Körper-Hygiene-Kultur: Körperpraktiken der 1920er Jahre

In der Zwischenkriegszeit etabliert sich eine neue Vorstellung vom idealen, jungen, vitalen und schlanken Körper. Gleichzeitig mit ihr setzen auch neue Körperpraktiken vor allem im Bereich der Körper- und Hygienekultur ein. Das Ideal und der Weg zur Erlangung desselben werden zu omnipräsenten Themen in den Medien. In Auseinandersetzung mit Printmedien (ausgewählte Frauenzeitschriften und Ratgeber) sowie einschlägigen Ausstellungen wird versucht, die Körperkultur der Zeit in ihren Grundzügen nachzuzeichnen.

Von Laura Winkler | August 2017

Inhaltsverzeichnis

  1. Ideale – Praktiken – Etablierung
  2. Körperpflege versus Kosmetik
  3. Körper – Sport – Psyche
  4. Ratgeber-Literatur
  5. Kosmetik – ärztliche Kosmetik

1. Ideale – Praktiken – Etablierung

„Der menschliche Körper verwandelt sich zur langen Jahrhundertwende von einer festen beständigen Einheit in eine flüchtige, zu einem unbeständigen Zustand des potentiellen Verfalls und der realisierbaren Verbesserung.“1 Dank der Medien und des Sportes, aber auch vor dem Hintergrund tiefgreifender sozialer und habitueller Wandlungsprozesse etabliert sich ein neues Körperideal: der junge, vitale (gesunde und leistungsfähige) und vor allem auch: schlanke Körper. In der Zwischenkriegszeit erfährt die Entwicklung bezüglich der an den Körper gestellten Ansprüche ästhetischer und leistungstechnischer Art, ein in dieser Form bis dato nicht gekanntes Ausmaß. Mit ihr kommt es zu einer Vielzahl neuartiger Körper- und Hygienepraktiken, zu einem neuen Verständnis von Körperkultur.

Die Körperkultur wird durch diverse Kanäle propagiert; wichtig sind hier die Printmedien, der Film und die Werbung in Form von visueller Vermittlung, die in der Alltagswahrnehmung zunehmend an Sichtbarkeit gewinnt und im urbanen Raum geradezu omnipräsent in Erscheinung tritt. Die Vorstellung vom idealen Körper wird mittels Bildern, Reklamen, Ratschlägen und Empfehlungen bzgl. Körperkultur intensiv propagiert und offensiv sichtbar gemacht.

In Printmedien, besonders in den Zeitschriften, werden beispielsweise neue Moden, Sportarten und Gesundheitstrends hinsichtlich ihrer Vorzüge und jeweiligen Eignung besprochen. Ratschläge und Hinweise, die meist unter eigenen Rubriken zu finden sind, im besonderen Fall sogar in der Art eines Fortsetzungsromans in einer sozialdemokratischen Zeitung wie Die Unzufriedene2, geben Aufschluss über Körperkulturpraktiken, über Gewichtung und Fragestellungen innerhalb des Diskurses. Gebündelt lassen sich die hier bearbeiteten Themen und Probleme in Ratgebern der Zeit nachlesen, thematisch geordnet zum Nachschlagen geben diese Auskunft über Körperpflege und körperliche Ertüchtigung, kurz über körperliche Instandhaltungsmaßnahmen.

Ein weiteres Medium der Verbreitung der neuen Körperkultur mit einem etwas weiteren Fokus auf Hygienekultur waren Ausstellungen. So fanden im Wien der Zwischenkriegszeit Ausstellungen mit den Titeln: „Hygiene Ausstellung“ (1925), „Frau und Kind“ (1928), „Turnen-Sport-Spiel“ (1931), sowie „Sozialhygienische Ausstellung“ im STAFA Warenhaus statt.3 Weiters muss hier das vom Arbeiterabstinentenbund eingerichtete Sozialhygiene Museum in der Leopoldstadt,4 angeführt werden, das u.a. 1924 die „Ausstellung zur Bekämpfung der Tuberkulose“5 zeigte. Sowie eine Wanderausstellung mit dem Titel „Hygiene im Heim“, über deren Eröffnung in Linz, das „Tagblatt“ 1929 berichtet.6

