Hans Ankwicz-Kleehoven: Juliausstellungen. Ein Epilog

Das wichtigste künstlerische Ereignis dieses Monats war unstreitig die Ausstellung der von Professor Dr. Peter Behrens geleiteten Meisterschule für Architektur [gesperrt gedr. im Orig.] an der Wiener Akademie der bildenden Künste. Sie lieferte den erfreulichen Beweis, daß jetzt auch an unserer bisher allzusehr im „Akademischen“ befangenen Kunsthochschule – zumindest in der Architekturklasse – jener Geist des Fortschrittes wieder lebendig ist, der dort mit Otto Wagner ausstarb und seitdem bloß an der Kunstgewerbeschule bei Josef Hoffmann und Oskar Strnad eifrigste Pflege fand. Nunmehr nehmen wieder unsere beiden staatlichen Kunstschulen schöpferischen Anteil am Aufbau einer neuen Kunst und erziehen die Jugend zu Idealen, die den Forderungen der Zukunft bereits in ausgeprägter Form Rechnung tragen.

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Und wie von der Akademie in Bälde eine neue Raumkunst ausgehen wird, so sehen wir an der Kunstgewerbeschule in der Ausstellung des Professors Cizek eine neue vom Raum ausgehende Flächenkunst im Werden. Auch die in der Fichtegasse Nr.4 (2. Stock) untergebrachte Ausstellung der Cizekschen Klasse für ornamentale Formenlehre eröffnet die überraschendsten Perspektiven auf kommende Kunstmöglichkeiten und zeigt, zu welch ungewöhnlichen Leistungen unsere jungen Burschen und Mädchen befähigt sind, wenn ihr reiches Talent an den richtigen Lehrer gerät. Aber obwohl der Name des Professor Cizeks als eines der erfolgreichsten Kunstpädagogen heute in der ganzen Welt bekannt ist, ist sein Ruf doch scheinbar noch nicht bis nach Wien gedrungen, denn Wien liegt ja bekanntlich ein wenig abseits von der „Welt“. Nur so konnte es kommen, daß man diese Abteilung wie so manches andere unersetzlich Wertvolle für überflüssig gehalten und darum aus Sparsamkeitsgründen mit dem laufenden Schuljahr „abgebaut“ hat. Demnach ist die vorstehende Ausstellung die beste und reifste, die der Kurs bis jetzt gezeitigt hat, zugleich auch seine letzte gewesen. Man kann sie unter Führung Professor Cizeks jederzeit besichtigen und fühlt sich darin in eine völlig neue Welt versetzt, in deren originelle Formen-und Farbensprache man sich bei einigem guten Willen rasch einlebt. Professor Cizek hatte seinen Schülern heuer das Thema gestellt, die Außen- und Innendekoration zu einem modernen Gesellschaftshaus mit Theateranbau zu entwerfen, und diese Aufgabe wurde nun mit ebensoviel Erfindungsgabe wie in durchaus einheitlichem Stilwillen gelöst. Hervorzuheben sind namentlich die Arbeiten der hochtalentierten Giovanna Klien, die einen unerschöpflichen Reichtum an dekorativen Einfällen mit feinstem Gefühl für erlesene Farbenharmonien verbindet, in denen der Geist Klimts in kubistischem Gewande wiederzuerstehen scheint; Elisabeth Karlinsky lieferte die Zeichnungen zu feinen, von Max Blaha ausgeführten Glasätzungen und betätigte sich mit Erfolg auch als Plastikerin, von Marie Ullmann stammt ein wirkungsvoller konstruktivistischer Fries, von Walter Harnisch der Entwurf zu einem modernen Theater, von Otto Erich Wagner der Plan zu dem erwähnten Gesellschaftshaus, von Herbert Ploberger eine Anzahl konstruktivistischer Plastiken. Es wäre höchst bedauerlich, wenn durch die Abbaumaßnahmen an der Kunstgewerbeschule auch ein guter Teil der Lebensarbeit Professor Cizeks in Frage gestellt würde, dessen unablässiges Bemühen, im Verein mit seinen Schülern neue, zeitgemäße Ausdrucksmittel zu schaffen und die Verwendbarkeit des Kinetismus auch in der angewandten Kunst zu erweisen, gerade in der jüngsten Ausstellung von schönstem Gelingen gekrönt erschien. […]

In: Wiener Zeitung, 1.8.1924, S. 4.