1923 | Hans Kaltneker: Die Schwester

Nachfolgend finden sich drei Besprechungen von Hans Kaltnekers Drama Die Schwester, das im Dezember 1923 in der Renaissancebühne seine Urafführung erlebte.

  1. David Josef Bach: Das Mysterium des Dichters
  2. D. A.: Kaltnekers „Die Schwester“. Renaissancebühne – Gastspiel Ida Roland
  3. Rudolf Holzer: Renaissancebühne. „Die Schwester“ von Hans Kaltneker
  4. -ka.: [Über Kaltneker: Die Schwester]
  5. Felix Salten: Hans Kaltneker: „Die Schwester.“ Renaissancebühne
  6. Helene Tuschak: [Theater, Kunst und Literatur.] „Die Schwester.“

Arbeiter-Zeitung: David Josef Bach: Das Mysterium des Dichters

David Josef Bach: Das Mysterium des Dichters

(„Die Schwester“ von Hans Kaltneker. Uraufführung in der Renaissancebühne.).

Ein Dreiundzwanzigjähriger schreibt nach allerhand Gedichten, nach zwei Dramen „Opferung“ und „Bergwerk“ – dieses, in Uraufführung für die Feier der Kunststelle gewählt, ist seither vielen tausend Arbeitern bekannt geworden, aber auch jenes hat bei Arbeitern mehr Verständnis gefunden als bei seinem Premièrenpublikum – noch ein gewaltiges Mysterium „Schwester“ geheißen. Ja, es ist ein Mysterium, ein Geheimnis, daß sich einem jungen Künstler, der sein Werk nur um ein paar Monate überlebt hat, die tiefsten Geheimnisse des menschlichen Blutes, der Seele geoffenbart haben. Was er mit seinem „dramatischen Mysterium“ wollte, ist in erschütternden Worten ausgesprochen in dem Vorwort zu dem bisher nicht gedruckten Drama. Dieses Vorwort, das erstemal in der zum Jubiläum unserer Kunststelle herausgegebenen Festschrift „Kunst und Volk“ veröffentlicht, soll hier nochmals sagen, was der gewollt und gelitten, der das Werk geschaffen hat. Das Werk aber zeugt auch für das, was Kaltneker gekonnt hat. In wahrhaft schöpferischer Reinheit besteht die Dichtung auch die Unreinheit des Theaterbetriebes. Die üblen Gedankenverbindungen, die sich leicht an solcher Stätte der Sensation, der Unzucht des Geistes einstellen, sie kamen diesmal gar nicht zustande. Selbstverständlich, es gibt immer Leute, die gierig schnüffeln, ob nicht doch geliebter Unrat ihnen entgegendufte, und die dann in ein vergnügliches Grunzen der Entrüstung ausbrechen, wenn sie erst einmal die Nase voll genommen haben. Dann gibt’s auch ehrliche Fanatiker der Moralheuchelei, die nicht sehen will, was es doch an Schmerzen und Leiden, an Lust und Qual, an Krankheit und Tod in der Natur, im Menschen gibt. Die gehen ja auch sonst kaum ins Theater, und wenn sie sich einmal hinein verirren, so sind sie just auf die Kunst, welche die Wahrheit niemandem zuliebe verleugnen kann, nicht gut zu sprechen. Diesmal gab es nur ganz wenige Besucher, die zu einer der beiden Gruppen gehören. Sie nahmen Anstoß an ein paar Versen einer wahrhaft fanatischen Szene, die, obwohl auch sie gerechtfertigt werden könnten, doch ganz überflüssig sind; überflüssig für die Dichtung, deren Ueberschwang nicht immer wägt, und erst recht überflüssig für die Aufführung. Diese selbst wurde von Darstellern, die Hans Brahm zum Sinn ihrer Aufführung geführt hatte, in der Reinheit erhalten, die sich der Dichter nur immer gewünscht haben mag. Allen voran Frau Ida Roland in der Gestalt der Heldin, Ruth mir Namen. Ruth ist das Opfer ihrer unglücklichen gleichgeschlechtlichen Veranlagung. Das Schicksal der Heldin ist vielleicht ganz zusammengefaßt in dem Gebet, das sie, Pflegerin in einem Spital für geschlechtskranke Frauen, in höchstem Leid spricht. Frau Roland ist vielleicht gerade hier nicht deutlich und nicht lyrisch genug; aber was verschlägt dieses oder jenes, das man sich anders wünschen möchte, gegen die Gesamtleistung! Vorzüglich Maria Eis, die nur freier von ihrem Dialekt werden müßte, um eine bedeutende Schauspielerin zu sein. Mit der Sprechweise hapert’s auch bei dem begabten Fräulein Wagener. Herr Teubler als bürgerlicher Normalvater ist eher heftig als hart, legt aber die Figur gut an. Aus der Fülle der Nebenfiguren treten noch die Damen Schilling und Liebstöckl, die Herren UIberacker, Hugelmann, Hendrichs und Aicher hervor. Die Hörer, in ihrer übergroßen Mehrheit von der Gewalt der Dichtung ergriffen, befreiten sich schließlich durch stürmischen Beifall.

