Kisch, Egon Erwin

geb. am 29.4.1885 in Prag – gest. am 31.3.1948 in Prag; Journalist, Schriftsteller

K., Sohn eines jüdischen Tuchhändlers, trat nach dem Universitätsbesuch in Prag, der Journalistenschule in Berlin und einem Volontariat beim Prager Tagblatt 1906 in die Redaktion der Bohemia ein, wo er 1910-11 die Rubrik ‚Prager Streifzüge‘ innehatte, aus der seine erste Reportagensammlung Aus Prager Gassen und Nächten (1912) hervorging. Nach der Aufdeckung der Spionageaffäre um Oberst Redl übersiedelte K. 1913/14 nach Berlin, wo er für das Berliner Tageblatt und kurzzeitig als Dramaturg am Deutschen Künstlertheater tätig war. Im März 1915 an der russ. Front schwer verwundet, trat K. mit Mai 1917 als Oberleutnant in das k.u.k. Kriegspressequartier ein, in dem u.a. Robert Musil, Franz Blei, Albert Paris Gütersloh und der ihm aus Prag bekannte Franz Werfel tätig war und besuchte regelmäßig das Café Central. Über den Verein jugendlicher Arbeiter sowie die Freie Vereinigung sozialistischer Studenten knüpfte K. Kontakte zur radikalen Linken um Leo Rothziegel, die sich Ende 1917 für die Gründung eines ersten Arbeiterrats sowie für den Jännerstreik 1918 verantwortlich zeigte. K., der regelmäßig in Benno Karpeles’ ab Jänner 1918 erscheinender Wochenschrift Der Friede publizierte, entging der Verhaftung und kehrte an die Front zurück. Nach der Freilassung der Streikführer Ende Oktober 1918 fungierte er als Mitbegründer der Roten Garde, der er zunächst auch vorstand. K. führte die Einheit bei der Ausrufung der Republik am 12. November an, nahm aber nicht an der Besetzung der Neuen Freien Presse teil. Dennoch stand er im Fokus publizistischer Debatten, u.a. zwischen Georg Bittner und F. Blei. K. gehörte alsbald der Föderation revolutionärer Sozialisten „Internationale“ (FRSI) an und redigierte die Beilage Die Rote Garde der Zs. Der freie Arbeiter. Im Jänner 1919 trat bei den Trauerfeiern für Karl Liebknecht und Rosa Luxemberg in Wien als Redner auf.

Finanziell in Bedrängnis, verließ K. Ende März die Rote Garde und schloss sich kurzzeitig der Redaktion von Der neue Tag an, trat aber, durch den FRSI-Anschluss an die KPÖ seit Mai 1919 Mitglied, weiter auch in ihrem Umfeld auf. Nach der Verhaftung bei einer prosowjetischen Demonstration im November 1919 übersiedelte K. im Juni 1920 nach Prag und Ende November 1921 nach Berlin, von wo aus er ausgedehnte Recherchereisen (u.a. mehrmals in die Sowjetunion, nach Nordafrika, in die USA sowie nach China) unternahm und seine besondere Geltung als Reporter manifestieren konnte. K. publizierte für bekannte linke wie auch für bürgerliche Zeitungen und Zeitschriften wie u.a. das Prager Tagblatt, die Berliner Rote Fahne, den Berliner Börsen-Courier, die Neue Bücherschau, das Tage-Buch und Die Weltbühne. In Österreich druckten und rezensierten v.a. linke Medien seine Reiseberichte und an Jan Neruda, Émile Zola und Max Winter anschließenden und seit 1918 auch theoretisch fundierten Reportagen. Die Aufführung von Himmelfahrt der Galgentoni, einer in den Himmel einziehenden Prostituierten, in den Wiener Kammerspielen verhinderte 1922 die Zensur. Sie erfolgte in gemilderter Fassung erst 1924 mit Rosa Valetti (später u.a. im Film Der blaue Engel) in der Hauptrolle und wurde kontrovers diskutiert. 1925 wurde die Aufführung von Der Mädchenhirt (1914) in Brünn untersagt.

Kisch, ab 1925 KPD-Mitglied und Vertrauter Willi Münzenbergs, gehörte u.a. dem Schutzverband deutscher Schriftsteller, der Arbeitsgemeinschaft kommunistischer Autoren und der Gruppe 1925 um Alfred Döblin an. 1927 nahm er mit der deutschen Delegation an der I. Internationalen Konferenz proletarischer und revolutionärer Schriftsteller teil, setzte sich erfolgreich für inhaftierten Kommunisten Max Hoelz ein, war 1928 Mitbegründer des Bundes der proletarisch-revolutionären Schriftsteller Deutschlands und übernahm nach dem IVRS-Kongress 1930 in Charkow eine Professur für Journalistik. Schon im November 1932 wurde ihm anlässlich eines Vortrags die Einreise nach Österreich verwehrt, um kommunistische Agitation zu verhindern. Eine nachfolgende Protestnote des Berliner BPRS an das Bundeskanzleramt wurde u.a. von Johannes R. Becher, Bert Brecht und Anna Seghers signiert. Nach dem Reichstagsbrand 1933 wurde K. in Berlin verhaftet. Er kehrte nach der Ausweisung und Abschiebung nach Prag zurück. K. trat bei u.a. beim Antikriegskongress in Melbourne 1934/35 sowie bei den Kongressen zur Verteidigung der Kultur 1935/37 in Paris und Valencia sowie bei den Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg auf. Kurzzeitig kommunistischer Stadtrat in Prag, flüchtete K. 1939 zunächst nach Paris, später nach Amerika und Mexiko ins Exil, wo er für die Zs. Freies Deutschland schrieb. 1946 erfolgte die Rückkehr nach Prag.


