Die Initialzündung zu Arbeiterräten ging von der Russischen Revolution (1917) aus und fand in Teilen der österr. Arbeiterschaft vor dem Hintergrund der schwierigen sozialen Lage rasch Anhänger. Erste, noch illegale, Betriebsversammlungen fanden bereits im Dezember 1917 in Linz statt, im Jänner 1918 wurden im Zuge der von der Gewerkschaft nicht autorisierten Streiks in Wiener Neustadt, Wien-Floridsdorf, aber auch in Böhmen und Ungarn, den sog. Jännerstreiks, erstmals Forderungen nach Einführung einer Sowjetverfassung laut. Daraufhin ergriff die Parteileitung der SDAP und deren Gewerkschaftskommission die Initiative, unterstützte den am 15.1. 1918 in Wiener Neustadt gegründeten Arbeiterrat (AR) und richtete einen für Wien ein, um die Kontrolle über diese neue Bewegung sicher zu stellen. Der Wiener AR, ergänzt um SDAP-Politiker wie Otto Glöckel und Karl Seitz, führte bereits am 19.1.1918 Verhandlungen mit der Regierung, in der neben Friedensverhandlungen auch Anliegen der Demokratisierung zur Diskussion standen. Der Forderung nach Freilassung von Friedrich Adler, Gallionsfigur der Kriegsgegner sowie der Linken, wurde jedoch nicht stattgegeben.

Vor diesem Hintergrund ist auch der nach wenigen Tagen gescheiterte Aufstand der Matrosen der k.u.k. Kriegsmarine in Cattaro Anfang Februar 1918 zu sehen, wo sich erstmals Matrosen- und Soldatenräte bildeten, die jedoch von der sozialdemokrat. Parteileitung nicht ausreichend unterstützt wurden. Allerdings wurde bereits am niederösterreich. Parteitag der SDAP im Febr. 1918 die Einrichtung von weiteren AR beschlossen. Im Lauf des Jahres 1918 gewannen die AR im Gegensatz zum Deutschen Reich an Gewicht, kanalisierten die Protestbewegung, was zu ersten internen Differenzen führte, die mit der Gründung der KPÖ am 3.11. 1918 und ihres Anspruchs auf Umgestaltung des AR nach sowjetischem Modell deutlich zu Tage traten. Zugleich bildeten die AR ein wichtiges organisatorisches Netzwerk, das bei Ausrufung der Republik im Verein mit den von Julius Deutsch seit Früherbst 1918 organisierten Vertrauensleuten in der Wiener Garnison, dem Kern der späteren Soldatenräte der Volkswehr, maßgeblich den geordneten Übergang von der Monarchie zur Republik unterstützte. Trotz interner Konkurrenz zur KPÖ, in der Franz Koritschoner die Organisierung der AR übernahm,  gelang es der SDAP, ihren Führungsanspruch durchzusetzen und  im Februar 1919 eine Reichskonferenz der AR einzuberufen, in der sich die SDAP-Fraktion rund um F. Adler personell wie politisch durchsetzte.

Im Zuge der (friedlichen) Ausrufung der ungarischen Räterepublik durch ein Parteienbündnis aus Kommunisten und Sozialdemokraten am 20.3.1919 traten die internen Differenzen offen zu Tage. Die Grußadresse des österr. AR enthielt nämlich eine Absage an die KPÖ-Forderung, es dem ungarischen Proletariat gleichzutun und ebf. eine Räteregierung herbeizuführen. Die österr. AR stellten sich somit trotz revolutionärer Rhetorik auf den Boden der parlamentar. Demokratie, auf dem sie im Verein mit der SDAP mehr durchzusetzen hofften als ihre Weggefährten in Budapest oder in München, wo am 7. April 1919 ebf. eine Räterepublik ausgerufen wurde. Die politische Arbeit konzentrierte und begrenzte sich in der Folge auf die Ebene der Industriebetriebe gemäß einem im Juli 1919 beschlossenen Statut, in dem der Antrag, wonach die AR „die Verfassung des zukünftigen Arbeiterstaates darstellen“ keine Mehrheit fand, weil die organisierte Arbeiterschaft nahezu geschlossen die SDAP und ihre Vertreter im AR unterstützte. Dies zeigte sich im Zuge des Putschversuchs vom Juni 1919, als mit Zustimmung des Wiener AR das Volkswehrbataillon 41, bekannt als Rote Garde, aufgelöst wurde, ebenso wie in der Phase des Zusammenbruchs der ungarischen Räteregierung unter Bela Kun Anfang August 1919.

Die AR wirkten fortan, d.h. bis zum Bestehen der ersten Koalitionsregierung 1920 und den Wahlen von 1921, an der Bewältigung des schwierigen Alltags mit, d.h. an der Reorganisierung der Ernährungs- und Wohnungslage, aber auch an der Kontrolle des Waffenschmuggels sowie an der militärischen Sicherung der Grenzen im Burgenland. Sie positionierten sich klar hinter der SDAP, deren Vertreter bei internen AR-Wahlen 1921 über 90% der Stimmen erhielten und stellten, als die innenpolitischen Konfrontationen zunahmen, die Kader des 1923 eingerichteten Republikanischen Schutzbundes.


Quellen und Dokumente

Maximilian Schreier: Das Arbeiterparlament. Zur Tagung des Reichsarbeiterrates im Abgeordnetenhaus. In: Der Morgen, 30.6.1919, S. 5.

Literatur

Rolf Reventlow: Zwischen Allierten und Bolschewiken. Wien 1969; Fritz Keller: Die Arbeiter- und Soldatenräte in Österreich 1918-1923. Versuch einer Analyse. Wien 1971, 1998 (Online verfügbar).

(PHK)

Die ASK wurden 1905 durch D. J. Bach begründet und als Teil der sozialdemokratischen Kultur- und Kunstpolitik verstanden. Bereits vor 1914   wurden sie von ihm systematisch ausgebaut, wobei am symbolträchtigen Ort des Großen Musikvereinssaal (Wien) eine Ausrichtung an der Musik der Wiener Klassik und Romantik (Beethoven-Brahms) sowie an Gustav Mahler zunächst dominant war und bedeutende Komponisten und Dirigenten (Richard Strauss, Franz Schreker) für diese Initiative gewonnen werden konnten. Die Musikpraxis thematisierte aber auch grundlegende Probleme des Arbeitersanges (D.J. Bach, 1910), wie sie z.B. in der Österreichischen Arbeitersängerzeitung (ÖASZ) diskutiert wurden. Nach 1918 erfolgte eine zunehmende Öffnung hin auf die Wiener Moderne seit Mahler, insbesondere unter E. W. Korngold, Alexander Zemlinsky und Anton Webern, der 1922 erstmals dirigierte und seit 1926 die programmatische Ausrichtung und Auswahl weitgehend vorgab. Wichtig dabei auch das Interesse, das Arnold Schönberg um 1919-20 dieser Institution entgegenbrachte, u.a. sichtbar in den für Adolf Loos verfassten Richtlinien für ein Kunstamt (1919; Krones, 1999, 56f.).

Als wichtige Verbindungsfigur zwischen der Arbeitermusikbewegung und dem Schönberg-Kreis fungierte dabei der AZ-Musikkritiker und Komponist Paul A. Pisk, der u.a. Sekretär des von Schönberg eingerichteten Verein für musikalische Privataufführungen war.

1926 fand bereits die 200. Aufführung der ASK statt, bei der die schwierige Achte Symphonie G. Mahlers, dessen Werk in den 1920er Jahren in den Mittelpunkt gerückt war, im Wiener Konzerthaus zur Aufführung gelangte; 1928 kam es im Rahmen der Republikfeiern zur Uraufführung von Schönbergs monumentalem Chorwerk Friede auf Erden, (gemeinsam mit Mahlers 2. Symphonie), ein Programm, das im Juni 1932 wiederholt und in Teilen auch im Radio gesendet wurde.

Das letzte Konzert der ASK fand am 11. Februar 1934 statt.


