1919 | Ernst Weiß: Tanja

Ende 1919 wurde das Stück Tanja von Ernst Weiß am Deutschen Volkstheater inszeniert. Nachfolgend finden Sie sechs Besprechungen.

  1. Raoul Auernheimer: Theater- und Kunstnachrichten
  2. Alfred Markowitz: Theater
  3. Otto Abeles: Zum ersten Male: „Tanja“. Drama in drei Akten von Ernst Weiß
  4. Moriz Scheyer: „Tanja.“ Drama von Ernst Weiß
  5. Leopold Jacobson: Deutsches Volkstheater. Zum erstenmal: „Tanja“, Drama in drei Akten von Ernst Weiß
  6. N.N.: Theater
  7. p.f.: Theater. „Tanja.“ (Deutsches Volkstheater.)

Neue Freie Presse: Raoul Auernheimer: Theater- und Kunstnachrichten

R[aoul] A[uernheimer]: Theater- und Kunstnachrichten (Rubrik)1

[Deutsches Volkstheater.] Wer den Verfassernamen auf dem jüngsten Theaterzettel dieser Bühne übersehen hätte, der müßte glauben, daß „Tanja“ von Ernst Weiß, die nach dem Prager auch das Wiener Publikum heute erstmalig zu sehen bekam, ein aus dem Russischen übersetztes Drama ist. Alles in dem Stück ist russisch und schmeckt irgendwie nach Dostojewski: der Name und Charakter der Heldin, die eine Tänzerin und kleine Dirne ist, die Umwelt, die Personen. Tanja tötet schon im ersten Bilde ihr eigenes Kind, weil sie trotz angestrengten Nachdenkens nicht herausbringen kann, wer dessen Vater ist; sie wird, ungefähr gleichzeitig, die Geliebte eines Bombenattentäters, von dem sich später herausstellt, daß er ihr aus dem Russisch-japanischen Krieg zurückgekehrter Geliebter und Vater des kleinen Ilja ist; sie verliebt sich in den Attentäter, aber zu spät, nachdem dieser bereits den Fürsten Urussow – die Verkörperung des unmenschlichen russischen Militarismus – getötet und sie ihn verraten hat; sie wird wahnsinnig, kommt ins Irrenhaus, stürzt sich aus dem Fenster in den Spitalshof hinab und verscheidet auf einem Misthaufen, von einem ganz im Geiste Dostojewskis sprechenden jungen Popen mit Heilandsworten getröstet, während eine junge [Wahnsinnige ?] kniend auf einer aus dem Unrat hervorgewühlten Mundharmonika eine abgerissene Melodie spielt. . . . Die Grobheit dieser in diesem gewissen allerneuesten Sturm- und Drangthema sich abwickelnden Vorgänge gipfelt äußerlich mit der Entrollung der roten Revolutionsfahne am Schlusse des dramatischen […] dritten Bildes. Hier geht das Russische des Stückes in das Zeitgemäße über und erklärt sich innerlich. Das Stück von Ernst Weiß dürfte zu einer Zeit geschrieben worden sein, […] die Revolution noch in den russischen Soldaten… […] und Ludendorff’ Urussow nennen mußte, wenn man ihn auf der Bühne ermorden zu lassen wünschte. „Tanja“ schließt sich insofern der gewissen posthumen Kriegsliteratur an, die, literarisch, heute schon eine ablaufende Bewegung bedeutet. Wertvoller als diese politische Anzüglichkeit des Werkes sind ein paar menschliche Augenblicke, aus denen ein vom Russischen unabhängiger Dichter spricht: so die Prediger der menschenfreundlichen Popen im dritten Bilde, so das ergreifende Sterben Tanjas im letzten. Bei diesen Stellen der Dichtung [verschärft] sich auch das durchwegs sehr ansehnliche Maß der [Dichtung] zu überragenden Leistungen. Den Popen gibt Onno, der noch nie so maßvoll und menschlich war; Tanja ist Ida Roland. Sie verrät, als Dirne diesmal, wie unlängst als Kaiserin, in jedem Augenblick ihrer Rolle die rassige, stilvolle Schauspielerin, in dem sterbenstraurigen Schlußbild aber wächst sie über sich hinaus. Wie sie da, ein Häuflein Elend, auf dem Misthaufen liegt, bewegungslos, nur die Augen flackern ein wenig und die Lippen formen mühsam hin und wieder ein mit erschütterter Stimme hervorgebrachtes Wort, gibt sie ein unverwischbares Bild, einen unvergeßlichen Eindruck. Das ist nicht mehr Startum, sondern wahres Künstlertum, erlittenes und [beseeltes], und wurde, unabhängig von der Dichtung, [deren grobe] Zickzacklinie Beifall, aber auch Widerspruch erregte, als solches vom Publikum dankbar erkannt und anerkannt.

