Oskar Strnad und Hans Brahm: Das Bild der Bühne

[Redakt. Vorbemerkung]

Wir wollen in diesen Blättern, unterstützt von zwei Führern des modernen Theaterwesens, Hans Brahm und Prof. Dr. Oskar Strnad, eine fortlaufende Erörterung der bedeutendsten Bühnenfragen in Wort und Bild geben.1

1. Gedanken über die Szene

Die Arbeit auf der Bühne ist die Arbeit von vielen, aber ein Geist muß sie alle beherrschen, der Geist, der Hörbares und Sehbares zur Einheit bringt. Diese Arbeit ist nur selten die Leistung eines Einzelnen. Daher ergeben sich oft Unstimmigkeiten zwischen dem hörbaren Spiel und der sichtbaren Szene. Gewöhnlich ist der Leiter des Spiels (der Regisseur) nicht auch Leiter der Szenengestaltung (das ist der Maler oder der Architekt). Nur dann, wenn Jener und Diese die gleiche Beziehung zur Bühne und dem dramatischen Spiele haben, kann eine einheitliche Wirkung von Wort, Spiel und Szene erreicht werden.

Ausgangspunkt muß die Fähigkeit sein, das dramatische Werk räumlich zu empfinden und es körperlich übersetzen zu können. Die dramatisch-räumliche Idee (Regie-Idee) muß gefunden werden. Für die handelnden Figuren muß die Atmosphäre geschaffen werden. Ihre aus der dramatischen//Handlung hervorkommenden Bewegung müssen weitergeführt werden in dem Linienzug alles Gegenständlichen, in Fußboden und Wänden, in Farbe und Licht und in ihren Verhältnissen zueinander. Das Ganze muß als Kunstwerk vom Alltag abgelöst und durch das Licht zu einer neuen Realität gebracht werden.

Der Bühnenrahmen trennt zwei Welten: die des Podiums im Licht der Fußrampe und die des Zuschauerraumes. Die Realität der Bühne ist nicht die des Alltags. Sie darf nur die körperlich-gegenständliche Vision des Dichters, nur die des suggestiven Spiels der Darsteller sein. Denn es wird auf der Bühne nicht wirklich gemordet, nicht wirklich geweint. Wohl ist auch hier z.B. die Tür wirklich eine Tür, ebenso wie der Schauspieler wirklich der Mensch ist. Aber so wie Dieser während des Spiels seine seelischen Grenzen jeweils innerhalb des dramatischen Werkes findet und nie sich selber zeigen darf (das ist ja die geheimnisvolle Atmosphäre des Schauspielers), ebenso hat auch die Tür ihre fest begrenzten, räumlichen Beziehungen zum übrigen Szenarium und auch zum Spieler, Beziehungen, die nur den strengsten dramatischen Notwendigkeiten entsprechen, und Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen. Die Szene darf daher niemals Selbstzweck sein. Sie muß immer eine den Geist des Werkes spiegelnde Wirklichkeit in „illusionärer“ Ferne bleiben. Sie darf keinen unmittelbaren, keinen messbaren Zusammenhang mit dem Zuschauer haben, wenn nicht das Gesetz der künstlerischen Einheit von Spiel und Raum verloren gehen soll.

Der innere Zusammenhang des dramatischen Spieles verlangt auch einen Zusammenhang des Szenenbaues. Beide haben ihren Höhepunkt, die die Konsequenz alles Vorangegangenen ist, der aber auch die Lösung des Ganzen schon in sich trägt. Körper, Linie, Farbe und Licht sind die Mittel der Szene: Körper und Linie enthalten die Struktur des dramatischen Rhythmus, die Farbe ist symbolischer Klang, das Licht Träger der neuen Realität, die wir Bühne nennen.

Die Mechanik und Technik der Bühne müssen geheim bleiben. Die Bühne soll immer „Theater“, also gemalte Leinwand sein. Aber sie muß auch den Zauber einer eigen-wirklichen Welt erreichen können, den der Vorhang öffnet und wieder schließt.