Quellen und Dokumente

N.N.: Das zweihundertste Arbeitersymphoniekonzert. Ein Kulturjubiläum der Wiener Arbeiterschaft. In: Arbeiter-Zeitung, 20.4.1926, S. 8, Otto Pragan: Das “Kultur”jubiläum der Sozialdemokratie. Grundsätzliches anläßlich des 200. Arbeiter-Symphoniekonzertes. In: Die Rote Fahne, 25.4.1926, S. 7.

Literatur

M. Wagner: Zwischen Aufbruch und Schatten. Zur Musikgeschichte Österreichs zwischen 1918 und 1938. In: Franz Kadrnoska (Hg.): Aufbruch und Untergang. Österreichischen Kultur zwischen 1918 und 1938, Wien-München-Zürich 1981, 383-391; J.W. Seidl: Musik und Austromarxismus. Wien, Diss. phil. 1984; Hartmut Krones (Hg.): Anton Webern. Persönlichkeit zwischen Musik und Politik. Wien 1999; K.D. Paar: David Josef Bach: Austromarxistische Kunstpolitik am Beispiel der Musik. Dipl. Arbeit Wien 2012, 84-88.

Eintrag bei Österreichisches Musiklexikon, Eintrag bei dasrotewien.at.

(PHK)

Der Aufstand von 4.000-5.000 österreichisch-ungarischen Matrosen fand von 1. bis 3. Februar 1918 in der montenegrinischen Bucht von Kotor/Cattaro statt. Er stand unter dem Eindruck der russischen Februarrevolution sowie des von den Linksradikalen um Franz Koritschoner, Leo Rothziegel und Johannes Wertheim initiierten Jännerstreiks in Österreich, über dessen Verlauf – den raschen Abbruch – die Matrosen nur unzureichend informiert waren. In einer koordinierten Aktion ging die Revolte von der Besatzung des Flaggschiffs SMS Sankt Georg aus, auf dem die rote Flagge gehisst wurde. Die Matrosen veröffentlichten einen Forderungskatalog, der sowohl Friedensverhandlungen, Neutralität und Abrüstung wie auch persönliche Erleichterungen vorsah. Eine Abstimmung auf der SMS Sankt Georg führte am dritten Tag zur Aufgabe, Standgerichtsprozesse hatten die Hinrichtung der Rädelsführer Franz Rasch, Anton Grubar, Jerko Sisgorić und Mate Berničevič am 11. Februar 1918 zur Folge. Trotz seines Scheiterns besaß der Aufstand große Symbolkraft. Der SDAP-Abgeordnete und spätere Chefredakteur der Arbeiter-Zeitung Michael Schacherl hob in einer Parlamentsrede am 11.10.1918 hervor, die „Matrosen wollten ihren Friedenswillen zum Ausdruck bringen“ (neuerlich in AZ, 27.11.1930, S. 5).

1927/28 legten Julius Braunthal mit Tagebuchblättern und Aufzeichnungen im Arbeiterkalender 1928, Franz Swoboda mit Traurige Helden des Umsturzes in der Adria und Bruno Frei mit Die roten Matrosen von Cattaro. Reportage erste umfassende Darstellungen der Ereignisse vor. Freis Werk, das im Verlag der Wiener Volksbuchhandlung erschien, wurde als Verständnishilfe für die Vergangenheit „und Waffe für die Zukunft“ beworben. Es diente als Vorlage für das Drama Die Matrosen von Cattaro des deutschen Pazifisten, KPD- und BPRS-Mitglieds Friedrich Wolf (1888-1953). Sein Cattaro-Drama stand im Zeichen des neuen revolutionären Aufschwungs in Deutschland sowie des verstärkten öffentlichen Auftreten der Nationalsozialisten und diente der Erörterung von Fragen revolutionärer Praxis. Von der zeitgenössischen kommunistischen Literaturkritik wurde es als „Lehrstück für künftige proletarische Revolutionen“ (Alfréd Kemény in Die Linkskurve 2 (1930), 12, S. 31) aufgenommen und galt als erstes deutsches Drama des sozialistischen Realismus von künstlerischem Wert. Es präsentiert nicht nur die Haltung des durch die Offiziere verkörperten Klassengegners, sondern auch die Notwendigkeit der festen Führung zum Erreichen der eigenen Ziele und damit den Zwiespalt zwischen der Sicherung der revolutionären Macht und der Entwicklung und Anwendung demokratischer Strukturen. Wolf, der für seine Kritik am Abtreibungsgesetz im Stück Cyankali 1931 vorübergehend festgenommen wurde, schrieb nach den Februarkämpfen 1934 mit Floridsdorf ein weiteres revolutionäres Drama mit österreichischem Hintergrund (UA im Arbeitertheater Toronto 1936). Sein Cattaro-Stück wurde auf Betreiben der Sozialdemokratischen Kunststelle auf der Wiener Renaissancebühne in einer von Friedrich Oppenheimer bearbeiteten, von Maria Gutmann inszenierten Fassung mit Eduard Loibner in der Hauptrolle aufgeführt.

Nach 1945 verarbeiteten u.a. Eva Priester (Begegnung im Morgengrauen, 1955), Franz Xaver Fleischhacker (Cattaro. Roman aus den letzten Tagen der k. und k. Kriegsmarine, 1957) und Alfredo Bauer (in der Pentalogie Die Vorgänger, auf Deutsch 2012) die Thematik. Zudem veröffentlichte B. Frei 1963 nach der Öffnung des Kriegsarchivs unter dem Titel Die Matrosen von Cattaro. Eine Episode aus dem Revolutionsjahr 1918eine überarbeitete Darstellung.


Quellen und Dokumente

Prozessakten digitalisiert bei wk1.staatsarchiv.at.

Der Prozeß in Cattaro. In: Arbeiter-Zeitung, 19.10.1918, S. 4, Die Schuldigen am Weltkrieg. In: Die Rote Fahne, 6.10.1923, S. 1f., N.N.: Der Matrosenaufstand in Cattaro. In: Arbeiter-Zeitung, 31.1.1928, S. 2, Cattaro und der Jännerstreik. In: Die Rote Fahne, 1.2.1928, S. 1f., Cattaro. In: Arbeiterwille, 1.2.1928, S. 1f., Michael Schacherl: Märtyrer des Friedens. In: Arbeiter-Zeitung, 27.11.1930, S. 5.

Zu Bruno Frei: Die roten Matrosen von Cattaro. Eine Episode aus dem Revolutionsjahre 1918 von Bruno Frei. In: Arbeiterwille, 11.10.1927, S. 4, Ludwig Pribil: Die roten Matrosen von Cattaro. Erinnerungen eines Mitkämpfers. In: Die Rote Fahne, 5.2.1928, S. 7, Hermann Wendel: Der Matrosenaufstand von Cattaro. In: Volkspost, 10.3.1928, S.4f., Inserat in: Oesterreichische Buchhändler-Correspondenz, 28.10.1927, S. 4.

Zu Friedrich Wolf: Monty Jacobs: Die roten Matrosen von Cattaro. Volksbühne. In: Vossische Zeitung, 10.11.1930, S. 2, Kunst und politische Verhetzung. Krach während der Aufführung eines Umsturzstückes in Berlin. In: Linzer Tages-Post, 11.11.1930, S. 8, Dur. (d.i. Alfréd Kemény): „Die roten Matrosen von Cattaro“. In: Die Linkskurve 2 (1930), 12, S. 30, Der.: Eine Woche politisches Theater. In: Die Rote Fahne [Berlin], 19.11.1930, S. 13, Schiller Marmorek: „Die roten Matrosen von Cattaro.“ Veranstaltung der Sozialdemokratischen Kunststelle in der Renaissance-Bühne. In: Das Kleine Blatt, 4.12.1930, S. 9, Otto Koenig: „Die Matrosen von Kattaro“. In: Arbeiter-Zeitung, 4.12.1930, S. 6, Edwin Rollett: Renaissancebühne. „Die roten Matrosen von Cattaro“. In: Wiener Zeitung, 5.12.1930, S. 5f., Friedrich Wolf. Die roten Matrosen von Cattaro. In: Die Rote Fahne, 25.12.1930, S. 8, Alfred Alpsler: Friedrich Wolf: Die roten Matrosen von Cattaro. In: Bücherschau. Beilage zur Bildungsarbeit XVIII (1931), S. 59, Die roten Matrosen von Cattaro. Sonderaufführung für IFA im Stuttgarter Schauspielhaus. In: Die Linkskurve 3 (1931), 4, S. 32.

