Leo Lania: Im Nebel. Skizze

Die Großstadt hatte Josef hervorgebracht. Er war ihr Werk. Und man sah es ihm an, in welcher Eile sie ihn zusammengezimmert, wie wenig Mühe sie sich mit ihm gegeben hatte.

Da war sein Kopf zum Beispiel: ein Kopf, der rund und schön, glatt hätte werden sollen wie die Köpfe aller anderen Menschen. Die Großstadt aber hatte es gemacht wie die die Jungens, wenn sie einen Schneemann bauen, hatte ihn in ihrer verfluchten Eile eine elende Stümperarbeit geliefert, und so kam es, daß Josefs Schädel lauter Unregelmäßigkeiten zeigte, Beulen und Ecken, und daß seine kurzen grauen Haare so wild und widerspenstig nach allen Seiten standen wie die Borsten einer ruppigen Bürste. Mitten in sein Gesicht hatte ihm die Stadt einen grünlichblaurot schillernden Fleischklumpen als Nase gesetzt, hatte ihm einen schwarzen, speckigen Gehrock mit auf den Weg gegeben und eine hohe, zerschlissene Pelzmütze. So war wohl Josef auf die Welt gekommen: mit der Nase, dem Rock, dem Kopf und der Mütze. Und so saß er auch müde, eine Schnapsflasche unterm Arm, am Fluß und blinzelte den vorbeiziehenden Vögeln nach und der dünnen, grauen Rauchfahne, die drüben am hohen Fabriksschlot hing – schlaff, gewissermaßen auf halbmast zur Ehre des Feiertags. Von Zeit zu Zeit stieß er mit dem Fuß kleine Steine ins lehmige Wasser.

                                                           *

So schrecklich gleichgültig ist doch das alles; Träge wälzt der Fluß seine schmutzigen, gelblichgrünen Fluten zwischen den steilen Böschungen dahin. Rückwärts, dort, wo Dunst und Rauch in einer dicken Wolkenwand gegen den Himmel steht, ist die Stadt, aus der er kommt, Licht, Leben, Menschen und Brücken, spiegeln sich Paläste und Kaufhäuser in seinen perlenden Wassern.

Auch hier draußen ist noch die Stadt. Dort rechts die Fabrik, Schlote, phantastische Gerippe aus Eisen und Glas. Und dennoch glaubt man die Stadt weit, weit entfernt.

Flußabwärts beginnt der Wald, eine graubraune Silhouette und die Nebel, die aus dem Fluß steigen, flattern wie milchweiße Schleier über den armseligen, zerzausten Bäumen.

Am anderen Ufer: Strecken freien Baugeländes und ein paar große, freistehende Mietkasernen, die aussehen, als hätten sie alle ihre Wünsche und Hoffnungen schon seit langem vergessen und seien nun verdammt, für ewig hier zu stehen, schutz- und freundschaftslos.

Weihnachtstag.

Ganz leise atmet das Leben. Fern bellt ein Hund, dann wird es still. Ein paar Krähen ziehen schreiend dem Walde zu. Dort hat sich schon die Dämmerung zum Schlafen verkrochen.

Ueber allem liegt etwas Schweres, Trostloses:  keine Trauer, die einen elegisch, nachdenklich stimmen könnte, sondern eine hoffniungslose Oede. Wozu überhaupt denken? Der Himmel von einem gleichmäßigen unbestimmten Grau ist weit entfernt und grausam kalt.

All das läßt Josefs verhutzelte Gestalt noch kleiner und unansehnlicher erscheinen. Wie in sich zusammengesunken hockt er da auf der kalten schwarzen Erde – das Gras, das im Sommer die Böschung überwuchert und ihr einen gewissen bescheidenen Aufputz gibt, ist schon längst verdorrt und eingestampft, der graue Kiesgrund schaut allenthalben durch. Josef läßt die Beine über den Fluß baumeln und döst gelangweilt vor sich hin. Woran er wohl denken mochte?