Sie dienen gleichsam der Aufklärung des Besuchers über die unterschiedliche Funktionsweise des Körpers, dessen „Instandhaltung“ im gesunden als auch im kranken Zustand, wie auch zur Leistungsschau des jungen Wohlfahrtstaates (Volkswohnungen, Volksbäder, Kranken- und Altenführsorge etc.). Mittels Infotainment, d.h. hier Bildtafeln der Wiener Bildstatistik und farbenprächtigen, künstlerisch hochwertigen Schauobjekten7, werden wissenschaftliche Erkenntnisse über den Körper und seine Funktionsweise an die Besucher weitergegeben. Sie sollen dem Einzelnen die Selbstoptimierung, die durch Körperkultur und -praktiken vorangetrieben wird, ermöglichen. Das Individuum soll seinen Körper u.a. auch deshalb formen, um ein vollfunktionsfähiges Mitglied der Gesellschaft zu sein und auch in Zukunft bleiben zu können, was natürlich eine Reihe von Aufwendungen hinsichtlich zeitlicher wie auch finanzieller Ressourcen nach sich zieht. Besonders in die Pflicht genommen wird dabei die Frau, die sich stärker als der Mann der Köperkultur zu verschreiben habe; warum das so ist, wird an späterer Stelle noch zu klären sein.

2. Körperpflege versus Kosmetik

Die Körperkultur, die durch unterschiedlichste Strömungen und Schulen geprägt und ausdifferenziert ist, lässt sich hier nicht in ihrer Gesamtheit darstellen, jedoch möchte ich die, in den unterschiedlichen Quellen gefundenen Ausführungen in ihren Grundzügen nachzeichnen. Hierzu wird zwischen „natürlichen“ und „künstlichen“ Körperpraktiken differenziert, wie sie auch Stoff8 für den Verjüngungsdiskurs der Zeit verwendet, um die Darstellung übersichtlicher zu halten.

Zunächst werden hier die natürlichen Körperpraktiken dargestellt; ihr Programm kann komprimiert wie folgt beschrieben werden: „[…] durch [die] Betätigung aller Kräfte des Körpers der Naturentfremdung des modernen Lebens entgegen zu wirken.“9 Die Praktiken zielen darauf ab, die einseitige Belastung des modernen Großstadtlebens, das der Erlangung des eingangs besprochenen Körperideals hinderlich ist, auszugleichen:

Um das Altern möglichst lange hinauszuschieben und sich gesund zu erhalten, muß man eine zielbewußte regelmäßige Körper Pflege betreiben und ein entsprechendes Leben führen. In der Nahrung darf nicht zu viel Fleisch vertreten sein, sondern viel frisches Gemüse und Obst. Auf eine gesunde Verdauung muß streng geachtet werden. Zur Erhaltung einer jugendlich elastischen Gestalt, zur Vermeidung von Fettansatz – Sport und Gymnastik.10

Außer den essentiellen Bereichen der natürlichen Praktiken wie Sport, Ernährung (Entfettung), richtige Körperpflege, Verdauung finden weitere Themen wie der Einfluss von Luft und Sonne, die Auseinandersetzung mit hygienischer Kleidung und Naturheilverfahren im Diskurs ihren Niederschlag.

Charakteristisch ist dabei die Auffassung, dass der sich äußerlich am Körper manifestierende Makel nur die äußere Erscheinung eines inneren Leidens sein kann, oberflächliche Behandlung (d.h. Kosmetik) könne diese nicht beheben und erziele nur „falsche“ Schönheit. Wer schön sein will, muss daher auch gesund sein, lautet eine weitverbreitete Devise im Diskurs rund um „natürliche“ Körperkultur:

„Daß jede Versenkung, jede Verdickung, jede (!) verzogene Muskel, jede Fettablagerung oder Abwanderung eine Unnatürlichkeit, eine krankhafte Erscheinung ist.“11

oder an anderer Stelle zu lesen:

„Schön ist nur der Körper, der durch ernstes und zielgerichtetes Vorgehen so ausgemeißelt und durchgearbeitet ist, daß wirklich jedes seiner Organe seine Funktion auf natürliche Weise verrichtet[…]“12

Mit diesen Worten beschreibt Else Zentner 1925, die bereits 1916 als Erfinderin des „kosmetischen Turnens“ im Neuen Wiener Tagblatt erwähnt wird, die neue „generelle Körperkultur“, welcher sie in nächster Zukunft die Ausbereitung zum gesellschaftlichen Allgemeingut voraussagt.

