankfurt am Main, ist soeben eine Broschüre „Vor dem Wandersturm“, von Dr. Nathan Birnbaum erschienen, die sich mit der zurzeit überaus brennenden jüdischen Emigrationsfrage befaßt. Dr. Birnbaum entwirft in seiner Schrift ein überaus düsteres Bild von der gegenwärtigen Lage der Juden in allen Ländern und verweist darauf, daß ein Wandersturm nicht hintanzuhalten sein wird. Deswegen sollte die jüdische Öffentlichkeit sich mit diesem Problem je eher je ernsthafter befassen. Dr. B. regt die Abhaltung einer jüdischen Emigrationskonferenz an. Im Nachstehenden reproduzieren wir ein Kapitel dieser aktuellen Schrift.

                Unsere heutige Lage! Es scheint, daß nicht viele unter uns sich klar gemacht haben oder besser, sich nicht klar machen wollen, wie sie sich nach diesem unseligen Krieg gestaltet hat. Wäre man nicht Zeitgenosse, man würde lächelnd den Kopf schütteln, wenn einem erzählt würde, daß es ein Volk gäbe, das sich – knapp nachdem die Bedingungen seines Daseins ums tausendfache sich verschlimmert haben, gerade während es durch eine Hölle schreitet, wie es eine solche in seinem höllenreichen Leben noch niemals durchschritten hat, unmittelbar vor einer Katastrophe, die schon schwarz und riesengroß genug über seinem Haupte hängt – in rosenroten Hoffnungen wiegt und nicht übel Lust zeigt, jedem den Prozeß zu machen, der sich nicht mitwiegen will.

            Sicherlich ist schon der Umstand von einigem Belang, daß uns der Krieg ungeheuer viel Menschen und Güter gekostet hat, die mehr als eine augenblickliche und bei unserem Mangel an Grundbesitz eine weit empfindlichere Schwächung unseres Volksorganismus und Volksvermögens bedeuten als die anderen in den Krieg verstrickt gewesenen Völker erlitten haben. Indessen brauchte uns, wenn es nur das wäre, um unsere Erholung noch nicht bange zu sein. Das was unsere Lage wirklich erst trostlos macht, ist der Eintritt solcher sozialer und politischer Ereignisse und Konstellationen, die uns dort, wo wir noch einigermaßen festen Boden unter den Füßen hatten, ihn uns rauben, dort, wo ohnehin unsere Lage durch Pogrome und durch wirtschaftliche Drossellungen, eine schreckensvolle war, den Schrecken ins Unermeßliche steigern, auf der ganzen Linie uns einem Ungefähr preisgeben, das mit unserem leiblichen, rechtlichen und wirtschaftlichen Zusammenbruch gleichbedeutend ist. Da sind zunächst die kommunistischen Experimente, welche die zum allergrößten Teil kaufmännischen beziehungsweise händlerischen Grundlagen unserer Wirtschaft zerstören und uns außerdem sowohl dem judenfeindlichen Instinkte der bolschewistischen Banden – „Sowjet-Antisemitismus“, wie ihn das offizielle Organ der Moskauer Bolschewiken nannte – als, wegen der paar jüdischen Bolschewistenführer, die Bolschewistenfeinde, deren es mählich immer mehr geben wird, auf den Hals hetzen. Da ist ferner und vorzugsweise die politische Neueinteilung des östlichen und mittleren Europa, die schon an sich eine Katastrophe von solcher Furchtbarkeit für das jüdische Volk ist, daß nur eine so unsäglich doktrinäre, im Politischen so dilettantische Bevölkerungsschichte wie die national gesinnte jüdische Intelligenz den großen Umschwung, der unter anderem auch die Katastrophe brachte, mit freundlichen Augen ansehen und von ihm das große Glück erwarten kann.

            Es ist ja heute üblich geworden – ob mit Recht oder Unrecht, mag hier dahingestellt bleiben – der verflossenen österreichisch-ungarischen Monarchie nicht mit besonderer Freundlichkeit zu gedenken. Das eine steht aber jedenfalls fest, daß die Staaten, die auf ihrem Boden entstanden sind, in der Nationalitätenfrage eine Haltung zeigen, die zum mindesten nicht besser ist als die des in Stücke gesprengten Habsburgerreiches. Und insbesondere steht fest, daß gerade die Juden einen mehr als schlechten Tausch gemacht haben. In der ungarischen Reichshälfte war ihre Behandlung – allerdings aus leider nicht einwandfreien Gründen – geradezu eine glänzende. Und Österreich wieder war – schon aus dem altösterreichischen Charakterzug der Gemütlichkeit heraus – in der europäischen Erbsünde des Antisemitismus verhältnismäßig maßvoll, vor allem aber stets als höhere Staatsinstanz die letzte Rettung jener Juden, die in gewissen Kronländern mit weniger gemütlichen und umso temperamentvolleren Bevölkerungen zu tun hatten. Plötzlich sind nun diese fast zwei Millionen Juden, die in ziemlicher Ruhe und obendrein zu einem großen Teil in günstigen wirtschaftlichen Verhältnissen lebten, die von einer ruhigen Entwicklung des Gesamtstaates alles zu erwarten hatten, mit diesem auseinandergerissen und an balkanoide, wirtschaftliche gar nicht hoffnungsvolle Kleinstaaten verteilt worden. Und es ist kein Budapest und kein Wien mehr da, wohin sie sich wenden können, wenn die besagten temperamentvollen Bevölkerungen ihnen zu schaffen geben.

            Dem alten Rußland kann man gewiß nichts Ähnliches nachsagen, wie Österreich-Ungarn. Die Juden hatten es hier entschieden schlecht, sehr schlecht. Aber gerade für diejenigen Gebiete des Riesenreiches, in dem sich die jüdischen Massensiedlungen befanden, stand von vornherein fest, daß bei ihrer Abtrennung von Rußland die Lage der Juden zumindest keine Verbesserung, ja in wirtschaftlicher Beziehung wegen der Zersplitterung des grandiosen Wirtschaftsgebietes, eine Verschlimmerung erfahren würde. Nun, da diese Abtrennung und Zersplitterung eingetreten ist, hat sich herausgestellt, daß die Befürchtungen in Bezug auf das Wirtschaftliche nur allzu begründet, in Bezug auf die Frage der Sicherheit jüdischen Lebens, jüdischer Freiheit und jüdischer Ehre von der Wirklichkeit weit übertroffen sind, daß in Hinsicht darauf das zaristische Rußland im bolschewistischen oder demokratischen einen gelehrigen Schüler, in den Trennungsstaaten seinen Meister gefunden hat. Das bedeutet, daß weitere sechs bis sieben Millionen Juden die Rechnung des Umschwungs bezahlen müssen.