In: Neue Freie Presse, 25.12.1919, S. 18.

Arbeiter-Zeitung: Alfred Markowitz: Theater

A.[lfred] M.[arkowitz]: Theater

Deutsches Volkstheater. „Tanja“, Drama in drei Aufzügen von Ernst Weiß, ist die Schöpfung eines nicht gewöhnlichen Talents, dem dramatische Gestaltungskraft gewiß auch diejenigen zuerkennen werden, die Stoff und Form des Stückes ablehnen, weil sie nicht gewahr werden können oder wollen, daß sie nichts anderes sind als die notwenigen Mittel, deren sich der Dichter bedienen muß, um seiner Intuition den ihr angemessenen sinnlichen Ausbruch zu verleihen. Es gereicht dem Autor nicht zur Unehre, wenn gesagt wird, daß seine Idee nicht neu ist. Sie ist nicht neu, weil die höchsten und zugleich tiefsten Probleme der Menschheit auch ihre ältesten sind. Die Idee in „Tanja“ ist das Problem des Kampfes zwischen dem Guten und Bösen im Menschen, seine Lösung, der unbeirrbare Glaube an die Unzerstörbarkeit und die schließliche Sieghaftigkeit des der Liebe entquellenden Guten. Aber diese alte Idee ist neu gewendet. Läßt sich dieses Problem etwa nach alter Weise überzeugend darstellen, wenn gezeigt wird, daß in vermummten Engelsherzen das Gute triumphiert? Mußte da der Dichter nicht in den schwärzesten Abgrund menschlicher Verworfenheit steigen? Wenn Tanja, die Dirne und Polizeispionin, die Verräterin und Kindesmörderin, den Soldaten Wladimir, der sich ihr in blind vertrauendem Glauben an das Gute in ihr bedenkenlos preisgibt, dem Henker verschachert, während er aus Menschenliebe zur Bombe greift, wenn sie ihn nach der Tat anscheinend zur Flucht verhilft, nur um ihn um so sicherer der Polizei in die Hände zu spielen, wenn sie um den Preis für den Kopf des arglos schlafenden Idealisten feilscht wie um den Preis für eine Dutzendware und wenn im Gefängnis selbst Wladimir, der durch seine Ueberzeugungskraft bisher noch alle bezwungen hat, an ihr verzweifelt, so verzweifeln auch wir an dem Guten und umsomehr, als Wladimir gerade durch seinen Glauben an das Gute und durch seinen Opfermut für das Gute sich ins Verderben stürzt. Auch Tanja verdirbt gerade durch den Keim des Guten in ihr. Sie mordet ihr Kind, sie mordet Wladimir, weil sie durch ihn in einer Nacht der Liebeslust zur verlassenen Mutter eines verlassenen Kindes wurde. Aber das zum Bösen gewandelte Gute verstärkt nicht nur die Verzweiflung an dem Guten, es bereitet auch seinen Sieg ebenso vor wie die inneren Kämpfe Tanjas und der Schiffbruch Wladimirs. Das Bombenattentat löst die Lawine der Revolution. Wladimir soll durch sie erhoben werden. Tanja, die ihn im Gefängnis vergiftet hat, verzweifelt an sich selbst. Im Irrenhaus stürzt sie sich, nachdem sie ihr innerstes urmenschlich tierisches Wesen im Spiegel symbolisch erschaut hat, aus dem Fenster und bleibt mit zerbrochenem Rückgrat liegen. Ein junger, vom heiligen Glauben an die Güte erfüllter Pope, der Dolmetsch des Dichters, spricht zur sterbenden von der rettenden Liebe. Und nun öffnen Liebesgedanken an Wladimir und ihr Kind das verzweifelte Herz und der Sieg des Guten leuchtet aus ihren brechenden Augen. Das Spiel paßte sich dem Stil des Stückes vollendet an. Ida Roland wuchs zur vollsten Höhe ihres Könnens gerade in der Sterbeszene empor und gestaltete dadurch die innere Wandlung Tanjas um so überzeugender. Raoul Aslan blieb seiner Rolle nichts schuldig, vermied aber doch jede Uebertreibung. Ferdinand Onno als junger Pope und Aurel Nowotny als Arzt arbeiteten den Gegensatz ihrer Rollen in vorzüglicher Weise heraus. Auch alle übrigen leisteten Treffliches in ihren kleinen Rollen.