Tatsächlich durchdringt 1925 die Forderung nach einer neuen Körperkultur bereits größere Teile der Bevölkerung, wenn etwa in der ehemaligen ArbeiterinnenZeitung und nunmehrigen Die Frau ein Artikel mit dem Titel „Körperkultur der Frau“ mit dem Aufruf, sich das bürgerliche Privileg der Körperkultur anzueignen, zu lesen ist: „Körper und Geist müssen gleichwertig werden, gleich gebildet gleich gepflegt sein.“13

3. Körper – Sport – Psyche

Die prominenteste Stellung unter den „natürlichen“ Körperpraktiken kommt sicher dem Sport zu, der als gesundheitsfördernd, Gestalt formend, ausgleichend, abhärtend und sich positiv auf die Psyche auswirkend beschrieben und somit zum Hauptbestandteil einer gesunden Lebensweise wird.14 Ein weiterer Grund für seine Verbreitung ist sicherlich auch ökonomischer Art, da im Vergleich mit anderen Körperpraktiken (kosmetische und ärtzliche Behandlungen, kosmetische Produkte), relativ günstig und leicht auszuüben, hier seien nur die neuen Schwimmbäder, und (Arbeiter-)Sportvereine erwähnt.

Tendenziell wird der Begriff der Körperkultur fast deckungsgleich mit dem bzw. in der Nähe des Sports verwendet. 1928 ist etwa in Die Unzufriedene zu lesen: „Körperkultur ist nicht bloß eine Anregung zur Ausmerzung jener Schäden, die der Beruf dem menschlichen Organismus beifügt. Körperkultur ist Lichtspender und Freudenbringer im wahrsten Sinne des Wortes.“ Hier wird unter dem Stichwort „Körperkultur“ die positive ausgleichende Eigenschaft des Sports angepriesen. Arbeiter „[…] erziehen, stählen und verschönern[…]ihre Körper auf Turn- und Sportplätzen, für den Kampf gegen den Kapitalismus“.15

Die gesellschaftliche Pflicht eines jeden Einzelnen, seinen Körper im Sinne der natürlichen Körperpraktiken intakt zu halten, ist eine Forderung, die wiederholt zu finden ist: „Sportliche Betätigung stärkt auch den Geist. Unsere Frauen und Mädchen müssen denken, müssen die Zeichen der Zeit verstehen lernen. Hand in Hand an der Gesundung des Volkes mitbeteiligt zu sein, das muss die Lösung sein.“16 ist beispielsweise in Die moderne Frau von 1927 zu lesen. Der Einzelne müsse sich für eine gesunde und leistungsfähige Gesellschaft stärken.

Dass Frauen mit solchen Forderungen öfter konkret angesprochen werden, ist wahrscheinlich mehreren Gründen geschuldet. Sei es, weil hier an Frauen adressiertes Material herangezogen wurde, oder sie aufgrund von Körperschädigungen, unter anderem ausgelöst von der vorherrschenden Mode,17 besonderer Animation bedürfen, um das neue weibliche Ideal der 1920er Jahre zu erreichen. Weiters ist vereinzelt noch die Argumentation zu finden, Frauen müssen davon überzeugt werden, sich sportlich zu betätigen.18

Die Stärkung der Konstitution der Frau ist aber sicherlich auch im Zusammenhang mit dem Hygiene- Diskurs zu sehen. Hier weist er (mitunter nicht unproblematische) Züge des Dienstes an der “Erhaltung der Art“ auf. Es werden Praktiken suggeriert „[…] damit gesunde Kinder in die Welt gesetzt und zu gesunden, vollwertigen und nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft erzogen werden“19, was die Annahme nahelegt, eine durch sportliche Betätigung gesunde, leistungsfähige Frau könne mehr gesunde Kinder in die Welt setzen und ist ihnen durch ihr Handeln Vorbild, damit auch diese durch Selbstoptimierung zur Optimierung der gesamten Gesellschaft beitragen.