            Will man sich mit dem Schutz der Minderheiten trösten, beziehungsweise mit dem Völkerbund, der ihn verbürgen soll? Als ob nicht für jeden, der sich nicht selber täuschen will, klar wäre, daß gerade das Prinzip des persönlichen Anspruchs auf die eigene Kulturart oder Nationalität, das vor dem Kriege mühsam, aber sicher sich durchzusetzen begann, jetzt nach dem Kriege als vollständig unterlegen sich erweist; daß nicht der reine nationale Kulturgedanke, sondern gerade im Gegenteil, der Zwangs- und Machtnationalismus des Territoriums gesiegt hat; daß die Menschheit, wer weiß wie lange brauchen wird, um in Bezug auf Rechte der Minderheiten auch nur so weit zu kommen, wie sie vor dem Kriege war. Was werden papierene Bestimmungen, was wird auch eine internationale Polizei – wenn es zu diesem Gebilde kommen sollte – gegen Völker vermögen, die selbst auch nicht die leiseste Spur, auch nicht einen glimmenden Funken des Geistes besitzen, den sie bei ihnen ersetzen sollen? Wie soll diese Polizei in absehbarer Zeit das jüdische Volk gegen den Haß, gegen die Mord- und Raublust, gegen die erprobte Boykottwut seiner Peiniger schützen? Welche Mittel stehen ihr zur Verfügung, um plumper und raffinierter Brutalität an tausenden Orten, bei tausenden Gelegenheiten, von Millionen Menschen an Millionen Menschen geübt, zu wehren?

            Oder will man sich damit beruhigen, daß doch nicht alles so bleiben werde, daß sich noch vieles wenden mag, daß ja die Welt endlich aus dem Trubel herauskommen müsse? Ja, wenn nicht die Labilität das Merkmal aller Verhältnisse für Jahrzehnte und vielleicht auch für Jahrhunderte geworden wäre und so das Geänderte von morgen nicht übermorgen wieder so ähnlich aussehen könnte, wie es heute aussieht.

            Oder soll man sich damit bescheiden, auf die allmähliche Abwanderung als ausgleichendes und heilendes Geschehen, wie überhaupt auf die biotische und wirtschaftliche Elastizität der Juden zu hoffen, die schließlich alle Katastrophen zu überwinden wisse? Was nützt aber die Abwanderung, was nützt die Elastizität, wenn sie nicht verhindern können, daß eine Reihe jüdischer Generationen, mit nicht zu überbietendem Elend beladen, in die Grube fahren müssen, bevor vielleicht endlich eine längere Pause in den Peinigungen eintritt? Muß die Qual so vieler Geschlechter sein?

            Dabei sieht es gar nicht danach aus, als ob sich die Elastizität der Juden auf dieses Abwarten und Abwandern noch einlassen könnte und wollte. Vielmehr stimmen alle Berichte darin überein, daß Millionen Ostjuden fiebernder, irrer Sehnsucht den Augenblick erwarten, da der Friede geschlossen und die starre Abschließung der Länder gegen einander wieder aufgehoben sein wird, um aus dem Grauen zu flüchten, irgendwohin, wo wieder Licht und Leben ist. Gerade daraus aber droht eine Katastrophe zu erwachsen, gegen die alle vorausgegangenen ein Kinderspiel sein werden. Denn jener Augenblick ist nahe, sehr nahe, und es ist nichts geschehen, um ihm gerecht zu werden. Die Millionen werden sich erheben, eine ungeheure Masse in naturhafter Bewegung, – aber nur ein kleiner Teil wird Grenzen und Gestade finden, die sich ihm öffnen werden. Wenn nicht jetzt, in letzter Minute, Vorsorge, Plan und Führung erstehen, so sind Millionen unseres Volkes dem Verderben in der Hölle ihrer Heimaten oder auf ziellosen Wanderwegen geweiht, und das ganze Volk in das Riesenunheil mit hineingezogen.

In: Jüdische Korrespondenz, 7.10.1919, S. 4-5.

R. A. B[ermann]: Die Aktivisten.

            R. A. B[ermann]: Die Aktivisten. (1919)

            Wer den Ideenkreis der aktivistischen Jugend in Deutschland kennen lernen will – und seine Prüfung, wie immer sie ausfalle, scheint unerläßlich –, der kann aus dem Jahrbuch der Aktivisten („Tätiger Geist!“, zweites der Ziel-Jahrbücher, hg. von Kurt Hiller, Doppelband 1917/18; Der Neue-Geist-Verlag, Leipzig) ein vollkommen klares Bild gewinnen. Es steht in dem Band jenes schon bekannte lodernde Manifest des Dichters Heinrich Mann: „– – Einige von uns bewahrten sich so rein, wie wir schnell Vergehenden uns rein bewahren können von dem Augenblick, mit dem wir vergehen. An sie nun hält sich das junge Geschlecht.

            Denn es ist anderen Wesens. Es glaubt nicht, daß irgendein Talent genüge zur Beschönigung des Widergeistes. Es glaubt an das absolute literarische Kunstwerk, nicht aber, dies könne entstehen und nichts dahinter sein, als Selbstsaufgabe und Bankerott. Es will nicht spielen, sondern verwirklichen – Werke des Geistes, seien sie Bücher, seien sie Taten.“

[…]

            Ihr Weg ist: Zusammenschluß aller Geistiggerichteten. Der Geist, der zur Macht gelangen soll, das sind jene Geistiggerichteten. Nein, sondern ihre Führer, die „Geistigen“, denen die größere Menge der Geistiggerichteten treue Gefolgschaft zu leisten hätte.

            Wer sind die Geistigen, die in den Stand der Macht gesetzt werden sollen, indem sie einen Bund schließen?

            Kurt Hiller sagt:

            „Die Befugten treten eines Tages zusammen und sagen: ‚Wir sind es.‘

            Wir sind es. Keine falsche Bescheidenheit, Meister und ihr Kameraden!“

            Er will den Bund der Aktivisten (sein Lehrer Kerr hat sie die Davidsbündler genannt) als „eine Armee Geistiggerichteter, geführt von einem Offizierskorps Geistiger, noch anders ausgedrückt: als eine Aristokrateia von Geistigen, hinter der ein treuer Demos von Geistiggerichteten steht“, und möchte nach dem Bild dieses Bildes die Gesellschaft, möchte Deutschland umwandeln.