In: Arbeiter-Zeitung, 13.12.1923, S. 5.

Wiener Morgenzeitung: D. A.: Kaltnekers „Die Schwester“. Renaissancebühne – Gastspiel Ida Roland

D. A.: Kaltnekers „Die Schwester“. Renaissancebühne – Gastspiel Ida Roland

Seit der Aufführung seiner „Opferung“ im Deutschen Volkstheater weiß man, daß dieser von der Tuberkulose im 22. Lebensjahre niedergestreckte Hans Kaltneker ein Dichter war und einer der edelsten Zeitgenossen. Die Tuberkulosebazillen hatten leichte Arbeit. Dieser Jüngling verzehrte sich in Gram über die Not der menschlichen Kreatur. Die Grausamkeit, die dumpfe, wirre Enge, die Traurigkeit des menschlichen Daseins versetzte ihn in Fieberglut des Mitleidens. Hier fand die totbringende Krankheit ein warmes Nest vorbereitet …

Kaltnekers Mysterium „Die Schwester“ ist mit Herzblut geschrieben. Es gilt dem ungeheuersten menschlichen Leid „Verlassenheit“, gezeigt an dem Schicksal eines homosexuellen Weibes. Ruth, seit den Kindheitsjahren in sich gekehrt, bange und traurig, entbrennt in Liebesverlangen zu ihrer Stiefschwester Lo, verführt sie zum Aeußersten und wehrt sich leidenschaftlich dagegen, daß ihr die Geliebte von einem Manne genommen wird. Lo, das helle, gesunde Ding, ist nach der widernatürlichen Ereignung jener Nacht verstört, wird aber durch schleunigste Verehelichung gerettet. Ruth, die bis nun bloß das Schicksal ihrer Veranlagung trug, nicht ohne heimliches Glück, wird nun auf die Straße gejagt und muß ihren Leidensweg gehen. Betäubung durch Arbeit – Betäubung durch perverse Lust – Betäubung (nein, jetzt schon Erhöhung!) durch Hingabe für die Unglücklichen ihres Geschlechtes – Krankenpflege im Spital der Dirnen – Entlassung wegen erworbener ansteckender Krankheit – Gosse. In der allegorischen Schlußszene umgeben de Sterbende jene Enterbten, denen sie ihre Schwesterliebe darbrachte, und preisen Ruth, die Erlöserin.

Mit dem heiligen Mute der Verantwortung, mit der Freiheit der keuschen Seele (die sein Umbiegen der Worte kennt) und mir der Erregung des Mitleidenden ist das – der miserable Terminus lautet nun einmal so – „heikle“ Thema behandelt. Nur Verderbte oder Verkümmerte können Anstoß nehmen.

Selbstverständlich, wie könnte es bei einem Zwanzigjährigen anders sein, sind nicht alle Szenen und alle Dialogstellen Eigentum Kaltnekers. Man hört mitunter Wedekind und die Stimmen der bekannten Expressionisten. Manches ist überspitzt, und eine Szene, die nämlich, wo der Spitalsarzt die Krankenschwester lächerlich roh und dumm behandelt, scheint uns mißlungen. Aber den ganzen Abend wird die stärkere die höchstpersönliche Stimme des Dichters laut, und immer wieder erweist sich im Bau der zehn Bühnenbilder ein Dramatiker von außerordentlicher Begabung.

