N.N.: Jazz-Dichtung.

Der neueste Unsinn.

Der Dadaismus wird von einer neuen Blüte vom Baum der Poesie überholt: von der Jazz-Dichtung. In England ist ein amerikanischer Versekünstler angekommen, Nachel [John] Lindsay, der sich selbst einen Jazz-Poeten nennt und die Jazz-Dichtung in dem klassischen Land der modernen Tänze begründet hat. Seine Lyrik, die er unter dem Titel „Der Daniel Jazz und andere Gedichte“ gesammelt hat, darf man nicht einfach lesen wie andere Poesien. Dabei kommt man nicht auf ihre Schönheit. „Man muß diese Gedichte murmeln wie ein Bach, brüllen wie ein Löwe, mit ausgestreckten Armen tanzen wie ein Derwisch, durch die gefletschten Zähne hervorstoßen wie eine Dogge oder ausrufen wie ein Eisenbahnschaffner.“  Eine ungefähre Vorstellung gab der Jazz-Dichter von der richtigen Art des Vortrages seiner Werke bei einer Vorlesung, die er veranstaltete. Er las den „Daniel-Jazz“, eine Reihe von Versen, die die auch sonst in der Dichtung viel behandelte Geschichte von Daniel in der Löwengrube in ganz neuartiger Weise darstellt. Die Rhythmen dieses Gedichts sind nämlich einer bekannten Jazz-Melodie entnommen, und bei dem Vortrag des Werkes wechseln Geräusche ab, die das Brüllen der Löwen und das Donnern der Niagarafälle malen. „Am besten wird man die Poesie des Daniel-Jazz verstehen“, rief sein Schöpfer, „wenn man ihn zusammen mit den Weisen eines Jazz-Orchesters in sich aufnimmt; man muß zu gleicher Zeit auf die Musik hören, mitsingen und den Text lesen. In einem anderen Gedicht „Der Kongo“ habe ich die ganze Wildheit der Negerrasse dargestellt. Der Anfangston ist eine tiefer rollender Baß, dem feierliche Gesänge folgen. Bei dem Vortrag meines „Blutgiergesanges“ muß so schnell gesprochen werden, daß es wie das Sausen des Sturms in dem Schornstein klingt“ Sollten uns Engländer an Verrücktheit überbieten? Das dürfen wir uns nicht gefallen lassen.

In: Mittagsblatt des Neuen Wiener Journals, 15.9.1920, S. 4.

Siehe auch: Neues 8-Uhr-Blatt, 15.9.1920, S. 3.