In: Arbeiter-Zeitung, 28.12.1919, S. 10.

Wiener Morgenzeitung: Otto Abeles: Zum ersten Male: „Tanja“. Drama in drei Akten von Ernst Weiß

Otto Abeles: Zum ersten Male: „Tanja“. Drama in drei Akten von Ernst Weiß.

In diesem Falle ist das Witzeln nicht am Platz. Ein Fluch lastet auf allem, was dieser Krieg hinterläßt – auch auf der Dichtkunst. Sie ist verderbt und verlogen und je kriegsfeindlicher sie tut, je großartiger die Geste ist, je „inbrünstiger“ die Erlösung und die Freiheit und die Alliebe gepredigt wird, umso empörender ist die Mache. Die Geschäftigkeit, mit der eine gewisse Literatur die neue Zeit „bereitet“, stinkt zum Himmel. Hätte man es nicht schon einmal erlebt, als Gerhard Hauptmann mit dem „Friedensfest“ und den „Webern“ den Auftakt gab und alle Bühnen mit naturalistischen Stücken und Arbeiterdramen letzter Qualität gefüttert wurden, hätte man es nicht schon einmal in der Lyrik mitgemacht, daß Hugo Hofmannsthal mit seinem Gedichte „Den Erben laß ich verschwenden an Adler, Lamm und Pfau…“ den Auftakt gab und Arno Holz mit seinen reimlosen Gedichten zu einer Sintflut von Nachahmungen, zu einer Sturzwelle langer oder kurzer nach der Längsachse symmetrisch geordneter Verszeilen hunderter Dichterlinge – wüßte man es nicht aus den Neunzigerjahren des verflossenen Jahrhunderts, daß ein Starker, Eigenartiger auf die Jungen abfärbt und daß (oft den Autoren unbewußt) ihre Produktion sich der literarischen und politischen Tagesproduktion anschmiegt: man müßte an diesen rotdrapierten oder mit den Weltproblemen jonglierenden neuen Gedichten und Dramen verzweifeln und diese ganze schreibende Jugend durchaus in das Fach der talentvollen Spekulanten einteilen.

Wie ist doch in diesem neuen Drama von Ernst Weiß der abgebrauchte Stoff von den russischen Nihilisten und der Ochrana zu einer Menschheitserlösungsallegorie aufgepustet, wie frivol wird doch die Gestalt eines Revolutionärs und eines jungen urchristlichen Popen nach guten Vorbildern durchgepaust und mit zusammengelesenen, nicht selbst errungenen Erkenntnissen auswattiert! Die Szene, da die einfältige Dirne Lada den zu Tode gequälten Knaben aufbahrt und ihm eine Nachrede hält, die aus lauter ‚Brillanten‘ besteht, ist einfach frech. Die Gefangenhausszene mit den gefesselten Verbrechern, dem engelreinen Priester, dem sadistischen Polizeimeister und der hereinflatternden Revolutionsfahne ist ein beleidigender Kitsch und die ärgste Zumutung ist das Bild im Irrenhause. Die preußische Ordnung und Genauigkeit, mit der eine Wahnsinnige den Monolog einer anderen Wahnsinnigen vor der daliegenden schönen Tanja auslaufen läßt, bevor sie ihren Monolog anbringt, geht wirklich über die Hutschnur und die Schalheit des letzten Bildes läßt man abgestumpft über sich ergehen. Ob der Autor nur aus Naivität dieses Stück verbrochen hat, wird sich erst aus seiner späteren Entwicklung erkennen lassen.

Ist das Deutsche Volkstheater wirklich dazu da, Rollen für Frau Roland um jeden Preis herbeizuschaffen? Sie hat in dem Drama eine Rolle, oder vielmehr ihre große Begabung formt aus der Tanja eine Gestalt, eine lebende Gestalt, daß man an das Zeug vergißt, das ihr in den Mund gelegt wird. Eine verprügelte Bestie, deren grausame Sinnlichkeit aus bitteren Kindheitserlebnissen herauswächst. Und ihr stummes Spiel in den Schlußszenen, das Aufbrechen dieser verkrusteten Seele, das Weinen der erlösten Liebe wäre eines Dialoges von Tolstoischer Größe und Reinheit wert. Von den übrigen Mitwirkenden sei Herr Homma besonders hervorgehoben, der den Polizeimeister ausgezeichnet charakterisierte. Fräulein Denera gab die Lada. Wenn man die Augen schließt wähnt man Frau Erika Wagner zu hören. Auch ein Zeichen der Zeit, daß so viele Schauspieler, selbst begabte, fremde Eigenart skrupellos übernehmen. Es gab wieder einen Theaterskandal. Die Ablehnung war sehr unsanft.

