geb. am 2.4.1887 in Wien – gest. am 8.5.1959 in New York/USA; Dramaturg, (Theater-)Kritiker, Journalist, Schriftsteller, Exilant

Nach seinem Studium der Germanistik an der Univ. Wien, das er 1910 mit einer Promotion über Lichtenberg bei J. Minor abschloss, begann U. als Mitarb. bei verschiedenen Zeitungen wie z.B. Der Morgen, wurde 1912 (bis 1934) Redakteur der seit 1918 demokrat. ausgerichteten Wiener Allgemeinen Zeitung (WAZ), die ab Ende der 1920er in sozialdemokrat. Besitz überging, arbeitete 1910-11 an der Kraus’schen Fackel mit, erstellte ihr erstes Register (1899-1910), und wirkte 1918-1922 als Dramaturg an der Neuen Wiener Bühne. Seit 1910 trat U. auch als Autor von Gedichten u. Feuilletons in Erscheinung, u.a. in der Zs. Merker neben A. Polgar, P. Czinner u. O. Soyka (H.15/1910) oder in der Neuen Freien Presse. Um 1911-12 kam Ullmann auch mit den Sturm-Autoren in Kontakt; u.a. schickte ihm E. Lasker-Schüler für sein, ab 1913 realisiertes unregelmäßig ersch. „Flugblatt“-Projekt (ab 1915-18 gem. mit O. Schneider unter dem Titel Der Anbruch) das Ged. An Jemand. In jenen Jahren war er auch Vorsitzender des Akademischen Verbands für Literatur und Musik u. organisierte zahlr. Lesungen u. Diskussionsveranstaltungen; 1913 war er in der express. Zs. Die Pforte vertreten, in der u.a. E. Angel, Th. Däubler, A. Ehrenstein, P. Hatvani, P. Kornfeld, R. Müller oder E.A. Rheinhardt publizierten, wodurch U. im Kreis der österr. u. dt. Expressionisten bekannt wurde. Nach Ausbruch des Krieges, den er nicht aktiv mitmachte, wirkte er an weiteren sehr unterschiedl. Zs. u. Ztg. als Feuilletonist mit, u.a. am FremdenblattPester Lloyd oder an Sport und Salon. Im Anbruch-Flugblatt 1915 veröff. Ullmann u.a. Texte von G. Trakl u. B. Viertel, jenes von 1917 enthielt Zeichnungen von E. Schiele. Im Fremdenblatt erschienen auch seine Kriegs-Feuilletons wie Geist in Flammen (anl. der Karpathenschlachten 1915) oder Zeichen der Zeit, in dem er sich mit der Kriegsmüdigkeit u. den ersten Zeichen mögl. Veränderungen auseinandersetzte. Im Herbst 1918 reaktivierte U. seine Bez. zu expressionist. Autoren, die mit der Idee des Aktivismusrund um R. Müller sympathisierten, wie dies aus den programmat. Feuilletons Tätiger Geist oder Kunst und Revolution erkennbar wird. 1919 kam an der Neuen Wiener Bühne die Komödie Die gelbe Lilie des ungar. Schrifstellers L. Birò in deutscher Bearb. durch U. zur Aufführung. 1921 zeichnete er in der von Paul Stefan betreuten Reihe Die Wiedergabe. Wiener Gegenwart und ihr Besitz, die sich Persönlichkeiten aus dem Theaterleben widmete u. an der u.a. auch Erhard Buschbeck, Joseph Gregor, Max Mell oder Arthur Rundt mitwirkten, für den Bd. über Ida Roland verantwortlich. Diesem folgte 1922 ein weiterer über Alexander Moissi. Ab 1922 war U. auch in der Zs. Muskete gelegentl. mit Beitr. zur Wiener Theaterszene oder mit Reiseimpressionen präsent; insgesamt aber ist seine Präsenz in der Kultur- und Theaterkritik ab 1925 bis Anfang der 1930er Jahre stark zurückgegangen, obwohl ihn ein Bühne-Artikel 1925 unter die Gruppe der einflussreichen Wiener Kritiker (neben B. Balazs, O.M. Fontana, E. Lothar, R. Musil und M. Scheyer) gerechnet hat. Ab 1931 verfasst U. wieder Theaterkritik für die Ztg. Der Morgen, die 1935-37 an Zahl zunehmen; nach Einstellung der WAZ (1934) gab er bis 1935 das Theatermagazin Die Fledermaus heraus, das aufgrund der Präsenz von demokrat. gesinnten Autoren nach rund 40 Nr. eingestellt wurde. Er schreibt gelegentl. auch in der Bühne, u.a. ein Gorki-Porträt, und interessiert sich für den Film, z.B. für neue sog. Non-stop-Tendenzen im Kino. 1937-38 konnte er am Scala-Theater unter Rudolf Beer als Dramaturg tätig sein. Schon in der Nacht des 11.auf den 12.3. 1938 floh U. aus Wien nach Ungarn u. von dort über Jugoslawien, Italien in die Schweiz bzw. weiter nach Paris. In Paris arbeitete U. sofort an den ersten österr. Exilzeitschriften mit, so z.B. an den Nouvelles d’Autriche, aber auch an der Pariser Tageszeitung u. engagierte sich in der Liga für das geistige Österreich, dessen Präsident J. Roth war. Am 10.4. 1940 gelang U. gem. mit seiner Frau die Flucht aus Paris Richtung Süden, wo sie mit anderen dt. u. österr. Exilantinnen und Exilanten zuerst in Montauban, dann in Marseilles auf die Ausreise in die USA, für die E. Lothar u. M. Reinhardt die Affidavits bereit stellten, warteten, die aber erst Ende Mai 1942 gelang. In den USA schlug sich U., unterstützt durch Fellowships, besorgt durch F. Werfel, durch sowie mit Hilfe von Konsulententätigkeit bei Piscators Dramatic Workshop an der New School for Social Research, ferner als Feuilletonist bei der Austro-American Review durch, mit Arbeiten, die ein kärgliches Auskommen ermöglichten, allerdings nur gemeins. mit der Berufstätigkeit seiner Frau. Erst nach 1945-46 besserte sich seine Situation durch Arbeiten für die New York Staatszeitung u. einige andere Ztg.; an Rückkehr dachte er angesichts der problematischen Entnazifizierungsverfahren seit 1948 nicht mehr; vielmehr nahm der die US-Staatsbürgerschaft an u. entwickelte sich zu einem scharfen Kritiker der „fesche[n] Nazirückkehrwelle“ (Br. an O.M. Fontana, 1948). Zwar erhielt er 1950 nach erfolgreicher Klage eine Abfertigung für seine WAZ-Jahre u. ab 1952 eine bescheidene Pension, doch der Preis, den er dafür zahlte, war hoch, nämlich für seine Buchprojekte nach 1945 keine Verleger mehr zu finden, weder in den USA noch in Österreich, z.B. für seine unveröffentl. gebliebene Autobiographie Heimat in der Fremde.