Diese Arbeit am eigenen Selbst wird z.T. auch sehr selbstbewusst zur Schau gestellt, so etwa in der neuen Mode, sich nackt fotografieren zu lassen, wie dies für die Allgemeinheit 1925 in Die Bühne, als neuester Trend der schwedischen Freikörperkultur besprochen wurde.20 Zur virulenten Verbreitung in der Gesellschaft in den Folgejahren haben in Wien die, auch von Schriftstellern wie Fred Heller textlich begleiteten, Aktaufnahmen in Zeitschriften wie „Die Bühne“21 sowie der Skandal rund um die Nacktaufnahmen Claire Bauroffs, die von Trude Fleischmann gemacht wurden, beigetragen. Nicht zuletzt auch die Aktphotos von Josephine Baker, die 1928, im selben Jahr, als diese für eine Revue nach Wien kam,22 im renommierten Wiener bzw. (ab 1927) Pariser Atelier D’Ora von Dora Kallmus angefertigt wurden.23

Durch Sport modellierte Körper werden nunmehr in knapper Sportbekleidung präsentiert. „Allerdings kann nicht jede mir nichts dir nichts das kurze Sporthöschen anziehen.“ wie im Artikel Fred Hellers „Sportmädel“ zu lesen ist. Denn das neue Körperideal führt auch zu einem konkurrierendem Vergleich der Geschlechtsgenossinnen untereinander: „Ihr spöttisches Blinzeln, ein leises Kichern und man kommt sich unangezogen vor, oder etwa so, als wäre man mit einem altmodischen Kostüm bekleidet. Dabei sind es oft ganz kleine Fehler der Figur, die Spott und Hohn wecken. […] Deshalb bereitet sich die kluge auf ihr Debüt im Freiluftsport zu Hause vor […].“ (Ebd.,39)

Dass immer mehr Frauen Sportarten ausüben und sich in diesen auch im Wettbewerb messen, wird über die Jahre zu einem gewohnten Bild in der Sportberichterstattung. Dies zeigen zwei Beispiele aus Die Bühne im Jahr 1928: eine Fotoseite, die die Leistungen der österreichischen Olympioniken Lisl Perkaus und Ludwig Wessely ehrt, oder aber die aus demselben Jahr stammende Fotocollage: Achtung Gentlemen! Sportladies bedrohen eure Rekorde!24

Frauen treten in ihrer sportlichen Ausübung immer selbstbewusster auf, so auch bei der 1931 in Wien stattgefundenen Arbeiter Olympiade, über die Marie Deutsch-Kramer schreibt:

„Wer die Sportlerinnen im Festzug sah, im gleichen Schritt mit den männlichen Genossen, wer ihre Massenübungen bewundern konnte – wer sie als olympische Kämpferinnen im Stadion bei der Leichtathletik oder als Schwimmerinnen und Springerinnen beobachten konnte – der  mußte das Gefühl haben: sie sind im Sport gleichberechtigt mit den Männern.“25

Ganz anders klang das allerdings noch 1924 in der ersten Ausgabe der Zeitschrift Die Bühne26; dort wird in der Rubrik Sport der Leser dazu aufgefordert anhand drei abgedruckter Bilder darüber zu urteilen: “Ist Laufen, Springen und Werfen eine ästhetische Bewegung des Frauenkörpers?“ (Ebd.) Der Verweis auf die beiden letztgenannten Beiträge macht deutlich, wie rasch sich das Körperbewusstsein entwickelt und verändert hat und wie sehr es zunehmend nicht mehr nur aus einem beobachtenden männlichen Blick, sondern aus einer weiblichen Bewusstseinslage heraus thematisiert wurde.

4. Ratgeber-Literatur

Wie die konsequente und zielgerichtete Arbeit am eigenen Selbst zu gestalten ist, führt auch die ansehnliche Zahl der Ratgeber27 vor, die in den 1920er Jahren erschienen. Bruno Prochaska porträtiert in seiner satirischen Kurzgeschichte „Der Schönheitssuchende“28 die Auswüchse einer solchen „natürlichen“ Selbstoptimierungsgesellschaft. Er beschreibt einen Mann, der dem Nacheiferungswahn, der von Ratgebern empfohlenen Lebensweise verfallen ist und sein Leben nur noch damit verbringt, die beschriebenen Praktiken und Übungen auszuführen und Neuerscheinungen auf dem Gebiet der Körperkultur zu studieren, um sie zu übernehmen. Eine zeitintensive Beschäftigung, die keinen Platz mehr für Erwerbsarbeit lässt. Dennoch ist der Schönheitssuchende davon überzeugt, sich Gesundheit und Schönheit mühsam erarbeitet zu haben, was von Seiten des Erzählers relativiert wird, der in als kränklich aussehend und schmächtig beschreibt (Vgl. Ebd.).