Ida Roland war an diesem Abend so groß, daß der Gedanke, der tote Dichterjüngling könne diese Gestaltung seines Geschöpfes nicht sehen, sehr schmerzlich war … Die leidvolle Ruhe in den ersten Szenen, das jäh aufschießende, sofort vom Kummer bedrängte Glücksgefühl, das ihr Antlitz in den Liebesszenen mit der Schwester spiegelte, und dann die Stationen des Leidensweges – alles ergreifende Kunst der Gestaltung. Gehoben wurde diese Leistung durch die Jugendfrische und Lebendigkeit ihrer Gegenspielerin, der hochbegabten Hilda Wegener. Auch sonst unter Leitung von Hans Brahm, der auch im Deutschen Volkstheater die „Opferung“ inszenierte, ein würdiger Abend. Nur Herr Teubler war zu laut und Frau Eis schien nicht immer zu verstehen, was sie sprach. Außerordentlich geglückt das Bacchanal der Homosexuellen (gleichsam in den Rahmen eines Traumbildes gestellt), sehr zart die Szene Ruths vor dem Schlafzimmer der Schwester.

Bei dieser Premiere eines Dramatikers, der längst unter der Erde modert, pfiff einer schrill und voll Verachtung. Tut nichts, der tote Jüngling hat auch für ihn gelitten.

Ein Theaterskandal im Keim erstickt. In der Renaissance-Bühne.

Während der Premiere von Kaltnekers Mysterium „Die Schwester“, welche das Schicksal einer Homosexuellen behandelt, schien es einen Augenblick, daß ein arger Theaterskandal die Fortführung der Premiere unmöglich machen werde. Nach einer Szene, in welcher die perverse Neigung der Heldin des Stückes besonders kraß behandelt ist, ertönte ein schrille Pfiff, dem einige Rufe des Unwillens über das Stück folgten. Fast das gesamte Theaterpublikum das von dem Ernst der Dichtung ergriffen war, nahm gegen die Ruhestörer Stellung und einige über die Demonstranten entrüstete Besucher der Premiere, beförderten die Ruhestörer, kurz entschlossen, zum Saale hinaus. Die Vorstellung wurde dann unter begeistertem Beifall zu Ende geführt.

Nach dem letzten Fallen des Vorhanges sprach Spielleiter Hans Brahm einige Worte. Er dankte dem Publikum für die Ehrung des toten Dichters. Der Aufführung wohnte auch der Zensur-Beirat in einer Loge bei und entschied dahin, daß die weitere Aufführung des ernsten, literarisch wertvollen Werkes zu gestatten sei.

In: Wiener Morgenzeitung, 14.12.1923, S. 6.

Wiener Zeitung: Rudolf Holzer: Renaissancebühne. „Die Schwester“ von Hans Kaltneker

Rudolf Holzer: Renaissancebühne. „Die Schwester“ von Hans Kaltneker

Diesem jungverstorbenen Schriftsteller wird mit schöner Pietät nun im Tode beharrlich der Kranz des Ruhmes geflochten; es wäre viel freudvoller gewesen, hätten die beflissenen Direktoren den Lebenden beachtet und gefördert. So wird der Nachglanz des Toten zu einer fatalen Kapitalsanlage der sensationsbegierigen lebendigen Theaterdirektoren. Aus dieser Einstellung heraus muß eine kritisch bleibende Erwägung eben doch prüfen, ob die Bekränzung dieser Begabung sich mit der Wahrheit verträgt. Das „Mysterium“ „Die Schwester“ soll Hans Kaltneker mit 23 Jahren geschrieben haben. Das hat viel Wahrscheinlichkeit für sich. Der Eindruck des Werkes bestärkt die Mutmaßung und den Glauben, daß mit Kaltneker eine Hoffnung begraben wurde, daß sein gärendes Talent noch lange nicht zum Gange in die Welt fertig war, als sein Leben beendigt war. Auch Kaltneker trägt den charakteristischen Zug der Dichtergeneration des Expressionismus in seinem geistigen Antlitze; er sieht in der Erotik das größte und erschütterndste Mysterium, vermutet in der Erotik allein Wonne und Erlösung von den Beladenheiten und Flüchen des Daseins, des Geschlechtes. Wovon diese Dichter nicht mehr reden können, fangen sie zu singen an. Wenn sich ihre überhitzten Nerven und lechzenden Sinne, die mit dem Fluche der Unfruchtbarkeit beladen sind, die sich quälen mit den Gebrechen der Formlosigkeit, nicht mehr mit dem Worte ohne Rhythmus, ohne Pathos ausdrücken können, beginnen sie in rhythmischen Baby-Arien zu deklamieren.