Literatur

Bruno Frei: Neue Forschungen über die Matrosen von Cattaro. In: Weg und Ziel 20 (1962), H. 3, 522f, Simon Loidl: “Zweianhalb Tage waren wir frei.” Zur literarischen und politischen Rezeption des Matrosenaufstands von Cattaro in Österreich. in: JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung (2014), H. 3, 131-152, ders.: Gehorsamsverweigerung – der Matrosenaufstand von Cattaro. In: Mitteilungen der Alfred-Klahr-Gesellschaft 21 (2014), H. 3, 1-5, Sascha Kiefer: „Mehr als erlebt“ – Flottenkrieg und Matrosenrevolte bei Theodor Plivier, Ernst Toller und Friedrich Wolf. In: Sabine Kyora, Stefan Neuhaus (Hg.): Realistisches Schreiben in der Weimarer Republik, 181-192 (2006), Richard G. Plaschka: Avantgarde des Widerstands. Modellfälle militärischer Auflehnung im 19. und 20. Jahrhundert. Bd. 1, 246-256 (2000), Gudrun Klatt: Wolf, Friedrich. In: Simone Barck (Hg.): Lexikon sozialistischer Literatur. Ihre Geschichte in Deutschland bis 1945, 530-533 (1994), Lawrence Sondhaus: Austro-Hungarian Naval Mutinies of World War I. In: Jane Hathaway (Ed.): Rebellion – Repression – Reinvention. Mutiny in Comparative Perspective, 195-212 (2001).

(ME)

Der Ausdruckstanz (AT) entstand als Gegenbewegung zum klassischen Ballett um 1900-1910 u. wurde maßgebl. von dem aus der k.k. Monarchie gebürtigen Rudolf von Laban, der seit 1913 in der Schweiz eine Künstlerkolonie leitete, dem Monte Verità-Kreis, beeinflusst sowie durch Isidora Duncan. Am Monte Verità-Kreis nahmen u.a. die Tanzpädagogin und Tänzerin Mary Wigman (eigentl. Karoline S. Marie Wiegmann) oder Suzanne Perottet teil bzw. wirkten aktiv mit. Parallel dazu entwickelte sich in Wien im Kreis der Schwestern Grete, Elsa und Bertha Wiesenthal sowie rund um Gertrude Bodenwieser, die eigene Tänze bzw. Tanzpantomimen schufen sowie in Theaterstücken der 1920er Jahre mitwirkten, eine österreichische Ausprägung dieser freirhythmischen Tanzform. Bereits 1915 wurde der Anteil Wiens an der mod. Tanzbewegung in der Zs. Sport & Salon (16.1.1915) ausdrücklich hervorgehoben. 1920 würdigte auch der Musikkritiker Julius Korngold das sog. Mimodrama La tarantella de la mort von Julius Bittner aufgrund der tänzerischen Leistung G. Wiesenthals, die „Kunst- und Ausdruckstanz verschmelzend“ (NFP, 8.5.1920,3) dieser Komposition zu einem beachtlichen Erfolg verhalf. Zu den erwähnten Tanzpionierinnen stieß Anfang der 1920er Jahre auch Maria Ley hinzu, die zuvor eine klass. Ballettausbildung genossen hatte, 1919 im Film Prinz und Tänzerin auf sich aufmerksam gemacht hatte u. im Februar 1920 im Großen Konzerthaussaal ihren ersten Tanzerfolg feiern konnte.

Ab 1924 fand der AT auch in die künstlerische Programmarbeit von Volksbildungskonzerten Eingang, z.B. mit eigenen Kursen in Linz und Wien. Die AZ propagierte den Ausdruckstanz 1926 gar als eine „Kulturpflicht jedes neuzeitlichen Mannes und Weibes“, in der Zs. Kunst und Volk wurde eine produktive Verbindung des AT mit der Sprechchor-Bewegung angedacht; 1927 waren sowohl Tanzabende mit internat. Besetzung als auch als Begleitung zu Theaterauff., z.B. zu M. Reinhardts Inszenierung des Sommernachttraums, erstmals prominent im Programm der Salzburger Festspiele vertreten, die sich in den Folgejahren etablierten, 1932 auch mit einem begleitenden AT-Programm zur Jedermann-Auff. 1928 verfilmte Robert Wiene das Theaterstück Die Tänzerin von Melchior Lengyel unter dem Titel Die Frau, die man begehrt, allerdings ohne die angestrebte Tanzwirkung realisieren zu können. Auch in Wedekind-Aufführungen (Lulu, Büchse der Pandora), z.B. 1929 in Graz, kam der AT zur Geltung. Weitere wichtige Vertreterinnen des (freien) (Ausdrucks)Tanzes waren Gertrud Kraus und Elinor Tordis.

Im April 1934 fand schließlich noch ein Internat. Tanzfest in Wien statt, doch der AT war seit Anfang der 1930er Jahre zunehmend von der Bewegung der rhythm. Gymnastik besetzt, litt am Abgang der großen Leitfiguren sowie an einer zunehmenden Kommerzialisierung in Wien, aber auch an der Instrumentalisierung durch den Nationalsozialismus als nationaler ‚Schönheitstanz‘, z.B. anlässl. der Eröffnung der Olymp. Spiele 1936 in Berlin.


Quellen und Dokumente

Tanzabend Maria (Loe) Ley. In: Der Morgen, 1.3.1920, S. 4, Hedda Wagner: Viertes Volksbildungskonzert: Die Entwicklung der klassischen Tanzmusik. In: Tagblatt, 10.1.1925, S. 6, Eugen Guido Lammer: Sport. In: Arbeiter-Zeitung, 11.7.1926, S. 17, Salzburger Festspiele 1927. Die Inszenierung des „Sommernachtstraum“. In: Neues Wiener Journal, 5.8.1927, S. 10, Wolfgang Schumann: Die Sprechchorbewegung. In: Salzburger Wacht, 3.9.1927Fritz Rosenfeldtz Rosenfeld: Filme der Woche [Rez. zu Die Frau, die man begehrt]. In: Arbeiter-Zeitung, 18.3.1928, S. 21, dr. Wbr.: Grazer Theaterbrief. In: Neue Freie Presse, 22.11.1929, S. 14, Salzburg im Generalprobenfieber. Achtundvierzig Stunden vor Festspielbeginn. In: Neues Wiener Journal, 28.7.1932, S. 12, Karl Kobald: Der große Tanzwettbewerb in Wien. In: Neues Wiener Journal, 20.4.1934, S. 7.

Literatur

F. Böhme: Der Tanz der Zukunft (1926); G. Oberzaucher-Schüller (Hg.): Ausdruckstanz. Eine mitteleuropäische Bewegung der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts (1992).

Expressionismus im Tanz. Beitrag bei der-expressionismus.de.

