Wien, 14. September bis 10. Oktober 1924

Dieses groß angelegte Musik- und Theaterfest wurde nach einem ersten Versuch im Jahr 1920, der nur mäßige Resonanz nach sich gezogen hatte, unter der Gesamtkoordination von David J. Bach, dem Leiter der Sozialdemokratischen Kunststelle u. Redakteur der AZ, 1924 zu einer großen Leistungsschau des künstlerisch-kulturellen Lebens Wiens organisiert. Dies gelang trotz schwieriger finanzieller Verhältnisse – die NFP berichtet von einem kreditierten Gesamtkostenrahmen von 1,5 Milliarden Kronen (!) – u. kaum erst überwundenem Höhepunkt der seit 1922 anhaltenden Inflationsperiode. Alle wichtigen Kunstsparten und Institutionen waren eingebunden, die renommierten wie die kleineren Bühnen, die Konzerthäuser wie die Secession, das Künstlerhaus, die Galerie im Schloss Belvedere oder das Museum für Kunst und Industrie.

Im Bereich der Musik spannte sich der Bogen von der tonalen Moderne und Komponisten wie Hugo Kauder, Carl Lafitte und Anna Mahler bis hin zur Zweiten Wiener Schule der Zwölftonmusik und des Kreises rund um Arnold Schönberg, Anton Webern und Josef Mathias Hauer. Begleitet war das Aufführungsprogramm von Kongressen u. Ausstellungen wie z.B. über Ernste Musik in Wien von Bruckner bis in die jüngste Gegenwart (im Rathaus). In Rahmen des Festes kamen neben einem Mozart-Zyklus und Strauß-Kompositionen u.a. G. Mahlers nachgelassene Fragmente der 10.Symphonie zur Aufführung.

Das Theaterprogramm vereinte klass. Wiener Autoren von Grillparzer, Nestroy über Anzengruber bis Hofmannsthal u. Schnitzler; es gab aber auch zahlr. jungen Dramatikern die Möglichkeit, sich gut zu präsentieren, z.B. Walter Eidlitz mit seinem Märchendrama Der Kaiser im Walde (27.9.), Ernst Fischer, dessen Das Schwert des Attila im Burgth. seine UA am 30.9. erlebte, Richard Billinger mit Der Knecht (2.10.), Hedwig Rossi mit Sieben Jahre und ein Tag (25.9.). K. Kraus zeichnete dabei für die Inszen. von Nestroys Posse Eine Wohnung zu vermieten, verantwortlich. Wie breit es angelegt war, unterstreichen auch die Auff. von Jaakobs Traum von Richard Beer-Hofmann (2.10.), die Inszenierung des Apostelspiels von Max Mell (4.10.), des rundum erneuerten Volksstück vom Doktor Faust durch Richard v. Kralik oder die UA von Molières Der Bürger als Edelmann in der Bearb. von H. v. Hofmannsthal u. der Vertonung durch R. Strauß sowie der UA von Beethovens Die Ruinen von Athen, versehen mit Texten von Hofmannsthal. An auswärtigen Produktionen kam Ernst Barlachs Der tote Tag am 24.9.  zur Aufführung.

Ein besonderer Schwerpunkt, zugleich jener von größter internat. Beteiligung, galt der zeitaktuellen Theatertechnik in Gestalt der von Friedrich Kiesler kuratierten Internationalen Ausstellung neuer Theatertechnik im Konzerthaus, gerahmt von einer von Joseph Gregor zusammengestellten theatergeschichtl. Ausstellung in der Albertina. Mittelpunkt der Kieslerschen Ausstellung war seine sog. u. zugleich vieldiskutierte Raumbühne, an der Vorträge, z.B. von Bela Balázs, Tanzvorführungen, u.a. von Grete Bodenwieser u. Gisa Geert stattfanden, u. sog. reflektorische Lichtspiele von Hirschfeld-Mach, und die am 2.10.1924 mit Im Dunkel, einem Kammerspiel von Paul Frischauer, ihre Bewährungsprobe lieferte. Angekündigt war auch eine Auff. von Iwan Golls Methusalem für den 10.10. 1924, die jedoch aufgr. strittiger Vereinbarungen nicht zustande kommen konnte. Die bedeutendste Gruppe der internat. Avantgarde, die in Wien rund 200 Werke, darunter etwa 60 Bühnenbilder, ausstellte, war jene der ital. Futuristen, angeführt von Enrico Prampolini, über die auch die Zs. Der Sturm berichtete. Weiters stellte El Lissitzky aus, von Férnand Leger wurde der kubistische Kurzfilm Ballet Mécanique vorgeführt und eine Reihe weiterer Künstler der internat. Avantgarde waren anwesend oder trugen vor: Theo van Doesburg, George Grosz, Tommaso Marinetti, Vsevolod Meyerhold, László Moholy-Nagy, Oskar Schlemmer, Lothar Schreyer u.a. Die Avantgarde-Zs. MA widmete dem Musik- u. Theaterfest eine mehrsprachige Sondernummer, in der u.a. auch programmat. Texte zum Abdruck kamen.


Quellen und Dokumente

Das Programm des Musik- und Theaterfestes der Stadt Wien 1924. In: Neue Freie Presse, 12.4.1924, S. 11, Moderne Theaterkunst. Eröffung der Ausstellung in der “Albertina”. In: Neues Wiener Abendblatt, 13.9.1924, S. 4, Das Musik- und Theaterfest der Stadt Wien 1924. In: Arbeiter-Zeitung, 15.9.1924, S. 3, Sondernummer der Zs. MA 9 (1924), H. 8, Karikaturen zum Musik- und Theaterfest. In: Illustrierte Kronenzeitung, 25.9.1924, S. 1, Heinrich Kralik: “Die Ruinen von Athen.” Ein Festspiel mit Tänzen und Chören. In: Neues Wiener Tagblatt, 21.9.1924, S. 10, Julius Korngold: Das Musik- und Theaterfest. Konzerte. In: Neue Freie Presse, 21.10.1924, S. 1-3, Edwin Rollett: Premiere auf der Raumbühne. In: Wiener Zeitung, 4.10.1924, S. 5, Otto Koenig: Das Apostelspiel. (Zur Erstaufführung im Theater in der Josefstadt) In: Arbeiter-Zeitung, 5.10.1924, S. 10, Renato Mordo: Kieslers Raumbühne in praktischer Anwendung. In: Neues Wiener Journal, 12.10.1924, S. 15f.

Literatur

B. F. Dolbin: Die internationale Ausstellung neuer Theatertechnik in Wien. In: Der Sturm 1925, 97-100; D. Bogner: Wien 1920-1930. »Es war als würde Utopia Realität werden«. In: Österreichisches Museum für angewandte Kunst/G. Egger, H. Fux, W. Mrazek, K. Rossacher (Hg.): Alte und Moderne Kunst Nr. 190/91 (1983), 35-48, wiederabgedruckt in: D. Bogner, G. Bogner, A. Hubin, M.Milleutz (Hgg.): Perspektiven in Bewegung. Wien 2017, 325-352 (Online verfügbar), B. Lesák: Eine neue Stadtkultur. Das Musik- und Theaterfest der Stadt Wien 1924. In: Österr. Friedrich und Lilian Kiesler-Privatstiftung (Hg.): Wien 1924. Station der Avantgarde (2018), 8-14 (with an english version available); A. Larcati: Zur Rezeption des italienischen Futurismus in Wien während der 1920er und 1930er Jahre. In: P.- H. Kucher (Hg.): Verdrängte Moderne – vergessene Avantgarde. Göttingen 2016, 95-115.

(PHK)