Ruth, die Heldin des Dramas, ist ein junges Mädchen von ungewöhnlichen seelischen Anlagen, aber auch ungewöhnlich lasterhaften Trieben; sie hängt an ihrer jüngeren Schwester mit einer rasch zum Verbrechen sich steigernden Leidenschaft. Nachdem sie aus dem Vaterhause gewiesen wird, findet sie Aufnahme in den Kreisen gleich geschlechtlich Empfindender, jagt sie im Taumel der Sehnsucht nach einer neuen Form von Lust. Enttäuscht findet sie sich dann selbst, widmet sich in der opferfreudigen Betätigung einer Krankenschwester von geschlechtskranken Frauen. Sie wird zur wirklichen „Schwester“. Durch den tragischen Zufall einer Infektion wird sie auf die Straße getrieben, wird zur Dirne, stirbt in den Armen von Schicksalsgenossinnen. In einem Hymnus vereinigen sich diese in der Verklärung der dahingerafften Schwester.

Eine dichterisch weite und tiefe Welt öffnet das Drama. Gewiß und sicherlich. Aber so weit und tief es in seinen Motiven ist, so formlos und widerspruchsvoll – sagen wir es ruhig heraus – so gezeichnet ist es mit dem Fluch einer schwarzblütigen, verwerflichen Ethik und Weltanschauung. Die auf dem Wege der Dichtung erzeugten Eruptionen eines Dreiundzwanzigjährigen haben auch nicht durch dessen frühen Tod das Recht und die Notwendigkeit erwirkt, auf das öffentliche Theater zu gelangen. Zu wessen Freude, zu wessen Nutzen erscheinen derartige Produkte des Satanismus? Was anderes können sie erzeugen, als das Gefühl und die Überzeugung der Fluchwürdigkeit des Daseins?

Frau Ida Roland gibt die Schwester; prachtvoll, hinreißend, mit der Intensität einer elementaren Persönlichkeit; horcht man hin und geht man mit, so aus Achtung und ob der Kraft der Künstlerin. Aber auch die übrigen Darsteller standen auf ganz bemerkenswerter Höhe, so insbesondere Fräulein Eis, die ihre Entsetzlichkeiten mit Unerbittlichkeit und Schärfe des Geistes spricht. Vortrefflich auch Fräulein Wagener.

Nicht zu übersehen die straffe, farbige und der „Mystik“ der Verschwommenheit nachspürende Regie Hans Brahms.

In: Wiener Zeitung, 15.12.1923, S. 7f.

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ka.: [Über Kaltneker: Die Schwester]

Renaissancebühne. Hans Kaltneker starb 23 Jahre alt. Der junge österreichische Dramatiker hinterließ vier Stücke, von denen drei auf Wiener Bühnen bereits zu sehen waren und die alle dafür sprechen, daß in dem früh Dahingegangenen ein Dramatiker von großem Format steckte. Kaltnekers Werke sind von echt dichterischer Intuition, denn Lebenserfahrung konnte den jungen, kränklichen Offizierssohn schwerlich den Weg gewiesen haben, der zur Gestaltung seiner Schöpfungen führte. Aber wenngleich dichterisches Empfinden Kaltneker zugestanden werden muß, gleich einem unausgegorenen Weine fehlt seinen Werken die reife Klärung, überall ein vergebliches Ringen nach Wahrheit, ein irrendes Suchen voll Zweifeln, die keine Lösung bringen können, weil der Dreiundzwanzigjährige sie nicht finden konnte. Voll Zwiespalt auch sein letztes Werk „Die Schwester“, das gestern hier erstmalig in Szene ging. Ein unerquickliches Thema, das die sexuelle Gleichartigkeit der Geschlechter behandelt, liegt diesem „Mysterium“, wie Kaltneker sein Werk nannte, zugrunde. Und trotz mancher der zehn Szenen, die den Dichter erkennen lassen, müssen wir gegen diese Art der Aufrollung von Fragen, die nur allein der Arzt zu beantworten hat und die nie und nimmer ins Theater gehören, entschieden Stellung nehmen. Das Stück bringt so krasse Milieuschilderungen, die peinlich, ja stellenweise eklig wirken, daß selbst der Ausklang, die Sterbeszene der verirrten und zu Gott findenden Seele nur schwer versöhnend zu wirken vermag. Die Darstellung, in deren Mittelpunkte Ida Roland in der Titelrolle stand, bemühte sich, die starken Effekte nach Möglichkeit zu dämpfen, aber auch sie konnte den quälenden Eindruck dieses Theaterabends nicht mildern.