(PHK)

Die AR gilt als eine Form der Revue (mit Nähe zum Cabaret und/oder Variété), in der die einzelnen Nummern z.T. aufwändig (hinsichtlich Bühnenbild, Kostüme, Rezitation, Improvisation, Musik) gestaltet waren. In Österreich fasste sie im Umfeld des Cabaret Fledermaus um 1913 sowie des Varieté- und Musiktheaters Ronacher ab 1909 (mit: Das sündige Wien von Gabor Steiner) und des Programms der Femina-Bar Fuß, in Frankreich bereits früher. Anfang der 1920er Jahre entwickelte sich zunächst Berlin zum Zentrum der verschiedenen Revueformen, u.a. auch der AR. Federführend war hierbei der vom Ballett kommende Eric Charell, der jedoch bereits von der ersten erfolgreichen Revue an, d.h. ab An Alle (1924) mit dem aus Österreich gebürtigen und auch im Wiener Operettenprogramm hochpräsenten Ralph Benatzky zusammenarbeitete. Blickt man in das zeitgenössische Programmangebot, so wird man entdecken, dass bereits im März 1920 die Femina-Revuebühne als „größten Erfolg der Saison“ die Revue Maskenfreiheit präsentierte (Der Morgen, 22.3.1920, 7), gefolgt von der AR Wir streiken nicht im Sept. 1920. 1922 präsentierte die Femina ebf. drei AR: Wien tanzt Shimmy von Hans Pflanzer (1877 -1958), der für die Femina ein gutes Dutzend Revuen schrieb, im April, Die Schönen vom Nachtlokal (mit der Tänzerin Baby Becker) im August und Kein Teufel kennt sich aus (mit Gisela Werbezirk) im Dezember. Letzteres signalisiert, dass auch im Revuebereich später anerkannte, hocherfolgreiche SchauspielerInnen tätig waren. Im Femina-Revue-Programm 1923 trat auch Karl Farkas in der AR Alles aus Liebe als Autor u. Conferencier in Erscheinung, der seit 1921-22 für das Kabarett Simpl ebenfalls Revuen verfasste und z.T. durch sie als Conferencier führte. 1923 signalisiert überhaupt einen Wendepunkt, denn das Ronacher, nun von den Revue-erfahrenen Brüder Schwarz geführt, erzielte zuerst mit der Hart-Farkas-Revue Wien gib acht einen enormen Publikumserfolg und brachte mit Europa spicht davon (22 Bilder, über 200 Mitwirkende) im Mai-Juni 1923 den fortan regen Austausch mit Berlin in Gang. Diese Revue war nämlich ein Gastspiel der Berliner Komischen Oper, wie auch umgekehrt in Berlin zahlreiche Wiener Schauspielern, Librettisten und Komponisten tätig waren (u.a. R. Benatzy, K. Farkas, K. Robitschek u.a.) und Erfolge feierten. Es folgte mit Wien gib Acht die erste Eigenproduktion, die mehrere Monate hindurch bis März 1924 lief. Im Unterschied zu den Berliner Revuen waren jene, die sich in Wien etablierten, zwar weniger pompös-spektakulär, dafür näher an der spezifischen Form der Wiener (Auto)Ironie und Satire sowie der Operette angelehnt. Sie integrierten fallweise auch die habituellen Veränderungen in der Alltagskultur wie dies z.B. in der Femina Revue Mme Revue (Jänner 1924) oder in Alles per Radio (März-April 1924, Ronacher mit dem aufstrebenden russischen Tanzstar Ilona Karolewna), eine ebf. von Farkas wesentlich mitverfasste Revue, der Fall war. Daneben gewannen auch mehr effekthaschende, z.B. im Zirkus Zentral, mit dezidierter Spekulation auf exotistische Erwartungen wie z.B. in der sog. afrikanischen Revue Ägypten (Okt. 1924) an Raum. Seit 1925 kamen auch zunehmend amerikanische TänzerInnen oder sog. GrotesktänzerInnen als potentielle Publikumsmagneten zum Einsatz, z.B. in der Revue Der, die das.

Der Erfolg des Revue-Konzepts hatte auch Auswirkungen auf die zeitgenössische Operettenpraxis, die sich z.T. revueartiger Elemente bediente und, insbesondere das Theater an der Wien, das unter Hubert Marischka als Operetten- und Revuetheater geführt wurde. Ein typisches Beispiel hierfür war die in Wien und anschließend auch in Berlin sehr erfolgreiche Strauss-Fall-Operette Spanische Nachtigall, mit der die Berlinerin Rita Georg 1926 in Wien ihren Durchbruch, ihre Ikonisierung zum Star, erlebte. Vor diesem Hintergrund drängten auch andere Operettentheater in dieses Segment wie z.B. das Bürgertheater oder das Stadttheater. 1926-27 markierten zweifellos den Höhepunkt der klass. AR; mit Wien lacht wieder (über 250 Auff.) und der neu konzipierten Alles aus Liebe (über 430 Auff.) etablierte sich auch das Duo Farkas/Grünbaum als erfolgreiche Revue-Gestalter, begleitet von Benatzky (Musik) und Marischka. Beide Revuen erlebten auch in Berlin, Budapest (leicht adaptiert) und auf anderen europ. Bühnen beachtliche Erfolge bis 1929, als sie wieder nach Wien zurückkehrte. Aber auch in der wichtigen Musikzeitschrift jener Jahre, in den Musikblätter des Anbruch, fand die Revuepraxis und Revuediskussion ihren Niederschlag. So stimmte im Schwerpunktheft ›Tanz in dieser Zeit‹ (März 1926) der renommierte Musikkritiker H.H. Stuckenschmidt ein leidenschaftliches Plädoyer für die Revue an, ein Lob auf ihre Formlosigkeit ebenso wie auf die „Allegorie des Chaos“ oder das „Gegeneinander und Nebeneinander sensualer Effekte“ (MdA, 3/1926, 153-55). P. Pisk hielt in einer AZ-Besprechung über Wien lacht wieder dem entgegen, das Wesen der Revue sei es, vorwiegend „prunkvolle Schaustücke der Uebersättigung“ zu bieten und trotz „Eilzugstempo“ und Versuchen, sich auch politisch zu äußern (s. Völkerbund-Bild) gehe es letztlich um eine „Flucht aus der Wirklichkeit“. Ab 1928 ging zwar die Revue-Produktion zurück, aber das Angebot blieb dennoch vielseitig: allen voran ist die J. Baker-Revue Schwarz auf Weiß im Johann Strauß-Theater in Erinnerung zu rufen, die nicht nur skandalumwittert war, sondern über sie hinaus auch an anderen Positionen hochkarätig besetzt (Armin Berg, Gisela Werbezirk, Nina Payne). Ferner gastierte der Berlin-Import Ohne Kleid – tut mir leid im Bürgertheater, die Wiener Produktion Sie werden lachen im Stadttheater, für deren Erfolg wiederum das Trio Farkas, Lehner, Marischka, unterstützt vom Komiker Max Brod (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Schriftsteller), sorgte (beide kamen auf über 75 Vorstellungen). Im Juni fand schließlich an der Berliner Komödie die z.T. österr. Revue Es liegt in der Luft von Max Reinhardt (Ausstattung E. Pirchhan) ihre Uraufführung, die von der AR weg hin zu einer Art ‚Geist/Esprit-Revue‘ kommen wollte, wie die NFP anerkennend vermerkte (6.6.1928, 13). Revue- aber vielmehr noch Reportage-Elemente wies auch die von L. Lania verfasste und maßgeblich inszenierte „revolutionäre Komödie“ Konjunktur am Berliner Piscator-Theater auf, ohne dass diese in Wien auf größere Resonanz stieß (ausgen. einer Besprechung durch H. Ihering in Der Tag, 15.4.1928, 10-11). Während 1929 nur noch eine neue AR-Produktion Apollo – Apollo als ‚Tonfilmrevue‘ im Apollo-Theater gegeben wurde, ein Tribut an die einsetzende Wirtschaftskrise, kam diese 1930, übrigens auch in Berlin, völlig zum Erliegen. Im diesem Kontext sind auch Überlegungen, z.B. von F. Rosenfeld, zur Verwandtschaft von Tonfilm und AR zu sehen (AZ, 4.3.1931). Gegen den Unterhaltungseffekt und die mitunter kritisch gesehene Girl-Inszenierung –„ Multipliziert man eine nackte Frau mit fünfzig, so ist die Haupthandlung bereits da“ (Geyer, Bühne, 20.9.1928,7), setzte schrittweise auch eine Politisierung der Kleinkunstszene ein, das Politische Kabarett integrierte z.B. auch die Revue-Aspekte in ihr Programm und akzentuierte damit den Variété-Charakter um Couplets und ironische Lied-Überschreibungen (z.B. Schwarz-Weiß-Revue, Dez. 1927; Doll, 156f.).