            An der Spitze des Bandes steht ein kraftvoller Aufsatz des Niederländers Frederik van Eeden, der den Geistigen schildert, den „königlichen“ Menschen: „Die Menge hat ihre Herdenbegriffe, ihre Traditionen und Konventionen, ihren Anstand, ihre Sitte. Der Königliche hat sein Verantwortlichkeitsempfinden. – – Er weiß, daß nur in seiner Göttlichkeit seine Macht liegt.

            Den Bund oder vielmehr den Orden der Geistigen heischt Hans Blüher: „Wir aber sind Anhänger einer geistigen Katastrophentheorie. Wir meinen, daß kein Stein auf dem andern bleiben wird. – Wir glauben an einen geistigen Zusammenbruch und an Deutschland als dessen Kriegsschauplatz. – – In solchen Zeiten des hochgespannten geistigen Gradienten pflegen Johannesse zu erstehen, die den künftigen Propheten verkünden. Der große Mann wird erwartet. Einige meinen, er sei schon da, und zwar in Gestalt jenes großen Dichters. […]

            Es scheint den Geistigen, wenn sie allen sind, nicht vergönnt zu sein, die Herrschaft an sich zu reißen. – – Aber nie kann man auch auf den Gedanken kommen, daß die Ideologie eines einzelnen abgerissenen Mannes zur Macht gelangt und den Staat umschafft, da ein solches Unternehmen bisher immer nur Männern gelungen ist, die den Fond einer Rasse hinter sich hatten. Herrenrassen unterwarfen die Völker und zwangen ihnen ihr Gesetz auf, das immer Laune war, und nur eine geistige Herrenrasse kann gleiches tun, freilich mit gebundenem und verantwortlichem Gesetz. – – Seit Vortagen des Menschengeschlechts wächst eine solche geistige Herrenrasse heran, und zwar ist es so, daß jede der physiologisch sichtbaren Rassen und ihrer Mischungen bestimmte, körperlich etwas geschwächte Individuen abwirft, die vorläufig, vom gewöhnlichen Rassestandpunkt aus, als Décadence gewertet werden, die aber sub specie Dei, Berufene sind. – Und noch ein wichtiges Merkmal ist von dieser Rasse zu berichten: die Frauen, die diesen Männern innerlich gewachsen sind und ihnen genügen (es ist übrigens niemals je eine Frau), sind völlig ungeschwächt und stehen in üppigstem Wachstum. Das ist ein Trost für die Nachkommenschaft“

            Wie diese halb mystische Rasse der „Geistigen“ es anfangen soll, in den Stand der Macht zu gelangen, das lehrt in einem Aufsatz der aktivste Führer der Aktivisten, Kurt Hiller: „Lüften wir nun kurz entschlossen den Schleier // unseres Geheimnisses! Geben wir ohne viel Federlesens das Verfahren preis, nach dem, wie wir nicht zweifeln, die wahrhafte Repräsentation des Volkes, das Haus der Aristoi, die Kammer der Geistigen gezeugt werden – nein, nach dem sie sich zeugen muß –

            Der Ruf nach Zusammenschluß, der Ruf einiger junger opponierender Leute verhallt nicht ungehört. Ein Bund oppositioneller, freilich auch der geeichten Opposition entsteht. Es gibt Satzungen, kraft deren in ihm nach menschlicher Voraussicht das beste Blut die stärkste Macht erhält und behält; er entwirft ein Aktionsprogramm von der Abschaffung der Wehrpflicht und den sonstigen Mitteln zur Entanarchisierung der Welt … über den Sturz und gerechten Aufbau der Wirtschaftsordnung, die vernuftmäßige Verfassung, das freiheitliche Strafrecht…

             In der Gründungsversammlung äußert jemand: „Sagen Sie nicht: solche Bünde gibt es und wir täten unpolitisch daran, deren Zahl zu vermehren. Nein, solche Bünde gibt es nicht. Die Sozialdemokratie? Selbst ihre geistigste Gruppe will den Klassenkampf; wir kämpfen für keine Klasse und sind keine. Sie erwartet alles Heil von der Übernahme der Produktionsmittel durch den Staat, das heißt vom Umsturz der Wirtschaft; wir können diesen Umsturz aus Gründen menschlicher Gerechtigkeit fordern; wir werden ihn fordern und ihn beschleunigen helfen (wir sind, unter anderem, auch Sozialisten); aber er ist nicht unser Programm, sondern eine Ziffer unseres Programms.“ – –

            Dieser Bund der Geistigen (der, unter anderm auch für Mutterschutz, den Weltfrieden, die Erziehungsreform eintreten wird) bemächtigt sich also der Leitung des Staates – tut es durch Manifeste, Flugblätter, ein Wochenorgan: „Kampf gegen den Schlaf“, und vermag schließlich dem Deutschen Reich eine neue Verfassung zu geben, nach dem Zweikammersystem: ein Volkshaus (das sich im wesentlichen um ökonomische Dinge zu kümmern hätte) und zweitens eine Deutsches Herrenhaus, eine Kammer der Geistigen, die „ein durchgreifendes Veto“ erhält. Es herrschen von nun ab die Geistigen; da sie das Beste wollen, geschieht natürlich das Beste.

            Es ist eine Art Unfehlbarkeitsdogma. Einer der Geistvollsten unter den Aktivisten, Rudolf Leonhard, dagt allerdings: „Es ist nicht dasselbe, ob der Teufel oder der Erzengel Papst ist“ – und Kurt Hiller glaubt mit diesem Zitat Berthold Viertel abführen zu können, der einmal geschrieben hat: „Die Herrschaft der ‚Geistigen‘? Oh, ich könnte an den Fingern herzählen, wer da zur Herrschaft käme, und ich sage nur: „Lieber die Soldateska über uns, als solche Tyrannis.“