In: Reichspost, 14.12.1923, S. 7.

Neue Freie Presse: Felix Salten: Hans Kaltneker: „Die Schwester.“ Renaissancebühne

Felix Salten: Hans Kaltneker: „Die Schwester.“ Renaissancebühne.

Die starke Faust des gebornen Dramatikers, die man schon in Kaltnekers „Bergwerk“ zu fühlen bekam, war in seinem Mysterium „Die Schwester“ noch deutlicher zu spüren, war mit der ganzen großen Macht ihres Zugriffes noch mehr aufwühlend, noch tiefer erschütternd zu erkennen.

Es ist leider nicht bloß die Faust eines geborenen, sondern auch die eines viel zu jung verstorbenen Dramatikers. Er streckte sie aus seinem frühen Grab ins lebendige Leben der Bühne und alles war unwiderstehlich in ihrem Banne.

Diese Hand scheut sich nicht den Schleier, den eine falsche Sittlichkeit über das Elend perverser Veranlagung gedeckt hat, aufzuheben. Diese Hand schreckt nicht zurück, dem Vorurteil die bornierte Maske abzureißen, und sie zeigt, wie dort, wo die alte Moral nur Laster gesehen hat, in Wahrheit tiefe Tragik, dort, wo man Verbrechen am Werke glaubte, eigentlich das Schicksal selber waltet.

Ein Mädchen dessen natürliche Triebe durch atavistische Erbschaft, durch viel zu strenge Erziehung in die Irre gegangen, läutert sich, von Stufe zu Stufe sinkend (in Wirklichkeit steigend), zur Schwester aller ihrer unglücklichen und gefallenen Schwestern. Das bildet den Inhalt des Stückes.

Kaltneker schrieb es kurz vor seinem Tod, fast schon im Sterben. Er hatte darin eine so hohe Anpassung aller seiner geistigen und seelischen Kräfte gegeben, hat dieses Werk so mit heißen, wild pulsierenden Blutadern durchzogen, so viel letzte Energie und so viel Blut hinein gelegt, daß bei den Leuten im Theater die Meinung entstehen konnte, er selbst sei abnormal veranlagt gewesen und wolle mit dieser Dichtung eigene, geheime Neigungen verteidigen.

Wer diesen jungen Dichter gekannt hat, weiß, wie ganz und gar nicht das der Fall war. Hans Kaltneker, der in seinem eigenen Triebleben völlig normal gewesen ist, hat an sich selbst nicht gedacht, als er dieses Stück schrieb, brauchte gar nicht an sich denken. Er gab ein Werk des Erbarmens, ein Werk des Mitleidens und reinster Menschenliebe.

„Es vergebe Mensch dem Menschen, daß er geboren ist.“ Dieses Wort, das seine Ruth als Krankenschwester ausspricht, hat er im Manuskript dem Werk als Motto gesetzt. Es gibt den Grundgedanken, aus dem die Dichtung zu begreifen ist, gibt die Anhöhe, von der man dieses Werk ganz zu überblicken vermag.

Im Sturm zieht es über die Bühne, entladet sich in Gewittern von furchtbarer Schönheit. Blitz stammt nach Blitz, Donner folgt dem Donner. Das Publikum kam gar nicht dazu, sich über das heikle Thema zu entsetzen, fand gar keine Zeit sich gegen diese neue Ethik, oder doch gegen diese neue Art, in der eine noch nicht allgemein anerkannte Ethik ausgesprochen wurde, aufzunehmen.