Unter den Ratgebern sind aber auch solche zu finden, die zwischen Aufklärung und Beratung in Sachen Körperpflege und Reklame zu verorten sind. So etwa der 1932 herausgegebene Ratgeber „Körperpflege und Lebensklugheit“29. Er berät auf zehn Seiten über einen gesunden Tagesablauf und Lebensrhythmus, um dann die Produkte für den Erhalt eines gesunden Körpers als wichtigstes Kapital anzupreisen (Ebd.), man könnte hier wohl von product placement, von einer Verquickung eines zeitgenössischen Lifestyle-Diskurses mit Geschäftspraktiken sprechen. Solche Werbepraktiken sind durchaus keine Seltenheit entwickelt sich doch im Zuge der gesteigerten Aufmerksamkeit die dem Körper und seiner Instandhaltung zukommt, auch ein breitgefächerter Markt für kosmetische und körperpflege Produkte (auch aus Wiener Produktion30). Das Angebot erstreckt sich von Zahncreme, Seifen, Shampoos und Cremen31 bis hin zu Massageapparaturen, Entfettungsgürtel und sonstige das Aussehen modellierende Fabrikate32Dieses wurde in den Zeitschriften vor allem in Illustrierten intensiv und z.T. durch aufwendig gestaltete Reklame etwa Frau Elise Bocks Werbeschaltung im Stile eines Artikels beworben.

5. Kosmetik – ärztliche Kosmetik

Der Selbstoptimierungs- bzw. Verschönerungs- und Verjüngungsdrang bleibt nicht bei natürlichen Methoden zur Erlangung dieser stehen, man versucht das Ideal künstlich, durch kosmetische /chirurgische Eingriffe, durch Modellierung von Aussehen und Form zu erlangen. Kosmetische Institute bieten Diathermie-Behandlungen „mittels Durchwärmung der Haut, Erfrischung und Verjüngung, Wiedergewinnung ihrer früheren Elastizität“33 und unterschiedliche Massagen (auch Elektrovibration) zur Anregung des Muskelaufbaus oder des Fettabbaus, zur Faltenreduktion, sowie unterschiedliche Masken an. Die ärztliche Kosmetik hingegen widmet sich „[…] der Entstellungsbekämpfung im weitesten Sinne[…].“34 Darunter fallen Straffungen der Gesichtshaut, Paraffin oder Fettinjektionen und diverse operative Eingriffe wie etwa Brust-, Nasen- und Ohrkorrekturen. Das Ausmaß der breiten Facette an Optimierungsmöglichkeiten wird an einer Stelle der satirischen Kurzgeschichte Wilhelm Lichtenbergs: „Die renovierte Frau“35 gut zum Ausdruck gebracht. Er beschreibt eine Frau und ihren Verehrer, der auf die Aufforderung hin, zu äußern was er an ihr so liebe, vergebens versucht einen natürlich belassenen Körperteil zu nennen. Die „Renovierte“ erläutert ihm bei jedem Körperteil, welche Methode angewandt wurde, in der Absicht, ihrem Verehrer zu beweisen, dass er sie nicht wirklich liebe. Er lässt sich allerdings auf ihr künstliches Äußeres ein und bewundert sie sogar dafür:

„Ich sank zum zweitenmal vor ihr nieder, sah liebeglühend auf ihr reizendes Gesichtchen, das bestes Wiener Fabrikat war. Sie umschlang mich zärtlich mit den Lainsborough-Armen. Der heiße Mund ließ zwei Reihen U. S. A.-Zähne sehen und ihre Silvoqué-Augen blitzten mich an. Der Busen aber – der Lendecke – Busen hob und senkte sich: dabei vibrierten die Nasenflügeln die zur Hälfte aus dem sonnigen Süden stammten.“ (Ebd., 52)