            Auf welche Weise die Geistigen zur Macht gelangen sollen, auf welche welchem politischen Weg, das scheint noch nicht ganz klar. Noch sind die tiefen Einwände Franz Werfels nicht völlig widerlegt, der den Geist vor geschäftiger Verweltlichung bewahren möchte (diesen schönen Brief in der Neuen Rundschau hat hoffentlich jedermann gelesen; wer es nicht tat, der lese deswegen das „Aktivistenjahrbuch“); auch herrscht ein recht gesunder Meinungsstreit darüber, ob die Geistigen sich des Parlamentarismus‘ und der Presse bedienen sollen. Rudolf Leonhard kommt zu dem Schluß: „Auf in die Parlamente!“ Hermann Kesser schreibt sehr Bemerkenswertes über und für den Journalismus: „Journalismus – – ist Mittel der geistigen Auskunft. Er hört auf, Lärm zu sein, wenn er entscheidende Stimmen gibt, wenn eine demokratische Presse die Zinsensumme nationaler Intelligenz und nicht einen zufälligen Auszug enthält, wenn die Presse die Energien eines Volkes, das sich vollenden will, aufsammelt und mit polemischer Würde zu politischen Zielen ordnet, wenn Ideen nicht mehr unschlüssig und nur theoretisch treiben, wenn sich Künstler und Denker das heilige Recht freier Einsamkeit wahren und doch im Gefühl mit der Gemeinschaft vereint sind, um den politischen Geist zu befruchten.“

            Wogegen wieder Kurt Hiller zornige Worte zitiert, die Lassalle gegen die Presse schrieb.

            Es kann nicht der ganze reiche Inhalt des Jahrbuchs eingehend dargestellt werden; es ist vieles so wichtig, daß man sich im einzelnen damit auseinandersetzen muß. Nur die Grenzen des aktivistischen Programms sollten hier umschritten werden.

            Zweifellos enthält dieses Programm viel Sympathisches. Es ruft gegen die namenlose Verrottung der Welt den Geist und die Jugend zur Tat auf; daß die Aktivisten mit Bewegungen wie der Freien Schulgemeinde, mit Männern wie Gustav Wyneken, mit helläugigen Wandervögeln und Studenten in naher Berührung stehen, spricht für sie.

            Aber eine ernstliche Gefahr kann auch in dieser kurzen Darstellung nicht verschwiegen werden: Wehe, wenn es sich herausstellen sollte, daß persönliche Eitelkeiten literarischer Cliquen hier mit im Spiele sind! Von dieser Bewegung der Geistigen muß eine fast übermenschliche Selbstaufopferung strenge gefordert werden; wenn diese jungen Menschen, die da rufen: „Wir sind es!“ – wenn sie nicht die Reinsten und Demütigsten sein sollten, sondern eben nur kluge Köpfe aus einem Kaffeehaus – dann wird nicht nur die Bewegung der Aktivisten unrettbar kompromittiert sein, sondern mit ihnen die ganze geistige Opposition in deutschen Landen, die deutsche Jugend wird den Schaden tragen.

            Nur an ihren Werken wird man sie erkennen.

            Man sollte meinen: Genug der Aufrufe und Programme. Was haltet ihr von der letzten Rede Kühlmanns? Wie greift der Bund der Aktivisten in diesem konkreten Falle aktiv ins deutsche Leben ein? Fanget an! Fanget sofort an! Seiet heute aktiv und nicht übermorgen!

            Und wenn ihr uns statt dessen erzählt, alles werde besser werden, wenn ihr uns einmal beherrschen werdet, ja, dann werden wir achselzuckend vorbeigehen.

In: Der Friede. Wochenschrift für Politik, Volkswirtschaft und Literatur, Nr. 26, 19.7.1928, S. 611-12.

Hermann Bahr: Tagebuch (30. Dez. 1917)

Salzburg, 30. Dezember. Endlich! Es war aber auch höchste Zeit: seit fast zwanzig Jahren ist in Österreich keine neue Jugend mehr erschienen, seit zwanzig Jahren warte ich auf Ablösung! Längst ist meine Jugend alt geworden; um die Vierzig wird’s ja Zeit, daß der Mensch den Schein durchschaut und sich zur Ewigkeit kehrt, aber wer erst so weit ist, taugt dann im Irdischen nicht mehr viel, da taugt nur, wer sich noch von den Täuschungen täuschen läßt, nur der kann sich noch erdreisten. Es ist nicht gut, wenn Alter jung tut. Was bleibt ihm aber übrig, wenn Jugend alt tut? Ich wünsche mir seit Jahren nichts mehr als in mich hinein den Geheimnissen zu lauschen, das Aug an den Sternen, kaum einmal noch mit einem verwunderten Seitenblick aus den Tag hin. Der Tag gehört der Jugend in ihrem Wahn! Erinnerung, Entsagung, Betrachtung ist des Alters; Wähnen, Walten, Wirken ziemt der Jugend. Was sie fordert, worauf sie drängt, wohin sie treibt, darauf kommt’s gar nicht so sehr an, als daß sie fordere, dränge, treibe! Aber wo blieb sie? Jung ist nur, wer sich gesendet fühlt und eine neue Welt zu bringen meint. Da waren in den letzten zehn Jahren

wir Alten noch immer die Jüngsten. Jetzt aber scheint es endlich, daß mir auch dieser Wunsch erfüllt wird: ein herzhaft junges Blatt kam heut geflogen, Der Anbruch herausgegeben von Otto Schneider und Ludwig Ullmann, nicht bloß im Format an den Berliner Sturm und die Berliner Aktion erinnernd, endlich ein Versuch, die neue Jugend Österreichs zu sammeln! Ullmann kenn ich noch aus der Zeit, als er sich, mit Paul Stefan und Erhard Buschbeck zusammen, um den Akademischen Verein bemühte. Nun kündigt er hier eine Jugend an. „so radikal wie kaum eine, berückend in ihrer Nüchternheit und eisern in ihrem sprühenden geistigen Glanz“, und mit der Leidenschaft, „Exaktheit und Rausch zu vereinen“. Also ungefähr, was Robert Müller immer predigt, und fast mit den nämlichen Worten. Robert Müller hat sich ja seinen Namen zuerst als Phantast der Nüchternheit, als