                                               *

An gestern abend dachte er; an gestern abend.

Ein feiner Herr das gewesen. Und nobel. Alles was recht ist, zehn Gläschen Schnaps ist schon allerhand. Wenn das so hinunterrinnt durch die Kehle – ganz warm wird einem dabei, in allen Fingerspitzen spürt man’s kribbeln. Aber er hat’s auch ausgehalten. O, unterkriegen läßt er sich nicht so leicht. Da haben sie Gesichter gemacht, als er so ein Gläschen nach dem anderen hinunterschüttete.

[…]

                                                           *

Da saß auf einmal das Mädchen neben ihm.

Josef hatte gar nicht gemerkt, wie sie hergekommen war. Plötzlich kauerte sie neben ihm auf der Erde, hatte die Knie hochgezogen, den Kopf in die Hände gestützt und schaute über den Fluß. Dann streifte sie Josef mit einem langsamen, müden Blick und schloß halb die Augen, als wollte sie einschlafen.

Auch Josef blinzelte sie von der Seite an, mißtrauisch.

Kein Wort wird gewechselt. Aber Josef ärgert sich: Weil man auch nie seine Ruh‘ und Frieden hat… und was sie ihn so anzustarren braucht!

Das Mädchen, siebzehn- bis achtzehnjährig, verhungert und verwahrlost, in schadhaften Schuhen und einem Samtrock, der einst sehr elegant gewesen sein mußte, hatte ein fadenscheiniges Wolltuch über die fleckige, rosa Seidenbluse geschlagen – die eckigen Schultern zeichneten sich deutlich darin ab. Das hellblonde Haar, in Löckchen gezupft, umrahmte ein hübsches Gesichtchen, das in seiner Blässe wie ausgelaugt schien und das noch fahler wirkte durch die zwei roten Flecken, die auf die Wangen geschminkt waren. Ihre blutlosen Lippen zitterten vor Kälte, daß es aussah, als murmelte sie immerfort etwas vor sich hin. Und dazu wiegte sie ihren Oberkörper, und der Kopf schwankte leise hin und her, als säße er nur ganz lose auf ihrem dünnen Hals und als hätte sie nicht einmal mehr die Kraft, ihn im Gleichgewicht zu erhalten.

Das Mädchen schob sich ganz nahe an Josef heran, immer noch ein Stückchen und noch eines […]

„Schnaps drin?“ Sie zeigte auf die Flasche, die sie unter dem Arm hielt. Eine hohe gebrochene Stimme. Dann riß ihr ein trockener Husten die Worte von den Lippen und schüttelte ihren Leib, daß sie sich in Krämpfen bog.

Nein, machte Josef mit dem Kopf und nach einer Weile:

„Das ist’s… verfluchte Kälte!“

Das Mädchen gab keine Antwort, blickte teilnahmslos, die Hand vor den Mund gepreßt, ins Leere.

„Elendiges Wetter,“ knurrte sich Josef in Wut. Es wird bald finster werden, dann kann man hier draußen krepieren wie ein Hund.“

„Hast gar keinen Schnaps?“ Und dann ganz [?] wie ein Kind, das weinen will: „Oder was zum essen?“

„Hab nichts!“ begehrte Josef auf.

Wieder Schweigen. Beide husten trocken, müde, gleichzeitig.

