geb. am 25.2.1897 in Moskau – gest. am 11.10.1982 in New York; Schriftstellerin, Journalistin

Pseudonym: Agnes Muth, A.M., Silvia Broeck

Das Porträtmodul von Walter Fähnders finden Sie hier.

K. wurde als Tochter eines seit 1882 in Moskau lebenden jüdischen Importkaufmannes aus Galizien und einer polnischen Mutter geboren. Im Krieg aus Russland ausgewiesen, übersiedelte die Familie 1915 über Berlin nach Wien. Ab 1917 studierte K. zunächst in Bern, später in Lausanne, Genf und Jena Germanistik und Romanistik, verrichtete zwischendurch jedoch auch Gelegenheitsarbeiten als Lehrerin und Übersetzerin in Wien und Berlin. In Frankfurt/M. stand sie in Kontakt mit Theodor W. Adorno und promovierte Anfang 1925 mit einer Arbeit über die Lyrik Franz Werfels. Anschließend kehrte K. nach Wien zurück.

Publizistisch trat sie nachweislich ab 1927 als freie Mitarbeiterin der Arbeiter-Zeitung in Erscheinung und veröffentliche literarische Feuilletons, mitunter über ihre Kindheit in Russland. Einzig ein Beitrag zum Justizpalastbrand orientierte sich konkret an der politischen Gegenwart. Mit der Erzählung Liebesstreit um Mitjka debütierte sie für die kommunistische Rote Fahne und setzte sich in der kommunistischen Parteizeitung fortan prononcierter mit Sowjetrussland auseinander. K. veröffentlichte in der Folge revolutionäre Gedichte ebenso wie deutliche Kritik an der Sozialdemokratie. Vereinzelt erschienen auch Texte in den KPD-nahen Berliner Zeitschriften Magazin für Alle, Das neue Rußland und Arbeiter-Illustrierte-Zeitung (AIZ). Seit der Gründung im Februar 1930 gehörte sie dem Bund der proletarisch-revolutionären Schriftsteller Österreichs als Schriftführerin an, für den sie im November desselben Jahres gemeinsam mit Ernst Fabri, Hans Maier und Franz Janiczek am Kongress der Internationalen Vereinigung Revolutionärer Schriftsteller in Charkow teilnahm. K. blieb bis 1931 in Russland und verfasste den dokumentarischen Roman Eine Frau erlebt den roten Alltag, der 1932 bei Rowohlt erschien und breit wie wohlwollend rezipiert wurde. Im selben Jahr veröffentlichte sie zudem eine Skizze in Willi Münzenbergs Zs. Der Weg der Frau.

Zurück in Wien schloss sie sich wieder der Arbeiter-Zeitung an, die einen Auszug ihres Romans ebenso wie lyrische Texte druckte. 1933/34 gehörte K. der Vereinigung sozialistischer Schriftsteller um Josef Luitpold Stern, Fritz Brügel, Theodor Kramer und Rudolf Brunngraber an. Das infolge eines Berlin-Besuchs im Jänner 1933 verfasste Buch Eine Jüdin erlebt das neue Deutschland (später neuaufgelegt mit dem Titel Die Ehe der Ruth Gompertz) erschien 1934 in Wien. Im selben Jahr reiste K. nach Japan und China. 1936 veröffentlichte sie den Reisebericht Begegnung im fernen Osten sowie die NS-Parodie Sato-San, ein japanischer Held, Vorabdrucke erschienen 1935/36 in der Neuen Weltbühne und dem Prager Tagblatt. Nach dem „Anschluss“ flüchtete sie zunächst nach Zürich, wo sie bereits ab 23. April 1938 den Roman Eine Österreicherin erlebt den Anschluß in Fortsetzungen in der Tageszeitung Das Volksrecht publizierte. Wenig später emigrierte K. nach Paris, von wo aus sie mit ihrem Lebensgefährten Erich Grave über Marseille, Madrid und Lissabon nach New York auswanderte. Dort erlernte sie den Beruf der Krankenschwester. Nach Veröffentlichungen in der Exilpresse, darunter 1942/43 der Fortsetzungsroman Ein Amerikaner in Russland, waren ihr weitere literarische Erfolge verwehrt. Ihr letzter Roman Call me nurse blieb unveröffentlicht.


Quellen und Dokumente

Auferstehung. In: Arbeiter-Zeitung, 17.4.1927, S. 17, Julitage in Oberbayern. In: Arbeiter-Zeitung, 24.8.1927, S. 7, Den Frauen. In: Arbeiter-Zeitung, 5.4.1927, S. 8, Der Christkindlmarkt. In: Arbeiter-Zeitung, 25.12.1927, S. 21, Einer Schneiderin. In: Arbeiter-Zeitung, 1.4.1928, S. 20, Früher einmal. In: Arbeiter-Zeitung, 4.4.1928, S. 5, Liebesstreit um Mitjka. In: Die Rote Fahne, 1.5.1928, S. 5, Neues von den Wandzeitungen in der Sowjetunion. In: Die Rote Fahne, 3.2.1929, S. 5, Sie waren in Sowjetrußland? In: Die Rote Fahne, 6.10.1929, S. 5, Aufruf der SPOe. an die Wiener Arbeiter. In: Die Rote Fahne, 17.11.1929, S. 2, „Ich bringe euch Grüße von den Russen“. In: Die Rote Fahne, 1.12.1930, S. 5, Der Ehestreik. Eine Bauerngeschichte. In: Die Rote Fahne, 12.1.1930, S. 5, Proletarisches Wiegenlied. In: Arbeiter-Zeitung, 4.4.1932, S. 3.

H. R.: L. K. Eine Frau erlebt den roten Alltag. In: Bildungsarbeit (1932), Beilage, S. 202, Emil Kläger: Erlebte Bücher von Frauen. In: Neue Freie Presse, 31.7.1932, S. 8, Bertha Braunthal: Eine Frau erlebt den roten Alltag. In: Die Rote Fahne, 21.8.1932, S. 8.

Literatur

Walter Fähnders: Porträtmodul zu Lili Körber (2016), Martin Erian: Proletarisch-revolutionäre Literatur in Österreich 1918-1934 (2016).

Siglinde Bolbecher, Konstantin Kaiser: Lexikon der Österreichischen Exilliteratur (1999), 395 (Online verfügbar), Walter Fähnders: „Roter Alltag“. Lili Körbers Blicke auf Sowjetrußland 1932 und 1942. „Reisebeschreibungen“ über Sowjetrußland. In: Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit 18 (2008), 423-460, W. F.: Eine Frau erlebt den roten Alltag. L. K.s „Tagebuch-Roman“ über die Putilow-Werke. In: Primus-Heinz Kucher, Rebecca Unterberger (Hg.): Zur Relevanz und Rezeption der russischen Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918-1938 (2018, in Druck), Viktoria Hertling: Lili Körber In: Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Bd. 2 (1989), 447-460, Brigitte Lehmann: Lili Körber. In: Zwischenwelt 30 (2013), H. 3-4, 17-19, Ute Lemke: Lili Körber: Von Moskau nach Wien. Eine österreichische Autorin in den Wirren der Zeit (1915 – 1938) (1999), Sigrid Schmid-Bortenschlager: Lili Körber 1897-1982. In: Christa Gürtler, S. S.-B. (Hg.): Erfolg und Verfolgung (2002), 247-255.

(ME)