Romantiker des Betriebs, als eine Kreuzung von Zarathustra mit Roosevelt gemacht. Ihm scheinen eleusinische Mysterien von Cowboys der Großindustrie vorzuschweben. Je weniger ich mir das vor­stellen kann, desto neugieriger wär ich. Er hat sehr viel Verstand, was heute selten ist, und hat dazu, was noch seltener ist// auch Phantasie, und nicht bloß von der schnüffelnden, anschmeckenden Art, sondern eine schaffende. Nur macht er von so hohen Gaben einen etwas sonderbaren Gebrauch: er benutzt den Verstand nicht, um die Phantasie zu zügeln, und die Phantasie nicht, um den Verstand zu füllen, sondern eher umgekehrt, er denkt phantastisch und phantasiert nüchtern, er berauscht sich an Zahlen und rechnet Märchen aus; sein Ideal wäre, als Generaldirektor eines ungeheuren Welttrusts auf ungesatteltem Pferd Haschisch zu rauchen. Ich weiß nicht, ob diese Mischung einen Dichter aus ihm machen wird, er aber ist offenbar über­zeugt, daß sie zum großen Politiker genügt, und es kann sein, daß er recht hat; ich glaube es eigentlich auch. Er ärgert einen oft, weil er die Gewohnheit hat, gerade dort, wo man meint: aha, jetzt kommts!, aufzuhören; und man harrt umsonst, er sagt nichts mehr. Es ist aber möglich, daß er nichts mehr sagt, nicht weil er nichts mehr weiß, sondern weil es etwas ist, das überhaupt nicht gesagt werden kann, sondern getan werden muß: er spricht nicht weiter, weil er jetzt handeln müßte. Cäsar hat’s leicht gehabt, den gallischen Krieg zu schreiben, denn er hat ihn ja vorher geführt; vor der Tat sprechen, ist schwer; gar aber statt der Tat, das muß für einen geborenen Täter ganz unerträglich sein! Und vielleicht ist Robert Müller einer, ich hab ihn sehr in Verdacht: was er schreibt, macht mir immer den Eindruck von ungeduldigen Kommentaren zu seinen ungetanen Taten, er ersetzt sich das Tun vorläufig durch Schreiben; dies ist vielleicht für beide nicht das Richtige. Ich wäre dafür, daß er bei den nächsten Wahlen kandidiert; wir gewinnen vielleicht einen Politiker, sicher einen Schriftsteller. Er wird nämlich immer enttäuschen, solange er nicht ganz erfüllt, was sein Geist verheißt: vorläufige Leistungen verzeiht man einer echten Begabung nicht gern. Er hat jetzt auch ein Stück geschrieben: Die Politiker des Geistes (S. Fischer, Berlin), mit Witz, Laune, Temperament, Anmut und Bedeutung genug, um eine ganze Saison zu ver­sorgen. Alle seine Lieblingsideen von einem „Politischen Expressionismus“, der „die schöpferische Willkür neben den Mechanismus“ und „den irrationalen neben den modernen wissenschaftlichen Staat stellen will“, von einer  „neuen universalen Rassigkeit“, von irgendeiner geheimnisvollen Aussöhnung des Geistes mit der Maschine kehren da wieder, in ein amüsantes, ja spannen­des Theaterstück gefügt, das nur einen Fehler hat, aber einen großen: es verrät, daß in seinem Verfasser noch viel mehr steckt. Und das Publikum, das dafür eine sehr feine Witterung hat, kann das leicht als eine Beleidigung empfinden, es glaubt ja für sein Geld vom Dichter verlangen zu dürfen, daß er schwitze, bis ihm die Zunge heraushängt. Ja dieses Heraushängen der Zunge gilt bei uns für das Merkmal, woran allein man den wahren Dichter erkennen will, experto credo Ruperto! Ich bin ja genügsamer als das Publikum: hätte Robert Müller nichts geschrieben als den prachtvollen kleinen Aussatz: Der Oesterreicher in seinen „Europäische Wegen“ (S. Fischer, Berlin), er wäre mir unvergeßlich, schon um seiner Mundart willen, in der unser altgewohntes Österreichisch oft auf einmal ganz sonderbar neu klingt. Doch es mag sein, daß ich ihn überschätze, weil ich nämlich bestochen bin: er hat einmal meiner Eitelkeit so dick geschmeichelt, er nannte mich einen „Austropäer“, und darauf bin ich unbändig stolz, denn besser läßt sich wirklich gar nicht sagen, was ich gern wäre!

In: Neues Wiener Journal, 13.1.1918, S. 4-5.

Hermann Bahr: Literatur (1923)

            1918 sah sich das Abendland vor einer ungeheuren Kraftprobe. Daß es in ihr nicht versagt hat, ist eine weltgeschichtliche Leistung, vielleicht die stärkste nach dem Westfälischen Frieden. Die Gestalt der beiden großen Reiche in der Mitte brach: das alte Reich Habsburgs und das neue Reich Bismarcks schwanden. Die Völker Österreichs, seit 1526 vereint, schieden voneinander; jedes begann sein Leben noch einmal von vorn, nach eigener Form verlangend. Die Stämme Deutschlands gaben ihren Verein nicht auf, doch auch sie schieden von der 1871 geprägten Form. Aber fünf Jahre später sehen wir jedes der einst habsburgischen Völker in sich gesichert, jedes hat sich seine Form gegeben, von Gefahren umdrängt, aber seiner Kraft, sie zu bändigen, sich zu behaupten, gewiß: Böhmen und die Südslawen blühen auf, und sein den Tagen des Wiener Kongresses hat die Donaustadt sich nicht wieder so selig in Schönheit gewiegt wie jetzt; die weiland österreichischen Völker fanden die Kraft zur Anerkennung der neuen Wirklichkeit und daß in großen Krisen Gestalt nur zu retten ist durch Wandel der Gestalt.

            Den deutschen Stämmen ward es schwerer, sich zu dieser Einsicht durchzuringen, gerade weil die Gestalt ja zunächst noch äußerlich unversehrt blieb, so daß man hoffen durfte, sie werde sich auch der empordringenden neuen Kräfte bemächtigen können. Die Weimarer Verfassung war der Versuch, diese neuen Kräfte, die sich zunächst ja bloß erst angemeldet hatten, ohne selber noch sich recht zu kennen, der alten Form einzufügen. Man übersah dabei, daß diese Form, das 1871 geschaffene Reich, ja durchaus nicht geschichtlich gewachsen, sondern der Ausdruck eines einzelnen war, die persönliche Schöpfung Bismarcks, die ganz ureigene Tat eines Genies, das in seiner Verbindung von visionärer Kraft von ungeheurer Kühnheit mit einem untrüglichen Blick für Wirklichkeiten und dem Glück, dessen sich geborene Spieler sicher wissen, vielleicht nur mit Napoleon und Caesar verglichen werden kann. Er vergaß nur eins: vorzusorgen, daß immer ein Bismarck da wäre, die Voraussetzung, unter der allein sein bei aller Gewalt und Größe so unendlich seines, nur von zartester Hand lenksames Werk möglich blieb. Auch die Weimarer Verfassung scheint insgeheim noch auf einen Bismarck zu rechnen, ohne den sie darum zunächst noch provisorisch wirkt. Ein politisch ungeschultes Volk, das seit dem Ausgang des Mittelalters niemals Gelegenheit zur Übung in Politik, niemals auch nur Gelegenheit zur Einsicht ins Wesen großer Politik gehabt hat, soll nun, durch vier Jahre wildesten Kriegs erschöpft, von Feinden umdrängt, nur durch ein Aufgebot der innersten Kraft lebensfähig, über Nacht nachholen, was seit 1890, seit der ungnädigen Entlassung des Schöpfers seiner Form, tatenlos, dünkelhaft versäumt worden ist: ein Debutant in der Politik soll sich einer Welt von Feinden stellen!