2. Regie und Dichtung

Es ist die Aufgabe des Theaters, dichterische Visionen transparent zu machen, Schönheit

Bloßzulegen, die Spannung der Konflikte übertragend zu erzeugen, kurz, nachzudichten. Bei starker Empfindung eines Inszenators für eine Dichtung kommt in ihm die Auslösung eines Gleichklanges mit dem Dichter zustande. In diesem Sinn wird „objektives“ Gestalten unmöglich. Natürlich muß unterschieden werden zwischen selbstherrlicher Überhebung, die sich inszenieren, und der Fähigkeit zur Einfühlung, die durch sich den Dichter inszenieren will. Die Absichten der modernen Regie, „frei“ zu gestalten, entspringen der Erkenntnis, umsetzen zu müssen, um nachdichten zu können. Der Hauptfaktor dieses Umsetzens ist das gestaltende Nacherleben des alles umfassenden Regisseurs. Er ist Ausdruck eines Ensemblewillens. (Ensemble ist alles auf der Bühne: Szenenbau, Farbe, Beleuchtung, Kleidung, also nicht nur die Schauspieler.) So tritt der Regisseur als Stellvertreter („Übersetzer“) des Dichters in den Vordergrund.

3. Der Szenenbau des „Hamlet“

Dass „Übersetzung“ nichts mit „Kommentierung“ zu tun hat, zeigt unser „Hamlet“. Der Versuch der Deutung der „Auffassung“ eines so alles enthaltenden Werkes ist absurd. Hier gibt es also nur die Forderung: Neutralisierung der Szene auf der Basis eines hohen tragischen Geschehens.

Die Grundfeste unseres Projekts ist ein reich gestufter Aufbau, dessen drei ungleich hohe Erhebungen einen zentral gelegenen Raum, den ruhenden Pol des Ganzen begrenzen. Die drei Erhebungen tragen schwere quadratische Säulen, welche das einemal Terrassentürme, um die der Geist umherstreicht, bedeuten sollen, das anderemal – durch jeweils andersfarbige Drapierung verhängt – die verschiedenen Räume des Schlosses zur Vorstellung bringen. Durch Säulen entstehen Gänge: die wilden und unruhigen, unheimlichen Begegnungen, das Wandeln auf Galerien, das Behorchen, Vorbeischleichen und Verstecken findet hier seine Spielmöglichkeiten. Oft stehen nur zwei oder steht nur eine Säule da, je nach dem Raumbedarf. In freier Gegend (Fortinbras) fehlen die Säulen ganz, dann ist die Szene ein Wiesenhügel. Ähnliches gilt für die Kirchhofszene, wo nur eine zu äußerst stehende Säule die Ecke des Kirchturms bedeutet, sonst alles Grabhügel ist. Die unverändert bleibende Bühnenmitte ist der Raum für besonders hervorgehobene Momente, zum Beispiel für die Schauspielerszene, für den Tod Hamlets.

Gedämpftes Rot ist die Farbe von Grundfeste und Säulen, um die sich nach allen Seiten unendliches Dunkel breitet, wechselndes Licht variiert die Szene, der einfache Schnitt der Gewänder neutralisiert auch diese, lediglich die Farben unterscheiden ihre Träger.

Einfache Größe, umrandet vom Mannigfaltigen, Unruhigen, Dunklen und Fernen – das ist der Szenenbau des Hamlet.

In: Das Zelt. Eine Juedische Illustrierte Monatsschrift. H.1(1924), S. 37-39. Nachgedruckt in: I. Meder, E. Fuks (Hgg): oskar strnad 1879-1935. Salzburg-München 2007, S. 125-126.

  1. Dem Text ist als Illustration ein Bühnenbild Strnads zur Hamlet-Inszenierung beigegeben. Der Hamlet wurde zwischen März und Mai 1924 auf dem Burgtheater gegeben.