In: Wiener Morgenzeitung, 25.12.1919, S. 5.

Neues Wiener Tagblatt: Moriz Scheyer: „Tanja.“ Drama von Ernst Weiß

Moriz Scheyer: „Tanja.“ Drama von Ernst Weiß. – Zur Erstaufführung am Deutschen Volkstheater.

Zuerst waren die Leute im Theater nur etwas unruhig und nervös, bereit, dem geringsten Hustenreiz nachzugeben; man hoffte auf eine Entspannung, auf eine Beruhigung durch das Stück selbst. Dann aber, als es oben auf der Bühne immer grausamer und schonungsloser zuging, begann das Publikum, schonungslos nun seinerseits, seine Enttäuschung „abzureagieren“: es wurde gezischt und gelacht, und leider mehr als einmal auch dort, wo es einem für den Autor sehr weh tun mußte. Schließlich waren alle Anstrengungen vergebens: vergebens der Beifall einer Minorität von gereizt begeisterten Anhängern, vergebens die intelligente, klug den inneren Stimmungsgehalt an die sichtbare Oberfläche projizierende Regie des Dr. Reich, vergebens die blitzende, von allen Motoren der Energie und der Routine zu verzweifelt rasender Schnelligkeit angetriebene Temperaments-Turbine der Frau Roland, das inbrünstige Tremolo des diesmal als Pope kostümierten Herrn Onno; ja nicht einmal Herr Aslan, feurig und edel, edel und feurig in einer russischen Soldatenuniform, nicht einmal dies vermochte die Situation zu retten. Ernst Weiß ist als Romancier ein hochbegabter Dichter und Sprachkünstler, kein Zweifel, aber auf dem Theater wirkt er teils abstoßend und geschmacklos, teils verworren und ermüdend.

Dem Stück soll in Prag ein starker Erfolg beschieden gewesen sein. In Prag lebt eine neue Generation, die von uns seit jeher mindestens sechs expressionistische Eisenbahnstunden entfernt war; jetzt sind es deren zwanzig. Und ich fürchte, wenn es so weitergeht, werden wir Provinzler den Anschluß an das geistige Prag überhaupt versäumen. Wir bleiben zurück und können nicht mehr mit.

Auch ich kann nicht mehr mit, beim besten Willen nicht, und behaupte, daß es unbedingt im höchsten Maße widerwärtig und aufreizend bleibt, wenn einen Akt hindurch eine Mutter ihr hilfloses, unschuldiges Söhnchen langsam und raffiniert zu Tode martert. Darüber vermögen weder pathologische noch psychoanalytische Möglichkeiten und Deutungen hinwegzuhelfen. Vielleicht ist die Dirne und Polizeispionin Tanja eine krankhaft veranlagte Sadistin, vielleicht läßt sie ihr Kind nur den Haß gegen den ihr unbekannten Vater – gegen einen unter vielen – entgelten, vielleicht ist es Liebe, die in Grausamkeit, Grausamkeit, die in Liebe pervertiert erscheint. Vielleicht. Sicher aber ist, daß diese Tanja unsäglich roh und gemein wirkt.

Vielleicht ist auch alles andre sehr echt und wahrheitsgetreu, das russische Lokalkolorit, fremde Erde und fremder Duft, der rätselvolle slawische Seelenkampf mit seinen hart aneinanderstoßenden Gegensätzen: Dirne und Heilige, Mörder und reiner Tor, animalischer Trieb und lauterstes Ethos, Brutalität und religiöses Erbarmen, Knute und orthodoxe Frömmigkeit, blinde Leibeigenunterwürfigkeit und todesbereites Erlösungsbedürfnis. Sicher aber ist, daß die Szenen im Gefängnis, wo Tanja mit einem Attentäter, mit dem zufällig entdeckten Vater ihres Kindes, auf die Hinrichtung wartet und durch die plötzlich ausbrechende Revolution bereit wird, daß diese Szenen also mit ihrem ganzen Apparat an Kettengerassel und Elendsgestöhn, an infernalischer Polizeidämonie und ethisch wunderschön gemeinter, doch uferloser Popenlyrik, an roten Fahnen, Glockenklängen und Salven unendlich kitschig und gequält anmuten. Eine Mischung von Japolska und Kaffeehaus-Tolstoi. Und kein Licht erscheint in dieser Finsternis.