Quellen und Dokumente

Geist in Waffen. In: Fremden-Blatt, 24.3.1915, S. 1f., Zeichen der Zeit. In: Wiener Allgemeine Zeitung, 29.5.1917, S. 3f., Frühling im Herbst. In: Sport und Salon (1918), H. 37, S. 12, Tätiger Geist. In: Wiener Allgemeine Zeitung, 24.12.1918, S. 3, Kunst und Revolution. In: Wiener Allgemeine Zeitung, 31.12.1918, S. 4, Apologie des Wiener Theaters. In: Die Muskete, 1.5.1923, S. 17, Alfred-Polgar-Skizze. In: Der Morgen, 21.10.1935, S. 9, Dichtung und Leben Maxim Gorkis. In: Die Bühne (1936), H. 427, S. 12f., Das ausverkaufte Non-Stop-Kino. In: Der Morgen, 24.5.1937, S. 11, Das Goldende ostmärkische Herz. In: Nouvelles d’Autriche (1939), H. 1, S. 14.

Wiener Kritiker. In: Die Bühne (1925), H. 52, S. 16f.

Nachlass: Germanistisches Seminar, Univ. Zürich; Teilnachlass: Literaturhaus Wien.

Literatur

H. Lunzer: Ludwig Ullmann im amerikanischen Exil. In: J. Holzner, S.P. Scheichl, W. Wiesmüller (Hgg.): Eine schwierige Heimkehr. Österr. Literatur im Exil 1938-1945. Innsbruck 1991, 353-371; J.P. Strelka: Des Odysseus Nachfahren: Österr. Exilliteratur seit 1938. Tübingen 1999, 28 bzw. 279; S. Blumesberger (red.): Ullmann L. In: Handbuch österr. Autorinnen u. Autoren jüd. Herkunft. 18. bis 20. Jhdt. München 2002, Bd. 3, 1396, S. Bolbecher, K. Kaiser: Lexikon der österr. Exilliteratur. Wien 2000, 643-645.

Eintrag bei geni.com.

(PHK)