Nur an einer einzigen Stelle, an der die sonst so feinfühlige Regie von Hans Brahm es verabsäumt hatte, ein paar herausfordernde Verse zu streichen, aber auch nur an dieser einzigen Stelle, fanden zwei, drei Bursche den Anlaß zu pfeifen. Aber das Publikum wies sie stürmisch zur Ruhe. Und Frau Roland fegte über den gefährlichen Moment mit der Bravour ihrer großen Kunst siegreich hinweg.

Sie ist überhaupt meisterhaft gewesen als Ruth. Von einer unerhörten, geistigen Intensität und von einer hinreißenden Energie der Nerven. Neben ihr stand, eine Szene lang, Maria Eis, in harter Kälte funkelnd. Sehr gut wurden in dieser guten Vorstellung viele kleine Rollen gegeben. Herr Teubler als Stiefvater, Herr Hendrichs als Arzt und Hilde Wagener als Stiefschwester. Nur dürfte diese kleine Stiefschwester (… abgeschnitten).

Bilder von den Wänden entfernt hat, die Möbel hart sein läßt und nur das Notwendige, nicht aber das Schmückende duldet.

Ein Werk wie Kaltnekers „Die Schwester“ hat einen anderen höheren Wert, als Machwerke, wie die „Alraune“ oder „Der Garten der Qualen“. Und das Publikum, das sich diese Schlüpfrigkeiten gerne gefallen ließ, hat jetzt durch die ernste, verstehende Ergriffenheit, mit der es „Die Schwester“ aufnahm, vieles wieder gutgemacht.

In: Neue Freie Presse, 14.12.1923, S. 9f.

Neues Wiener Tagblatt: Helene Tuschak: „Die Schwester.“

Helene Tuschak: [Theater, Kunst und Literatur.] „Die Schwester.“

Erstaufführung des Mysteriums von Hans Kaltneker in der Renaissancebühne.

In der Loge saßen die Herren der Polizei, um darüber zu urteilen, ob man dieses merkwürdige Stück des 23jährigen Oesterreichers Hans Kaltneker gestatten oder untersagen soll. Und in sich selbst hatten fast alle Theaterbesucher solch eine Polizeistimme mitgebracht, die bereit war, den künstlerisch-sittlichen oder ästhetisch-ethischen Kampf durchzufechten… .

Hans Kaltneker ist vor seinem 24. Lebensjahre an Tuberkulose gestorben. Er war der Sohn eines Generals und Kommunist, er war das behütete Kind zärtlicher Eltern und hat in den verworrensten Tiefen der menschlichen Seele gesucht, die er erfassen, begreifen und den Verurteilenden, Verständnislosen näherzubringen versuchte. Er verliebte sich in eine junge Frau, die älter war als er, und als er von ihrer Untreue erfuhr, wollte er, mit Pechkränzen ausgerüstet, zu ihrem Hause gehen, um es in Brand zu stecken. Die Treulose sollte verbrennen. Das muß man wissen, um das Wollen und Wesen dieses jungen Dramatikers zu erfassen, in dem alle Vorzüge und alle Mängel heißer Jugend köstlich und gefahrvoll nebeneinander lagen. Ehrlicher Idealismus und unreifes Mißverstehen, Demut und Ueberhebung, allumfassende Güte und blindes Dreinschlagen – ein Sturm und Drang, tausendfach verdichtet, vertieft und bewegt durch die Tatsache, daß er ein Todgeweihter war, der sein kurz befristetes Dasein in einer Zeit erleben mußte, die, selbst in der Werdenot neuen Gestaltens begriffen, keinem Ringenden rechten Halt zu bieten vermochte. All dieses Grelle, Reine, Wirre und Kranke, dieses inbrünstige Suchen, Sehnen, in dem Fremdes sich mit Eigenstem vermengt, ist in dem Drama „Die Schwester“ zu finden, das vorgestern in der Renaissancebühne mit Ida Roland zum ersten Male in Szene ging.