Dann der dritte und letzte Akt: das Irrenhaus, in dem Tanja nach einem Anfall durch einen Sprung aus dem Fenster endet. Ein psychiatrisches Idyll mit allen medizinischen und klinischen Details als tragische Sühne. Grauenhaft, entsetzenerregend, man wird ungeduldig, müde, aber man bleibt innerlich ungerührt und teilnahmslos. Man möchte laut aufschreien, weglaufen, doch nicht einen Augenblick lang möchte man weinen.

So wild und kompliziert und voll Aufruhr sich dieses Stück auch gebärdet, es ist kein innerer Zwang darin, seine unmittelbare Lebensnähe, seine allgemein gültige, allgemein aufklingende menschliche Resonanz. Expressionistisch, aber ausdruckslos, naturalistisch, aber wider die Natur. Sonst geht man aus dem Theater und läßt, je nach dem Eindruck, einen Teil wenigstens seiner Gedanken, ein Stück seiner selbst im Theater zurück. Doch diesmal spürt man nur ein Bedürfnis, nur einen Wunsch: vorüber, vergessen, so rasch als möglich.

In: Neues Wiener Tagblatt, 25.12.1919, S. 13.

Neues Wiener Journal: Leopold Jacobson: Deutsches Volkstheater. Zum erstenmal: „Tanja“, Drama in drei Akten von Ernst Weiß

Leopold Jacobson: Deutsches Volkstheater. Zum erstenmal: „Tanja“, Drama in drei Akten von Ernst Weiß.

Es gibt einen Pragerdichterwinkel, der wahrscheinlich in einem Kaffeehaus zu suchen ist und von Zeit zu Zeit ein Talent ausspeit. Die Franz Werfel, Max Brod, Paul Kornfeld sind alle von dorther gekommen, haben sich in der deutschen Literatur festgesetzt, und man ist schon einigermaßen darauf vorbereitet, bei einem neuen Namen, der unter den Dichtungen und Bekenntnissen der Zeit auftaucht, die Frage zu stellen: „Ist der Herr nicht vielleicht ein Zugereister aus Prag?“ Auch Ernst Weiß, der neue Autor des Deutschen Volkstheaters, ist einer von die Fahrer; auch er bringt in seinem Gepäck Talent mit, starkes Talent, und was sonst noch zu einem Prager Dichter gehört:  Seele, Tiefe, Höhe, Weltanschauung, Tolstoismus und modernste Modernität in Sprache, Stil, Verlag, und Büttenpapier. Dieser Ernst Weiß hat ein paar Werke geschrieben, Romane von einiger Bedeutung, die ihn wirklich nicht als die erstbeste Begabung erscheinen lassen. Jetzt hält er beim Drama und sein erstes, die „Tanja“, ist gewiß kein Dutzendstück. Freilich: die Originalität des Gedankens wird man vergebens suchen, trotzdem es Kleid und Gedanken als neuartig und ursprünglich wie ein Plakat zur Schau trägt. Aber es ist doch nur aus derselben Empfindungswelt heraus geboren, die in allen geistigen Völkerbundsherolden spukt: Erlösung der Menschheit von allem Bösen; Güte, Güte, Güte, Gott, Gott, Gott. Das ist alles in ein Grobstoffliches eingebettet, zwischen Kindermartyrium, Dirnentum, Militärgewalt, Mord, Todschlag, Irrenhaus. Man kennt schon das ganze Arsenal, aus dem die literarischen Waffen zum Kampf gegen die Gebundenheit menschlichen Willens und menschlicher Vorstellung geholt werden. Darüber schwebt dann: das Ethos. Mit diesem Wort wird jetzt so viel und hartnäckig Schindluder getrieben, daß es beinah’ verdächtig geworden ist. Auch Ernst Weiß hat als Legitimation für sein qualvolles, peinigendes Stück: Ethos.