In seinem Überschwang den Mut ihrer Jugend lobend, muss er letztlich erfahren, dass seine Angebetete bereits 72 Jahre alt ist und sich erst kürzlich der Verjüngungsmethode Voronoff (Keimdrüsen von Affen werden dem Patienten zur Verjüngung transplantiert36) unterzogen hat. Auch Vicki Baum, die 1930 mit Pariser Platz 13 eine, so der Untertitel, „Komödie aus dem Schönheitssalon“ vorgelegt hat, befasste sich seit 1927 in einer Reihe von Artikeln in der Zeitschrift Uhu (Ullstein) mit verschiedenen Aspekten der Körperkultur, darunter auch mit kosmetischen Verfahren zur Verjüngung.37 Wenn man sich die Zahl der Annoncen kosmetischer Ärzte und kosmetischer Institute in den Zeitschriften, sowie die Erörterungen der Vorgangsweisen sowohl in Zeitschriften als auch in Ratgebern ansieht, dann stellen diese Eingriffe wohl kaum ein Randphänomen dar. Die Popularität scheint sich in den Jahren zu steigern und erlebt 1928 einen ersten Boom.38 1930 setzt Marianne Pollak in ihrem Artikel „Soziale Kosmetik“ das Ziel wie folgt fest: „Der Masse die anziehende äußere Erscheinung erobern […]“ um Unglücklichen, denen ihr Äußeres direkt oder indirekt ihre Anstellung kostet in ihrem Existenzkampf zu helfen. Sie fordert von den Krankenkassen bezahlte kosmetische Eingriffe („soziale Kosmetik“). Tatsächlich gibt es in Wien um 1930, wie Pollak in ihrem Beitrag ausführt, bereits ein „Ambulatorium und Spital für unentgeltliche Entstellungsbekämpfung“. Wenn man Franz Halla glauben darf, – er schreibt für die Rubrik: „Was sagen die Ärzte?“ in Die Bühne, dann unterziehen sich nicht nur Frauen, sondern auch Männer solchen Eingriffen. In seinem Artikel hält er fest, dass „[…] jeder dritte kosmetische Patient männlicher Natur ist.“39 und zählt eine Palette von Eingriffen auf, die von künstlichen Schmissen, elektrischer Entfernung des Bartes, der Behandlung von Hautleiden und Glatzenbildung bis zu chirurgischen Eingriffen wie Nasen- und Ohrenkorrekturen, letztere häufiger als bei Frauen, sowie Korrektur von Tränensäcken und Hängewangen reicht (Ebd.). Inwiefern Hallas Text hier als Werbung in eigener Sache diente, sei dahingestellt, wobei zu erwähnen bleibt, dass es durchaus nicht unüblich war, dass die Autoren der Rubriken „Kosmetik“ und „Was sagen die Ärzte?“ in Die Bühne gleich nach dem eigentlichen Text eine Reklame für ihr ärztliches oder kosmetisches Institut schalten (so etwa Dr. Eitner oder aber Franz Halla).40