Auch der unerwartete Erfolg einer sog. Reklame-Revue, Ein Tanz um die Welt, der im sozialdemokratischen Consum-Einkaufsverbund GÖC produziert wurde (Bühnenbild Artur Berger, Mitwirkung der Tänzerin G. Geert) und in Wien auf 64 Vorführungen kam sowie etlichen in Landeshauptstädten wie Graz und Linz, aber auch in Deutschland, der Schweiz und der Tschechoslowakei, ist an dieser Schnittfläche von Unterhaltung, Politisierung und Propaganda anzusiedeln. 1930 folgte dann die GÖC-Revue Flieg mit mir durch Österreich, deren Drehbuch F. Rosenfeld verfasste und dabei von Emmy Freundlich und Fritz Grünbaum unterstützt wurde (Denscher, online). Insgesamt zeigen diese Entwicklungen auch an, dass sich der Revue- und Operettenbetrieb technisierte und amerikanisierte. Farkas verglich in einem Gedicht die Girls (die Mizzis…) schon 1928 mit „Motore unter Vollgas“, Polgar mit militärischen Spielen, Kracauer mit Fließbändern und Rationalisierung. Jedenfalls galt es, auf der Höhe der Zeit und den bühnen-technischen Möglichkeiten zu sein. Dagegen setzte R. Benatzky mit seiner Neubearb. des eigentl. als Singspiels deklarierten, aber auch als AR wahrgenommenen Stücks Im weißen Rössl (UA Nov. 1930 Berlin, EA in Wien am 25.9.1931) insbes. im Musikalischen einen eher konservativen, aber ungemein publikumswirksamen Akzent (in London lief die engl. Fassung bis 1932 über 600 Mal!). Aber auch im Kleinen war der Druck spürbar: etablierte Kabarett-Bühnen wie das Wiener Simplizissimus suchten sich z.B. Anfang der 1930er Jahre neu zu positionieren, u.a. mit dem Typus der Kabarett-Revue (Die Stunde, 27.8.1931,7), das Colosseum im März-Mai 1932 mit Das lebende Magazin bzw. im Sept. mit Wie kommt man zu Geld. Varietè-Bühnen wie das Moulin Rouge wurden ebenfalls aktiv und gewannen z.B. K. Farkas, der dort Küßt österreichische Frauen, eine  „lustige“ AR drei Monate lang spielte.

1933 wurden die AR einerseits der neuen Österreich-Ideologie untergeordnet, man denke nur an die Roda-Roda-Adaption O, du mein Österreich (Farkas/Marischka; Klösch,203), andererseits deutlich trivialisiert, wovon auch die Koryphäen Grünbaum und Farkas mit ihren Produktionen Hurra wir lieben bzw. Verliebe Dich täglich betroffen waren, aber trotzdem weiterhin tätig blieben, 1934 z.B. in der Moulin Rouge-Revuebühne mit Sonne im Herzen. 1935 ereignete sich im Zuge einer Vorstellung der AR Maya ein Unfall (Treppeneinsturz), der aber glimpflich ausging, ansonsten war das Programm sehr bescheiden (Landsleut‘ – Landsleut‘ im Colosseum) und nur durch ein vierwöchiges Gastspiel der Broadway Follies im Ronacher aufgeputzt, – eine (Abwärts)Tendenz, die sich auch 1936-37 fortsetzte. 1938 war ein großer Teil der mitwirkenden Künstler gezwungen Österreich zu verlassen; trotzdem sollte es auch weiterhin und z.T. auf den bekannten Bühnen (z.B. Femina) entsprechende, d.h. angepasste Revueprogramme geben.


Quellen und Dokumente

http://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_R/Revue.xml

B. Denscher: Die Revue im Dienst der Reklame. Online unter:  https://www.austrianposters.at/2018/08/18/die-revue-im-dienste-der-reklame/

G. Steiner: Die Revue und ihre Vorläufer. In: NWJ, 22.6.1930, S. 18-19; Programmankündigung: Kein Teufel kennt sich aus (Femina-Bar, mit G. Werbezirk); in: NWTBl. 12.12.1922, 14; E. v. Hardt in: Alles aus Liebe (K. Farkas/F. Lehner). In: Der Humorist, 8.4.1923, S. 2; Europa spricht davon. Gastspiel der Komischen Oper Berlin (Programmankündigung).In: NFP, 9.5.1923, S. 16; Alles per Radio (Ronacher, mit Tänzerin I. Karolewna). In: Das interessante Blatt, 3.4.1924, S. 8; Der, die, das. (Ronacher, mit I. Karolewna); in: NFP, 2.9.1925, S. 7; Rita Georg, der neue Operettenstar. In: Die Bühne, H.76/1926, S. 6; Wien lacht wieder (Farkas/Grünbaum). In: Der Tag, 23.6.1926, S. 8; P.P.[isk] über Wien lacht wieder. In: AZ, 6.10.1926, S. 9; F. Grünbaum mit Wiener Girls (Foto). In: Die Stunde, 6.10. 1926, S. 1; Alles aus Liebe. Neubearb. mit Rowe Sisters. In: Das interessante Blatt, 22.9.1927, S. 13; Schwarz auf Weiß. (Baker-Revue, mit Fotos von J. Baker u. N. Payne). In: Das interessante Blatt, 8.3.1928, S. 18; S. Geyer: Kleine Bemerkungen zur Revue. In: Die Bühne, H. 202/1928, S. 7-8; Es liegt in der Luft (M. Reinhardt-Revue); in: NFP, 6.6.1928, S.13; K. Farkas. Generalprobe der Revue… (Gedicht). In: Wiener Sonn- und Montags-Zeitung, 8.10.1928, S. 16; Sie werden lachen. (K. Farkas u.a.) In: NFP, 10.10.1928, S. 9-10; Apollo! Apollo! (Tonfilmrevue). In: Wiener Zeitung, 27.11.1929, S.7; Flieg mit mir durch Österreich. In: Die Unzufriedene, 20.12.1930, S. 6; Ein neues Genre: Die Kabarettrevue. In: Die Stunde, 27.8.1931, S. 7; Der König der Vagabunden (Tonfilm und Ausstattungsrevue). In: AZ, 4.3.1931, S. 6; F. Grünbaum/A. Kaps: Verlieb Dicht Täglich (AR-Inserat, Moulin Rouge). In: Die Stunde, 31.8.1933, S. 3; Sonne im Herzen (AR, K. Farkas). In: NWJ, 23.5.1934, S. 11;

Literatur

J. Doll: Vom roten Variété zur politischen Revue. In: ders.: Theater im roten Wien. Vom sozialdemokratischen Agitprop zum dialektischen Theater Jura Soyfers. Wien 1997, 155-210; Ch. Klösch: unterhaltung im übermaß. Die große Zeit der Revue. In: W. Kos (Hg): Kampf um die Stadt. Wien 2010, 198-205; J. Lehne: Massenware Körper. Aspekte der Körperdarstellung in den Ausstattungsrevuen der zwanziger Jahre. In: M. Cowan, K.M. Sicks (Hgg.): Körper in Kunst und Massenmedien 1918 bis 1933. Bielefeld 2005/ Berlin 2015, 264-278.

