Geb. 9.4. 1874 in Wien, gest. 9.1.1939 in Wien; Komponist, Musikkritiker, Musikfeuilletonist, Librettist, Beamter

In einer Richter-Familie geboren und aufgewachsen absolvierte B. zunächst ebenfalls ein Jusstudium, interessierte sich aber auch für Musik, die er bei Josef Labor (1842-1924; https://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_L/Labor_Josef.xml)  nebenher studierte. Seine Wagner-Begeisterung führte ihn zum ›Wiener Akadem. Wagner-Verein‹; alsbald wandte er sich auch der Musik G. Mahlers zu sowie der Tradition des Wiener Singspiels und der Volksoper, was ihm den Beinamen ›Anzengruber der Musik‹ eintrug. Seit 1910 arbeitete er an der Musik- und Kulturzs. Der Merker mit, 1917-22 war er auch dessen Mitherausgeber. Mit der Oper Die rote Gred, einem effektvollen Werk über eine fahrende Dirne, erregte er 1907-08 erstmals größere Aufmerksamkeit und mehrheitl. Zustimmung, ausgenommen von Seiten D. Bachs, mit dem er später in der Herausgabe des Merker jedoch gut zusammenarbeiten wird. Milder urteilte Elsa Bienefeld im NWJ, die das Libretto als „ausgezeichnet“ fand, in der Komposition jedoch trotz einzelner effektvoller Lieder und noch den Dilettanten erblickte. Immerhin wurde das Werk von G. Mahler für das Hofoperntheater angenommen. Mit den nachfolgenden Opernstücken Der Musikant  (1910) bzw. Der Bergsee, letzteres 1911, sowie mit Das höllisch Gold (1916) gelang ihm der Durchbruch als Dichter und Komponist. Insbes. letzteres wurde z.T. hymnisch aufgenommen, obwohl bzw. weil es inmitten des Ersten Weltkriegs auch antisemitische Klischees (Wucherjude) bediente und zugleich in legendenhafter Weise zu relativieren suchte. Zum Erfolg der Uraufführung in Darmstadt im Okt. 1916 trug maßgeblich auch das Dirigat von F. Weingartner bei; bis 1918 wurde Das höllisch Gold auf fast allen größeren und mittleren Opernbühnen im deutschsprach. Raum aufgeführt. 1917 folgte mit dem Singspiel Der liebe Augustin eine typische Wiener Komposition, für die er 1919 den Raimund-Preis erhielt. Die Kritik sah in ihm zunehmend einen ›Dichterkomponist‹ (B. verfasst die Libretti selbst). Im Mai 1919 wurde Bittner, seit längerem im Gerichtsdienst tätig, neben K. Schönherr zu einem der Vorsitzenden der neu gegr. ›Genossenschaft der dramatischen Schriftsteller und Komponisten‹ gewählt, in deren Vorstand auch F. Dörmann, L. Jacobson, E.W. Korngold, F. Lehar, F. Salten, A. Schnitzler u. andere Künstler und Autoren vertreten waren. Im selben Jahr engagierte sich B. auch für die Neufassung des Urheberrechts und legte dazu eine Denkschrift in der Zs. Der Merker (H.1/1920-3-6) vor. Im April 1920 richtetet B. namens der Genossenschaft an alle Theaterdirektoren ein Schreiben, in dem er die Abrechnungspraxis der Tantiemen, meist zu Ungunsten der Autoren/Komponisten ausgelegt, beanstandete und um entsprechende Korrekturen ersuchte. Ab Sept. 1920 tritt B. auch als Feuilletonist der NFP in Erscheinung. 1921 legt er mit der Oper Die Kohlhaymerin wieder ein dem Genre der Volksoper aus dem alten Wien zurechenbares Werk vor. Sowohl J. Korngold als auch F. Scherber für die dt. Zs. ›Signale für die musikalische Welt‹ lobten das Libretto; insbes. Korngold strich heraus, dass Bittner das Wienerische opernfähig gemacht habe, aber beide äußerten hinsichtlich des Musikalischen leichte Vorbehalte, wenn sie sich auch vom Erfolg der UA am 9.4. 1921 in der Staatsoper beeindruckt zeigten. Anlässlich der Republikfeier 1922, die dem Andenken an V. Adler gewidmet war, wurden auch einige Orchesterlieder Bittners, neben Werken von F. Salmhofer und A. Schönberg (!) im Zuge eines Arbeitersymphoniekonzerts aufgeführt. Zugleich mit der von B. erbetenen Versetzung in den Ruhestand wurde ihm am 16.12. der Titel Hofrat durch den Bundespräsidenten Miklas verliehen. 