  1. Stoff, Heiko: Ewige Jugend: Konzepte der Verjüngung vom späten 19. Jahrhundert bis ins Dritte Reich. Köln: Böhlau 2004, S. 21.
  2. z.B.: Itzkowitz, Erna: Gesundheit, Körperpflege und Schönheit. In: Die Unzufriedene Nr. 8-9 sowie Nr. 11-14 (1928) S. 7.
  3. Vgl.: Offizieller Führer durch die Hygiene-Ausstellung Wien 1925 in Verbindung mit der Ausstellung: „Der Mensch“ vom deutschen Hygiene-Museum etc. Wien : Paul Gerin 1925; Katalog: Frau und Kind. Ausstellung im Messepalast. Wien April-Juli 1928 Wien: Paul Gerin 1928; Czermak, Emmerich: Warum Leibesübungen? In: Führer durch die Ausstellung „Turnen – Sport – Spiel“ Wien: 1931.; N. N.: Unsere Sozialhygienische Ausstellung. In: Die Unzufriedene Nr.43 (1931) S. 1.
  4. Vgl. Vizekanzler Frank: Große Subventionen der Gemeinde Wien. In: Arbeiter-Zeitung Nr.291 (1924) S. 8.
  5. Plakat: Ausstellung zur Bekämpfung der Tuberkulose, (veranstaltet vom Arbeiter-Abstinentenbund gemeinsam mit dem Österreichischen Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose (1924) Unter: http://opac.obvsg.at/opac_help/WBR-bildobjekt.html?AC10594316-4201
  6. Vgl. N. N.: Von der Linzer Ausstellung. In: Tagblatt Nr. 195 (1929) S. 7.
  7. Vgl.N. N.: Erläuterung der Abt.: B, E u. G. Ausstellung des Deutschen Hygiene Museums, Dresden. In: Frau und Kind. Ausstellung im Messepalast. Wien April-Juli 1928 Wien: Paul Gerin 1928, S. 14.
  8. Vgl. Stoff, Heiko: Ewige Jugend. Köln: Böhlau Verlag 2004, S. 13.
  9. Czermak, Emmerich: Warum Leibesübungen? In: Führer durch die Ausstellung „Turnen – Sport – Spiel“ Wien: 1931.
  10. Karpelis, Egon: Kosmetik des Alterns. In: Die Bühne Nr. 144 (1927) S. 55.
  11. G. M.: Man läßt sich nackt photographieren. Die Verewigung der Blütezeit. In: Die Bühne Nr. 45 (1925) S. 21.
  12. Zentner, Else: Zur Körperpflege der Frau. In: Die Bühne 16 (1925) S. 60.
  13. Enders; Sophie: Körperkultur der Frau. In: Die Frau, Nr.2 (1925) S. 4.
  14.  Vgl. Hartwick, A.: Kosmetik und Sport. In: Die Bühne Nr. 236 (1929) S.63; Halla, Franz: Mode und Gesundheit. In: Die Bühne Nr. 85 (1926) S. 52; Pav, Josef: Seid mit eurem Körper unzufrieden. In: Die Unzufriedene Nr. 21 (1928) S. 1.; N. N.: Die Frau und die moderne Körperkultur. In: Die moderne Frau Nr. 23 (1927) S.14.
  15. Pav, Josef: Seid mit eurem Körper unzufrieden. In: Die Unzufriedene Nr. 21 (1928) S. 1.
  16. N. N.: Die Frauen und die moderne Körperkultur. In: Die moderne Frau Nr. 23 (1927) S. 14f.
  17. Frühe Ratgeber berichten etwa von Problemen mit der richtigen Atmung und verkümmerten Bauchmuskeln, die ihrer eigentlichen Aufgabe nicht nachkommen. So z.B.: Mesendieck, Bess M.: Körperkultur der Frau. Praktisch hygienische und praktische ästhetische Winke. München: F. Bruckmann A.- G. 1925 (9. Auflage).
  18. Vgl. Pav, Josef: Körpersport der Frau. Ein Nachklang zum Arbeiter-Turn- und Sportfest. Die Unzufriedene Nr.20 (1926) S. 2.; N. N.: Die Frauen und die moderne Körperkultur. In: Die moderne Frau Nr. 23 (1927) S. 14f.
  19. Frau und Kind. Ausstellung im Messepalast. Wien April-Juli 1928 Wien: Paul Gerin 1928, S. 4.
  20.  Vgl. G. M.: Man läßt sich nackt photographieren. Die Verewigung der Blütezeit. In: Die Bühne Nr. 45 (1925) S. 20f.
  21. gehäufte Artikel über Kinder und Frauen Aktfotos In: Die Bühne so beispielsweise im Jahr 1927 Nr. 128/S. 50; Nr. 137/S.22f,Nr. 143/S.19, Nr. 149/S.14f , und im Jahr 1928 Nr.183/S. 32.