            Daß dieses unglückliche Volk überhaupt noch lebt, daß es den Mut zu sich selbst noch nicht verloren hat, daß es sich den Glauben an sich, an seine Notwendigkeit im Abendland, an seine geheimnisvolle Sendung bewahrt hat, daß es sich zutraut, die zerstörenden Gewalten in seinem Inneren bändigen zu lernen, daß es hoffen darf, die zum ersten Male erringene Freiheit gebrauchen und sich eine Form geben die deutsche Form schaffen zu können, ist, schon durch den Entschluß allen, eine Leistung von bewundernswerter Größe. Und wenn der Deutsche jetzt zuweilen klagend fragt, warum denn, während rings bei den anderen große[n] Führer wie Seipel, Benesch, Masaryk, Mussolini, Lenin erscheinen, nurn ihm allein gerade noch immer der in sich Sinn, Gewissen und Willen der Nation summierende Mann versagt bleibt, so vergißt er nur, daß es zwar im Grunde jetzt allen diesen Völkern um dasselbe geht: um Formgebung, aber mit dem Unterschied, daß die anderen schon vorher längst im Geheimen ihrer eigenen inneren Form gewiß und gar unter dem Druck der ihnen von fremden Herren aufgezwungenen äußeren nur desto bewußter warn, während der Deutsche seit dem Ausgang des Mittelalters nicht mehr die Kraft fand, den sämtlichen Stämmen, von denen jeder eifersüchtig in seiner besonderen Form erstarrt war, darüber nun erst noch auch eine gemeinsame aufzuzwingen: unsere Geistesgeschichte besteht ja seit vierhundert Jahren aus lauter mißratenen Versuchen einer allgemeinen Formgebung. […]

            Das Deutsche Reich von 1871 war, als eines ungeheuren Genies ganz persönliche Schöpfung, über Deutschland sozusagen verhängt worden. Als es 1918 zerbrach, war kein deutscher Stamm, geschweige denn ein einzelner Mann stark genug, aus eigener Kraft ein neues zu gebieten. Zunächst mußte man sich also mit einer Notverordnung behelfen, die solange vorhalten sollte, bis sich aus dem befreiten Volke selbst die Kräfte der Formgebung erheben würden. Darauf kam es zunächst an, und darin liegt auch der Sinn aller Erscheinungen in unserer Literatur seit 1918. Sie wird noch immer unterschätzt, weil man fortfährt, sie noch immer an den alten Gewohnheiten zu messen. Aber dieses junge, durch das Erlebnis des Kriegs erstarkte, von Waffenlärm erregte Geschlecht hatte gleich auf den ersten Blick erkannt, worauf allein es jetzt zunächst ankam: Tiefen des deutschen Geistes, vor allem aber auch des deutschen Willens aufzurütteln, aus welchen, wenn nur erst der Urgrund des deutschen Wesens erschüttert wäre, die geheimsten formenden Kräfte hervorbrechen müßten; jedes unbewußt nach Form verlangende Geschlecht taucht zu den ‚Müttern‘ unter.

            Dabei ging’s freilich nicht immer ganz artig zu; Notschreie haben weder Anmut noch Würde. Doch darf man immerhin dem Ertrag dieser fünf Jahre die Bedeutung einer Epoche nicht mehr absprechen, und wenn ich nur auf gut Glück nach den paar Namen derer greife, die auf mich am stärksten wirken: Unruh, Werfel, Toller, Kaiser, Brecht, Barlach, Sternheim, Edschmid, Flake, gar aber Döblin, so genügen allein diese schon, um das Urteil zu rechtfertigen, daß wir nach der klassischen Zeit in unserer Literatur keinen Aufmarsch von Begabungen hatten, der sich an Kraftaufwand, an Willensdrang, an Wesenstrieb mit diesem hätte messen können. Man wird ihn freilich nach Gebühr erst vollends würdigen lernen, wenn sein Ergebnis erscheint: das nächste Geschlecht, das erntende, dem, was jene sich erst gewaltsam ertrotzen mußten, nun wieder schon leichter, heiterer, sorgenfrei gewohnter Besitz geworden sein wird. Schon kündigt es sich an, der Lärm verstummt, Gewölk zergeht, Lächeln erglänzt – ich greife wieder aus dieser neuen, still besonnen das Glück der Form hütenden Jugend die meiner Hoffnung wertesten Namen heraus: Alexander Lernet-Holenia, Hans Carossa, Walther Eidlitz. Zugleich wird nun erst die seit Jahren im Verborgenen am deutschen Geiste wachende Macht auch öffentlich weithin wirksam: die den Gral unserer schöpferischen Geheimnisse hütende Schar um George. Neue Jugend drängt nach, der Willkür, Selbstsucht und Anmaßung absagend und wieder in Ordnung, Maß und Gesetz das Stichwort für die Kraft des Lebens und in der Bereitschaft zur Strenge, Zucht und Entsagung die Würde des Künstlers erkennend. Hermann Hefele, mit seinem „Gesetz der Form“ und dem gewaltigen Dantebuch, gab ihr den Auftakt, und mit Paul Ludwig Landsbergs hellsichtigen Schriften über „Die Welt des Mittelalters und Wir“ und „Wesen und Bedeutung der platonischen Akademie“ setzt nun auch der Kreis um Max Scheler zur öffentlichen Wirkung ein, die, wenn Scheler erst an der Berliner Hochschule sein wird, in der Hauptstadt des deutschen Geistes ihre volle Macht der Formgebung bewähren kann.

In: Vossische Zeitung, 25.12.1923, Beiblatt: Die Leistungen unserer Zeit.