1923 zog es B. erstmals ins Genre der Operette, er komponierte die Musik für Die arme Kaiserin; das Libretto kam von Paul Frank sowie für Die silberne Tänzerin (Libretto: Hirschfeld/Frank). Im Sept. dess. Jahres kam der neueingerichtete Liebe Augustin im Raimundtheater zu seiner zweiten Wiener Aufführung und erzielte einen bedeutenderen Erfolg als 1917 (am 28.2.1925 wurde er auch via Radio Wien ausgestrahlt). 1924 folgte, nach einem symphonischen Werk (F-Moll), die Wachau-Opernlegende Das Rosengärtlein; 1925 komponierte er die Große Messe mit Te Deum, erhielt den Kunstpreis der Stadt Wien für sein Lebenswerk, wurde Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und feierte mit einer Neuinszenierung von Höllisch Gold einen weiteren, späten Erfolg, einen, in dem P. Stefan eine Entwicklungslinie hin zur „Oper von Morgen“ zu erblicken wähnte. Den Blick in die Zukunft verknüpfte B. in den 1920er Jahren oft auch mit einem Eintreten für eine Öffnung der Musik hin zum Volk und der Förderung von Talenten aus diesem wie ein programmat. Beitrag unter dem Titel Proletarische Musik deutlich macht (AZ, 22.6.1926). Im Okt. 1926 stellte er sein erstes Ballett, Stock im Eisen, fertig, das er der Staatsoper übergab (Auff. nicht nachgewiesen), im Nov. wurde ihm eine Stelle als Musikkritiker in Berlin angeboten, die er dann aber nicht annahm. Im selben Jahr übernahm er auch den Vorsitz des in Wien gegr. Verein für neue Musik, der österr. Sektion der IGNM. 1927 komponierte er eine neue Musikfassung zu Nestroys Zu ebener Erde und erstem Stock unter Benützung von A. Müller-Motiven für das Burgtheater, zu Jahresende folgte die Musik zur neu bearb. Fassung von Raimunds Der Diamant des Geisterkönigs (UA, 31.12.1927) und im Nov. nahm er an der Protestaktion gegen die Ravag (zum Schutz des geistigen Eigentums) an der Seite von R. Auernheimer, O. M. Fontana, E. Lothar, R. Musil u. A. Schnitzler teil. Als Beitrag zum Schubertjahr 1928 legte B. (gem. mit E. Decsey, Libretto) das Singspiel Der unsterbliche Franzl vor, das in der Volksoper mit großem Erfolg über fünfzigmal aufgeführt wurde. Im Sommer 1929 beendete er das Werk Theater, das jedoch nicht zur Aufführung kam. 1930 legte er mit Walzer aus Wien eine J. Strauß- Hommage vor, die von E.W. Korngold dirigiert wurde. Im Okt. 1931 erkrankte B. zum wiederholten Mal schwer; infolgedessen musste ihm ein Bein amputiert werden. 1933 stellte er die Oper Das Veilchen fertig, die 1934 uraufgeführt wurde. Danach wurden bis 1937 keine weiteren Werke von Bittner an österreichischen Opernbühnen mehr aufgeführt, obwohl er 1936 die Oper Der blaue Diamant Staatsoperndirektor Weingartner übergeben hatte; Radio Wien hingegen sendete regelmäßig aus dem Lieder-, Kammermusik- und Singspielrepertoire Bittner-Stücke. Am 23.12.1937 wurde ihm der Österr. Staatspreis für Musik zuerkannt. Nach dem Anschluss vom März 1938 blieb Bittner weiterhin im Radio-Repertoire und einzelne seiner Volks-Opern wurden sowohl in Wien wieder als auch an deutschen Bühnen aufgeführt, u.a. im Rahmen des sog. Ostmark-Zyklus am Nationaltheater Mannheim 1938 Der Musikant (neben Stücken von Grillparzer, Nestroy u. Billinger). Anlässlich seines Todes würdigte der Wiener Musikreferent des Völkischen Beobachters, Friedrich Bayer (1902-54, NSAP-Mitglied seit 1932), Bittner als „deutschen Romantiker“, während der auch als Komponist bekannte Carl Lafite (1872-1944) in einem Nachruf trotz unbestrittener tiefer Verankerung im „Wiener Boden“ vor allem das Überraschende, Unkonventionelle an Bittner hervorhob.