  22. Vgl. Die Bühne Nr. 174 (1928) S. 13.
  23. Vgl. Die Bühne Nr. 47 (1925) S.5. Vgl. dazu auch Iris Meder, Andrea Winklbauer (Hgg.): Vienna’s Shooting Girls – Jüdische Fotografinnen aus Wien. Wien: Metroverlag/Jüdisches Museum 2013, bes. S. 94-111.
  24. N.N.: Achtung Gentlemen! Sportladies bedrohen eure Rekorde! In: Die Bühne Nr. 202 (1928) S. 20f.
  25. Deutsch-Kramer, Marie: Blick in die Zukunft. In: Die Frau Nr. 9 (1931), S. 11.
  26. N. N.: Meisterinnen der Leichtathletik. In: Die Bühne Nr. 1 (1924) S. 40.
  27. Vgl.: Mensendieck, Bess M.: Körperkultur der Frau. Praktisch hygienische und praktisch ästhetische Winke.. München : Bruckmann 1925, (9. Auflage); Mutterschaft und Körperkultur. Hg. v. Adolf Koch. Oldenburg 1925; Preiß, Ernst: Neue Wege der Körperkultur. Stuttgart: Dieck 1926. ; Klier, Franz: Schön, schlank und jung bleiben! Wien u. Breslau : Schwarz 1927; Schönheits-Lexikon der gesamten Körper-, Teint- und Haarpflege nach Senquin. Hg. v. Will. John Büx.Wien : Druck- und Verlagsanstalt Melantrich A. G. 1929;Metzler, Franz Gebhard: Körperkultur und Sittlichkeit: moderne Lebenskunde. Innsbruck u.a.: Tyrolia 1930; Körperkultur und Frauenseele. Hg. v. Schneider, Elisabeth. Innsbruck, Wien u.a.: Tyrolia 1932; Herbert Stifter: Körperpflege – Lebensklugheit. Innsbruck: Rauch 1932; Halla, Franz: Schön bleiben und werden: Moderne Pflege d. Körpers, Verhütung u. Beseitigung von Schönheitsfehlern. Wien u.a. : ‚Albrecht Dürer‘ 1933; Halla, Franz: In Schönheit leben. Salzburg : Kiesel 1934.
  28. Prochaska, Bruno: Der Schönheitssucher. In: Mocca Nr. 1 (1929) S. 88f.
  29. Körperpflege – Lebensklugheit. Innsbruck: Herbertstifter Verlag 1932.
  30. Vgl. Rebecca Unterberger: 1928 – Dispositive: Verjüngung. In: Julia Bertschik, Primus-Heinz Kucher, Evelyne Polt-Heinzl, Rebecca Unterberger: 1928. Ein Jahr wird besichtigt. Wien: Sonderzahl 2014, S. 103.
  31. z.B.: Werbung Nivea. Aus: Die Bühne (1927), Nr. 64, S. 67; Werbung Centra Terpentin-Kernseife. Aus: Die moderne Frau (1928), Nr. 12, S. 15; Werbung für Odol-Zahncreme. Aus: Die Bühne (1930), Nr. 274, S. 13.
  32. z.B.: Werbung: Savage-Massage Gerät. Aus: Die Bühne (1929), Nr. 252, S. 37. Werbung: MIRACEL Entfettungsgürtel Werbung: Savage-Massage Gerät. Aus: Die Bühne (1925), Nr. 49, S. 78.
  33. Berényi, Lili: die Dame läßt sich bügeln. In: Die Bühne Nr. 76 (1926) S. 18.
  34. Tillinger, Louise: Das Wesen der Kosmetik. In: Die Bühne Nr. 250 (1929), S. 55.
  35. Lichtenberg, Wilhelm: Die Renovierte Frau. In: Mocca. Nr. 9 (1932) S. 51f.
  36. Vgl. Dr. Eitner: Das Verjüngungsproblem. In: Die Bühne Nr.149 (1927) S. 55.
  37. Vgl. Vicki Baum: Pariser Platz 13. Eine Komödie aus dem Schönheitssalon und andere Texte über Kosmetik, Alter und Mode. Hg. u. mit einem Nachwort versehen von Julia Bertschik. Berlin: Aviva 2006, bes. S. 172-183: Erfahrungen mit der Verjüngung (Erstdr. Uhu, Dez. 1927, H.3).
  38. Vgl. Rebecca Unterberger: 1928 – Dispositive: Verjüngung. In: Julia Bertschik, Primus-Heinz Kucher, Evelyne Polt-Heinzl, Rebecca Unterberger: 1928. Ein Jahr wird besichtigt. Wien: Sonderzahl 2014, S. 99-105.
  39. Halla, F.: Kosmetik des Mannes In: Die Bühne Nr.288 (1930)S. 61.
  40. Vgl. z.B.: Die Bühne Nr. 149 (1927) S. 55; Die Bühne Nr.359 (1933), S. 59.