(PHK)

Der AM gilt vielfach zwar als nicht exakt umrissener Begriff, zugleich aber als anerkanntes und kennzeichnendes politisch-theoretisches Gebäude des Marxismus mit Schulcharakter, das namhafte Denker und politische Repräsentanten der österr. Sozialdemokratie (SDPÖ) seit etwa 1904-05 entwickelt haben. In dieses Jahr fiel der Beginn der unregelmäßig erscheinenden Reihe ›Marx-Studien‹ (Bd. 1 bis Bd. 5.1, 1923), die von Max Adler und Rudolf Hilferding eingerichtet, geleitet und von Karl Kautsky kritisch begleitet und rasch über Österreich hinaus, auch durch spätere Revolutionäre und Kritiker wie Lenin und Trotzki, rezipiert wurde. Nach 1919 stellte sich jedoch angesichts des Drucks durch die Russische Oktoberrevolution und weitere revolut. Bewegungen in Deutschland (Spartakus, Münchner Räterepublik) sowie in Ungarn einerseits und des zunehmend reformistischen und antirevolutionär-autoritären Kurses der deutschen Sozialdemokratie andererseits für die SDPÖ die Frage einer eigenständigen Positionierung zwischen diesen Frontlinien. Das Bestreben war dabei, sowohl revolutionäre, dem klassischen Marxismus verpflichtete als auch reformistische Programmatik und Projekte, die aus dem ethischen Anspruch des AM nach Erziehbarkeit des Menschen rührten, zu einer Synthese zu führen. Eine Umgestaltung der Gesellschaft hin zu einer sozialistischen lautet zwar das zentrale Fernziel; diese müsse jedoch auf legalem Weg gemäß der These der prinzipiellen Vereinbarkeit von Sozialismus und Demokratie erfolgen. In der Praxis führte dies dazu, dass der AM revolutionäre Positionen proklamierte, diese aber in der Umsetzung insofern modifizierte, oder, je nach Standpunkt, verriet. Letzteres war z.B. die Ansicht der meisten kommunistischen Kritiker, weil der AM vor dem Mittel der Gewalt zurückschreckte und daher zu Konzessionen bzw. Aushandlungsprozessen mit der Bourgeoisie gezwungen war. Die erste Nagelprobe stellte sich mit der Aufforderung seitens Bela Kun, auch in Österreich 1919 eine Räterepublik auszurufen und somit die ungarische wie die Münchner Revolution zu stärken, zumal bereits ein funktionsfähiges Netz von Arbeiter- und Soldatenräten existierte, was jedoch vom sozialdemokr. Parteivorstand abgelehnt wurde. O. Bauer begründete diese Absage in einer Artikelserie in der AZ mit der Abhängigkeit von Lebensmittellieferungen und drohendem ökonomischen Embargo in einer ohnehin schwierigen Lage, ähnlich argumentierte auch F. Adler in einem (Absage)Brief an Trotzki.

Da sich im Zuge der Nationalratswahl von 1920 mittelfristig keine Aussicht auf eine Umgestaltung Österreichs zu einer sozialistischen Gesellschaft abzeichnete, konzentrierten sich die Parteiführung wie die Theoretiker und Praktiker des AM darauf, dies in den realen Einflussbereichen der SDPÖ, insbesondere in Wien, alternativ zur konservativen, christlichsozialen Politik, umzusetzen, woraus das Projekt ›Rotes Wien‹ entstand. Für die KPÖ bot dies bereits Ende 1919 den Anlass, in eine Dauerpolemik gegen die SDPÖ einzutreten und den AM als „Theorie der Anpassung an jede Schweinerei“ (Rote Fahne, 12.12.1919, 3) plakativ zu denunzieren, die danach auch durch die bürgerliche Presse, z.B. am 23.6.1923 im NWJ, aufgegriffen wurde. Das Dilemma brachte der deutsche KP-Politiker und Nachlassverwalter Rosa Luxemburgs, Paul Frölich, in einer 1924 vorgelegten Schrift wie folgt auf den Punkt: „…daß ihr Radikalismus stets genau bis zu dem Punkt geht, wo er sich in revolutionäre Tat umsetzen müßte. Dort macht er mit geschicktem Sophismus eine Wendung, durch die jede reformistische Schweinerei gerechtfertigt wird (RF,13.8.1924). Die meisten dieser Kritiker übersahen dabei, dass die Denker des AM sich vor die Herausforderung gestellt sahen, dass die klassische, von Marx und Engels (mit Blick auf die Verhältnisse um 1850-60) entwickelte Theorie des dialektischen Materialismus als „philosophische Theorie von der Materialität der Welt, vom Verhältnis von Materie und Bewußtsein“ (Marx.-leninisit. Wörterbuch, 1972) den Anforderungen der Moderne, den Erkenntnissen moderner Wissenschaften (z.B. dem Mach’schen Empiriebegriff) und den polit. Erfahrungen seit 1914 bzw. 1918 nur mehr bedingt korrespondierten. Max Adler hat daraus bereits 1908 im ›Kampf‹ mit expliziter Bezugnahme auf Marx u. Engels die dialekt. Methode als Basis der materialist. Geschichtsauffassung in Richtung eines Eingreifmodells für „menschliche Praxis“ auszuweiten versucht und dieses mit neukantian. Ethik-Vorstellungen verknüpft. Seine, aber auch Bauers, Renners und Kautskys Beiträge zum AM haben in den frühen 1920er Jahren eine Reihe von Intellektuellen unterschiedlichster Provenienz angeregt, sich mit dem (später als ›Dritten Weg‹ bezeichneten) AM und seinen durchaus pluralistischen Ansätzen auseinanderzusetzen, man denke nur an H. Brochs Besprechung von Adlers Schrift Marx als Denker, Engels als Denker (1922) oder G. Lukács‘ Erstfassung von Geschichte und Klassenbewußtsein (1923), die in Wien entstanden ist, wo er übrigens auch wieder auf Sigmund Kunfi, zuvor Minister der ungar. Räterepublik und dann Mitarbeiter am ›Kampf‹ getroffen ist. Auch das Marx gewidmete H. 3/1923 der Zs. Kampf dokumentiert, in welcher Weise der AM einerseits dessen Gedanken und Utopien verbunden blieb, andererseits diese produktiv auf die Zeitbedingungen auszuweiten suchte.

E. Glaser hat in seiner Studie auch das breite Umfeld der verschiedenen Ansätze des AM sowie dessen Auswirkungen auf zeitgenöss. wissenschaftstheoret. Debatten u. Arbeiten, auf die Ausdifferenzierung der Psychoanalyse (A. Adler, S. Bernfeld, P. Federn, W. Reich u.a.), die Soziologie, Pädagogik, bei letzterer wiederum insbes. die Idee des ›Neuen Menschen‹ sowie die Frage der Volks- und Arbeiterbildung betr., schließlich auf die Kunst und Literatur (z.B. im Umfeld des Programms der Sozialistischen Bildungszentrale/Kunststelle), des Films und der Architektur dokumentiert.