                                               *

Josefs Gedanken verlieren sich langsam in die Ferne:

Ja, so eine Gläschen Schnaps wär’ schon nicht schlecht… und ein anständiges Stück Brot dazu – und Speck vielleicht; wenn man dann einen solchen Bissen in den Mund steckt – wie Butter zergeht das einem auf der Zunge. Josef mußte schlucken, so trocken ist seine Kehle, und der Speichel quillt ihm wie ein Kautschukstummel im Mund. Sein Blick wird hart und finster: der Wind und die Kälte und der Hunger, die so gemein im Magen herumbohrt und keine fünf Minuten Ruhe gibt, und jetzt auch noch dies Weibsbild, das der Teufel holen mag. Ueberhaupt – sind doch alle anders. Als ob das keine Gemeinheit gewesen ist: ha ja doch dieser verfluchte Hund gestern abend Pfeffer in den Schnaps geschüttet. Na, er machte gleich einen richtigen Schluck – wie soll man das denn auch sofort merken – und dann, wie die Hölle hat das in der Gurgel gebrannt. Hunde…

Auf einmal spürte Josef den Kopf des Mädchens auf seiner Schulter. Sie hüstelte noch einmal und war dann still.

Einen Augenblick blieb Josef ganz erstaunt, regungslos sitzen. Dann kehrten seine Gedanken langsam zur Wirklichkeit zurück. Einige Minuten vergehen. Die Nebelwände scheinen vor allen Seiten zusammenzurücken, immer näher und näher, drohend und unerbittlich Hilflos, verlassen lehnt das Mädchen an Josef, als wäre es ein kleines Kind, das bei ihm Schutz sucht, und er schaut sie bloß an und rührt sich nicht.

                                                           *

Da begann das Mädchen zu schnarchen – leise, allmählich lauter.

Und plötzlich, ganz unvermittelt stieg eine übermächtige, wilde Wut gegen dies Mädchen in Josef auf. Was hat sich auch dies Weib so an ihn anzulehnen! Soll sie sich wen anderen dazu aussuchen, soll nach Hause gehen, wenn sie besoffen ist!

Durch eine rasche Wendung befreite er mit einem Fluch seine Schulter von der Last.

Das Mädchen schlug verschlafen die Augen auf, sah ihn verständnislos an – und wieder fiel ihr Kopf auf Josefs Schulter.

Noch einmal dasselbe Spiel.

„Schau, daß du weiterkommst!“ gröhlte Josef heiser. „Hast du gehört, du sollst schau’n, daß du weiterkommst!“ Josef gab ihr einen leichten Stoß in die Seite. Doch sie, müde und erfroren, hob jetzt nicht einmal die Augen, knurrte was Unverständliches und – schnarchte weiter. Pfeifend stieß ihr Atem durch die zerrissene Lunge.

Dies pfeifende Röcheln brachte Josef vollends zur Raserei: Bei dieser Kälte muß man sich das gefallen lassen! Nichts Warmes im Magen, und die schläft da wie in Mutters Schoß!

Josef will aufstehen – da hält er sie wie eine Puppe im Arm. Einige Sekunden starrt er sie verständnislos an und starrt noch, als etwas ihm selbst Fremdes wie eine rote, heiße Flamme in ihm hochschlägt. Seine Augen, ganz klein geworden, flackern in wilder Gier. „Bist ja ein ganz feines Frauenzimmer!“ schnaubt er zwischen den Zähnen hervor und spürt, wie sich ihr Fleisch durch die feine Bluse zwischen seine Finger drängt, weich und nachgiebig. Da wirft er sie zu Boden und sich wie ein hungriges Tier über sie…

                                                           *

Und dann – in der nächsten Minute – stürzt alles ein. Noch presst er sie an sich und weiß plötzlich, daß sie gar keinen Widerstand geleistet hat, und daß er etwas Lebloses im Arm hält. Da packt ihn das Grauen, huscht ihm wie eine kalte Schlange über den Rücken. In seinen weit aufgerissenen Augen spiegelt sich der schmutzige Himmel, der über dem Wald hängt. Mit einem Ruck springt er auf. Der Rausch ist verflogen. Scheppernd vor Kälte schlagen ihm die Zähne aufeinander.

Entstanden: 1918 (handschriftlicher Vermerk im Nachlass, PHK)

In: Arbeiter-Zeitung, 28.12.1923, S. 5-6.