Untertitel: Neue Gedichte aus Österreich. Gesammelt und eingeleitet von E. A. Rheinhardt. Verlag Ed. Strache, Wien-Prag-Leipzig 1920, 356 S.

Diese Anthologie versammelt insgesamt zwei Autorinnen (E. Janstein, M. Wied) und 31 Autoren mit jeweils mehreren Gedichten (ein Gedicht im Fall von P. Kornfeld bis zu 25 bei F. Werfel, gefolgt von 14 im Fall von G. Trakl, meist jedoch 3-8 Gedichten/Verf.) auf 313 Seiten, zusätzlich eine Einleitung sowie ein bio-bibliographisches Kurzverzeichnis. Die Autoren sind in alphabetischer Abfolge angeordnet, beginnend bei E. Angel, endend mit St. Zweig.

Einleitend hält Rheinhardt fest, Sinn der Kunst und in der Folge der Anthologie sei es „ihrer Zeit den Mythos zu schaffen, das Einzigartige der Gesellschaft […] aus der Vergänglichkeit dahin zu heben, wo das Irdischgewesene aus seinem Äon dem reinen Reiche der Ideen zuwächst“ (V). Darunter meint er u.a. das Streben seiner Generation, einer anderen, nach Menschlichkeit und „Stimme der Stimmlosen“ (VII) ebenso sein zu wollen wie Einsicht in das „Furchtbare dieser Gesellschaft und ihres Krieges“ zu zeigen und auszusprechen und dabei aus Vereinzelung herauszutreten: „Die Dichter also dieser anderen Generation sangen […] ihre verzweifelte Einsamkeit in den wahnsinnig wachsenden Städten, sangen Sehnsucht nach neuer Gemeinschaft, nannten die immerwährenden menschlichen Dinge mit ihren armen neuen Namen, riefen nach Gerechtigkeit, stießen gegen die bürgerlich-moralischen Gitterstäbe ihrer Herzen…“ (VIII). Von den angeführten 33 AutorInnen werden schließlich zwei kurz herausgehoben, Franz Werfel und Georg Trakl. Insgesamt ist das Spektrum breiter angelegt als in der im Hintergrund vermutlich als Referenz präsenten Anthologie Menschheitsdämmerung von Kurt Pinthus (1919). Sie versammelt neben repräsentativen Stimmen auch weniger bekannte jüngere, die nicht unbedingt als expressionistische Autoren firmieren und die z.T. der spezifisch Wiener literarischen Szene angehören wie Ernst Angel, Franz Blei, Felix Braun, Fritz Brügel, O.M. Fontana, Joseph Gregor, Alfred Grünewald, Georg Kulka, Max Mell, Theodor Tagger/Ferdinand Bruckner, Andreas Thom u.a.m. Auch Autoren mit Prager Hintergrund wie z.B. Max Brod, Rudolf Fuchs, Ernst Weiss und Johannes Urzidil sind neben F. Werfel stärker als in Menschheitsdämmerung vertreten. Auffällig ist dagegen das Fehlen von Albert Ehrenstein, der bei Pinthus mit 20 Gedichten zu den repräsentativsten zählt. Und während Pinthus seine Anthologie mit Jakob v. Hoddis‘ Gedicht Weltende sowie Georg Heyms Umbrae vitae eröffnet, also mit zwei (auch über diese Anthologie kanonisch gewordenen) Gedichten, die ein Aufbruchsmotiv (Sturm) einerseits, eine ambivalente existentielle Selbstverortung des Menschen zwischen nächtlichen Straßenbildern, Vereinzelung und Todesvisionen andererseits gestalten, setzt Rheinhardt Angels Gedicht In memoriam Gustav Landauer. Erschlagen im Mai 1919 zu München an den Beginn seiner ‚Botschaft‘ und eröffnet diese mit einem auch explizit zeitpolitischen Signal, das freilich in der Mehrzahl der Gedichte keine weitere Resonanz bzw. Korrespondenz findet. Auffällig ist auch eine Differenz bei der Auswahl der Trakl-Gedichte: das berühmte Gedicht Grodek wird in der Botschaft erstmals in einer Anthologie veröffentlicht, wie insgesamt die Auseinandersetzung mit dem Krieg, die traumatische Spur desselben und ein Gegenaufschrei, verbunden mit einem geradezu heroischen Glauben an einen versöhnenden Gegengott (E. Weiss), zahlreiche Beiträge kennzeichnet, was in der konservativen Kritik tendenziell auf Widerstand stieß.


Quellen und Dokumente

Die Botschaft [Rezension]. In: Deutsches Volksblatt, 3.4.1921, S. 3.

Literatur

Armin A. Wallas: Die Botschaft. In: Zeitschriften und Anthologien des Expressionismus in Österreich. Analytische Bibliographie und Register. Bd. 1 (München u.a. 1995), 26.

(PHK)