Auf dem Umschlagzettel zur Buchausgabe des Dramas steht als Inhaltsextrakt folgendes: Die russische Tänzerin und Polizeispionin Tanja wächst wie eine giftige Wucherung aus dem Erdreich der Revolution, aber das Gute nagt so lange und unermüdlich an ihrem Herzen, bis es in schmelzender Selbsterlösung dahinsinkt: Eine Tragödie von Schuld, Schicksal und letzter Verzweiflung . . . Nun liest und sieht man das Stück und die Teile des Geschehens setzen sich zusammen aus dem besonderen Haß der Dirne, die von einem Unbekannten ein Kind empfangen hat und diese Frucht einer einzigen Lust wie eine Kugel am Fuße durchs Leben schleift; aus den bösen Charakterzügen dieser Tanja, die den Mann, der sich zu ihr nach neun Jahren plötzlich wieder flüchtet, aus Liebe, Haß und Geldgier zugleich, den Polizeischergen ausliefert, denselben Mann, der eben durch ein Bombenattentat gegen den Feldherrn die Welt von einer Geißel befreit hat und es nur tat, weil er die Menschheit durch Güte (wenn auch durch das Mittel der Gewalt) zur Besinnung bringen wollte; es setzt sich das Geschehen weiter zusammen: aus dem Selbstmord des Attentäters knapp vor der Befreiung durch die Revolution; aus dem Zusammenbruch Tanjas, die ins Irrenhaus gebracht wird, wo alle seelischen Dämonen losgelassen sind und der gerechte und strafende Gott, den Tanja nie erfaßte, sich in seiner ganzen Allgewalt zeigt. Dieses Um-Gott-Ringen Tanjas und Wladimirs sind Anfang. Mitte und Abgesang dieses innerlichen Dramas, das von krassester Aeußerlichkeit bewegt wird. Ernst Weiß schlägt blutende Wunden. Er häuft alle seelischen Verbrechen aufeinander, er schwingt grausam und wollüstig die Peitsche, und erst beim letzten Schrei bleibt als Rest: Güte.

Nun, Theaterstücke sehen sonst anders aus. Hier ist Literatur und Idee mit den Mitteln des Kolportageromans gestaltet; aber auf der Bühne verwischen sich die Grenzen und es wird nur der grobe, für die meisten abstoßende Stoff sichtbar.

Dieser Tanz auf den Nerven wird vor allem von Frau Roland virtuos vollführt. Sie spielt die Rolle der Tanja wieder einmal bewunderungswürdig, wenngleich ihrer Darstellungskunst gerade um die Mitte des Stückes zu die Aktivität genommen wird. Aber es ist immer prachtvoll; sie sprüht Gemeinheit, Bösartigkeit, Lüsternheit, sie hat Ekstasen und Gebärden von einer Wildheit und zugleich technisch großartigen Ausdrucksfähigkeit, wie sie nicht alltäglich auf dem Theater zu erleben sind. Auch Herr Aslan findet für den Soldaten Wladimir, dem die Messiasrolle zugefallen ist, diesmal einen starken inneren und äußeren Umriß, wie überhaupt in der Inszenierung bis auf einige kleine Ungeschicklichkeiten im Irrenhausbild und in den kleineren Rollen diesmal viel Schärfe des Wesentlichen steckt.

Der Liebe Müh’ war allerdings nicht von Erfolg gekrönt. Im Gegenteil: die Ereignisse des Abends mündeten in ihrer zweiten Hälfte in einen kleinen Theaterskandal, ja, es fehlte nicht viel, daß ein großer daraus wurde. Der erste Akt und zwei Bilder des zweiten fanden so viel Anklang, als ihre Theatermäßigkeit verdiente, und der Verfasser durfte lebhaften Hervorrufen folgen. (Die vielen Zischer wurden vom Beifall der andern übertönt). Aber mitten hinein in das nächste Bild platzten schon Gelächter und Lärm. Es waren gerade die gedankenvollen Szenen im Irrenhaus, der wahre Seelenspiegel leidender Kreaturen, die auf Unverständnis und Hohn stießen. Minutenlang mußte das Spiel aussetzen und alle Predigt der Güte verhallte bis zum endgültigen Schluß des Stückes vor tauben Ohren und stumpfen Gesichtern. Wütender Widerspruch kämpfte mit dem Beifall für Frau Roland, und dem Autor schleuderte man ein heftiges Pfui entgegen, als er sich wieder zeigte. Die Tiere, denen Ernst Weiß geistig die Ketten zu sprengen suchte, wendeten sich gegen ihn. Da möchte man nun am liebsten alles, was gegen ihn künstlerisch hier zu sagen war, ungesagt sein lassen und ihn nur der Achtung versichern, die sein ganzes Schaffen verdient.

In: Neues Wiener Journal, 24.12.1919, S. 3.

Wiener Zeitung: N.N.: Theater

N.N.: Theater.