Werke (Auswahl)

Soldat im Prager Korps (1922, 1930 neu aufgelegt als Schreib das auf, Kisch!), Klassischer Journalismus. Die Meisterwerke der Zeitung (1923), Der rasende Reporter (1925), Hetzjagd durch die Zeit (1926), Zaren, Popen, Bolschewiken (1927), Sieben Jahre Justizskandal Max Hoelz (1928), Paradies Amerika (1930), Marktplatz für Sensationen (1942)

Quellen und Dokumente

Von E. E. K.: Wesen des Reporters. In: Das literarische Echo 10 (1918), H. 8, S. 437-440, Die ersten drei Wochen im Prager Korps. In: Prager Tagblatt, 31.7.1921, S. 1, Unter den Obdachlosen. In: Arbeiterwille, 18.11.1924, S. 2-4, Fahrt in den Kaukasus. Gewerbe, die ich an einem Vormittag kennenlernte. In: Prager Tagblatt, 4.12.1926, S. 3f., Die Himmelfahrt der Galgentoni. In: Die Rote Fahne, 1.1.1928, S. 5, Der alte Judenfriedhof in Prag. In: Vossische Zeitung, 31.7.1928, S. 5f., Bilder aus dem tiefsten Chicago. In: Das Kleine Blatt, 20.8.1929, S. 7f., Das nennt sich Fußball. In: Die Rote Fahne, 13.10.1929, S. 6, Mister Ford ist Nichtraucher. Eine kapitalistische Legende. In: Arbeiter-Zeitung, 24.11.1929, S. 2.

Egon Dietrichstein: Der Kommandant der Roten Garde. Ein Porträt. In: Neues Wiener Journal, 15.11.1918, S. 5, Georg Bittner: Die Wiener „Roten Garde“. Eine Gründung der Prager Kaffeehausliteraten. In: Neues Acht-Uhr-Blatt, 16.11.1918, S. 1f., Hermann Bahr: Tagebuch. In: Neues Wiener Journal, 15.12.1918, S. 5, N.N.: Ein Revolutionär mit Retourbillet. In: Die soziale Revolution, 26.3.1919, S. 4, Rudolf Olden: Theater. Kammerspiele: Die Galgentoni. In: Der Morgen, 10.6.1924, S. 3, Felix Salten: „Die Galgentoni“. Nachtvorstellung der Kammerspiele. In: Neue Freie Presse, 11.6.1924, S. 9, David J. Bach: Kammerspiele. In: Arbeiter-Zeitung, 12.6.1924, S. 9, N.N.: Egon Erwin Kisch in Wien. In: Die Rote Fahne, 3.12.1929, S. 3, N.N.: Der Schriftsteller Kisch darf nicht nach Österreich. In: Arbeiter-Zeitung, 24.11.1932, S. 4.

Literatur (Auswahl)

Klaus Haupt: »Hetzjagd durch die Zeit«. Der »Rasende Reporter« in Daten und Fakten [Online verfügbar], Hans Kronberger: Anatomie einer Anekdote. Egon Erwin Kisch und die Besetzung der Neuen Freien Presse. In: Publizistik. Vierteljahreshefte für Kommunikationsforschung 22 (1978), H. 1-2, S. 99-105, Ilse Nagelschmidt, Viera Glosikova (Hg.): Der ‚rasende Reporter‘ Egon Erwin Kisch. Beiträge zu Leben und Werk des Autors unter besonderer Berücksichtigung seines Reportagebandes Marktplatz der Sensationen. Leipzig, Prag 2015. [Online verfügbar], Marcus G. Patka: Egon Erwin Kisch. Stationen im Leben eines streitbaren Autors. Wien [u.a.]: Böhlau 1997, M. G. P.: Facetten rasender Zeit. Der Schriftsteller Egon Erwin Kisch hinter der Maske des Reporters. Vortrag beim Kisch-Symposium in Prag, 2008 [Online verfügbar], Dieter Schlenstedt: Kisch, Egon Erwin. In: Simone Barck (Hg.): Lexikon sozialistischer Literatur. Ihre Geschichte in Deutschland bis 1945. Stuttgart [u.a.]: Metzler 1994, S. 250-253, Hans Otto Horch: E.E. Kisch, In: A. B. Kilcher (Hg.): Metzler Lexikon der Deutsch-Jüdischen Literatur. Stuttgart u.a. 2000, 2. Aufl. 2012, 312-314; Gerhard Strejcek: Reportage und Provokation. In: Wiener Zeitung, 26.7.2015, Norbert Christian Wolf: Revolution in Wien. Die literarische Intelligenz im politischen Umbruch 1918/19 (2018).

(ME)