Es ist ein Werk der Ekstase, das auf widerlich realem, pathologisch umgeistertem Boden steht und schließlich aus der Prosa in gebundene Rede und Mahlersche Musik flüchten muß, erkennend, daß es Dinge gibt, die mit unsern gewöhnlichen Verständigungsmitteln nicht mehr auszudrücken sind. Wäre Hans Kaltneker am Leben geblieben, so hätte er als Dreißigjähriger die Aufführung dieses Jugendwerkes wahrscheinlich nicht gestattet, weil er selbst empfunden hätte, daß er damals noch zu unreif, zu unfrei war und in den Banden eines Idealismus lag, der von Wedekind, Hasenclever und Eulenberg bezogen, durch Wildgans beeinflußt, aber nicht geklärt worden war. Von Wedekind wurde Kaltneker in der „Schwester“ am zwingendsten beherrscht, nur daß bei ihm noch Begeisterung ist, was bei seinem Vorbilde oft längst zur Satire wurde. Was er wollte, kommt in der Darstellung der Roland wunderbar zum Ausdruck. Sie bleibt menschlich, rein, die tragikerfüllte Verkörperung der Entarteten auch dort, wo man sich unsäglichen Widerwillens nicht mehr zu erwehren vermag, weil die von ihr dargestellte Figur der Schwester, noch nicht Symbol geworden, von allen zerfetzenden Miasmen der Psychopathia sexualis durchtränkt ist, nein, mehr als das, fast zur Verherrlichung dieser Krankheitsform wird. Ruth, die dunkle, liebt ihre jüngere heile Stiefschwester, die sich aus ihrem Bann in die Arme eines Tennisjünglings rettet. Der Vater weist die Entartete in einer Szene abstoßender Kraßheit aus dem Hause und sie wird, in Erkenntnis ihres Ausgeschiedenseins, zur Märtyrerin ihrer unseligen Veranlagung, die Kaltneker begreiflich machen will, damit zum Erbarmen werde, was noch immer Anklage ist. Ruth flieht vor sich selbst erst in die Kunst – sie wird Malerin -, dann ans Krankenbett gefallener Mädchen: sie wird „Schwester“ im heiligsten Sinne des Wortes und geht schließlich (immer mit der Gloriole ihrer pervertierten Liebe) auf der Straße elend zugrunde, noch im Sterben von unsäglichem Mitleiden für die Erbärmlichsten ihrer Schwestern erfüllt. Im Mysterium des letzten Bildes vernimmt man die Stimme Gottes. Ihr wird vergeben, denn sie hat geliebt. Gloria und Jubilate.

Anfangs ist man Ablehnung, nur Ablehnung. Man empfindet das zur Verklärung werdende Mitleiden mit dem Abnormalen als geistige Gefahr und wehrt sich mit allen gesunden Instinkten, von Abscheu geschüttelt. Dann aber kommt die ärgste, bedenklichste und quälendste Szene dieser Bilderreihe, eine Art Hölle der Entarteten, ein Inferno des Pathologischen, in dem Menschen zu Masken, Masken zu Skeletten werden, als Anschauung des Unentrinnbaren und der Verdammnis zu sich selbst. Und gerade in diesem scheußlichsten Moment fühlt man, daß der Dichter das Widerliche besiegt. Durch diese wüste Phantastik zucken geniale Blitze, und die Gegenstimmen im Publikum werden nach ganz kurzem Intermezzo zur Ruhe gezwungen.

Ja, Hans Kaltneker war ein Dichter, ein Jünglingsdichter, dessen Geist die Form zersprengte, die des Dramas wie die des eigenen Lebens. Er war nicht von der Genialität der Weiningers, aber doch eine starke Persönlichkeit. Einer, mit dem man sich auseinandersetzen muß, trotz hundert inneren Hemmungen. Ob sich, wenn er hätte leben dürfen, seine Kunst zur Männlichkeit entfaltet hätte? Unsre Zeit lehrt, wie schwer zurückfindet, wer sich in sich selbst verirrte. Und die Verirrung eines genial Veranlagten ist dieses Stück.

Ida Roland hat ergreifend gespielt bis in die verwegensten Peinlichkeiten ihrer Rolle, fanatisch und doch schlicht, beweisend, daß ihre große Kunst nicht dekorativer Aeußerlichkeit bedarf. Alle andern Rollen bleiben nebensächlich bis auf die des künstlerisch beherrschten Regisseurs Hans Brahm, der namentlich in der Infernoszene und in den brutal naiven, schlechten Wedekindbildern den letzten Akt vor Entgleisungen bewahrte.

Die Herren der Polizei haben gestattet und die innere Polizeistimme des Publikums hat ihnen recht gegeben.

In: Neues Wiener Tagblatt, 14.12.1923, S. 11.