Ea von Allesch: Bücher, von denen man spricht (1919)

Arthur Schnitzler: Casanovas Heimfahrt – Karl H. Strobl: Seide Borowitz.

Arthur Schnitzler: „Casanovas Heimkehr“. Novelle. (Verlag S. Fischer, Berlin.) Den Widerschein eines Sonnenunterganges legt diese Erzählung über das Bild des berühmten Abenteurers, in dem sich die Vorzüge und Fehler seines Jahrhunderts in seltener Mischung vereint haben. Aber nicht weichlich verklärend oder resigniert abschließend ist diese Geschichte vorgetragen, sondern es ist noch immer der alte, wohlbekannte Casanova, aus dessen Hirn und Herz nimmermüde Flammen schlagen.

Nur Anwandlungen von Schwäche sind es, die sich bemerkbar machen, eine kleine geistige Unsicherheit, eine Ermüdung, die aber, es ist kein Zweifel, den Weg ins Dunkel des Alters einleiten. Wir sind nicht Zeugen eines Rechenschaftsberichtes, einer Einkehr, oder was man sonst aus dem Titel erwarten möchte, sondern Zuseher eines Abenteuers, das nicht einmal das letzte ist, das aber doch durch seine leise innere Zermürbtheit eine symbolische Bedeutung und durch die hohe Abgeklärtheit des Vortrages den Glanz eines wahrhaften Schlußkapitels besitzt.

Ganz unpersönlich und doch so überaus deutlich wie im Erlöschen des Tages oft die Menschen werden, die an einem vorüberschreiten, ist diese Figur gezeichnet mit ihrem Netz von Zeit- und Ortsbesonderheiten, in das sie eingewoben ist. Die optischen Eindrücke, die empfangen werden, erregen nicht nur Vorstellungen, sondern ziehen den Leser in einen Suggestionskreis, der ihn bis zum Schluß nicht losläßt. Das Ganze wirkt traumhaft in seiner reichen Bildhaftigkeit und Verdämmerung und bleibt auch als Gelesenes wie ein Geträumtes im Gedächtnis. Die Täuschung, durch die Casanova an Stelle des Liebhabers zur Geliebten gelangt, ist innerlich und äußerlich in großen Linien untermauert, ohne daß sich plötzlich der Zuschauer gewaltsam an die Dinge herangeschoben fühlen würde, um nun Einzelheiten zu erfassen; und selbst wo die Erzählung jäh aufflammt, wie im Todeskampf der beiden nackten Männer auf der Wiese, tritt sie doch nicht aus den Bahnen ihres Stils. Es ist die klare Reife eines Dichters, die das spricht.

Karl Hans Strobl: „Seide Borowitz“. (Verlag L. Staackmann, Leipzig.) Es gibt Leute, und nicht nur gute Bürger, sondern auch Literaturkritiker, die verlangen, daß ein Kunstwerk in gewissem Sinn belehrend sei. Sie wollen durch die Kunst nicht nur ergriffen, sondern auch in ihren Weltkenntnissen erweitert werden, sie wollen Einblicke in bisher unbekannte Bezirke menschlichen Geister gewinnen, sie wollen ihre Erfahrung vom Weltbild in den Gehirnen der Menschen mehren.

Diesem weitverbreiteten Wunsch verdanken viele literarische Werke, die eine sogenannte Milieuschilderung enthalten, ihren Erfolg. Es ist eine Produktionstype entstanden, und der Roman Seide Borowitz fällt auch darunter.

Eine jüdische Geschichte, jüdische Personen, rein jüdische Lebensumstände. Aber – leider – nicht von einem Juden oder einem, der es sein möchte, erzählt. Wir erfahren nur, was der intellektuelle Großstadteuropäer aus einem kleinen galizischen Ghetto reportern und was Begabung und offensichtliche Kenntnis jüdischer Mystik daraus machen kann. Das ist ja recht viel. Doch möchten wir gern ein bißchen hinabgeleuchtet haben, möchten die inneren Krämpfe und Jenseitsperspektiven des armen, krötenhaft scheußlichen Seide Borowitz kennenlernen. Es schiene uns ein inadäquater Aufwand, daß sich seine Ges[ch]ichte[n], die ihm unter schweren Krisen zuteil werden, nur auf Wuchergelder in alten Hosen, auf Haupttrefferlose und bestenfalls auf den Tod der brünstig Geliebten beziehen sollen. Wir möchten ein wenig mit Borowitzischen Augen sehen dürfen, und wir setzen voraus, daß es ganz besondere Augen sind. Darauf käme es an.

Dann würde uns auch die innere Unmöglichkeit der Verwechslungsszene nicht stören. Seide nutzt nämlich die Nacht, in der ein junges Judenmädchen seinen Bräutigam heimlich erwartet, in schmählicher Weise für sich aus. Aber da von ihm wiederholt erzählt wird, wie übelriechend sein Atem und seine Füße sind, und daß er eine riesige Geschwulst im Nacken – dieser sicher vertrauten Taststelle Liebender – mit sich herumtrage, was müßte da Gitl für ein stumpfsinniges Wesen sein, wenn sie nichts merken würde. Eine solche Verwechslung darf nicht zum Angelpunkt einer naturalistischen Geschichte werden. Das Buch des bekannten Autors ist selbstverständlich trotzdem sehr interessant, wie es nach seinen erfolgreichen Büchern ja nicht anders zu erwarten war.

In: Moderne Welt, H.4/1919, S. 39.

Otto Abeles: Reinhardts „Mirakel“ im Zirkus Renz (1927)

Wie die neue Fassung von Reinhardts Mirakel über den großen Teich nach Wien kam? Das Programmheft gibt darüber Auskunft. Mehr als tausendmal war Mirakel (Kosten der Ausstattung 400.000 Dollar) in Amerika in Szene gegangen Da mußte man, trotzdem erst

vier Millionen Menschen Mirakel gesehen hatten, die Serie der amerikanischen Vorstellungen plötzlich abbrechen. Nämlich: Professor Reinhardt hatte den Wunsch geäußert, das Werk in der neuen Form in Europa und vor allem in Wien zu zeigen. So, meine Verehrten, kam das alt-neue Mirakel nach Wien…

Die dankbare Zirkusgasse hilft bei der Inszenierung des Vorspiels aus der Straße eifrig mit. Die Fußsteige dicht besät mit Neugierde und Hochachtung für die Massenauffahrt der Nobelautomobile. Smoking und Abendtoilette stehen geduldig im Zirkusvorraum, Kunstbegeisterung beziehungsweise Sensationsfieber bewirke, daß die Herrschaften geduldig auf den nach halbstündiger Verspätung gestatteten Einlaß in die Kirche warten.