In das Interessensfeld der linken wie der bürgerlich-konservativen Öffentlichkeit rückte der AM anlässlich der Diskussionen über das neue Parteiprogramm, dem sog. Linzer Programm (LP, verabschiedet im Nov. 1926), sowie im Zuge der Ereignisse vom Juli 1927. Das LP wurde von der SDPÖ explizit als konkrete Strategie zur Eroberung der Staatsmacht auf legalem Weg und somit als potenzielle Erfüllung der austromarx. Staatsvorstellung angesehen:  „…In der demokratischen Republik beruht die politische Herrschaft der Bourgeoisie nicht mehr auf politischen Privilegien, sondern darauf, daß sie mittels ihrer wirtschaftlichen Macht, mittels der Macht der Tradition, mittels der Presse, der Schule und der Kirche die Mehrheit des Volkes unter ihrem geistigen Einfluß zu erhalten vermag. Gelingt es der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, diesen Einfluß zu überwinden, die manuellen und die geistigen Arbeiter in Stadt und Land zu vereinigen und der Arbeiterklasse die ihr nahestehenden Schichten der Kleinbauernschaft, des Kleinbürgertums, der Intelligenz als Bundesgenossen zu gewinnen, so gewinnt die sozialdemokratische Arbeiterpartei die Mehrheit des Volkes. Sie erobert durch die Entscheidung des allgemeinen Wahlrechtes die Staatsmacht.“ (mehr hier) Im Vor- bzw. Umfeld des guten Wahlergebnisses für die SDPO Ende April 1927 (43% Stimmenanteil, stärkste Partei im Parlament) versuchte die KPOe, zumindest publizistisch, den Druck auf die Sozialdemokratie zu erhöhen, indem sie einerseits in Beiträgen, u.a. von J. Straßer, in der Roten Fahne den AM als reformistischen Kurs anprangerte, andererseits die sofortige Einlösung der Wahlversprechen und einen offensiveren Anspruch auf die Machtfrage verlangte. Auch auf bürgerlicher u. klerikaler Seite wurde der AM dämonisiert; z.B. forderte im Vorfeld der Wahlen vom April 1927 das ›Korrespondenzblatt für den katholischen Klerus‹ dazu auf, in Predigten den AM als den „Antichrist des zwanzigsten Jahrhunderts“ offensiv anzuprangern. Das NWJ brachte zudem am 20.4.1927 eine lange Glosse mit dem amerikan. Journalisten Ch. J. Freeeman, in der dieser den AM als Bewegung „moskauischer Färbung“ denunzierte und im Fall einer absolut. Stimmen- u. Mandatsmehrheit der SDPÖ Widerstand seitens der westl. ‚Kulturnationen‘ in Aussicht stellte. Die blutige Niederschlagung der Protestkundgebung vom 15. Juli besiegelte allerdings die Handlungsunfähigkeit der radikal-mächtigsten, wenngleich auch rational agierenden Sozialdemokratie Europas; sie schränkte in der Folge den Bewegungsspielraum im Roten Wien ein und höhlte damit die programmat. Wirkung des AM schrittweise aus, ungeachtet des Versuchs, diesen in einem klärenden AZ-Beitrag (3.11.1927) nach mehreren erlittenen polit. Demütigungen als erfolgversprechende Strategie nochmals zu positionieren. In zwar nachvollziehbaren, tw. auch luziden Analysen zum 15. Juli 1927 haben in der Zs. Der Kampf repräsentative Stimmen (S. Kunfi, O. Leichter, K. Heinz u.a.) das Dilemma, in das die SDPÖ geschlittert war, d.h. stärkste polit. Kraft auf legalem Weg geworden und doch nahezu ohnmächtig in der polit. Konfrontation zu sein, nachgezeichnet und analysiert. Einen Angelpunkt bildete dabei gerade das – aus bürgerl.-konservat. Sicht – Schreckgespenst des AM, der als Klassenkampfdrohung wahrgenommen u. z.T. bewusst missverstanden, missdeutet worden sei, indem man ihm und der Partei eine tendenziell antidemokrat. Perspektive zusprach. De facto war es aber die politische Praxis der Gegenwart, der Kurs des Roten Wien, im Besonderen dessen Sozialpolitik, die sog. Breitner-(Luxus)Steuern oder der Mieterschutz und der soziale Wohnbau, für Teile der bürgerl. Presse eine „Fürsorgeinflation“ (O. Leichter), welche die Entfremdung vertieft haben. Sichtbar wurde dies im Abbruch der fast schon ausverhandelten Schulreform. Das Konzept, wonach „Reform und Revolution nicht Gegensätze sind, die einander ausschließen“ sondern durch konkrete Praxis neue Perspektiven eröffneten (später als ‚Dritter Weg‘ Orientierung für eine unorthodoxe europ. Linke), war schlicht inakzeptabel und führte auf bürgerl. Seite zu einer massiven Abwehrfront unter zunächst verdeckter, dann direkter Einbindung der Heimwehren. Bei aller Luzidität der Analysen und der Kritik wurde an der grundsätzlichen Richtigkeit der strategischen Ausrichtung des AM festgehalten und v. a. im AZ-Leitartikel nach dem Wiener Parteitag (Oktober 1927) der Gedanke der Einheit als einer der zentralen Maximen mit großem Ernst, verteidigt, während die bürgerlichen Regierungskoalitionen alles daran setzten, den Bewegungsraum des AM und des Roten Wien sukzessive und  am Rande des Legalen einzuschränken. Der Heeresminister Vaugoin drängte z.B. sozialdemokr. Offiziere 1928 aus dem Bundesheer, was die RF mit Häme quittierte; F. Austerlitz veröffentlichte eine Artikelserie im Grazer Arbeiterwillen, in dem er die AM-feindliche Haltung des Bürgerblocks darlegte und anprangerte. Im bekannt SDPÖ-kritischen NWJ steigerte sich ab 1928-29 die polemische Ausrichtung; so wurde dem AM das ‚staatstragende‘ Verhalten der deutschen Sozialdemokragten in der umstrittenen Panzerkreuzerfrage vorgehalten und der AM als gefährliche „Extratour“ denunziert, der Ausgrenzung (durch den sog. Bürgerblock) verdiene; (NWJ, 4.10.1928, 1-2). Im Juni 1929 verunglimpfte das ehemalige KPÖ-Mitglied, dann altösterr. Lustspielautor (und bald, d.h. ab 1936, Mitglied der Reichsschrifttumskammer) Hanns Saßmann, ähnlich wie steirische Heimwehrredner, in einem Beitrag den AM als „Betrug“ bzw. bolschewistische Agitation; im Dez. desselben Jahres folgte eine Würdigung des für die Toten vom 15.Juli 1927 mitverantwortlichen ehem. Polizeipräsidenten u. späteren Bundeskanzler J. Schober gerade mit Bezug auf dessen Leistungen in der Unterdrückung des AM als „Filiale Moskaus“ (NWJ, 6.12.1929, 2). Am 15.7.1930 verstieg sich das NWJ sogar zur Behauptung, der AM sei für den Mob 1927 verantwortlich gewesen; dank der Allianz aus Schober und der Heimwehr hätte eine anstehende Diktatur abgewendet werden können. In diese Kampagne, die u.a. auch die Verfassungsreform von Ende 1929 als Erfolg gegen das Rote Wien feierte, reihte sich naturgemäß auch die Reichspost, Organ der Christlichsozialen Partei, ein.  Zu dieser Kritik von rechts gesellte sich jene der Roten Fahne, die den AM und die SDPÖ eine Komplizenschaft mit der von der Heimwehr gestützten Regierung Vaugoin unterstellte und die zeittypische Losung vom ›Sozialfaschismus‹ ausgab. So standen die Wahlen vom Nov. 1930 unter dem Vorzeichen einer versuchten weiteren Demütigung der SDPÖ und des AM und einer in Defensive geratenen Sozialdemokratie, wie die aufgeheizte polit. Rhetorik im Wahlkampf ungeschminkt zeigte. Zwar brachte die Wahl dann eine geringfügige Stärkung der SDPÖ in Wien (703.428 von 1.192.000 Stimmen), aber eine ebenso geringfügige Schwächung auf Bundesebene, zu der allerdings eine Stärkung der mit den Christlichsozialen verbündeten Heimwehr (sowie eine Erstarkung der NSDAPÖ) gegenüberstand. Anlässlich des Juligedenkens 1931 gestand die AZ schließlich ein, dass die Bewegung in den letzten Jahren vor dem Hintergrund des Anwachsens faschistischer Bewegungen u. Politik (in und außerhalb Österreichs), in die Defensive geraten sei und somit indirekt, dass der AM zu einem politisch nahezu wirkungslosen Instrument geworden war, obwohl man sich insofern weiter zu ihm bekenne als es gelte, die Errungenschaften des Roten Wien zu verteidigen. Aus der politischen Semantik verschwand der Begriff ab 1929-30 zunehmend, wie die Beiträge oder Stichwortregister der Programmzeitschrift Der Kampf belegen.