Weitere Werke

Hermann (1898), Alarich (1899); Général d’amour (Operette, 1926); Mondnacht (1928); Lied von den Bergen (1930, Konzertlied); J. Nestroy: Haus der Temperamente (Neueinrichtung durch J. Bauer, Musik: J. Bittner, 1932); Sonate für Violoncello (1934, Radioauff. 1935)

Quellen und Dokumente

Julius Bittner. In: https://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_B/Bittner_Julius.xml; W. Sinkovicz: Ein Spätromantiker und sein Vaterland. In: Die Presse, 27.3.2019; https://diepresse.com/home/kultur/klassik/5602343/Julius-Bittner_Ein-Spaetromantiker-und-sein-Vaterland, online-Ausgabe;

D.J. Bach: Die rote Gred. In: AZ, 11.4.1908, S. 1; E. Bienenfeld: Die rote Gred. In: NWJ, 11.4.1908, S.1-2; W. Nagl: Das höllisch Gold. Singspiel von Bittner. Uraufführung in Darmstadt. In: Signale für die musikalische Welt, Nr. 43/1916, S. 726-727; R. Specht: Das höllisch Gold. Darmstädter Uraufführung. In: Fremden-Blatt, 19.10.1916, S. 1-2; R. Kastner: Das höllisch Gold. In: Neues Wr. Tagblatt, 20.10.1916, S. 4-5;Bittner an Wiener Theaterdirektoren. In: Wiener Morgenzeitung, 6.4.1920, S. 3; J. Bittner: Das Recht auf Ruhe. Feuilleton. In: NFP, 3.9.1920, S.1-2; F. Scherber: Die Kohlhaymerin. In: Signale für die musikalische Welt, Nr. 16/1921, S. 429-430; J. Korngold: Staatsoper. Die Kohlhaymerin. In: NFP, 10.4.1921, S.1-4; N.N. Operettenprojekt Die arme Kaiserin. In: Die Stunde, 31.8.1923, S. 5; -r [Holzer]: Der liebe Augustin. Neuinszenierung. In: NFP, 7.9.1923, S.7; Plakat-Ankündigung: Die silberne Tänzerin. In: Österr. Buchhändler-Correspondenz, 1.2.1924, S.59; M. Graf: Das Rosengärtlein. In: Der Tag, 28.6.1924, S. 6; P. Stefan: Die Oper von Morgen. In: Die Bühne, H.57/1925, S. 6-7; M. Graf: Große Messe von J. Bittner. In: Der Tag, 6.2.1926, S. 4; J. Bittner: Proletarische Musikkultur. In: AZ, 22.6.1926, S.7; Schreiben der Genossenschaft dramatischer Schritsteller u. Komponisten an die Concordia betr. Schutzfristverlängerung. In: NFP, 9.2.1929, S.5-6; J. Reitler: Walzer aus Wien. In: NFP, 4.11.1930, S. 1-3; N.N.: Hofrat Julius Bittner. In: NWJ, 12.7.1936, S.24; Carl Lafite: Der Künstlermensch Julius Bittner. In: Neues Wr. Tagblatt, 22.3.1939, S.12.

(PHK)