An den äußeren Zirkusgängen haftet noch kräftiger Stallgeruch, aber drinnen im mystisch dunklen Riesenraum steigen Weihrauchschwaden, du spürst sofort, wo du bist. Dann stellen sich auch die Pupillen auf das Weihedunkel ein. Ragende Kirchensäule, Kirchenfahnen, Heiligenstatuen, zartester Kerzenschimmer, halbgeschlossene Loggien für die noblen Beter, Wendeltreppe zum Erker des Predigers und buntfarbige Kirchenfenster, vom letzten Abendschimmer überhaucht. In der Manege ein verzwicktes System von Podien und Freitreppen.

Der Referent, nicht unbefangen, da er sich in einer Kirche befindet, doppelt befangen, die Kirche in einem Zirkus zu wissen, dreifach befangen, weil in dieser Zirkus-

Kirche ein katholischer Gottesdienst zelebriert werden soll, kann gleiche Benommenheit bei dem einströmenden festlich herausgeputzten jüdischen Publikum nicht erkennen. Sie

nehmen mit „lh“ und „Oh“ in den Kirchenstühlen Platz und sind sofort zu Hause. Man hat Mühe, jedes Kirchendetail auf Stilechtheit fachmännisch zu prüfen, nicht ohne sich mit Erfrischungen einzudecken, die eifrig im Kirchenschiff angeboten werden. Dann haben sie genug vom Warten, Gaffen und wollen mit Händeklatschen, aber auch mit Füßetrampeln den Beginn der Vorstellung haben. Und schon läuten die Glocken, Orgelspiel keimt, die Messe beginnt.

*

Ist dieser materialisierte Film nicht überholt? Wirken frommwandelnde oder ekstatisch erregte Massen, Aufzüge, Tänze, wirken Maienzauber und Gottes Wundertat an

seiner Kreatur auf der Leinwand nicht eindringlicher, glaubhafter?

Man weiß, das Madonnenbild dort an der Säule ist nicht aus Stein. Eine Frau aus Fleisch und Blut steht eine Stunde lang pagodenhaft starr. Man ist abgelenkt, bestaunt die Selbstzucht der Aktrice, bedauert sie und atmet auf, wenn sie endlich Leben kriegt.— Scheinwerfer fassen mit riesigen Fangarmen die junge Nonne und schleifen sie durch den Kirchenraum. Keine Sekunde darf die Kongruenz zwischen dem jagenden Lichtkegel und dem

laufenden Mädchen aussetzen. Der Katarakt der Statisten, welche die Stufen hinauf- und hinabeilen, wird durch die Angst vor Arm- und Beinbruch gehemmt. In: Gefühl des Zuschauers weit mehr, als bei den Ausführenden. Aber an den Treppenabsätzen ist auch der Schwarm der Nonnen, Bruderschaften, Chorknaben, Mönche und Bettler sehr vorsichtig.

Szenenwechsel muß durch massiertes, Litaneien singendes Volk kaschiert werden. Die herrliche Kirchensäule geht plötzlich in die Höhe, wie der Kristalluster im Josefstädtertheater. Die Phantasie, entdeckend, daß der Riesenpfeiler aus gotisch drapierten Tüchern besteht, fühlt sich verletzt.

Alle diese Notbehelfe, trotz der technischen Vollkommenheit Reinhardtscher Regie unvermeidlich, hat der Film nicht nötig. Noch ein Beispiel: Herr Wüllner, der Sprecher, muß stumme Pantomime machen und wäre, so bildet man sich’s ein, gottsfroh, endlich einen Vers orgeln zu dürfen. Solch peinigendes Mitgefühl befällt uns nicht, wenn wir Wüllner bloß auf der Leinwand begegnen.

*

Das Schaustück mit Musik und Lichtzauber, Glockengeläute und Weihrauchwirbel kann als Werk der Kunst und Technik vor dem Film nicht mehr bestehen. Als Spezialität, wie etwa der Gummiradler mit edlen Rossen neben dem Auto letzter Schaffung, bleibt natürlich

das Reinhardt-Mirakel sehens- und hörenswert, ist großartiger, bunter, reicher geworden, seitdem es 1911 in der Rotunde vor sich ging und überdies durch die Mitwirkung zweier wundervoller Engländerinnen ausgezeichnet.

Diana Manners, eine engelhafte, verehrungswürdige Madonna, schwebt gewichtlos über dem Podium. Höchstes Lob für ihre Gestaltung der Gottesmutter: die Füße berühren den Boden der Zirkus-Kirche nicht. Die Madonna bleibt außerhalb, oberhalb der  Sensationspantomime, schreitet, von der eigenen Glorie umflossen und geschützt, unberührt durch das Spectaculum. Die Nonne, welche dank der hilfreichen Madonna sich weltlicher Lust ergeben darf, ist die lilienschlanke Rosamond Pin­chot, mit ungewöhnlicher Schönheit und köstlicher Naivität. begnadet. Beide Frauen find gleich bewundernswert als

Werk der Natur und Werk Reinhardts. Der großartige Tanzpantomimiker Ernst Matray als Spielmann überragt das Gewirr der Leiber, Töne, Lichter durch sein virtuoses Solo. Unvergeßlich die Szene der Gesundung des lahmen Bettlers, den Sokoloff mimt, rassig die Tänze der Katta Sterna, eine Augenweide die Gastmahlszene. Fabelhafte Prozessionen. Wunderschöner Kirchengesang. Magisches Intermezzo aus einem Glasparkett mit Beleuchtung von unteu. Scharfes Widerspiel von ekstatischer Frommheit und bacchantischer Lust, von Gier und Askese, Bedürfnislosigkeit und Völlerei. Hart stoßen sich betonte Schlichtheit und betontes Raffinement im Zirkus-Kirchen-Raum Reinhardts.

Und als aus diesen gewaltigen, prachtvollen, stilecht zubereiteten Augen- und Ohrenschmaus ein Endchen des Kinderliedes „Alles neu macht der Mai“ niederfiel wie ein wirklicher Tautropfen auf eine Papierrose, sagte ich mir: Es ist doch ein Riesenkitsch, dieses Reinhardt-Mirakel. Ich konnte nicht anders, Gott helfe mir. Amen.

In: Wiener Morgenzeitung, 9.6.1927, S. 3.