(Deutsches Volkstheater.) Der junge Prager Dichter Ernst Weiß, dessen Erzählungen (Romane und Novellen) ihn rasch zu frühem Ruhm gebracht haben, ließ gestern im Volkstheater ein Drama „Tanja“ zum ersten Male spielen, drei Akte, ein impressionistisches Stück. Die Heldin tritt allabendlich in einer Moskauer Tanzbude auf, aber ihre sogenannte Kunst ist nur der schleißige Deckmantel eines anderen Gewerbes. Dieses Weib wird nur um so verächtlicher, weil sie in ihrem dritten und Hauptberuf eigentlich Polizeispionin ist. Mit Tanz und Liebe lockt sie die Männer in ihr unsauberes Netz, um sie dann mitsamt ihren gravierenden politischen Geheimnissen dem Polizeiwachtmeister für schnödes Schandgeld auszuliefern. Tanja ist noch zu dem allen eine widernatürliche schlechte Mutter, die ihr Söhnchen Ilja, dessen Vater sie nicht einmal kennt, langsam zu Tode martert. Sie verrät auch den Soldaten Wladimir, der auf den Unhold General Urussow eine tödliche Bombe geschleudert hat, seinen auf ihn lauernden Henkern, obschon sie vorher erfuhr, daß dieser Wladimir der Vater ihres Kindchens ist. Wladimir nimmt im Polizeigefängnisse Gift und stirbt. Hätte er nicht vorschnell selbst seinen Tod herbeigeführt, so würde ihn die Revolution, die inzwischen den Zarismus stürzte, befreit haben, und er wäre als großartiger Nationalheld gefeiert worden. Alle diese wild lospolternden, einander jäh überstürzenden Ereignisse verwirren Tanjas schwachen Geist. Sie springt im Irrenhaus aus dem Fenster und stirbt an den Folgen des Sturzes des Rach s im Anstaltsgarten, von einem sanften jungen Priester gütig geleitet. Aber sie scheidet als verstockte Sünderin ab, ruhelos, reuelos. Dieses Stück wildestes Revolutionsrußland, mitten aus dem zuckenden Leib der Gegenwart mit brutalen Griffen gerissen, ist in viel zu viele tönende, hallende Worte eingehüllt. Wie in fast allen Dramen der expressionistischen Richtung reden die Gestalten nicht ihre eigene individuelle Sprache aus sich heraus, sondern völlig undifferenziert, die literarisch gewählte, pathetisch hoch hinauf gesteigerte des Dichters. Das ist höchst undramatisch im Kern und Wesen. Lord Byron ist der große Ahnherr dieser Art von „Dramatik“. Leider wurde gestern der poetischeste von echt dichterischer Schönheit durchwehte Akt der „Tanja“, in dem Frau Roland ihre mit erschütternder Wahrhaftigkeit durchgeführte Sterbeszene hatte, von einem ungeduldigen und erbitterten Publikum grausam niedergehöhnt und durch ironische Zwischenrufe wiederholt unterbrochen, so daß die bedauernswürdigen Darsteller oben auf der Szene mehrmals mit dem Spiel aussetzen und die Beruhigung der erregten Gemüter abwarten mußten. Frau Ida Roland stand wohl als Tanja auf der Höhe ihrer Kunst, doch vermochte auch sie Stück und Gestalt nicht zu retten. Das völlig Unmögliche mußte auch ihren außerordentlichen künstlerischen Fähigkeiten versagt bleiben. Herr Aslan trat als Wladimir aus seiner sonstigen konventionellen Schönjünglingsmelancholie heraus und hatte sich zu geschlossener, gefestigter Männlichkeit zusammengerafft. Herr Onno fand als gütiger sanfter, junger Pope einen wundersam zarten Ton religiöser Tröstung. Die Regie des Dr. Bernhard Reich war ihren vielfältig schwierigen Aufgaben nur zu geringem Teile gewachsen; sie drängte gerade in gefährlichen und bedenklichen Szenen das ihr anvertraute Stück knapp an den Rand der Lächerlichkeit, so daß es zu den schon berührten peinlichen Exzessen kam. Als der Dichter erschien, um für den Beifall seiner jugendlichen Anhänger zu danken, mußte er sich vor den Rufen „Bravo Roland“ rasch zurückziehen.

In: Wiener Zeitung/Wiener Abendpost, 24.12.1919, S. 2.

Der Neue Tag: p.f.: Theater. „Tanja.“ (Deutsches Volkstheater.)

p.f.: Theater. „Tanja.“ (Deutsches Volkstheater.)