Quellen und Dokumente

O. Bauer kontra O. Bauer. In: Rote Fahne (RF), 13.8.1924, S.1-2; Feier zu Ehren Kautskys. In: Arbeiterwille, 18.10. 1924, S.2-3; W. Schlamm: Der Weg zum Sozialismus. In: RF, 7.11.1925, S. 5; N.N.: Ein Jubiläum des Austromarxismus. In: AZ, 5.1.1927, S. 1-2;

Das roten Wien. online verfügbar unter http://www.dasrotewien.at/seite/austromarxismus

Literatur

N. Leser:  Zwischen Reformismus und Bolschewismus. Der Austromarxismus als Theorie und Praxis. Wien 1968, 21985; H.-J. Sandkühler, R. de la Vega (Hgg.): Austromarxismus. Texte zu ‚Ideologie und Klassenkampf‘ von Otto Bauer, Max Adler, Karl Renner, Sigmund Kunfi, Béla Fogarasi u. Julius Lengyel. Wien 1970; A. Pfoser: Literatur und Austromarxismus. Wien 1980; E. Glaser: Im Umfeld des Austromarxismus. Ein Beitrag zur Geistesgeschichte des österr. Sozialismus. Wien-München-Zürich 1981; D. Albers: Versuch über Otto Bauer und Antonio Gramsci. Zur politischen Theorie des Marxismus, Berlin 1983; R. Löw/S. Mattl / A. Pfabigan: Der Austromarxismus. Eine Autopsie. Frankfurt 1986; Ch. Butterwege: Austromarxismus und Staat. Politiktheorie und Praxis der österreichischen Sozialdemokratie zwischen den beiden Weltkriegen. Marburg 1991; A. Pelinka (Hg.): Zwischen Austromarxismus und Katholizismus. Wien 1993; Peter Goller: Otto Bauer – Max Adler. Beiträge zur Geschichte des Austromarxismus (1904–1938). Wien (Schriften der A. Klahr Gesellschaft) 2008; W. Baier (Hg.): Otto Bauer und der Austromarxismus: Integraler Sozialismus und die heutige Linke (Schriften der Rosa-Luxemburg-Stiftung), Berlin 2008; K. Czernetz, E. Tomaselli (Hgg.): Kritik des Austromarxismus. Aufstand der Vernunft. Wien 2016.

(PHK)

In Vorbereitung/in preparation

in Vorbereitung/in preparation

Dieser vom Bund deutscher Schriftsteller Österreichs, einer 1936 gegr. und von Max Mell geleiteten Tarnorganisation der NS-Kulturpropaganda in Österreich herausgegebene Sammelband, begrüßte enthusiastisch den gerade erfolgten Anschluss, d.h. die Okkupation und Einverleibung Österreichs in das Deutsche Reich.

Es versammelte 71 Autorinnen und Autoren in alphabetischer Reihenfolge, darunter bekanntere und seit 1933 mehr oder weniger offen mit dem NS sympathisierende, mitunter auch im Ständestaat als Österreich-Patrioten sich deklarierende Stimmen wie z.B. R. Billinger, F. K. Ginkey, P. Grogger, M. Jelusich, A. T. Leitich, H. H. Ortner, J. F. Perkonig, K. H. Strobl, F. Tumler, K. H. Waggerl u.a.m.

Das Geleitwort stammt von Max Stebich; in diesem hob er hervor, wie „unermüdlich und unbeirrbar, mutig und opferbereit“ jene Schriftsteller durch ihr Werk und Wirken dazu beigetragen hätten, „den Weg zur Befreiung ihres Volkes“, d.h. den Weg in ein „Deutschland, das alle umfasst“ , vorzubereiten. Diese „Sänger deutschen Heldentums“, die 1934-38 zum Teil als Staatspreisträge auch Sänger des autoritären bzw. austrofaschistischen Ständestaates waren, und zu einem erstaunlich hohen Anteil auch nach 1945 wieder Positionen bekleiden sollten (man denke nur an F.K. Ginzkey, J.F. Perkonig, F. Schreyvogl oder K.H. Waggerl), neigten sich „freudig bewegt“ vor der „Heimkehr in das Deutsche Reich.

Das Bekenntnisbuch zeige insofern unmissverständlich, so z.B. laut Vorarlberger Tagblatt, „was die Ostmarkdeutschen des großen Jahres 1938 gedacht und gefühlt haben“.


Quellen und Dokumente

Bekenntnisbuch deutscher Dichter. In: Neues Wiener Tagblatt, 26.6.1938, S. 27, Bekenntnisbuch deutscher Dichter. In: Vorarlberger Tagblatt, 6.7.1938, S. 6f.

Literatur

K. Amann: Literaturbetrieb in der ‚Ostmark‘ (1938-1945). Vermessungen eines unerforschten Gebietes. In: ders.: Die Dichter und die Politik. Essays zur österreichischen Literatur nach 1918 (1992), 113-128; U. Baur, K. Gradwohl-Schlacher (Hgg): Literatur in Österreich 1938-1945: Handbuch eines literarischen Systems. Wien u.a. 2018; I. Dirkhammer, P. Janke (Hgg.): Die ‚österreichische‘ nationalsozialistische Ästhetik. Wien u.a. 2003; K. Gradwohl-Schlacher: Ein ostmärkisches Sittenbild. Die Causa Max Stebich (Online verfügbar), G. Renner: Österreichische Schriftsteller und der Nationalsozialismus (1933-1940). = Sonderdr. Archiv Gesch. des Buchwesens 27(1986) auch abgedr. in: F. Stadler (Hg.): Kontinuität und Bruch. 1938-1945-1955. Wien-Münster 2003.

(PHK)

Die B. oder Isotypie (engl. für: International System of Typographic Picture Education) wurde ab Mitte der 1920er Jahre von Otto Neurath und seinen Mitarbeitern im Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum der Stadt Wien, insbesondere Marie Reidemeister (später: Neurath) und Gerd Arntzen, im Sinn einer Sozial-Statistik entwickelt und Teil des erzieherischen Bildungsprogramms des Roten Wien war. Aufgrund dieses Kontextes wird sie auch als Bildpädagogik bezeichnet. Sie baute auf Piktogrammen, d.h. graphischen Darstellungen mit Informationscharakter auf, die durch Kombinationsregeln verknüpft wurden und klar erkennbare anthropologische Symbole bzw. Grundfiguren des Visuellen, verwendeten. Die ersten und vorrangigsten Einsatzgebiete waren Ausstellungen, die auf diese Weise illustriert und zur Kommentierung aufforderten. Später kamen Kataloge und wissenschaftliche Arbeiten, ab 1929 auch Kinderbücher, dazu. Umfasste die Isotype Sammlung 1927 erst rund 50 variabel kombinierbare Zeichen, so wuchsen diese bis 1940, insbes. dank G. Arntzen, auf 1140 an.


Werk

Otto Neurath: Gesellschaft und Wirtschaft. Bildstatistisches Elementarwerk (1930) (Online verfügbar)

Quellen und Dokumente

G.P.: Bildstatistik als Vervollkommnung und Popularisierung der Statistik. In: Salzburger Wacht, 2.1.1928, S. 3, L. Birkenfeld: Aus dem Laboratorium des Bildungsreferenten. Die bildstatistische Methode in der Arbeiterschule. In: Bildungsarbeit 1931, 69-70.

Annonce in: Österreichische Buchhändlercorrespondenz, 31.10.1930, S. 281.

Literatur

Angelique Groß: Die Bildpädagogik Otto Neuraths. Methodische Prinzipien der Darstellung von Wissen. (Veröffentlichungen des Instituts Wiener Kreis, 2015); Friedrich Stadler: Der Wiener Kreis: Ursprung, Entwicklung und Wirkung des Logischen Empirismus (2015), 356-362; Elisabeth Nemeth: Ein kritischer Blick auf Neuraths Bildstatistik. Lucien Fevre über Gesellschaft und Wirtschaft. In: C. Bonnet, E. Nemeth (Hgg.): Wissenschaft und Praxis 22 (2016), 127-149; Günther Sandner: Isotype. Visuelle Erziehung und Politik. In: JUNI. Magazin für Literatur und Politik, Bd. 55-56: Eine gefährliche Strasse. Mediale Produktion, Revolutionen und Diskussionen im frühen 20. Jahrhundert. Hgg. von G. Ackermann u. W. Delabar. Bielefeld 2019, 223-240.

W. Ritschl: Worte trennen, Bilder verbinden (Online verfügbar).

Darstellung des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums (Online verfügbar).

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