Herr Bernau ist übel beraten. Seine Vorgänger waren bestrebt, sich die richtige Weihnachtsnovität zu sichern; ihn läßt der letzte große Berliner Theaterradau nicht ruhen, der rund um Bassermann entfesselt war. Jetzt hat er glücklich den Wiener Skandal: rund um Ida Roland. Jeder kennt heute die Reizbarkeit des Publikums, vor allem seine Unverläßlichkeit, wenn es sich um heikle Dinge handelt. Ein Theaterdirektor müßte erst recht – um die Parkett- und Galeriepsyche Bescheid wissen. Noch dazu einer, der über eine ganze Schar von Dramaturgen verfügt. Aber – wie gesagt – vielleicht war es seine Absicht, herbeizuführen, was ein anderer an seiner Stelle gern verhütet hätte.

Herr Ernst Weiß, der Verfasser dieses Stückes, der, wie man mir versichert, schätzbare Autor der Romane „Die Galeere“, „Kampf“ und „Tiere in Ketten“ (die ich nicht gelesen habe), hat unlängst einem Ausfrager geantwortet, daß der Stoff zu „Tanja“ schon lange in ihm „geballt“ vorhanden gewesen wäre und daß er zum Abfassen der Tragödie ganze zehn Tage benötigt hätte. Schade, daß er sich nicht länger Zeit gelassen hat. Vielleicht wäre die Angelegenheit dann kürzer geworden, hätte sie eine straffere Fassung erhalten. Man kann nicht behaupten, daß es dem Autor gelungen wäre, was er als Ballung in sich getragen, auseinanderzufalten, zu erlösen. Manchmal ist er von rechtem theatralischen Willen beseelt, so im zweiten Bild des zweiten Aktes, wo er die bolschewistische Fahne über den Häuptern der befreiten Sträflinge flattern lässt. Ein wenig verfrüht allerdings, da nebenher vom russisch-japanischen Krieg und den Truppen vor Mulden gesprochen wird. Ansonsten vermißt man hier, wie überall dort, wo die expressionistische Marke erkennbar ist, die fortlaufende Linie einer sich steigernden und schließlich explodierenden Handlung. Diese drei Akte leben vielmehr von unaufhörlichen Detailexplosionen, die zwischen die Ruhepausen gesetzt sind. Wollte man den Weg nachzeichnen, den der Autor gegangen ist, käme das Zickzack einer Fieberkurve zustande. Und es ist nur selbstverständlich, wenn der müdegewordenen Ekstase schließlich die Lethargie auf dem Fuße folgt. Worauf dann pünktlich der Tumult losbricht, der lange schon in der Luft gelegen hat. Sieht man schärfer zu, entdeckt man, daß, was hier seltsam fernlos aufgebauscht vorüberzieht, anders, solider, altmodischer gefaßt, beinahe wie das normale Sensationsstück verlaufen könnte: die Dirne, die sich in den Vater ihres Kindes verliebt, den sie nach Jahren wiedersieht, und die, nach Schicksalen aller Art, den Freitod erwählt.

Frau Ida Roland ist übel beraten. Sie wagt sich, der Reihe nach, an allzu gefährliche Experimente heran. Nach der Messalina die Tanja, oder: mühevolle, leidenschaftliche Arbeit und doch kein Erfolg. Gestern ebensowenig wie damals. „Man darf die Schauspieler nicht entgelten lassen, was Direktor und Autor verschuldet haben!“ rief die einzige vernünftige Stimme aus dem Publikum. Frau Roland tat einem leid, als eine aufgeregte, scheugewordene Zuhörermenge sie nicht sterben lassen wollte und Lachen und Zischen miteinander rangen. Es darf ihr nicht genügen, wenn man ihr sagt, daß sie auch diesmal wieder sich im vollen Besitz ihrer reichen Mittel gezeigt, daß sie hinreißen, wenn auch nicht zu rühren verstanden hat.

Herrn Aslans ekstatischer Eiferer verdient alle Anerkennung; er war ein Bekenner von seltener darstellerischer Intensität. Die übrigen, deren Kräfte nur in geringem Maß bemüht wurden, seien mit einem Gesamtlob bedacht.

Nochmals: Herr Bernau und Frau Roland sind übel beraten.

In: Der Neue Tag, 24.12.1919, S.5.

  1. Die schlechte Qualität des Digitalisats dieser Zeitungsseite lässt eine vollständige Transkription nicht zu. Entsprechend unleserliche Stellen wurden ausgelassen oder in Klammern logisch vervollständigt.